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Die literarische Stimme durch Bloggen weiterentwickeln

Federwelt
Martina Weber

Die Herausforderung Inspirationsquellen zu finden und ihr eine eigene Stimme zu verleihen.

Dass ich seit Sommer 2013 Mitautorin auf dem Blog Manafonistas.de bin, verdanke ich einigen seltsamen Umständen: Am 7. Juli 1995 stellte ich ohne besonderen Grund das Radio an, als auf hr2 Radio unfrisiert begann, eine Musiksendung. Zu hören gab es King Crimson, David Torn, Terje Rypdal, Brian Eno, Thomas Köner, Portishead ... Erfahrungen aus Film und Literatur wurden eingestreut und alles auf eine wortgewandte und intelligente Art moderiert. Am Mikrofon war Michael Engelbrecht.
Bald gab es die Sendung nicht mehr, ich entdeckte den Namen des Moderators Jahre später im Programmheft des Deutschlandfunks. Seine Sendung, Klanghorizonte, lief mitten in der Nacht. Immer stellte ich tapfer den Wecker, mein Aufnahmegerät stand bereit. Es war die beste Musik, die ich je gehört hatte, und manchmal notierte ich Auszüge aus den Moderationstexten.
Ich hatte erst nach der Jahrtausendwende begonnen, Lyrik zu schreiben. Die Energie und Magie der Sendung gaben mir etwas für meine Gedichte, was ich nirgendwo anders fand.
Hier ein Beispiel aus meinen Notizen: „Michael Engelbrecht über das Kammerflimmer Kollektief: Ritual des Erinnerns, davor: das Vergessen / Reich an Anspielungen / eigene Handschrift / Schwebezustände / offene Stimmungen / freie Improvisationen // Geheimnis, verrätselt, transparent, nicht wirklich zu entziffern / Das Unheimliche und die Sehnsucht.“
Als ich Klanghorizonte einmal verpasste, fragte ich über den Blog, dessen Webadresse erwähnt worden war, ob es möglich sei, die Sendung nachzuhören. Mein erster Gedichtband war gerade erschienen, ich schickte Michael Engelbrecht einen Link, und ein paar Minuten später fragte er mich, ob ich auf dem Blog mitmachen wolle, als Autorin.

„Mein“ vielstimmiger Blog
Den Blog Manafonistas – On life, music etc beyond mainstream gibt es seit April 2011, er entstand aus einer Musikdebatte. Inzwischen besteht das Autorenteam aus zwei Frauen und zehn Männern, alle aus verschiedenen Berufen. Da einige Autoren in den USA oder Schottland leben, schreiben die deutschen Muttersprachler ihre Beiträge gelegentlich auf Englisch. Themenwahl und Herangehensweise sind völlig frei. Im Zentrum stehen Musik, Film und Literatur sowie kleine Storys. Auf Originalität und sprachliche Qualität achten wir sehr. Aktualität spielt bei uns keine Rolle, im Journalismus oder auf fast allen Rezensionsblogs ist das anders. Ich kenne keinen anderen Blog mit einem solchen Konzept.

Die Herausforderung bestand für mich zunächst darin, meine Themen und meine Stimme als Bloggerin zu finden. Ich habe ein paar Semester Geisteswissenschaften studiert, bin Juristin mit einem journalistischen Aufbaustudium. Ich schreibe juristische Fachliteratur und arbeite auch fachjournalistisch. Das literarische Schreiben kam erst später dazu und ist inzwischen mein Schwerpunkt. Meine Gedichte sind bei aller Verschiedenheit sehr reflektiert, sie sind keinesfalls Improvisationen aus alltäglichem Material. Hier ein Beispiel aus meinem ersten Gedichtband erinnerungen an einen rohstoff, erschienen im Poetenladen Verlag, Leipzig. Das Gedicht entstand im Juni 2011.

auswertung der videobilder, kamera eins:
wie junge hunde, die in einem parkhaus streunen,
lebenshaltungen wittern. ein dauerprojekt. getrieben
von der idee einer kleinen geschichte in echtzeit.
eine erinnerung, die weiter trägt. etwas ändert. vielleicht.
grundriss auch deiner inneren landschaft: beton.

im zweiten stock: leichter wind spielt mit formationen von staub,
bevor er sie in die enge treibt. und wie du dich umblickst,
ist es die angst in den augen, umkreist von kamera zwei.
objektiver befund: wir sind nebenfiguren, flüchtigkeitsfehler,
geduldete nur. wo kein grund ist, hilft kein hundeblick.
kamera drei: an den außenwänden flirrt die hitze empor.

