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Schreiben zwischen den Kulturen

Federwelt
Deniz Selek

Berlin – Istanbul: Schreiben zwischen den Kulturen
Deniz Selek im Gespräch mit Anke Gasch

 

Deniz Selek wurde in Hannover geboren, wuchs in Istanbul auf und lebt heute mit ihrer Familie in Berlin. Sie ist Deutsche und Türkin, in zwei Kulturen zu Hause. Istanbul findet sich in ihren Büchern immer wieder, weil es „die schönste Stadt der Welt ist“, „voller Magie“, „kostbarer Schätze“ und „sanfter Melancholie“.

Mit „Die Frauen vom Meer“ ist gerade ihr Herzensbuch erschienen. Nach fünf Jugendbüchern das erste für Erwachsene. Darin erzählt Selek (spricht sich „Sellek“) die Geschichte der Frauen ihrer Familie von 1920 bis in die Gegenwart. Es geht um Vertreibung und Auswanderung, um den Verlust der Heimat und das Fremdsein, darum, sich neu orientieren, anpassen und gewöhnen zu müssen. Und es geht um Sehnsuchtsorte wie das Meer ...

Anke Gasch hat mit Deniz Selek gesprochen: über das Schreiben aus zwei Kulturen, die Herausforderungen, die das Verfassen eines autobiografischen Romans mit sich bringt, über die „beste Literaturagentur unter der Sonne“ und über die KollegInnen in der Türkei.

Ilayda hoffte, dass sich ihr Fremdheitsgefühl irgendwann von selbst auflösen und sie dazugehören würde, wenn sie sich nur noch mehr anpasste [...].

Sie hatte sich für ihr deutsches Ich entschieden, weil sie glaubte, sich entscheiden zu müssen zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen Mutter und Vater, entweder oder. Die Pole waren so weit voneinander entfernt, dass ein Zusammenbringen unmöglich war. [...]

Als Ilayda [...] das Marmarameer tiefblau unter sich leuchten sah, verstand sie endlich, dass sie selbst die Brücke war [...]. Eine Brücke brauchte keine Entscheidung darüber zu treffen, auf welcher Seite sie stand.

In: „Die Frauen vom Meer“

 

Wie wirkt es sich auf dein Schreiben aus, das du Deutsche und Türkin bist?

Ich vermute, dass es dieser Umstand war, der aus mir überhaupt erst eine Schriftstellerin gemacht hat. Die lange schwelende Frage nach meiner Identität, das Wahrnehmen und Hadern mit den Unterschieden, der Schmerz und die Zerrissenheit, die ich in meiner Kindheit und Jugend oft empfunden habe, thematisiere ich bewusst und unbewusst immer wieder. Und das ist heute mein größter Schatz, denn ich habe das Glück aus der Seele zweier Völker schöpfen zu können.

Schon das Leben in einem Kulturkreis bietet ja genug Stoff für Geschichten. Wenn ich davon aber zwei habe, geht es ins Unendliche ... Insofern hat meine Herkunft einen direkten Einfluss auf mein Schreiben.

Außerdem liebe ich das Eintauchen in meine zweite Heimat, weil ich anderen Menschen damit eine neue Welt zeigen kann. Orte, Besonderheiten und Charaktere, die zunächst fremd erscheinen, werden im Verlauf der Erzählung immer vertrauter, schaffen Nähe, Verständnis und im besten Fall einen versöhnlichen Blick.

„Seit 20 Jahren trage ich das Buch in mir.“

 

Im Roman setzt du deine „Vatersprache“ spärlich ein, indem du vereinzelte Ausdrücke eingeflochten hast wie „Simit“ für „Sesamring“ oder „Babaanne“ für deine Oma väterlicherseits. Auf mich hat das wunderbar natürlich gewirkt, nie nervig. Hast du zu den einzelnen Dialogen oder Passagen überlegt, welches die richtigen, die wichtigen Worte sind, um sie auf Türkisch hinzuzufügen?

Eigentlich gar nicht. Die meisten im Text verwendeten türkischen Begriffe sind Bestandteil meines Lebens, die ich auch im Alltag benutze, insofern brauchte ich nicht darüber nachzudenken. Sie haben sich organisch eingefügt. Wichtig finde ich dabei, wie du sagst, dass es den Lesefluss nicht stört und man ständig Worte nachsehen muss, denn mich nervt so etwas. Ich habe sie durch Kontext oder eine Fußnote erklärt.

Gleißend hell strömte die Sonnenglut vom Horizont, ließ die Wolken über blauen Schatten Feuer fangen und in [...] purpurnen und violetten Flammen lodern. Sie zog eine gold schimmernde Decke übers Wasser [...].

