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Wie kommt mein Buch ins Radio?

Federwelt
Jens Brehl
Illustration zum Artikel "Wie kommt mein Buch ins Radio" von Jens Brehl

Wie kommt mein Buch ins Radio?
Von Jens Brehl

„Das ist die perfekte Welle, das ist der perfekte Tag“, sang 2004 die Band Juli. Ähnliches dürfte Autorinnen und Autoren durch den Kopf gehen, wenn ihr Buch im Radio vorgestellt wird oder sie gar (live) ein Interview geben. In diesem Beitrag beleuchtet Jens Brehl, wie Radio-Redakteure arbeiten, wie sie auf interessante Buchtitel stoßen, womit Autorinnen und Autoren Aufmerksamkeit erregen, was sie bei der Kontaktaufnahme beachten und wann sie diese besser ihrem Verlag überlassen sollten.

Ob als Rezension, Lesetipp oder Autorengespräch: Literatur nimmt im öffentlich-rechtlichen Hörfunk viel Raum ein. Nahezu jeder Sender befasst sich im laufenden Programm mit themenbezogenen Büchern und deren AutorInnen. Darüber hinaus unterhalten viele Anstalten feste Literatursendungen (siehe Kasten). Wer träumt nicht davon, dass seine Werke dort einem breiten Publikum vorgestellt werden? Eines ist auf alle Fälle klar: Das Buch muss aus der Masse der Neuerscheinungen herausragen.

 Abseits des Mainstreams oder „Fragen Sie lieber nicht!“

Am 5. Januar 1969 ging im Saarländischen Rundfunk 2 (SR2 KulturRadio) das erste Mal die einstündige Talksendung „Fragen an den Autor“ über den Äther – und dies gleich mit einem damals hochbrisanten Thema. Es ging um das Buch „Schwarz auf Weiß“, ein Werk über Rassenvorurteile in Schulbüchern. Seit 1999 ist Jürgen Albers nicht nur der Stammmoderator, er wählt auch eigenverantwortlich Sachbücher und Talkgäste aus und bereitet die Sendung vor. Kein Vorgesetzter muss seiner Auswahl zustimmen. „Das ist auch gut so, denn mein Chef könnte so manches von dem, was ich mache, gar nicht verantworten“, meint Albers lachend. „Ich sage dann immer: Fragen Sie lieber nicht!“

Albers interessiert sich hauptsächlich für kontroverse Themen und scheut sich nicht vor Diskussionen. „Unsere Hörer erwarten ganz entschieden, dass wir Themen abseits des Mainstreams bringen –, was auch den Erfolg der Sendung über die Jahrzehnte ausmacht“, erzählt er und legt nach: „Brave Sachen und berühmte Politiker machen sie ja alle.“

Weniger kontrovers geht es bei der Sendung „Lauschinsel“ des Hessischen Rundfunks 2 (hr2-kultur) zu. Die „Lauschinsel“ hat einen deutlichen literarischen Schwerpunkt und wendet sich speziell an Kinder zwischen sieben und elf Jahren. „Wir versuchen vom Kinderkrimi bis zu Fantasy alle literarischen Genres abzudecken. Hierunter fallen Gedichte, Bilderbücher und Erzählungen“, sagt Gudrun Hartmann. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Stefanie Hatz leitet sie die Redaktion. Beide haben Kinder- und Jugendliteratur studiert und wählen gemeinsam passende Werke für ihre Sendung aus.

„Wir werfen dabei ebenso einen Blick auf Bücher, die weniger mainstreamig sind“, sagt Hartmann und erklärt: „Als öffentlich-rechtlicher Sender haben wir auch den Auftrag, Bücher vorzustellen, die sich auf dem Markt vielleicht noch nicht behauptet haben, aus dem Rahmen fallen oder von noch weitgehend unbekannten Autorinnen und Autoren stammen.“

Dabei sind die einzelnen Sendungen so facettenreich wie die ausgewählten Bücher: Mal füllen lange Lesungen oder Hörspiele die Sendezeit, mal sind es kleinteilige, magazinartige Sendungen. In letzteren gibt es jeweils feste Rubriken wie den „Klang der Woche“, ein Gedicht, einen Buchtipp, eine Geschichte, die den Themenschwerpunkt vorgibt und auch das „Kinderfunkkolleg“. Die Buchtipps werden von Kindern gesprochen und selbst Bilderbücher schaffen es in die Sendung. „Wir haben beispielsweise zum Bilderbuch ‚Lindbergh – die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus‘ eine szenische Lesung mit Bastian Pastewka als Sprecher gemacht.“ Interviews mit Autorinnen und Autoren entstehen oft vor der Haustür der Redaktion: auf der Frankfurter Buchmesse. Sie werden dann im Laufe des Jahres gesendet.