Ausgangspunkt des Gedichtes ...
... war das Begriffspaar Hunde und Parkhaus. Das Parkhaus ist ein unheimlicher Ort des Transits, im Gedicht sind drei Überwachungskameras erwähnt. Mir kam es darauf an, es im Vagen zu lassen, ob die erwähnten Hunde wirklich Hunde sind oder nicht vielmehr Menschen: wie junge Hunde. Der zweite Satz steht im Infinitiv: lebenshaltungen wittern. Hintergrund dafür ist ein Hinweis von Filippo Marinetti. Der italienische Lyriker meinte, der Infinitiv könne Elastizität in der Wahrnehmung erzeugen. Das Gedicht skizziert Bilder einer emotional bedrohlichen Situation. Die Kleinschreibung ist in diesem Gedicht nicht zwingend. Da die Kleinschreibung jedoch bei einigen Gedichten Mehrdeutigkeiten erzeugt, habe ich sie für den gesamten ersten Band beibehalten. Für meinen zweiten Gedichtband, der im Sommer/Frühherbst 2019 erscheinen wird, habe ich mich für die übliche Rechtschreibung entschieden.

Die Energie einer unverbindlichen Fingerübung
Auf einem Blog zu schreiben, schien mir als die freieste Möglichkeit mich zu äußern. Ein Blogeintrag kann auch nur aus einer Liste bestehen. Als Lyrikerin wollte ich auf Manafonistas zunächst nicht auftreten. Ich wollte nicht über Gedichtbände oder meine Inspirationen für meine Gedichte schreiben. Einerseits war ich davon überzeugt, es würde die anderen nicht interessieren. Andererseits wollte ich die Chance ergreifen, mich auf dem Blog neu zu erfinden.
Von Anfang an war es mein Wunsch, dass mein Schreiben auf dem Blog meine Gedichte verändern sollte. Und zwar vor allem dadurch, dass ich mir vornahm, auf dem Blog anders zu schreiben als in den bisherigen Formaten. Ich wollte meine Gedichte leichter sehen, gelöster, befreit. Ein beiläufiges Dahinsagen. Wichtig waren mir aber auch die Risse, durch die das Licht in den Text durchdringt. Das Sprunghafte, Unvorhersehbare. Mein Ziel: Mich zwischen den Genregrenzen bewegen, mit der Energie einer unverbindlichen Fingerübung.

