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Triggerwarnungen

Federwelt
Anke Gasch
Ampel

Welche Sorgen und Nöte sind mit Triggerwarnungen (TW) in Büchern verbunden? Was spricht für, was gegen sie: aus Sicht von Betroffenen, Fachleuten und AutorInnen? Wer soll über ihren Einsatz entscheiden? Wann sie setzen? Welche AutorInnen und Verlage arbeiten bereits damit, seit wann, warum, und wie sieht es dann im jeweiligen Buch aus? – Ein Klärungsansatz.

 

Trigger und Triggerwarnungen aus psychologisch-fachlicher Sicht

Silke Großbach im Gespräch mit Anke Gasch

Meine Interviewpartnerin Silke Großbach ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin TP. Als Mitgründerin vom Hamburger Institut für Traumatherapie (hit-traumatherapie-hamburg.de) organisiert sie Trauma-Fortbildungen.

Aus psychologischer Sicht: Was ist ein Trigger?
Dazu muss ich einleitend sagen: Ein traumatisches Erlebnis, verbunden mit Todesangst, Ohnmacht und Hilflosigkeit, löst im Körper eine Stressreaktion aus: Körper und Geist sind in einem Alarmzustand und wenden automatisch schützende Strategien an. Ein Mechanismus ist die Abspaltung: Die mit dem Trauma verbundenen Erlebnisse, Bilder, Gefühle, Gedanken und/oder Körperreaktionen werden nicht mehr in ihrer Gesamtheit wahrgenommen, sie werden sozusagen aufgesplittert, um vor der Gesamtheit der Erinnerung zu schützen. Diese Aufspaltung hat jedoch Folgen, es zeigen sich Symptome einer Traumfolgestörung: Schlafstörungen etwa oder Ängste oder auch eine Depression, die auf das Trauma bezogen sind, aber vielleicht von den Betroffenen gar nicht unbedingt damit in Verbindung gebracht werden.
In Bezug auf Traumata sind Trigger bestimmte Reize, die abgespaltene Erinnerungsbruchstücke automatisch reaktivieren.
Trigger oder Reizauslöser sind sehr vielfältig: Es können Gerüche, Bilder, Wörter, Berührungen, Geräusche sein oder ein Geschmack, aber auch Reaktionen der Umwelt auf Empfindungen, Erlebnisse und sogar scheinbar „harmlose“ Gesten.
Um mit diesen Reizauslösern im Alltag umgehen zu können, benötigen die Betroffenen auf jeden Fall psychotherapeutische Behandlung.

Auf die Schnelle: Was ist eine Triggerwarnung, wo kommt sie her, was ist ein Trauma?

Was ist eine Triggerwarnung?
Aufs Buch bezogen ist eine TW der Hinweis auf verstörende Inhalte, die aus Genre/Klappentext et cetera nicht ersichtlich sind und bei Menschen mit Traumafolgestörung einen Flashback auslösen könnten.

Wo kommen die TW ursprünglich her?
Aus Selbsthilfeforen (für Heimkinder, Soldaten ...).

Was ist ein Trauma?
Vereinfacht erklärt ist ein Trauma eine erschütternde seelische Verletzung. Alles Schreckliche, das uns völlig unvorbereitet trifft und dem wir uns hilflos, ja ohnmächtig ausgeliefert fühlen, kann ein Trauma auslösen.
Prof. Dr. Helga Kohler-Spiegel, Psycho- und Lehrtherapeutin sowie Autorin von Traumatisierte Kinder in der Schule verstehen – auffangen – stabilisieren bezeichnet ein Trauma auch als „eine Wunde, die wir aus uns selber heraus nicht einfach heilen können“.

Was bedeutet es für Traumatisierte, getriggert zu werden?
Durch Trigger werden Betroffene wieder mit den traumatischen Erinnerungen konfrontiert, es ist ein Flashback-Erleben des Traumas mit allen Sinnen. Ohne therapeutische Hilfe versuchen die Betroffenen nun, nicht an das Trauma erinnert zu werden. Es schien gut verpackt zu sein und soll verpackt bleiben.
Doch nicht nur durch Trigger werden Betroffene an das Trauma erinnert, auch die Abspaltung in ihnen selbst lockert sich oder es kommt zu Durchbrüchen in der Abwehr. Das heißt, die Psyche will das Verpackte irgendwann entpacken und damit eine bessere Lösung für den Umgang finden. Erinnerungen tauchen dann auch ohne Trigger auf, damit der Betroffene sich dem Ereignis stellen kann.
Bezogen auf Trigger ist es wichtig zu wissen, dass der Auslösereiz selbst kein traumatisches Ereignis darstellt, er erinnert an das Trauma. Betroffene, die durch Trigger in die alte traumatische Situation katapultiert werden, empfinden es jedoch so und wollen deswegen Trigger vermeiden.