Auch Dr. Katrin Schumacher, Leiterin des Ressorts Literatur bei MDR FIGARO, durchforstet zusammen mit dem Rezensenten, Moderator und Krimi-Experten Stefan Maelck, außergewöhnliche Neuerscheinungen, auch für die Sendung „Krimi des Monats“. In den jeweils etwa vierminütigen Beiträgen werden Textpassagen gelesen, der Rezensent erzählt vom Inhalt und gibt schließlich sein Urteil ab. Da „Krimi des Monats“ eine deutliche Empfehlung ist, müssen die Werke entsprechend herausragend sein. „Zunächst schauen wir, was in unser Programm passt, schließlich sind wir ein Kulturradio“, erklärt Schumacher. „Dabei achten wir auf Besonderheiten wie eine gewisse Stilistik.“ Ihr Kollege Maelck stellt klar: „Wir suchen nicht die 100. Wiederholung der immer gleichen Klischees. Je blutrünstiger, desto besser zieht bei uns nicht.“ Es komme auf eine gesunde Mischung von Mainstream-Titeln und besonderen Werken an. „Auch ein Zukunftsthriller oder eine Dystopie kann unser Interesse wecken. Wir haben aber ebenso Bücher aus Ländern wie Indien und Südamerika im Programm.“ Nach starren Kriterien könne man nur schwer entscheiden, welche Bücher infrage kommen. Am Ende sei alles eben mehr als die Summe seiner Teile.

Passen mein Buch und ich ins Programm?

Bei aller Vielfalt an literarischen Sendungen, deren thematischer Ausrichtung und der unterschiedlichen Herangehensweise ihrer RedakteurInnen gilt es daher zunächst herauszufinden, welche Bücher für Redaktionen überhaupt interessant sind. Ganz klar: Ein Krimi wird es bei einer Kinderbuchsendung schwer haben und umgekehrt. Doch auch wenn ein Thema durchaus interessant ist, kann das Buch im redaktionellen Entscheidungsprozess „durchfallen“ – besonders, wenn es schlecht geschrieben ist. „Manchmal merke ich schon nach zehn Seiten, dass es Quatsch ist“, verrät Jürgen Albers. Zudem eignet sich nicht jeder Autor und jede Autorin als Studiogast, denn „Fragen an den Autor“ ist eine tiefgründige Talksendung, die eine Stunde dauert und weder von Musik noch Werbung unterbrochen wird. So muss ein Buchtitel auch genug Stoff bieten, um sich rund um das Thema eine Stunde unterhalten zu können – und zwar live! Daneben können ZuhörerInnen Fragen stellen: per Telefon oder bei öffentlichen Sendungen direkt aus dem Publikum. Besonders kritisch ist Albers mit JournalistInnen. „Es gibt viele, die zwar ein ordentlich recherchiertes Buch geschrieben haben, aber nicht viel mehr wissen, als dort drin steht. Oder sie beschäftigen sich schon längst mit einem komplett anderen Thema. Gut ist, wenn potenzielle Gäste selbstkritisch überdenken, ob sie die einstündige Sendung auch schaffen.“ So könnten manche Autorinnen und Autoren zwar brillant schreiben, aber im direkten Gespräch Defizite haben. Es sei fürchterlich, wenn jemand in der Sendung säße und nur noch stottere oder selbst geschriebene Pointen nicht mehr rüberbringen könne.

Albers selbst bleibt während der Sendung entspannt, „aber nur weil ich mittlerweile alles erlebt habe“. In einem besonders schwierigen Fall saß ihm eine Autorin eines renommierten Wissenschaftsmagazins schweißüberströmt gegenüber, stammelte vor sich hin und hatte den Inhalt des eigenen Buchs vergessen. Ein vollständiger Blackout. „Fast zwei Minuten habe ich am Stück geredet, bis sie wieder ein wenig Farbe im Gesicht hatte.“ Um seinen Gästen in solchen Fällen hilfreich zur Seite stehen zu können, schreibt Albers sich seitenweise Stichpunkte nebst Zitaten aus dem jeweiligen Buch auf.