Inspirationsquelle: Filme
Ich begann damit, auf dem Blog über Filme zu schreiben. Meine Gedichte sind stark durch einen filmischen und fotografischen Blick geprägt. Einzelne Bilder stammen aus Filmen, wobei ich sie in einen eigenen Zusammenhang gestellt habe. Der Zyklus eine rot gestrichelte linie im meer beispielsweise basiert auf dem Kurzfilm Fair Trade von Michael Dreher, den es inzwischen auf YouTube gibt. Nachdem ich jahrelang regelmäßig auf ARTE das Kurzfilm-Magazin Kurzschluss gesehen hatte, konzentrierte ich mich wieder auf normale Filmformate und auf Serien. Mein Anspruch war, ganz anders über Filme zu schreiben, als man es etwa im Feuilleton einer Zeitung tat. Meine erste Filmbesprechung stammt vom zweiten Januar 2014. Unter dem Titel Spiel und Traum im Hotel habe ich über den Film Ploy von Pen-Ek Ratanaruang geschrieben. Ich entdeckte sehr spät Twin Peaks von David Lynch und entwickelte dazu einen Fragebogen: www.manafonistas.de/2015/10/04/is-this-real-or-some-strange-and-twisted-dream-test-your-long-term-memory-on-this-twin-peaks-quiz.
Wer die US-Serie The Affair kennt, weiß, dass ihr Protagonist Noah Solloway vor dem Roman, der eine Rolle in der Serie spielt, ein anderes, weniger beachtetes Buch geschrieben hat. Ich rezensierte dieses (nur im Film existierende) Werk und baute dabei Elemente aus der Serie ein: www.manafonistas.de/index.php?s=Open+to+space. Ich übersetzte eine Passage aus dem Roman Amnesiascope von Steve Erickson (Übersetzen ist eine ausgezeichnete Übung für die eigene literarische Arbeit) und rezensierte das Buch. Diese Texte trug Michael Engelbrecht sogar in seiner Sendung vor.
In meiner Besprechung zu The Revenant (www.manafonistas.de/2018/05/11/wildnis/) erwähne ich den Blick ins Auge eines Pferdes: „Zwei schmale Streifen der Schneelandschaft schimmern in der Pupille des gestohlenen Pferdes.“ Man sah dieses Bild im Film nur kurz, aber es beeindruckte mich so sehr, dass ich es zum Ausgangspunkt eines Gedichtes machte, in dem ich meinen Stipendiumsort südlich von Verdun verarbeitete. Das Gedicht beginnt so:

Das ist das Pferd, in dessen Auge sich die Weite
dieser Landschaft spiegelt. Gräser im Gegenlicht und der Reflex
der Morgensonne auf einem Helm, Attrappen von Menschen,
Amok, Trance, [...]

Wie ein Gedicht aus einem Blogeintrag entsteht

In meiner Bildermappe entdeckte ich einen einseitigen Comic von Bill Bragg aus der Le Monde diplomatique vom Dezember 2010. Der Comic spielt an einer Straßenecke im Winter und zeigt, was im Verlauf einiger Nachtstunden dort geschieht: www.billbragg.co.uk/Narrative-work. Ich fotografierte das erste Bild und schrieb dazu am 11. September 2014 unter der Überschrift Extraordinary Comics (No. 2): Narrative Work Without A Title:

Manchmal spielt sich alles nur an einem Ort ab. Eine frisch zugeschneite Straßenecke, der Gehweg, eine Laterne. Wie sich dieser Kosmos innerhalb einiger Stunden der Nacht verwandelt. Wie der Schatten wandert und das Licht und wie Spuren entstehen. Kleine und größere Dramen. Alltäglichkeiten. Und dann schneit es wieder. Jetzt wirft nur noch die Laterne ihr Licht. Der Ort ist nicht mehr der gleiche.

Ich überlegte, aus dieser Skizze einen literarischen Text zu machen. Ich hatte in der Federwelt (Heft 43, Dezember 2003) einen Beitrag veröffentlicht, wie man Kürzestgeschichten schreibt, nahm mir meine Unterlagen wieder vor und recherchierte weiter. Ich entdeckte im Internet einen Beitrag von Heinrich Detering über die Kürzestgeschichte Wunsch, Indianer zu werden von Franz Kafka. Darin charakterisiert Detering Kafkas Text als rückwärtslaufenden Film, und ich baute, in veränderter Form, die Technik Kafkas in den Schluss meines Textes ein.
In einem Essay von Robert Duncan las ich den Satz: „Wo immer das Gefühl von Kontrolle verloren geht, geht auch das Gefühl für Form verloren.“ Ich wollte das Gefühl für Kontrolle verlieren und schrieb folgenden Text:

