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Testlesen – Aufgaben und Eignung von Testleserinnen und Testlesern

Federwelt
Sonja Rüther
Kind blickt von einem geöffneten Buch mit offenem Mund auf

Seit 2002 bin ich mit Leib und Seele als Testleserin tätig, auch wenn ich zu Beginn vom Handwerk des Romanschreibens nicht wirklich viel Ahnung hatte. Zwar hatte ich große Ambitionen, schrieb und schrieb an meinem Erstling, der aus guten Gründen sein Dasein in einer Schublade fristet, aber so richtig bin ich damals nicht vom Fleck gekommen. Durch Zufall lernte ich einen zu der Zeit noch vollkommen unbekannten Autor kennen, der sein Debüt Schatten über Ulldart der geneigten Leserschaft im Hamburg-Haus vorstellte. Ich war so begeistert von seinem Roman, dass ich mich für die Folgebände als Testleserin anbot. 

Diese jahrelange Zusammenarbeit hatte zwei wundervolle Effekte: Durch die kritische Auseinandersetzung mit fremden Texten verfeinerte ich mein eigenes Handwerk, und ich leistete einen wertvollen Beitrag zur Überarbeitung seiner Texte, bevor die Manuskripte an die Verlage geschickt wurden. Eine Win-Win-Situation.

Um selbst den Mut aufzubringen, Manuskripte aus der Hand zu geben, ist es enorm hilfreich gewesen, zu sehen, dass „Perfektion“ eher den arbeitsreichen Weg beschreibt, den man von Version zu Version geht. Seit zehn Jahren sind Testleser*innen auch meine erste Qualitätskontrolle. Ich bin sehr dankbar für diese besondere Unterstützung, die nachhaltig dazu beiträgt, dass ich jedes Manuskript mit dem Gefühl abgebe, das Bestmögliche aus dem Text herausgeholt zu haben. Bei den Änderungen geht es meist um Kleinigkeiten, aber ich habe auch schon ganze Szenen gestrichen, Figurenkonzepte verändert oder Passagen komplett neu geschrieben. Zugegeben, bei manchen Anmerkungen konnte ich ein leises Zähneknirschen nicht unterdrücken, aber am Ende hat der Text immer von den daraus folgenden Änderungen profitiert.

Testlesen: Ersetzt es das Lektorat?

Nein, die Testlesephase ersetzt auf keinen Fall das Lektorat. Es ist schön, wenn die Testleser*innen sattelfest in Grammatik und Interpunktion sind und ein gutes Textgefühl mitbringen, aber: Ein gutes Lektorat schüttelt man als Laie genauso wenig aus dem Ärmel wie eine stimmige Geschichte in Romanstärke. Für beides sollte man sich intensiv mit dem Handwerk auseinandergesetzt haben, sich auskennen mit Handlungsaufbau, Perspektiven, Weltenbau, Stilmitteln, genrespezifische Anforderungen und so weiter. Das Gute ist, dass dieser Anspruch beim Testlesen getrost wegfallen kann. Testleser*innen haben genau eine Aufgabe: Die inhaltliche Überprüfung des Textes mit der Konsumentenbrille auf der Nase. Was eigentlich ganz einfach klingt, kann jedoch von hervorragend konstruktiv bis komplett demotivierend laufen, weswegen vor der Zusammenarbeit einige Dinge beachtet werden sollten.

Wer ist als Testleser*in geeignet?

