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Plotten mit Stoffentwicklungs-Programmen DramaQueen und Beemgee

Federwelt
Daniel Bleckmann
DramaQueen Pro und Beemgee im Scheinwerferlicht

„Kannst du auch kürzer?“, fragte mich meine Agentin Birgit Arteaga, nachdem sie mein 550-Normseiten-Manuskript den Verlagen präsentiert und erste Rückmeldungen zu meinem Text erhalten hatte. Mit „kürzer“ meinte sie nicht nur knapper, sondern vor allem einfacher und strukturierter. Tatsächlich war dieses „kürzer“ genau das, woran ich bei meinen Geschichten seit mehr als fünf Jahren nach dem Trial-and-Error-Prinzip arbeitete; mit manchmal mehr, aber meist mit weniger Erfolg.

Aus meinem allerersten Romanmanuskript wurde kein gedrucktes Buch. Aber diese Geschichte und ihr Erzählstil öffneten mir letztendlich den Eintritt in den Ueberreuter Verlag, bei dem ich dann mit einem anderen Projekt – einfacher, strukturierter, kürzer – debütierte: Family Quest – Das Amulett des Merlin. Im selben Verlag folgte überraschend schnell dann auch die nächste durchgeplottete Geschichte: der Abenteuer- und Zeitreiseroman Doggerland – Die versunkene Welt.

Von der Zettelwirtschaft zur Software
Von alledem ahnte ich damals natürlich noch nichts. Aber zu jener Zeit dämmerte mir, dass, wenn meine Geschichten auf fruchtbaren Boden fallen sollten, ich meine Arbeitsweise für neue Projekte deutlich ändern müsste. Nein zu Notizbücher-Ansammlungen, Pinnwand-Panoramen und Zettelstapeln, Ja zu mehr Übersicht und Struktur – so beschilderte ich meinen zukünftigen Autorenpfad. Und weil ich in dieser Situation üblicherweise immer meinen Schreibtisch aufräume, nur um ihn dann doch wieder mit unzähligen Notizbüchern und Karteikärtchen zu überfluten, griff ich dieses Mal zu einer Schreibsoftware; es sollte nicht bei einem einzigen Programm bleiben. Von da an änderte sich alles.
Die ersten beiden Manuskript-Entwürfe eines jeden neuen Buches verfasse ich noch heute mit Papyrus Autor. Dieser Arbeitsweg hat sich für mich bewährt, nicht nur dank der einzigartigen Stilanalyse dieses Programms – entwickelt unter anderem von Andreas Eschbach, einem meiner Autorenvorbilder. Scrivener forderte aufgrund seiner nonlinearen Struktur mehr Einarbeitungszeit, half mir aber enorm, erste Romanideen in digitale Ordner zu sortieren. Bei der sauberen Ausarbeitung von Plot und Figuren erzeugte zuletzt genannte Software bei mir allerdings den gegenteiligen Effekt: Ich verzettelte mich erneut, nur eben am Computer. Vorrangig halfen mir beide Programme demnach eher beim Verfassen von Texten, nicht aber bei deren vorherigen Planung. Was ich auf meinem Weg als Autor also weiterhin suchte, war ein Outline-Tool, ein Werkzeug für „Plotter, für jemanden wie mich, der seine Geschichten bis ins kleinste Detail plant, bevor er auch nur ein Wort schreibt.

Auf neuen Pfaden
Twitter sei Dank entdeckte ich zu diesem Zeitpunkt gleich zwei weitere Schreibprogramme, die mich auf meinem Autorenweg unverhofft um viele Meilen vorwärts katapultierten. Das Arbeiten mit der Software DramaQueen verhalf mir nicht nur zum ersten Verlagsvertrag, ich durfte den Programm-EntwicklerInnen auch ein paar Feature-Ideen zuspielen, speziell für alle, die Prosa schreiben. An das Online-Tool Beemgee traute ich mich erst beim Doggerland-Projekt, aber auch hier hatte ich bei der Nutzung eine Menge Aha-Effekte.

Was also bieten DramaQueen (DQ) und Beemgee (BG) für AutorInnen an Eingabemasken, Fragenkatalogen und Plot-Hilfestellungen? Wie kann mit ihnen gelingen, dass aus einer fixen Idee später kein unkontrolliert ausufernder Roman wird, sondern bereits vor dem eigentlichen Verfassen des Manuskripts eine klar strukturierte, aber dennoch packende Geschichte?

