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„Mein erstes Sachbuch wurde direkt ersteigert“. Ein Erfahrungsbericht von der Idee zum Verlagsvertrag

Federwelt
Julia Behringer
Autorin Julia Behringer mit Cowboyhut bei einer Lesung

Finanzmanagerin Julia Behringer kehrte dem „tristen schwäbischen Industriedasein“ den Rücken und ritt durch den Wilden Westen. Womit sie den Grundstein zu ihrem ersten Sachbuch legte, für das ruckzuck 4.000 Vorbestellungen eingingen. Wie genau es zu ihrer Reise und zum Buch kam, was sie seitdem tut, um es zu vermarkten, und was es bisher an Besprechungen, Lesungen, Kontakten ... gebracht hat, erzählt sie hier.

In Zeiten, in denen das Leben wie eine ausweglose Sackgasse erscheint, sei man gut beraten, bei seinen Kindheitsträumen anzusetzen, um sich neu zu orientieren. Diesen Rat las ich vor sieben Jahren in meiner Lieblingszeitschrift. Er traf mich tief ins Mark, ich wusste, dass ich ihn befolgen musste. Denn ich hatte das immerwährende Gefühl, irgendwo falsch abgebogen zu sein. Aber wann genau und wo? Und wohin sollte ich mich am besten wenden, um endlich mal wieder glücklich zu sein?

Darauf war ich nie gekommen, bis ich mich fragte, welche Leidenschaften, Freuden und Vorlieben ich als Kind gehabt hatte.

Der Kindheitstraum als Wegweiser
Ab dem Alter von drei Jahren war ich ein leidenschaftlicher Wild-West-Fan, eine Bonanza-Verehrerin, Pferdeliebhaberin und Indianerfreundin. Während meine Eltern brav auf der Baustelle unseres neuen Hauses arbeiteten, sah ich die Sendung meines Herzens heimlich im Wohnzimmer, wo ich energisch die Sofalehne sattelte und mein Behelfspferd bestieg. Dazu schwang ich mein Springseil als Lasso und ritt laut johlend über die Prärie. Hätte mich damals wer nach meinem Wunschberuf gefragt, so hätte ich geantwortet: „Wenn ich mal groß bin, möchte ich Rancher und Rinderzüchter werden.“
Nachdem ich meine ganze Kindheit durchdacht hatte, ohne mich wieder in alten Denkmustern zu verstricken, hatte ich die Lösung gefunden. Ich wollte ausbrechen, abhauen und neu durchstarten – zumindest für eine gewisse Zeit. Ich plante, zu den Träumen meiner Kindheit zurückzukehren, ganz so, wie es die Lieblingszeitschrift empfohlen hatte.

Auf nach Montana
In zahllosen Nächten arbeitete ich den Plan für mein sechsmonatiges Sabbatical vollständig aus: eine Reise in die Wildnis von Montana. Die erste große Reise-Etappe sollte die Überquerung der Rocky Mountains sein – mit Pferden und Maultieren, Blechgeschirr und Zelten. Für die Zeit danach hatte ich mir einen Job als Gastarbeiterin auf einer Ranch besorgt. Dort war ich für Rinder, Pferde und Bewässerungssysteme zuständig, zusammen mit meinen Arbeitskollegen, den attraktivsten Cowboys aller Zeiten. Ich traf auf Bären, Klapperschlangen und Kojoten, lernte Ureinwohner vom Stamm der Crow-Indianer kennen. Jeden Tag geschah etwas Besonderes, das ich festhalten musste. Dazu verliebte ich mich nach allerkürzester Zeit bis über beide Ohren in den jüngsten Cowboy der Truppe, den traumhaft schönen blonden Brandon. Ich war so grenzenlos glücklich, dass ich ständig „Halleluja“ in den Himmel hätte schreien mögen. So fühlte es sich also an, genau dort zu sein, wo man sein sollte, genau das zu machen, wovon man schon immer geträumt hatte.