Antwort: Jede Person, die sich gern auf Geschichten einlässt und Lust auf konstruktive Textarbeit hat. Jene, die ebenfalls schreiben, bringen in der Regel mehr Verständnis fürs Handwerk mit, aber um zu beurteilen, ob alles stimmig ist, funktioniert oder partiell überarbeitet werden muss, reicht das Interesse an dieser Aufgabe. Für die Zusammenarbeit sollte festgehalten werden, dass das Manuskript vertraulich behandelt wird, bis wann das Feedback erbracht werden sollte und dass das Testlesen unentgeltlich stattfindet. Alle Anmerkungen sind als Vorschläge zu verstehen und sorgen unter keinen Umständen dafür, dass sich Testleser*innen anschließend Co-Autor*nnen nennen dürfen. Klingt selbstverständlich, aber alles, was vorher einmal schriftlich fixiert wird, vermeidet am Ende zwei unterschiedliche Meinungen. Genauso selbstverständlich sollte es sein, dass alle Testleser*innen in der Danksagung erwähnt werden und ein kostenloses Exemplar mit persönlicher Widmung bekommen. Ich empfehle eine ungerade Zahl an Testlesern. Drei, maximal fünf Personen. Wenn bei einem Kritikpunkt Unsicherheit aufkommt, sollte man im Zweifelsfall eine Änderung in Betracht ziehen, wenn die Mehrheit dafür ist. Bei zwei Personen kann es Geschmacksache sein, bei zwei gegen eins sollte man es nicht einfach abtun. Bei mehr als fünf Testlesenden sollte man sich die Frage stellen, ob man vielleicht nur Lob hören möchte und keine ernsthafte Kritik. Auf mich wirkt es oft so, als würden manche so viele Meinungen einholen, bis sie das hören, was sie hören wollen. In diese Falle kann man schnell tappen, wenn ein intensiver Schreibprozess hinter einem liegt.

Bei zehn Leuten und elf Meinungen wird man keinen Mehrwert haben. Lieber Qualität als Quantität. Mit der Zeit findet man heraus, wessen Feedback einen weiterbringt und wessen nicht.

Wer schon mal die knappe Rückmeldung „Wow, das wird sicher ein Bestseller“ bekommen hat, wird wissen, wie sehr einem diese Worte zwar schmeicheln, aber diese dürftige Beurteilung eines ganzen Textes ist so gar nicht hilfreich. Diese Einschätzung hat in der Regel nichts mit einer realistischen Betrachtung des Buchmarktes zu tun hat und vor allem: Sie trägt nichts dazu bei, das bei der Überarbeitung von Nutzen ist. Ebenso wenig wie „Dass du so was kannst“, „Super gut, aber ich habe viele Tippfehler gefunden“ oder „Da musst du noch ganz viel dran machen!“, wenn anschließend nicht ins Detail gegangen wird.

Wo finde ich Testleser*innen?
Auf der Autorenwelt haben sich derzeit 159 Personen als Test-/Betaleser*innen eingetragen. Filtern Sie die Einträge unter „Literaturbetrieb“ > „Menschen“ bei „Art“ einfach nach diesem Stichwort. Der Eintrag ist kostenlos.
> www.autorenwelt.de/verzeichnis/menschen

Zwei Dinge sollten Schreibende und Testlesende immer im Hinterkopf behalten:

1. Es ist eine große Leistung, einen ganzen Roman fertigzuschreiben. Das verdient ganz unabhängig von der Qualität des Textes auch vor der Überarbeitung schon mal Anerkennung.
2. Selbst Profis schreiben keine Texte, die ohne Überarbeitung gedruckt werden. Es mag Ausnahmetalente geben, ich persönlich kenne keine. Der Anspruch, fehlerfreie Texte ohne Schwächen oder jegliches Verbesserungspotenzial aus der Hand zu geben, kann also getrost über Bord geworfen werden, damit der Platz für Kritikfähigkeit und einen sachlichen Umgang mit dem Geschriebenem frei wird.

Was genau tun denn jetzt Testleser*innen?

Gute Testleser*innen vermitteln durch ihr Feedback ein Gefühl für die Wirkung eines Textes, sie decken Logik- oder Folgefehler auf, etwa wenn eine Tote am Ende wieder in einer Szene auftaucht. Und sie helfen beim Aufpolieren.