In: „Die Frauen vom Meer“

Stellenweise schreibst du poetisch: „Als das Glück die Jahre noch so randvoll füllte, dass Sorgen und Trauer keinen Platz darin fanden.“ Hast du einen Tipp für mich, was ich tun kann, wenn ich selbst solche Sprachbilder ersinnen möchte?

Und wie hast du dir all die Details in Erinnerung gerufen, die es möglich gemacht haben, dass ich beim Lesen deines Romans den Istanbuler Bazar gerochen und gesehen habe: mit Straßenzügen, in denen nur Stoffe verkauft werden oder Lampen?

Das sind zwei komplexe Fragen. Um die zu beantworten, muss ich einen kleinen Bogen schlagen. Wir alle haben intensive Erfahrungen in unserer Kindheit gemacht, deren Ausläufer bis in unser heutiges Ich reichen. Was wir damals empfunden haben, schwingt in einer Ebene in uns mit, auf die wir im Allgemeinen nur wenig Zugriff haben. Um nun zu einer poetischen oder berührenden Beschreibung zu gelangen, muss ich das alte Gefühl in mir wecken. Ich muss mich also zurückversetzen in jene Zeit, in der ich „mehr Gefühl als Verstand“ hatte. Und genau da, in unserer jüngsten Kindheit, sind all jene Bilder, Gerüche, Geräusche und Orte gespeichert, die ich abrufen kann, wenn ich mich wieder auf die gleiche emotionale Ebene gebracht habe.

Eine Möglichkeit dafür ist die Versenkung. Das heißt, ich schließe die Augen, bitte meinen Verstand einen Moment still zu sein, und gehe so weit wie möglich nach innen. Kann ich meinen Herzschlag spüren? Nein? Dann warten, bis er spürbar wird. Halten und fühlen. Was fühle ich gerade? Ich weiß es nicht? Wieder warten, bis die Antwort kommt. Halten und fühlen. Welche Bilder kommen da hoch? Keine? Warten. – Du merkst, es ist ein Prozess, der erst einmal nichts mit dem Schreiben zu tun hat. Es ist auch nicht gesagt, dass ich das, was ich gefühlt habe, direkt in der Szene gebrauchen kann. Oft wirkt es in mir weiter und tritt dann zutage, wenn es seinen Platz im Manuskript gefunden hat. Aber wenn die Emotion an der richtigen Textstelle ist, drehe ich mich regelrecht hinein, schraube mich tiefer und tiefer ins Gefühl, in Erinnerungen, vertraute Bilder und Töne, bis die Worte zu fließen beginnen und ich nicht mehr bewusst wahrnehme, was ich schreibe.

Eine andere Möglichkeit ist das Musikhören. Auch dabei geht es wieder um die intensive Stimmung, die ich in mir erzeugen möchte. Ich habe für jedes Manuskript immer ein paar Lieblingslieder, die ich rauf und runter höre und die die Atmosphäre der Geschichte transportieren. Manche Szenen lassen sich damit ganz wunderbar schreiben.

Und dann stöbere ich auch immer wieder gern in alten Fotos, weil sie manchmal Dinge offenbaren, die ich vergessen oder verdrängt habe. Sie erinnern an besondere Momente und Orte, sorgen für Geräusche, Gerüche und den Geschmack von etwas; zusätzlich sind sie zwischenmenschliche Studien und erstklassige Zeitzeugen für wirtschaftliche Verhältnisse, Mode und Raumgestaltung.

Doch das wichtigste ist für mich immer das Gefühl. Damit zeichne ich alle meine Sprachbilder.

„Bist du verrückt geworden?“, zischte er. „Was sollen die Leute denken? [...]“

„Was sollen sie schon denken, wenn ich ein Kilo Kirschen kaufe?“, fragte Elisabeth spöttisch. „Darf man das als Frau etwa auch nicht?“

„Doch“, knurrte Haldun [...], „aber nicht du allein und nicht hier auf der Straße!“

In: „Die Frauen vom Meer“

„Schlagende Männer habe ich in der Türkei nie erlebt. Da waren die Frauen zum Teil viel gemeiner, subtiler. Die haben ihre Kinder heimlich gekniffen.“

„Die Frauen vom Meer“ ist in weiten Teilen autobiografisch. Was waren da die größten Herausforderungen? Wie hast du die Probleme gelöst? Und wie darf ich mir die Abstimmungsarbeit mit deiner Familie vorstellen: Wie hast du geklärt, was du erzählen darfst, wie wirklichkeitsgetreu du Streitigkeiten wiedergeben kannst? Haben da immer alle mitgelesen und mitgeredet? Hast du vielleicht auch Verträge geschlossen, um dich abzusichern?

