Sie sind hier

Suchformular

Schreiben für Erstleser, Wenigleser und Nichtleser

Federwelt
Sabine Kruber
Hand auf einem aufgeschlagenen Buch

Warum es immer wichtiger wird, wie es geht, welche Verlage bereits auf „einfache Lesbarkeit“ setzen und was bei der Vermarktung hilft

„Können Sie mir spannende Literatur für meinen Sohn empfehlen? Er tut sich mit dem Lesen schwer!“
Jetzt denken Sie bestimmt, ich sei Buchhändlerin oder Bibliothekarin. Tatsächlich bin ich Diplom-Sprachheilpädagogin mit einer Praxis für Legasthenietherapie und Autorin. Außerdem analysiere ich in Zusammenarbeit mit Lektorinnen Manuskripte auf ihre Lesbarkeit.
Das Gespräch geht häufig so weiter: „Wir wurden im Buchladen in die Erstleseabteilung geschickt, stellen Sie sich das mal vor. Mein Sohn ist 13!“
Gute Literatur für Erstleser sowie für „leseschwache“ Kinder und Jugendliche zu finden, ist nicht einfach. Das brachte mich auf die Idee zu meinem Literaturblog Lies doch einfach.
18,9 Prozent der Zehnjährigen können nicht sinnverstehend lesen, das ergab die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, kurz IGLU, 2016. Und in Deutschland gibt es 6,2 Millionen funktionale Analphabeten (siehe Leo-Studie 2018). Nicht immer haben diese Menschen eine Lesestörung. In vielen Familien wird nicht (vor-)gelesen, in der Schule kommt das Lesen zu kurz und andere Medien sind interessanter als Bücher. Wer nicht liest, dem fehlt es an Leseroutine und das Lesen bleibt anstrengend.
Wie können Autorinnen, Autoren und Verlage in dieser Situation helfen? Was gilt es zu berücksichtigen, wenn Sie für Erstleser oder für leseschwache Kinder und Jugendliche schreiben wollen?

Die Leseentwicklung
Wer anfängt zu lesen, ist damit ausgelastet, einzelne Wörter zu dekodieren. Im nächsten Schritt gilt es, Wörter und ganze Satzglieder simultan zu erfassen, was das Lesetempo erhöht und das sinnverstehende Lesen erleichtert. Wie lange Kinder für die Entwicklung vom Entziffern zum schnellen sinnerfassenden Lesen brauchen, variiert stark. Sobald sie diese abgeschlossen haben, ziehen Kinder ihre Motivation nicht mehr aus dem „Ich will lesen können“. Sie wenden sich spezifischen Leseinteressen zu. Gelingt dies nicht, kommt es zum ersten Leseknick und die Motivation lässt trotz guter Lesefähigkeit nach.
Wurde der erste Leseknick erfolgreich gemeistert, folgt mit dem Einsetzen der Pubertät der zweite Leseknick: Jugendliche verlieren zumindest vorläufig ihre Lesemotivation, weil andere Dinge wichtiger werden.

Zum Orientieren: Erstlesebücher, -reihen und Bilderbücher für Lesestarter mit sehr einfacher Lesbarkeit (Auswahl)

  • Willems: Elefant und Schweinchen (Reihe), Klett Kinderbuch
  • Nicole Brandau und Stefanie Drecktrah: Lesestart mit Eberhart (Themenhefte, Reihe), Mildenberger
  • Günther und Dorothea Thomé: Lesen mit Biene, Frosch und Hase, Institut für sprachliche Bildung (isb)
  • Peter H. Reynolds: Der Punkt: Kunst kann jeder, Gerstenberg
  • Birgit Sommer (selberlesen.wordpress.com): Hallo, wir sind Mara und Timo (Heft 1 einer Reihe, die die Lücke zwischen Buchstabenlernen und Erstlesewerken schließen soll; Stufe A), CES Verlag