Zurück im grauen Alltag
Leider musste ich meinen Ort der Wahrheit und der Erkenntnis verlassen, um in der schwäbischen Industrie weiter Geld zu verdienen. Aber irgendetwas musste ich doch dagegen tun! Ich konnte doch nicht einfach in meinem traurigen Alltag da weitermachen, wo ich vor sechs Monaten aufgehört hatte. In meinem Kummer schrieb ich ein paar Seiten meiner Erlebnisse auf. Es heißt ja, Schreiben befreit die Seele. Beim Schreiben hatte ich das Gefühl, wieder in Montana zu sein. All das Erlebte war auf einmal wieder ganz nah bei mir.
Auch Oma Anna meinte über Kaffee und Kuchen sehr nachdrücklich zu mir, dass ich all diese „ungeheuren Abenteuer“ doch unbedingt aufschreiben müsse. Schließlich sei es ja ein wahres Wunder, dass ich den ganzen Irrsinn überhaupt überlebt hätte. Dann waren die ersten Seiten fertig und ich von meinen eigenen Erzählungen ganz hingerissen.

Wohin mit all den Texten?
Wieder Wochen später, nachdem die Anzahl der Seiten recht drastisch gewachsen war, stellte ich mir die praktische Frage, was ich mit all diesen Texten nun denn machen sollte: unter das Kopfkissen legen? Ich schnappte meine Lieblingszeitschrift, die mir ja vor vielen Monaten so gut den Weg gewiesen hatte, suchte mir die Mailadresse der Redaktion heraus und weg waren die Texte. Mal sehen, was passiert ...
Schon am nächsten Morgen im Büro klingelte das Telefon, eine Frau von der Zeitschriftenredaktion war dran: „Fabelhaft, zauberhaft!“ Genau solche Artikel würden sie gerne veröffentlichen, das reiße den Leser mit. „Aber meine Liebe“, sagte sie in verheißungsvollem Ton zu mir, „ich bin der Meinung, Sie sollten Ihre einmaligen Erlebnisse mal richtig ausführlich aufschreiben, denn solche Erfahrungen hat außer Ihnen niemand gemacht.“ Also gut. Diese Frau musste es ja wissen ...

Leben und schreiben
Es dauerte „nur“ zarte fünf Jahre, bis ein dickes Manuskript vor mir lag, mit dem man leicht jemanden hätte erschlagen können. Oft hatte ich nur nachts ein wenig Zeit für das Schreiben aufbringen können oder mal einen Sonntagnachmittag.
Bald nach meiner Rückkehr hatte ich mich von meinem damaligen Lebensabschnittsgefährten getrennt und wenig später traf ich einen liebevollen und höchst abenteuerlustigen Texaner. Es folgten herrliche Reisen hoch zu Ross durch den Yellowstone-Nationalpark und die Gebirge von Colorado. Wir fuhren wie die Hippies im VW-Bus durch Kanada. Wir heirateten und kämpften über die nächsten Jahre um meine amerikanische Staatsbürgerschaft. Währenddessen schrieb ich also, bis ich mein Manuskript als fertiggestellt betrachten konnte.

Wie bitte bringt man ein Buch zur Welt?
In den folgenden Wochen recherchierte ich im Internet. Wie bringt man heutzutage in Deutschland ein Buch heraus? Den einen oder anderen Blog konnte ich zu diesem Thema finden. Und auch ein paar Webseiten gaben recht brauchbare Auskünfte. Ein guter Rat, der mehrmals auftauchte und den ich sogleich befolgte, war: „Abonnieren Sie die Federwelt. Dort finden Sie Erfahrungsberichte, Anleitungen, Leidens- und Erfolgsgeschichten und überhaupt früher oder später alles, was ein Autor wissen muss.“
Ich studierte nicht nur die neuesten Ausgaben, sondern beschaffte mir auch ein paar ältere und ging mit Buntstiften und Post-its augenblicklich zu Werk. Ich sortierte und katalogisierte, schrieb die Namen von Agenturen und Verlagen mit ihren Ansprechpartnern heraus und fand auch Infos zur Erstellung eines Exposés. Anschließend erstellte ich Leseprobe, Autorenvita und Exposé so gut ich eben konnte und so, wie die Anleitungen es mir vorgaben: auf jede Agentur ganz nach deren Wünschen abgestimmt.