Die größte Herausforderung war, authentisch zu bleiben, niemandem aus der Familie wehzutun und gleichzeitig eine gute Geschichte zu erzählen. Natürlich habe ich die Buchidee zuerst mit meinen Eltern besprochen, weil es sie am stärksten betrifft. Nach ihrem Einverständnis lasen sie parallel mit, während ich schrieb, immer unter der Prämisse, die Bremse ziehen zu können, wenn es ihnen zu viel würde. Doch sie waren unglaublich offen und sind alle Schritte mitgegangen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Und meine anderen Verwandten sind mir ebenso liebevoll verbunden, sodass alles gut ist.

Eine andere Herausforderung waren die extremen Gefühlsachterbahnen. So super das intensive Fühlen fürs Schreiben ist, so aufwühlend und anstrengend kann es sein. Gerade, wenn unschöne Dinge zu erzählen sind.

Es gab Momente, da saß ich weinend vor dem Rechner, zu keiner Zeile fähig, weil es mich so mitgenommen hat. Trauer, Schmerz, Verlust, Sehnsucht, Abschied, Versöhnung, alles durcheinander und alles ging so tief rein. Nicht nur einmal wollte ich alles hinschmeißen, weil es mich so viel Kraft kostete und ich Angst hatte, einen Haufen Mist zu produzieren, den keiner lesen will.

Geholfen hat mir letztlich der Gedanke, dass ich nie das Bedürfnis gehabt hätte, diese Geschichte zu erzählen, hätte sie nicht ihre Berechtigung und ihren Sinn.

Und jetzt, wo sie so viele schöne Rückmeldungen bekommt, wird mir klar: In dem Moment, wo man sich ganz hingibt, geschehen Wunder.

„In der Zeit des Schreibens war ich oft nicht ansprechbar. ‚Du und dein Scheißbuch!‘, hörte ich von meinen Kindern nicht nur einmal ...“

Wenn ich mich nun inspiriert fühle, meine Familiengeschichte ebenfalls in Romanform zu gießen, was würdest du mir raten: Wie finde ich die Klammer, das verbindende Element, das meine LeserInnen durch die Handlung trägt? Wie finde ich heraus, was die relevanten Szenen sind und was die beste Reihenfolge für sie ist?

Zunächst brauchst du wieder die Hilfe von deinem „kindlichen Ich“: Was war dein vorherrschendes Gefühl, als du klein warst? Welcher Konflikt hat dir zu schaffen gemacht? Was war das Schlimmste oder Schönste an deiner Kindheit? Gab es ein einschneidendes Erlebnis? Was waren deine größten Ängste oder Befürchtungen? Da solltest du recht schnell fündig werden.

Wenn dir wider Erwarten nichts einfällt, nutze wieder die Herz-Meditation und frag dich, wie es dir geht. Wo stehst du gerade? Was ist dein aktuelles Gefühl? Freude oder Angst? Bist du entspannt oder wütend? Warum? Findest du den Ursprung?

Kleiner Tipp: Meistens ist es nicht der Brief vom Finanzamt, der unserem Ärger zugrunde liegt. Der Brief drückt nur aufs „Startknöpfchen“, damit wir auf unseren tieferen Ärger aufmerksam werden. Betrachten wir ihn dann genauer, schälen sich aus dem Ärger Angst, Scham und Schuld heraus. Das sind die drei stärksten Bremsklötze, die wir haben können. Sie werden in der jüngsten Kindheit angelegt und sind extrem langlebig! Wir befürchten, nicht „gut genug“ und „etwas schuldig zu sein“, weil man es uns oft so vermittelt hat.

Höre aufmerksam in dein Herz, nimm dir genügend Zeit, denn je präziser die Antworten sind, umso mehr wertvollen Stoff bekommst du für deinen Roman. Und auch wenn noch keine Verbindung sichtbar ist, vertraue darauf, dass sich dein Unterbewusstsein auf die Suche nach einer geeigneten Geschichte macht. Die Idee kommt!

Das verbindende Element ist deine Hauptfigur. Welcher Mensch in deiner Familie fasziniert, beschäftigt oder berührt dich am meisten? Mit wem fühlst du dich verbunden oder wen kannst du am wenigsten verstehen? Deine Hauptfigur muss etwas in dir auslösen, egal ob positiv oder negativ. Bei mir entstehen die relevanten Szenen immer da, wo das meiste Gefühl drin ist.