DramaQueen

Mit DQ 3.0 lassen sich erste Ideen übersichtlich festhalten und die Figuren anhand einer Maske unkompliziert entwerfen. Man kann den Handlungsverlauf (Plot) Schritt für Schritt entwickeln, ihn in Form von Storybögen visualisieren und schließlich all das (und noch mehr) in einem Konzept oder Exposé vereinen.

Figurenzentriertes Romanschreiben durch intelligentes Storytelling
Leserinnen und Leser wollen wissen, wie die Schurkin oder der Held lebt, liebt und leidet und zu was genau das führt oder geführt hat. Meiner Meinung nach sollte man beim Entwurf einer Geschichte daher den Figuren den größten Arbeitsaufwand gönnen.
DQ folgt genau diesem Credo, indem es konsequent die Figur, ihre Bedürfnisse und Handlungen in den Vordergrund stellt. So kann man damit beginnen, eine Figur anhand eines vorgefertigten Charakterbogens zu konzipieren, klassisch über das Aussehen, die Eigenschaften, eine Backstory und so weiter. Das große Plus sind überdies Fragen nach dem „Want“ und „Need“ des Charakters (also nach dem, was die Figur erreichen will und dem, was sie wirklich braucht), des Weiteren die Fragen nach der Fallhöhe, dem Konflikt, der Wunde aus der Vergangenheit et cetera. Der DQ-Steckbrief wirkt dabei keinesfalls überladen, sondern stellt das Wesentliche einer Romanfigur heraus. Wer hierbei Erläuterungen zum dramaturgischen Fachvokabular sucht, wird durch einfachen Klick an das hauseigene DramaWiki weitergeleitet. Bereits dieses Nachschlagewerk gleicht für sich genommen einem gut gegliederten Schreibratgeber.

Die andere Startmöglichkeit bei DQ läuft über den Reiter Storytelling. Hierbei fragt das Programm zunächst nach dem Thema (Worum geht es?), der Logline (Wie lautet die Geschichte in einem Satz?) und der Prämisse (Wohin führt die Kette von Ereignissen, die einander bedingen?), immer unterstützt durch erklärende Texte. Danach ist die grundsätzliche Figurenanlage an der Reihe und DQ will zum Beispiel wissen, ob die Hauptfigur einem klassischen Helden entspricht, einem Underdog, einer Außenseiterin oder gar einem Antihelden. Doch damit nicht genug: DQ verlangt Gedanken und Entscheidungen zur „gewohnten Welt“ der Figur, zu Leitmotiv, Anfangskrise, der Weigerung, dem Point of no Return und vielem mehr.
Jede Entscheidung, die ich bei meinen ersten Gehversuchen mit DQ in die Storytelling-Maske eingab, beeinflusste den Plotverlauf – ich war begeistert. Eine Maske, die sich sofort veränderte und dadurch potenziell weitere Wege einer Romanfigur offenbarte, das half mir ungemein, Strukturen von Geschichten und Entwicklungsmöglichkeiten von fiktiven Figuren zu begreifen.
Bei aller spielerisch gelebten Kreativität gelangte ich bei dieser umfangreichen Maske jedoch irgendwann an den Punkt, an dem ich dachte: Weiß ich jetzt (noch) nicht, ist zunächst nicht wichtig, ich fange einfach mal an zu schreiben. Monate später bereute ich meine damalige Bequemlichkeit, bei manchen Figurenfacetten oder Plot-Steps zu oberflächlich gearbeitet zu haben. Das Plotloch, auch Plothole genannt, war da und das Lektorat deckte gnadenlos auf, dass eine Nebenfigur in Family Quest unlogisch agierte, also etwas tat, das nach den Gesetzmäßigkeiten meiner Geschichte nicht stimmig war.
Sicherlich kann DQ Plotholes nicht unter Garantie verhindern, aber das Programm ist äußerst hartnäckig in seinen Nachfragen. Es legt den Finger in die Wunde und kann darüber hinaus durch seine Visualisierung von Storylines lose Erzählenden unerbittlich aufzeigen. So steht am Ende aller, manchmal auch mühsamen, Story- und Figurenentscheidungen ein solides Grundgerüst, auf das sich weiteres Material aufschichten lässt.
Wie jedem Outline-Tool könnte man DQ vorwerfen, es böte die Gefahr der Gleichschaltung von Storys durch immer gleiche Plotmuster. Meiner Meinung nach lässt sich die klassische Akt-Struktur von Geschichten ...

Linktipps:

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Autor: Daniel Bleckmann | www.danielbleckmann.de | [email protected] | Instagram: daniel_bleckmann
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 144, Oktober 2020
Blogbild: Marcel Nigbur

 

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Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 144, Oktober 2020: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-52020
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