Nur eine Straßenecke

Manchmal spielt sich alles nur an einer Stelle ab. Da ist das Haus, das ist
der Gehweg, und hier die Laterne. Der Atem über frisch gefallenem
Schnee. Etwas ist fast nicht sichtbar. Wie der Schatten der Laterne
wandert und das Licht. Eine Ahnung von Möglichkeiten. Ein Mann stapft
über den Schnee, schiebt mühsam ein Fahrrad. Schuhabdrücke, als wäre
es weißer Sand, die Linie des Reifens, ein Song. Es sind die groben
Flocken, die segeln. Die winzigen, feinen erkennen Sie, wenn Sie
Richtung Laterne schauen, in die Streuung des Lichts. Protokoll einer
niemals stattgefundenen Reise. Eine Nacht in Schwarz-weiß, ohne
Bewertung betrachten. Jemand hat den Hund nochmal rausgelassen.
Zoom auf die Spuren der Pfoten des Hundes. Wenn man das Kind
gewesen wäre, und mit genau diesem Hund durch die Felder gerannt, es
wäre immer Sommer gewesen, ein schmales Stück Wiese, man wäre über
die großen Steine gesprungen, bis es nichts mehr gab, was einen halten
könnte, man hätte zitternd mit fremden Menschen gesprochen, aber da
waren gar keine Menschen, man hätte stolz den Hals des Hundes
gestreichelt, aber da war gar kein Hals, da war auch kein Hund, und
niemals fiel eine Nacht lang Schnee.

Handelt es sich hier überhaupt um ein Gedicht?
Der Text wurde als Fließtext in der Literaturzeitschrift außer.dem, Ausgabe Nr. 22, publiziert und unter Berücksichtigung meiner Zeilenbrüche im Jahrbuch der Lyrik 2018.
In dem Film In the Mirror of Maja Deren gibt es folgendes Zitat über den Unterschied von Lyrik und Prosa: „Maja Deren sagte, Prosa ist erzählerisch-horizontal und Poesie / Song ist vertikal. Die Poesie arbeitet ein Detail nach dem anderen ab. Nach zweieinhalb Minuten ist ein Punkt erreicht, der in seiner Intensität nicht mehr zu steigern ist. Alles ist hergerichtet, die Weichen sind gestellt. Perfekt.“ (Übersetzung von mir.)

Fazit: Was hat das Bloggen bei mir bewirkt?
Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass das Schreiben auf einem Blog die eigene literarische Arbeit verändert. Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, vorausgesetzt, der Wille ist da.
Die Mitarbeit auf dem Blog hat mir ein Bewusstsein für meine eigenen Themen verschafft, und ich bin ständig herausgefordert, neue Themen zu setzen. Ich habe festgestellt: Schon der Ansporn über ein Kunstwerk zu schreiben, sei es ein Film, ein Roman oder ein Musikalbum führt zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit. Die bewusste Rezeption eines gelungenen Kunstwerks ist eine wesentliche Vorbereitung für die eigene Kunst.
Wichtig ist mir, in meinen Blogbeiträgen immer neue Methoden auszuprobieren. Die Energie eines literarisch anspruchsvoll gestalteten Blogeintrags hat viel zu tun mit der Energie, mit der ich ein Gedicht schreibe. Ein paar Gedanken und Wörter sind schon da, aber sonst ist noch alles offen. Daher der Trainingseffekt.
Nach einer langen Recherchephase erarbeitete ich kürzlich einen Gedichtzyklus über die Region um Verdun. Eine Freundin schrieb mir als Feedback: „Du hast eben mal ein paar Quantensprünge gemacht. Die Gedichte fangen immer mehr an, sich zu befreien, zu fließen, zu erzählen, zu leuchten.“
Nur am Rande kann ich hier die unzähligen Anregungen durch meine Blogkollegen und meine Kollegin erwähnen – und die teilweise sehr lebhaften Diskussionen. Mir gefällt das Bild, den Blog der Manafonistas als ein virtuelles Lagerfeuer zu betrachten.

Literatur
Andrew Sullivan: Warum ich blogge. In: Merkur 717, Februar 2009, S. 103-114
Martina Weber: Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen. Uschtrin Verlag, 3. Auflage 2011

Blogs (Auswahl)
Buchblogs (Rezensionen)

Literaturblogs (Literarische Texte)

Autorin: Martina Weber | www.poetenladen.de/martina-weber-person.html
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 132, Oktober 2018
Blogbild: Photo by Zach Savinar on Unsplash

 

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