Pakete für ausgewählte Agenturen
Die eine Agentur wollte 20 Seiten Leseprobe im Normseitenformat, die andere 60 Seiten regulär formatiert (was immer das bedeutet), die nächste machte prinzipiell nur wenig Vorgaben. Ich gab mir mit jeder einzelnen die größte Mühe. Und ich schrieb an viele Agenturen, also an alle, deren Themeninteressen auch nur halbwegs mit meinem Manuskript zusammenpassten. Verlage ließ ich außen vor, denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man sich dort die Zeit nehmen würde, das Exposé einer namenlosen „trockenen Finanzerin“ zu lesen.
Für den Versand meiner „Pakete“ an die Agenturen hatte ich mir vier Tage freigenommen, es musste flott gehen. Der Großteil der Agenturen wollte die Dokumente elektronisch übermittelt bekommen, manch eine Agentur forderte aber auch explizit die Papierform an.
Spät in der vierten Nacht war dann auch die letzte E-Mail verschickt – samt herzhaftem Anschreiben und kleinem Bildchen von mir im Damensattel auf einem Zwei-Tonnen-Rodeo-Bullen. Das Bildchen, so hoffte ich, würde auf jeden Fall ins Auge stechen, falls es der Text nicht tun sollte. Denn wer bitteschön reitet schon im Damensattel auf gigantischen Stieren umher?! Nur lebensmüde schwäbische Geschäftsfrauen.

Überraschung für die Pessimistin in mir
Ich ging mit meiner üblichen „All-is-lost-Aussage“ ins Bett, ein gängiges Statement von mir in Richtung Ehemann, an diesem Abend unterstrichen von einem: „Nobody wants my book, it will go straight into the garbage and stay there forever.“
Doch bereits am nächsten Abend blitzte etwas ungewöhnlich aus meiner Spammails-Liste hervor. Es war eine Nachricht der Agentur Petra Eggers aus Berlin: „So schnell melden wir uns normalerweise nicht zurück, ein paar Wochen dauert der Prozess der Sichtung in der Regel schon. Aber mit Ihren Unterlagen haben wir jetzt mal eine Ausnahme gemacht, das Ganze hat ja ordentlich bei uns in der Agentur eingeschlagen. Wann könnten wir denn mal telefonieren die Tage? Je früher desto besser, wir sind flexibel!“
Gleich am nächsten Tag telefonierte ich mit meiner zukünftigen Agentin, Dr. Nora Boeckl. Wir besprachen den Inhalt meines Manuskripts, das mögliche weitere Vorgehen, potenzielle Verlage und mögliche Zielgruppen: Geschäftsfrauen, Frauen mit unglücklichen Beziehungen, Frauen mit Sehnsucht nach einem anderen Leben ...
Sie würde jetzt gleich mal einen Agenturvertrag zu mir schicken. Überglücklich willigte ich ein. Nora war mir vom ersten Moment an durch und durch sympathisch, sie liebte mein Manuskript und konnte sich so richtig in meine Abenteuer einfühlen. Mein Bauchgefühl sagte mir ohne jeden Zweifel – bei dieser Agentur bin ich richtig. In den darauffolgenden Wochen meldeten sich noch drei weitere Agenturen positiv zurück.
„All is lost, all is lost“, rief mein texanischer Ehemann jedes Mal ironisch aus seinem Arbeitszimmer zu mir herüber.

Das Steigerungsverfahren
In den nächsten Wochen arbeiteten Nora und ich an meinen „Bewerbungsdokumenten“. Das Manuskript ließen wir erst einmal wie es war. Dann startete die Agentur ein Steigerungsverfahren, eine Art Auktion für mein Manuskript, und die potenziellen Verlage für Memoirs und Erlebnisberichte dieser Art wurden angeschrieben. „Ob sich da ein Verlag überhaupt zurückmelden wird, liebe Nora, das wage ich nun wirklich zu bezweifeln.“

Meine von der Agentur abgesegnete Vita
Wurde so auch vom Verlag übernommen. Sie finden sie hier: https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/autoren/julia-behringer/id_6671680.

Mein üblicher Pessimismus fand bei Nora keinerlei Gehör. Als ich mich zwei Wochen später vorsichtig bei ihr meldete, standen sich schon zwei Verlage kräftig steigernd gegenüber: Malik, der zu Piper gehörende Verlag für Abenteuer- und Reiseberichte, sowie Bastei Lübbe. Nach wenigen weiteren Tagen war die Sachlage geklärt und kurz darauf telefonierte ich leicht verwirrt mit meiner Sachbuchbetreuerin im Lübbe-Verlag.