Wie definieren Verlage die Zielgruppe „Erstleser“?
Und welche Kriterien legen sie bei Erstlesebüchern an? Grob lassen sich zwei Richtungen erkennen, wie Erstleseprogramme aufgebaut sind. Einmal ordnen Verlage die Stufen oder Klassen einem spezifischen Alter zu. So erklärt Nina Horn, Programmleiterin bei Oetinger, die Lesestarter ihres Verlags reichten von „den VorLesestartern (ab circa fünf Jahren), bei dem über eine Vorlesegeschichte Lust aufs Lesenlernen und die kreative Auseinandersetzung mit Geschichten gemacht werden soll, bis zu den Lesestartern für die 3. Lesestufe (ab circa acht Jahren), die für fortgeschrittene Leseanfänger gedacht ist, die bereits etwas längere und sprachlich komplexere Geschichten bewältigen können.“
Weiter gibt es Programme, die sich schwerpunktmäßig an der Lesekompetenz ausrichten. Stefanie Alender, Redakteurin bei Mildenberger: „Während manche Kinder bereits mit Leseerfahrung in die erste Klasse kommen und mitunter schon im zweiten Lesejahr sind, gibt es andere, die vor Schulbeginn bislang nur wenig mit Büchern in Berührung gekommen sind. Aus diesem Grund orientieren sich unsere Lesematerialien in der Regel nicht am Lesealter, sondern an Lesestufen.“
In letzter Zeit bringen einige Verlage wie Mildenberger mit Mats, Mila und Molli oder der Verlag an der Ruhr mit der KidS-Reihe (Beispieltitel: Wer ist Lolly_blu?) ein- und dieselbe Geschichte in drei Lesestufen heraus, die sich an die gleiche Altersgruppe richten.

Erstleseprogramme/-reihen (Auswahl)

  • Bücherbär (Arena: arena-verlag.de/sites/arena-verlag/files/pdf/Buecherbaer_Stufenkonzept.pdf)
  • Lesemaus (Carlsen)
  • Erst ich ein Stück, dann du (cbj)
  • Superleser! (Dorling Kindersley; eine Kombination aus Sach- und erzählendem Buch in drei Lesestufen)
  • Lesedetektive (DUDEN: duden-leseprofi.de/lesedetektive)
  • Bücherhelden (Kosmos, aufgeteilt in: 1. und 2. Klasse)
  • Bildermaus und Leselöwen (Loewe)
  • Leserabe (Ravensburger: ravensburger.de/entdecken/ravensburger-marken/leserabe/index.html)
  • WAS ist WAS – Erstes Lesen (Tessloff)
  • Tulipan-ABC (Tulipan)

Verlage mit Erstleseliteratur (Auswahl): arsEdition, gondolino, Jacobs Children's book, Kids & Concepts, Baumhaus Verlag, Moritz Verlag, Südpol

Auch wenn es Erstlesereihen gibt, die mit pädagogischen Fachkräften entwickelt wurden, bestimmt häufig der Erfahrungsstand der für sie zuständigen Lektorinnen, wie leicht oder schwer Texte lesbar sind. So wundert es nicht, dass der Schweregrad für dieselbe Zielgruppe zwischen den einzelnen Verlagen schwankt.

Wichtig: passende Themen
Das Ziel, was sie mit Erstleseliteratur erreichen wollen, ist bei allen Verlagen ähnlich: Das Lesen soll Spaß machen und zum eigenständigen Lesen motivieren.
Besonders wichtig für die Motivation sind vor allem ansprechende Themen. Typische Erstlesethemen sind:

  • Schulalltag
  • Familienleben
  • Freunde
  • Tiere
  • Abenteuer
  • Fantastisches
  • Themen, die sich vorrangig an Jungen (Beispiel: Fußball) oder Mädchen (Beispiel: Einhörner) richten.

Petra Buck vom Klett Kinderbuch Verlag verrät: „Wir haben uns in unserem Verlagsprogramm generell auf realistische Themen aus dem heutigen Kinderalltag spezialisiert. Unsere Bücher dürfen sowohl quatschig als auch ernst sein.“
Neben der Themenauswahl gibt es weitere Kriterien, bei denen die von mir befragten Verlage (Carlsen, isb, Klett Kinderbuch, Mildenberger, Oetinger, Verlag an der Ruhr) eine große Übereinstimmung zeigen: Ihre Bücher enthalten häufig Fragen, Spiele und Rätsel, die sich auf den Inhalt beziehen.
Der Textumfang ist zunächst gering und steigt mit der Lesekompetenz. Erstlesetexte enthalten weder Nebenhandlungen, Perspektivwechsel noch Zeitsprünge. Geschrieben sind sie im Präsens.
Die Schrift ist groß und serifenlos. Die Zeilenabstände sind weit. Mit steigender Lesekompetenz werden Schrift und Zeilenabstände kleiner. Es wird zur Serifenschrift gewechselt.
Texte für die erste Lesestufe sind linksbündig im Flattersatz gesetzt. Die Zeilen sind kurz und Worttrennungen tabu. Meist stehen nur ein bis drei Sätze auf einer Seite.
Wächst der Textumfang, ist er in Kapitel unterteilt. Absätze und Sinnabschnitte heben sich deutlich durch eine Leerzeile oder eine eingefügte Illustration voneinander ab.