Lassen sich Flashbacks durch die Warnung vor gängigen Triggern (selbstverletzende Handlungen, Suizid ...), die in Büchern sonst unerwartet aufträten, vermeiden?
Da Reizauslöser so vielfältig sind und es in dem Sinne auch keine gängigen Trigger gibt, ist es nicht möglich, auf diese Weise Betroffene davor zu schützen, dass sie erinnert werden.

Können Triggerwarnungen nicht dennoch hilfreich sein? Es gibt ja auch vielfältige Allergieauslöser, die häufigsten zu nennen hilft immerhin schon mal denen, die an etwas leiden, das leider häufiger vorkommt ...
Triggerwarnungen sind aus meiner fachlichen Sicht nicht hilfreich. Im therapeutischen Kontext können in der Stabilisierungsphase mit den PatientInnen Trigger erarbeitet werden und der Umgang mit diesen. Ziel ist es jedoch, dass das Trauma verarbeitet wird und der Auslösereiz nicht mehr zu einem Flashback führt.

  • Lesetipp von Silke Großbach: Cornelia Dehner-Rau, Luise Reddemann: Trauma heilen: Ein Übungsbuch für Körper und Seele, Trias, 19,99 Euro

 

Sorgen, Nöte, Wut und Fragen

Leserstimmen, die uns zur Glosse erreichten, teils kommentiert oder eingeordnet von KollegInnen und/oder Experten für Traumafolgestörungen

Eine Verlegerin:
Ich bin skeptisch, was die Umsetzung betrifft, und hätte Sorge vor folgenden Entwicklungen:
1. Man stelle sich vor, beim Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) und bei den Barsortimenten gäbe es bei der Titelmeldung künftig ein Feld für Triggerwarnungen, eine Checkbox zum Ankreuzen, ob und wenn ja welche gängigen oder auch nicht gängigen Trigger das Werk enthält. Womöglich bestünde die Gefahr, dass Menschen gezielt nach solchen Titeln suchen, also zum Beispiel nach Büchern, in denen es um sexuellen Missbrauch geht.
2. Vielleicht würden Buchhändler dann manche Bücher, die bestimmte Triggerwarnungen enthalten, gar nicht mehr ordern aus Sorge, haftbar gemacht zu werden: „Meine Tochter hat aufgrund dieser Passage (Stichwort Flashback) Selbstmord begangen.“ Der Buchhändler trägt eine Mitschuld, weil er ihr dieses Buch verkauft hat, obwohl er doch hätte wissen müssen ... (siehe Titelmeldung.)
3. Wenn die Amerikanisierung des Marktes weiter um sich greift, vielleicht stehen dann bald AutorInnen vor Gericht, die nicht juristisch einwandfrei formulierte Triggerwarnungen an den Anfang ihres Buches gestellt haben. Und ein Autor bräuchte vor Veröffentlichung seines Buches eine Juristin, die das Manuskript gegenliest und eine entsprechende Warnung verfasst. Das würde die Herstellung von Büchern verkomplizieren und verteuern.