Ist mein Buch noch aktuell?

Ein Kollege, der bei einer bundesweit erscheinenden Tageszeitung arbeitet, meinte, ein Buch, das schon seit einem halben Jahr erhältlich sei, „ist nicht mehr aktuell und daher uninteressant“. Albers hält dagegen: „Meiner Ansicht nach ist es ein Fehler der Verlage, dass sie eine so extreme Rotation haben. Für die ist ein Buch mitunter nach einem halben Jahr schon tot. Nach dieser Theorie hätte Goethe niemals Erfolg haben können. Es gibt Bücher, die sind praktisch zeitlos.“

Gerade im Frühjahr und Herbst, jeweils zu den Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt am Main, ertrinken Redaktionen förmlich in Neuerscheinungen. Dazu Albers: „Für die mediale Aufmerksamkeit der Bücher wäre es teilweise erheblich besser, wenn sie in den Lücken dazwischen erscheinen würden.“ Der Ansicht ist auch Stefan Maelck von MDR FIGARO: „Wenn Bücher jenseits der Messetermine rezensiert werden, haben Verlage wie AutorInnen mehr davon – schließlich gehen die Berichte dann nicht in der Masse unter.“

Verlage als willkommene Filter

Da die meisten Literatursendungen bereits seit Jahren bestehen – oder im Fall von „Fragen an den Autor“ sogar Jahrzehnten –, sind die Kontakte zu den Verlagen entsprechend intensiv. Die Presseabteilungen kennen die Redakteure, den Tenor und die Ausrichtung der Sendungen. Sie wissen daher, welche Titel und welcher ihrer Autorinnen und Autoren dafür infrage kommen. Sie verschicken Informationen zu Neuerscheinungen oder schlagen einzelne Titel gezielt vor.

Gudrun Hartmann von hr2-kultur bevorzugt für ihre Buchauswahl nach wie vor die gedruckten Frühjahrs- und Herbst-Vorschauen. Augenscheinlich interessante Bücher werden angekreuzt und als Presse-Exemplare bestellt. Zudem trifft sie sich auf der Frankfurter Buchmesse mit Vertreterinnen und Vertretern der Verlage. Auch Jürgen Albers von SR2 KulturRadio wühlt sich durch „meterhohe Prospektstapel“. Zudem schätzt er Tipps von seinen HörerInnen oder KollegInnen.

Auf neue Kinderbücher wird Gudrun Hartmann hauptsächlich durch die jeweiligen Verlage aufmerksam. Auch rufen deren MitarbeiterInnen direkt bei ihr an. „Die wissen, was zum Profil der Sendung passt“, freut sie sich. Jürgen Albers empfindet es als schwierig, wenn sich AutorInnen oder deren Agenturen bei ihm melden, weil sie oft zu drängend seien. „Dann fühle ich mich unter Druck gesetzt. Ich kenne auch die Seite der Autoren, weil ich kleine Satirebände veröffentlicht habe – aber: Es geht halt nicht jedes Buch für jede Sendung!“

Das eigene Werk bei MDR FIGARO als „Krimi des Monats“ vorzuschlagen, käme in der Redaktion nicht gut an. Auch hier bestehen gute Kontakte zu den Verlagen. Besonders interessant seien Insider-Tipps direkt aus der Buchbranche, etwa, wenn herausragende Bücher aus dem Ausland bald übersetzt werden sollen und Ähnliches. Generell hat Dr. Katrin Schumacher für Autorinnen und Autoren, die ihre Werke direkt bei ihr anpreisen wollen, eine ernüchternde Nachricht: „Bislang habe ich dadurch noch kein Buch kennengelernt, was unbedingt in einer unserer Sendungen hätte vorgestellt werden müssen.“ Denn: „Gute Literatur setzt sich durch. Wenn ein Krimi außergewöhnlich ist, werden wir auf ihn aufmerksam, auch wenn dies um mehrere Ecken geschieht.“

So kann der Erstkontakt gelingen

Wer bei kleineren Verlagen publiziert, muss die Pressearbeit oft selbst übernehmen – wie Selfpublisher generell. „Wir sind immer offen für neue Autoren und Autorinnen“, sagt Gudrun Hartmann von hr2-kultur. Man solle sich bei der Flut an Neuerscheinungen jedoch nicht zu viel erhoffen. Zudem könne es dauern, bis die Redaktion Zeit findet, zu antworten. „Am besten schicken AutorInnen eine E-Mail, in der sie ihre Projekte kurz vorstellen.“ Der Bekanntheitsgrad der AutorInnen sei bei der Auswahl der Texte übrigens eher zweitrangig. „Wir entscheiden nach Qualität.“ Leider informiert sich nicht jedeR vorher über die Zielgruppe der Sendung und so erhält sie immer wieder unpassende Angebote. „Das ist ärgerlich“, so Hartmann.