Weitere visuelle Unterstützung
Einige Verlage geben darüber hinaus weitere visuelle Unterstützung. So sind bei der Lesehasen-Bücherei von Hase und Igel oder bei Mildenberger die Silben im Wort zweifarbig. Hierzu Stefanie Alender: „Die Automatisierung des Silbenlesens ist von entscheidender Bedeutung: Je schneller den Kindern die Automatisierung gelingt, desto schneller können sie flüssig und sinnverstehend lesen.“
Dorothea und Günther Thomé vom Institut für sprachliche Bildung legen hingegen Wert auf eine „optimale Gestaltung der Schrifteinheiten und Wortbausteine (Sch-r-i-f-t-ei-n-h-ei-t-e-n und Wort-bau-steine)“.
Der hohe Illustrationsanteil in Erstlesetexten unterstützt das Lese-Sinn-Verständnis und lockert das Textbild auf. Einige Reihen starten auch mit Büchern, bei denen Bilder die wichtigsten Begriffe ersetzen.

Bücher für leseschwache Kinder und Jugendliche
Leseprobleme treten in zwei Bereichen auf: der Wort- und der Sinnerfassung. Betroffene können durchaus flüssig lesen, jedoch nicht verstehen, was sie gelesen haben. Dies kann mit mangelnder Konzentration oder einem geringen Wortschatz zu tun haben. Es kann aber auch ganz einfach daran liegen, dass man noch lesen will, obwohl einem schon die Augen zufallen.
Therese Hochhuth, Programmleitung Taschenbuch und Lektorin bei Carlsen: „Wir möchten mit den Carlsen Clips vor allem Jugendliche erreichen, die in ihrer Freizeit wenig bis gar nicht lesen. Dadurch haben sie ihre Lesekompetenz bisher nur wenig trainiert.“ Ähnlich formuliert es Inga Deventer, Leitung der Redaktion Sekundarstufe aus dem Verlag an der Ruhr für die K.L.A.R.-Reihe.
Nur wenige Verlage haben Leseschwache als eigenständige Zielgruppe im Blick. Der Grund: Der Anteil schwacher Leser, die von sich aus zum Buch greifen, ist eher gering. Der Lesestoff wird vor allem von Eltern, Lehrkräften und anderen Bezugspersonen an sie herangetragen. Dies hat einen großen Einfluss auf die Themen.
Meist sind die Bücher für die genannte Zielgruppe auch Schullektüren. Bestimmte Genres wie Fantasy, die bei Jugendlichen sehr beliebt sind, findet man hier nicht. Diese Lücke ist für Selfpublisher interessant. Man könnte sie mit Feen, Vampiren, Zombies ... bedienen.

Literatur für leseschwache Jugendliche konzentriert sich auf folgende Themen:

  • Freundschaft
  • Liebe
  • Schule
  • Social Media
  • persönliche Konflikte
  • Familie
  • Probleme mit dem Erwachsenwerden.

Therese Hochhuth über die formalen Anforderungen: „Die Bücher umfassen maximal 112 Seiten und beschränken sich auf einen Erzählstrang. Es werden also keine Nebenhandlungen eingeführt, die das Erzähltempo verlangsamen könnten. Außerdem achten wir auf einfache, kurze Sätze. Wir vermeiden Abkürzungen und Fremdwörter – außer natürlich englische Wörter, die sich ohnehin im Sprachgebrauch der Jugendlichen finden. Um das Lesen zu erleichtern, verwenden wir außerdem deutsche statt französische Anführungszeichen.“
Inga Deventer: „Wir haben sehr viele Erfahrungen mit der Zielgruppe, sodass wir wissen, was für diese lesbar ist. Da wir durch zahlreiche Lesebriefe direktes Feedback bekommen, was sehr wertvoll ist, können wir immer wieder eine direkte Überprüfung unserer Texte an der Zielgruppe vornehmen.“
Bücher für die Zielgruppe verlegen zum Beispiel auch Ravensburger (Short & Easy) oder Beltz & Gelberg; digitale Leseförderung bietet Cornelsen mit der Grundschul-Plattform Leseo.