Dann ist zu überlegen, ob es in der Familie Dinge gibt, die sich wie ein roter Faden durch die Generationen ziehen. Immer wiederkehrende Ereignisse in leicht abgewandelter Form, die du als Klammer verwenden kannst. Manchmal reicht auch eine skurrile Familienanekdote, die dir die Essenz deiner Geschichte liefert.

Ich finde es unfassbar mutig, wie viel von dir und deinem Seelenleben du in deinem Roman zeigst. Es macht das Buch so berührend, so lesenswert. Aber: Hattest du keine Angst, dass du dich gerade dadurch verletzbar machst?

Doch. Hatte ich. Immer wieder. Angst vor Lächerlichkeit und Spott, vor Peinlichkeit, Banalität und Verriss. Trotzdem war mir klar, dass es nicht anders ging, nicht bei diesem Buch. Ich musste das Hemd aufmachen und mich dem stellen.

Und damit kam die erstaunliche Erkenntnis: Je ehrlicher ich bin, desto unangreifbarer und stärker werde ich. Bei Lesungen führt das zu wunderbaren Gesprächen, denn es triggert auch bei fremden Menschen neuralgische Punkte an, sodass sie von ihren Erfahrungen erzählen. Plötzlich verlieren sie die Scheu und berichten von Dingen, auf die sie vielleicht nicht stolz sind, die aber eine interessante Facette ihres Selbst zum Vorschein bringen. Heißt im Klartext: Jeder hat hochspannende Geschichten zu erzählen, wenn er authentisch ist.

In deiner Danksagung bezeichnest du die Thomas Schlück GmbH als „beste Literaturagentur unter der Sonne“. Was genau tut dein Berater Bastian Schlück für dich, um so viele Lorbeeren zu verdienen?

Bastian Schlück kommt aus einer „Agentenfamilie“, er ist mit Schriftstellern, Büchern und deren Vermarktung aufgewachsen, hat ein weitverzweigtes Netzwerk, auch international. Das macht ihn sehr professionell, was ich schätze, weil ich mich ganz aufs Schreiben konzentrieren kann. Ich habe tolle Lektorinnen in den Verlagen, und bin heilfroh, dass ich mit ihnen nicht über Geld und Verträge verhandeln muss! Auch wenn es um Cover- und Titel-Auswahl oder andere Kitzligkeiten geht, spreche ich im Zweifel erst mit ihm und entscheide danach, wie ich vorgehen möchte.

Dann redet Schlück nicht um den heißen Brei. Wenn er einen Stoff als schwer verkäuflich ansieht, sagt er das, spart aber auch nicht mit Lob, wenn er Potenzial in einer anderen Idee sieht. Es geht ihm um den bestmöglichen Verkauf einer Geschichte, so wie mir nach dem kreativen Prozess auch. Legendärer Satz: „Wir wollen ja nicht in Schönheit sterben ...“

Neben einem sehr netten Miteinander sehr wichtig: Seitdem Bastian Schlück mich vertritt, verdiene ich Geld.

Stichwort „Pressefreiheit in der Türkei“: Wie geht es den Kolleginnen und Kollegen in deinem „Vaterland“? Können wir irgendetwas tun, um die Schriftsteller in der Türkei zu unterstützen?

Ich teile viele Ansichten, die ich von türkischen Schriftstellern mitbekomme. Die Liebe zur Heimat, den Wunsch davon zu erzählen, aber auch den Wunsch nach ehrlicher Auseinandersetzung, nach einer Form von Freiheit, wie sie hier in Deutschland gelebt wird und gleichzeitig das Bedürfnis, die eigenen Traditionen zu bewahren.

Als Unterstützung für die Kolleginnen würde ich mir viele Übersetzungen in viele Sprachen wünschen. Nicht nur für türkische Schriftstellerinnen, sondern für alle, die mit Liebe und Hingabe Geschichten über ihr Land und die Menschen schreiben.*

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* Anmerkung der Redaktion: Wer sich für die Freilassung von Can Dündar (Journalist, Buchautor und Dokumentarfilmer) sowie Erdem Gül (Journalist) einsetzen möchte, kann sich zum Beispiel dem PEN anschließen.

 

Buchtipp: Bertelsmann Stiftung (Hg.): Flüchtlinge in Deutschland – Woher sie kommen, wie sie leben, was sie denken; erscheint voraussichtlich Ende 2016

 

Interview: Anke Gasch im Gespräch mit Deniz Selek
In: Federwelt, Heft 119, August 2016