Offener Leserbrief von Susanne Pavlovic:
Lieber Stephan Waldscheidt,
erinnerst du dich an früher? Die Zeit, in der Schokolade noch ohne den Aufdruck „Kann Spuren von Erdnüssen enthalten“ auskam. Als keine Bäckerei auch nur daran dachte, einen Allergiker-Hinweis am Tresen zu platzieren.
Eine EU-Verordnung regelt seit 2017 die Kennzeichnungspflicht für allergene Stoffe in Lebensmitteln. Allergiker gab es auch schon vor 2017; da hatten sie im Zweifelsfall Pech. Wie ich, als ich in den 90er Jahren meine Sojaallergie entdeckte: Nach einem neugierigen Schluck schwoll ich an wie ein Fesselballon und wurde umgehend in die Notaufnahme gefahren. Zugegeben, auf einer Packung Sojamilch wäre die Kennzeichnung „Kann Spuren von Soja enthalten“ ziemlich albern, und ich bin informiert genug, Tofu und andere Sojaprodukte zu vermeiden. Aber man macht sich ja keine Vorstellung, wo überall Soja drin ist, und die Kennzeichnung erspart mir eine Menge Fragen, Vorbehalte und Sicherheitsmaßnahmen. Ich kann mich ein bisschen freier bewegen. Und dass ich inzwischen nie ohne Notfallmedikament das Haus verlasse, versteht sich von selbst.
Ich bin sicher, du weißt inzwischen, worauf ich hinauswill. Die Schokolade schmeckt nicht-allergischen Menschen nicht weniger, nur weil Erdnuss-Allergiker/innen auf ein mögliches Risiko hingewiesen werden.
Viele Menschen mit traumatischen Erfahrungen empfinden Triggerwarnungen auf Büchern als hilfreich: Triggerwarnungen vermindern für sie das Risiko, von einer Lektüre „kalt erwischt“ zu werden und dann direkt in Flashbacks oder Panikattacken zu stürzen. Wer „getriggert“ wird, der erlebt weit mehr als nur die Konfrontation mit Themen, die er oder sie lieber vermieden hätte. Der Trigger löst im Gehirn die gleiche Reaktion aus wie das ursprünglich traumatisierende Erlebnis, und das kann im Extremfall bis zu Selbstmordversuchen führen.
Menschen mit Traumaerfahrung werden in ihrer Problematik oft nicht ernst genommen. Das englische Lehnwort wird in der deutschen Sprache unsauber und oft despektierlich verwendet: „Triggert dich das?“ ist meist keine besorgte Frage nach meinem Wohlbefinden. Auch ich habe mir den Ausruf „Mann! Wie mich das triggert!“ erst abgewöhnt, als mir klar wurde, was ich da für einen Bullshit von mir gebe. Mich triggert nichts. Ich bin glücklich, was das betrifft.
Was mich allerdings unglücklich macht, ist, beobachten zu müssen, dass Gruppierungen innerhalb der Buchbranche sich gegenseitig zerfleischen. „Ungetriggerte“ schauen auf Menschen mit Triggerproblematik herab. Triggerwarnungen gelten als überspannt, der Verzicht auf Triggerwarnungen gilt als überheblich und rücksichtslos. Menschen, die Traumatisches erlebt haben, kämpfen mal mit fairen, mal mit unfairen Methoden darum, gehört zu werden.
All das bindet unsere Energien und hält uns von dem ab, was wir eigentlich wollen: gute Bücher machen, uns gegenseitig beflügeln und inspirieren.
Ich bin immer für eine sachliche, kontroverse Diskussion zu haben. Ich bin selbst nicht restlos vom Sinn einer Triggerwarnung überzeugt – habe von Betroffenen gehört, die schon durch die Erwähnung des Triggerwortes in der Warnung getriggert werden – die haben also auch nichts gewonnen. Auch unter Expert/innen ist die Wirksamkeit von Triggerwarnungen umstritten.
Wo ich nicht mit mir streiten lasse, sind die Regeln des konstruktiven Umgangs miteinander. Die wenigsten von uns sind Psycholog/innen. Ein Haufen Laien ringt hier also um eine Lösung, die machbar ist, Autor/innen nicht zu viel Verantwortung aufbürdet, die Freiheit der Kunst sicherstellt und Betroffenen gleichzeitig einen möglichst angst- und barrierefreien Zugang zur Literatur ermöglicht. Das geht nur in gegenseitiger Wertschätzung und Respekt.
Was wir alle brauchen, ist nicht noch mehr Zynismus, nicht noch mehr Angst und Gegeneinander. Was wir brauchen, ist Freundlichkeit.
Deshalb, mit aufrichtig freundlichen Grüßen,
Susanne „Textehexe“ Pavlovic

Eine Autorin und Seelsorgerin:
Ich habe herzlich gelacht. Aber das Thema „Triggerwarnungen“ ist ein sehr ernstes und die Reaktionen auf Twitter habe ich verfolgt. [...] Von PTBS Betroffene müssen lernen, Flashbacks zu beenden und sich selbst zu regulieren. Das ist, zugegeben, ein langer und harter Weg. Aber nur so kommt man auf Dauer in ein normales Leben zurück. [...] vor Triggern gewarnt zu werden, weil man keine Flashbacks möchte, finde ich eine absurde Forderung. Man würde auch keinen Diabetiker vor Zucker warnen, sondern erwarten, dass er sich schulen lässt und den Umgang mit Zucker und Insulin lernt. [...]
Die Mindestverantwortung ist in so einem Fall, sich helfen zu lassen. Mit Triggerwarnungen aber ...

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Autorin: Anke Gasch | www.anke-gasch.com | [email protected]
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 138, Oktober 2019
Blogbild: Harshal Desai auf Unsplash

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