Wie erreiche ich das angestrebte Leseniveau?
Ein leicht zu lesender Text ist gut und schnell verständlich. Je kürzer die Sätze und je einfacher die Wörter sind, desto „einfacher“ ist auch die Lesbarkeit. In Scrivener oder Papyrus sind Lesbarkeitsrechner enthalten. Sie können allerdings auch Lesbarkeitsrechner nutzen, die im Internet frei verfügbar sind, diese etwa: 

  • fleschindex.de
  • psychometrica.de/lix.html

Die Rechner ermitteln über Formeln die Silbenanzahl, Wort- und Satzlänge, ermitteln aber nicht die Silbenstruktur und die Graphemkomplexität. Auch lässt sich mit diesen Formeln nicht erkennen, ob ein Wort zum allgemeinen Sprachschatz gehört oder ein Fremdwort ist. Trotzdem hilft die Berechnung, die Lesbarkeit seiner Texte im Auge zu behalten. Sie sollten sich nur nicht alleine darauf verlassen.

Was ist ein Graphem?
Ein Graphem ist die Abbildung eines Lautes durch einen oder mehrere Buchstaben.
M    = eingliedriges Graphem
CH    = zweigliedriges Graphem
SCH    = dreigliedriges Graphem.

Dorothea und Günter Thomé haben die einzelnen Grapheme nach ihrer Häufigkeit aufgeschlüsselt und ein übersichtliches Plakat erstellt. Bis 2015 forschte und lehrte Prof. Dr. Günther Thomé in den Bereichen Sprachwissenschaft des Neuhochdeutschen und Sprachdidaktik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Diplom-Pädagogin Dr. Dorothea Thomé, gründete er das Institut für sprachliche Bildung in Oldenburg, zu dem auch ein Verlag gehört. Es ist sehr hilfreich, solch ein Plakat in Schreibplatznähe hängen zu haben, da es die Entscheidung erleichtert, ob Sie für ein bestimmtes Wort nicht lieber nach einem Synonym suchen.

Der Plot
Über welches Thema schreibe ich? Für welche Altersgruppe und welches Leseniveau? – Das sind die ersten Punkte, über die Klarheit herrschen muss, wenn es darum geht, zu bestimmen, wie komplex Ihr Plot sein darf.
Als sich in meinem Kopf die Idee festgesetzt hatte, eine ...

[12.623 von ingesamt 31.050 Zeichen]

Autorin: Sabine Kruber | lies-doch-einfach.de | sabine-kruber.de | sk-verschrieben.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 140, Februar 2020
Blogbild: Carola Vogt

 

WARUM ENDET DIESER ARTIKEL HIER?
Es kostet viel Geld, die Federwelt mit all ihren Fachinformationen herzustellen: Autorinnen und Autoren, die für uns schreiben, erhalten ein Honorar. Die Redaktion, das Korrektorat, Layout, Druck und (digitaler) Vertrieb - das alles kostet. Dieses Geld müssen wir durch den Verkauf von Heften und Abos erwirtschaften. Daher können wir unsere Inhalte nicht verschenken.

SIE MÖCHTEN MEHR LESEN? 

Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 140, Februar 2020: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-12020
Sie möchten diese Ausgabe erwerben und unsere Arbeit damit unterstützen?
Als Print-Ausgabe oder als PDF? - Beides ist möglich:

PRINT
Sie haben gerne etwas zum Anfassen, und es macht Ihnen nichts aus, sich zwei, drei Tage zu gedulden?
Dann bestellen Sie das Heft hier: /magazine/magazine-bestellen
Bitte geben Sie bei »Federwelt-Heft-Nummer« »140« ein.

PDF
Download als PDF zum Preis von 4,99 Euro bei:

Oder in vielen anderen E-Book-Shops.
Suchen Sie einfach mit der ISBN 9783967460032.