Rufen AutorInnen Jürgen Albers von SR2 KulturRadio an, unterbricht er das Gespräch sofort. „Bevor ich nicht das Buch kenne, brauchen wir gar nicht weiterreden.“ Passt ein Buch nicht ins Programm, tut es ihm manchmal weh, absagen zu müssen. Er gibt jedoch auch Tipps an KollegInnen weiter. Neben dem Buch schaut er sich die AutorInnen-Vita und den Pressetext an. Ist letzterer zu reißerisch, schreckt ihn das eher ab.

Auch Dr. Katrin Schumacher von MDR FIGARO bevorzugt die Kontaktaufnahme per E-Mail oder Post. Wenn AutorInnen sich melden muss der Gesamtauftritt passen: flottes Anschreiben, spannendes Buch, interessante Persönlichkeit und passendes Thema. „Dabei spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass man unmöglich ein einfaches Rezept geben kann.“

Lohnt sich der Aufwand?

Das Radio ist ein vergleichsweise altes Medium und hat seinen „Lagerfeuer-Charakter“ längst verloren. Die Zeiten, in denen sich die ganze Familie vor dem Empfänger versammelt, sind passé. Für viele ist es heute ein Begleitmedium und dudelt im Hintergrund. „In Kombination von Internet und sozialen Medien spielen Radiosendungen über Literatur eine große Rolle“, meint Jürgen Albers. „Man erreicht nicht nur live Hörer per Radio und Stream, sondern darüber hinaus ebenso viele oder gar mehr durch Podcasts.“

 Das sollten Sie tun, bevor Sie Kontakt mit einer Redaktion aufnehmen:

  • die entsprechenden Sendungen hören, viele gibt es als Podcasts zum Download.
  • kritisch hinterfragen, ob Sie und Ihr Buch zum Charakter der Sendung passen. Leider bekommen die Redaktionen viele unpassende Angebote.
  • die richtigen AnsprechpartnerInnen herausfinden und nur diese anschreiben. Finden Sie keine Angaben im Internet, können Sie auch die Telefonzentrale des Senders anrufen. Post an Redaktionsadressen ohne speziellen Empfänger bleibt oft (länger) liegen.

 

So machen Sie mit Ihrer „Bewerbung“ einen guten Eindruck:

  • Nehmen Sie den Kontakt per E-Mail auf. Viele Redakteure bevorzugen das. So können sie sich Ihr Angebot anschauen, wenn im mitunter hektischen Redaktionsalltag auch Zeit dafür ist. Redakteure sitzen nicht den ganzen Tag neben dem Telefon und warten auf Anrufe.
  • Ihr Anschreiben sollte knackig kurz und informativ sein. Was ist der besondere Charakter Ihres Buchs? – Seitenlange E-Mails liest kein Mensch. Nennen Sie Ihre Kontaktdaten und verschicken Sie Ihr Angebot nicht, wenn Sie danach eine Zeit lang nicht erreichbar sind.
  • Zumindest Leseproben sollten Sie mitschicken und ein Presse-Exemplar anbieten. Haben Sie das Interesse der Redaktion geweckt, wird sie eines anfordern. Verschicken Sie Bücher ins Blaue, haben Sie mitunter große Streuverluste.

Literatur im Radio

Sie wünschen sich eine Übersicht über Literatursendungen im öffentlich-rechtlichen Hörfunk? Jens Brehl hat eine zusammengestellt. Sie finden sie als PDF zum kostenfreien Download in seinem Medienblog „Der Freigeber“: www.der-freigeber.de/literatur-im-radio.

Zusammen mit Ihnen möchte Brehl die Liste aktiv pflegen und somit aktuell halten. Hinweise schicken Sie mit dem Betreff „Liste Bücher im Radio“ an: redaktion@jens-brehl.de.

 

Autor: Jens Brehl | www.jens-brehl.de
In: Federwelt, Heft 117, April 2016
Illustration: Carola Vogt und Peter Boerboom