Während der inhaltlichen Überarbeitung sind Grammatik und Interpunktion Nebensache. Man kann zwar auf Fehler hinweisen, aber das Augenmerk sollte hauptsächlich auf folgenden Punkten liegen: Ist die Idee spannend, möchte man aufgrund der Idee auch das Buch lesen? Warum gefällt einem der Schreibstil oder warum nicht: Wo liegen die Stärken und Schwächen? Was ist besonders gut? Sind die Figuren und deren Motivationen stimmig? Welche Eindrücke gewinnt man? Welche Vermutungen entstehen dabei, worauf die Handlung hinauslaufen wird? Gibt es viele Wortwiederholungen? Bezugsfehler? Perspektivwechsel, die verwirren?
Aber am wichtigsten von allem ist der Gesamteindruck am Ende, weil das, was Schreibende in der Regel am dringendsten wissen wollen, ist: Funktioniert die Geschichte und wurde sie gern gelesen? Wie sind die Wendungen, Figuren und die Welt angekommen? Für dieses Feedback sollten sich Testleser*innen Zeit nehmen, immerhin geben sie in diesem Augenblick die erste Meinung zu der Arbeit von Monaten, wenn nicht sogar Jahren ab.

Da kann es einen gewaltigen Unterschied machen, ob man den Eindruck zu einer Figur so formuliert: „Holger ist total blass.“

Oder so: „Holger finde ich spannend, aber ich denke, du könntest seine Motivation noch etwas besser herausarbeiten, damit man nachvollziehen kann, warum er in den Szenen X und Y so verhalten reagiert. Außerdem fehlt mir bei Holger etwas Heldenhaftes, eine Eigenschaft, die ich bewundern kann, um besser mit ihm zu fühlen.“

Checkliste zur Weitergabe an Testleser*innen

Zur durchlaufenden Prüfung am Text

  • Sind die Figuren stimmig und präsent? Baue ich eine Bindung zu ihnen auf?
  • Sind Handlung und Verhaltensweisen glaubhaft?
  • Wie wirkt die Welt?
  • Ist alles so beschrieben, dass ich ein vollständiges Bild erhalte?
  • Funktioniert der Aufbau der Geschichte?
  • Ist alles spannend oder gibt es Längen?
  • Gibt es Logiklücken?
  • Wurden die genrespezifischen Kriterien eingehalten?
  • Was ist besonders gut oder schlecht, originell oder klischeehaft?
  • Fühle ich mich unterhalten?
  • Was fällt mir sonst noch auf?
  • Sprachliche Auffälligkeiten, die immer wiederkehren?

Die einzelnen Kapitel als Einheit

  • Ich vermute, dass es jetzt so weitergeht: ...*
  • Was hat dieses Kapitel in mir bewegt?
  • Wie groß ist meine Lust, jetzt weiterzulesen?

Mein Gesamteindruck

  • Wie habe ich die Reise durch das Manuskript insgesamt empfunden? 
  • Welches Gefühl bleibt nach dem Lesen zurück?
  • Allgemeine Stärken?
  • Eventuelle Schwächen?
  • Highlights?
  • Sind Fragen offengeblieben?
  • Gibt es etwas, das ich mir jetzt von der Autorin, vom Autor wünsche?
  • Fazit?

* Für Autor*innen ist es spannend, zu sehen, ob Finten funktionieren, ob Figuren, Sprachbilder und Stimmungen genauso wahrgenommen werden, wie sie gedacht sind.

 

Wie ehrlich darf man als Testleser*in sein?

Die Zusammenarbeit kann demotivieren, wenn das Testlesen als reine Fehlersuche verstanden wird. Bei einem konstruktiven Miteinander wirft man gemeinsam einen Blick auf den Text, betrachtet die Unebenheiten und glänzenden Stellen, dann wird zum Feinschliff angesetzt. Dafür muss meine Testleserin all ihre positiven Eindrücke genauso mitteilen wie ihre Verbesserungsvorschläge. Auch die Zeit und Energie, die Testleser*innen aufbringen, verdient Anerkennung. Entsprechend gehört ein Feedback zum Feedback zum guten Ton, selbst wenn es einem nicht gefallen hat, kann man sich für die Zeit und Mühe bedanken. 
Wer einen Text selbst veröffentlichen oder ihn an Verlage und Agenturen geben will, ist auf absolute Ehrlichkeit mit Fingerspitzengefühl seiner Testleserschaft angewiesen. Denn jede Öffentlichkeit prüft/beurteilt das Ergebnis ohne familiäres oder freundschaftliches Wohlwollen.
Natürlich kann es auch passieren, dass man beim Testlesen mit der Geschichte oder dem Schreibstil nicht warm wird. Meist ist es für beide Seiten besser, die Zusammenarbeit dann abzubrechen.

Fragen, die helfen herauszufinden, warum jemand die Lektüre abgebrochen hat:

Warum bist du mit dem Text nicht warm geworden? Liegt es ...

  •  ... am Verhalten oder der Darstellung einer Figur? 
  •  ... am Aufbau der Geschichte, an den Wendepunkten, Verstrickungen oder dem Spannungsbogen? 
  •  ... an den Beschreibungen? 
  •  ... am Schreibstil? (Wenn ja: Ist das vielleicht Geschmackssache?)
  •  ... am Lesefluss? Gibt es im Text zu viele Rechtschreibfehler, Schachtelsätze, unübersichtliche Dialoge (Wer sagt was?), Bezugsfehler ...?
     

Manchmal fehlen auch Ruhe und Zeit, um das Testlesen bis zur abgesprochenen Deadline zu schaffen.

No-Gos beim Testlesen

  • Sich über etwas lustig machen. Schreiben ist ein recht persönlicher Prozess, da kann es schnell verletzend oder beleidigend wirken, wenn Tippfehler oder falsch gewählte Ausdrücke ins Lächerliche gezogen werden.
  • Den Lehrmeister, die Besserwisserin raushängen lassen.
  • Die ganze Geschichte nach eigenen Vorstellungen umbauen.
  • Nur Stichpunkte wie „gefällt mir nicht“ ohne Erläuterungen schreiben.
  • Manuskripte ungefragt weitergeben oder anderen die Ideen verraten.
     

Damit einen die Testlesephase möglichst effektiv weiterbringt, ist die Wahl der richtigen Leser*innen wichtig. Bevor man sich auf diese Zusammenarbeit einlässt, sollte man kurz in sich horchen, in welcher Form Kritik geäußert werden sollte, damit man sie annehmen kann. Ist man eher unsicher oder sehr emotional mit dem Text verbunden, ist ein harscher oder zu sachlicher Tonfall vielleicht kontraproduktiv. Während ein blumiges, ausführliches Feedback jemanden nervt, der mit kurz und knackig mehr anfangen kann. Dann sollte man klären, ob die Testleser*Innen etwas mit dem Thema und Genre anfangen können. Für den Anfang, um zu prüfen, ob man zusammenpasst, rate ich, erst mal nur 10–20 Seiten rauszugeben und kommentieren zu lassen. Auf dieser Basis lässt sich auch besprechen, ob generell passende Anmerkungen ausführlicher oder auf andere Dinge fokussiert sein sollten.
So mühsam Textarbeit oft ist, es lohnt sich, all diese Schritte zu gehen, und es ist wundervoll, auf diesem Weg von engagierten Menschen unterstützt zu werden.

Linktipps
https://gramho.com/media/2324201305925137171
https://gramho.com/media/2258730729129361588
https://gramho.com/media/2250008507868987171
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Autorin: Sonja Rüther | www.briefgestoeber.de | www.facebook.com/sonneruether/
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 143, August 2020
Blogbild: Ben White auf Unsplash

 

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Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 143, August 2020: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-42020
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