Auszug aus der Leseprobe mit dem Arbeitstitel „Cow Frau“
[...] Mein verträumter Blick fällt auf das Bärenabwehrspray neben mir. Ich trage es brav jede Minute des Tages bei mir, habe aber immer noch keine Ahnung, wie man es bedient. Ich nehme es in die Hand und befreie es vom Gummiband, das den vermeintlichen Abzug vor allzu viel Beweglichkeit schützt. Eigentlich könnte es nicht schaden, das Ding mal auszuprobieren. Was macht es für einen Sinn, das Ganze mit mir herumzuschleppen, wenn ich mich nicht damit verteidigen kann. Ich stelle mich entschlossen ans Ufer, drücke auf den roten Hebel und es haut mich auf einen Schlag fast nach hinten um. Meine Hand schnellt nach oben und mit roher Gewalt schießt eine orangene Gaswolke aus der Flasche hervor, die eine solche Wucht mit sich bringt, dass sich der orangene Strahl fast über das ganze Flussbett erstreckt. [...] In Bruchteilen von Sekunden merke ich, dass der Gasstrahl durch den schräg abwärts gerichteten Einfallswinkel und die enorme Wucht vom Wasser zurückgeworfen wird und der Schuss im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten losging. Und schon bin ich selbst in Gas eingehüllt, spüre brennendes Stechen auf der Haut und in den Augen. [...]

Ein Mini-Auszug aus dem Exposé
Vergleichbare Literatur: „Eat, Pray, Love“ von Elisabeth Gilbert, „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling, „Der große Trip“ von Cheryl Strayed

„Wortfischen“ mit Außenlektorin Sylvia Gredig
Lübbe plante, das Buch schon im Frühling herauszubringen, verwarf diese Idee dann aber und verschob den Veröffentlichungstermin auf Herbst 2018. Der Handel hatte deutliches Interesse gezeigt und man erhoffte sich vom Herbst und dem Weihnachtsgeschäft bessere Resultate.
Somit hatte die Manuskriptüberarbeitung erst einmal Zeit. Man stellte mir eine höchst fähige externe Lektorin zur Seite, denn meine Verlagslektorin hatte sich in Elternzeit verabschiedet.
Sylvia Gredig mit ihrem Lektorat „Wortfischen“ (www.wortfischen.de) wusste genau, wie sie mich „anzupacken“ hatte. Ich spürte, wie interessiert und tiefgründig sie sich in das Manuskript und die Handlung einfühlte. Und auch in meinen lockeren Schreibstil. So gingen die Arbeiten recht fröhlich vonstatten. Auch wenn ich mich als „Jungautorin“ erst einmal daran gewöhnen musste, wenn eine gar so geliebte Textstelle, die allergelungenste Formulierung doch weichen sollte, wobei Sylvia Gredig es hervorragend verstand, mich wieder wohlzustimmen. Übrigens, dieser Satz hier musste weichen: Mein Blick gleitet verträumt nach Westen über die atemberaubend schöne Kulisse der Pryor Mountains, weiter dem Sonnenuntergang entgegen und verweilt auf Brandons wohlgeformtem Hinterteil. Ich seufze zufrieden, was für ein wunderbarer Tag.
*Hüstel* Na ja, gut … ist ja auch verständlich.

Der Verlag bekommt mein lektoriertes Baby
Schließlich reichten Sylvia und ich die vielen Seiten hochoffiziell an den Verlag weiter. Oh Gott, was war das für ein Gefühl. Freude, Glück, Erleichterung? Mitnichten! Es war, als ob ich mein eigenes Kind fortgeben würde. Für immer. In fremde Hände! Ich weinte bitterlich an diesem Abend.
Natürlich wusste ich mein Werk in guten Händen. Aber das war mein Montana mit meinen Abenteuern, meinem Lebensglück. Während all der Jahre des Schreibens hatten mich meine eigenen Erzählungen ja immer wieder beseelt und bewirkt, dass ich mich Montana ganz nahe fühlte. Es war ja nur ein paar Zeilen entfernt. Mein Mann grinste. „All is lost, oh boy, all is lost.“

Ahhhh, der Titel passt nicht!
Dann entschied sich der Verlag für einen Titel: Barbecue mit Indianern. Der Arbeitstitel Cow Frau hatte nicht gefallen: zu abstrakt und unverständlich sei er. Nun, mit Indianern konnte ich mich fabelhaft identifizieren. Aber was um alles in der Welt hatte mein Buch mit Barbecue zu tun, mit „stark gezuckertem Grillfleisch“? Nein! Davon war an keiner Textstelle die Rede und außerdem, so argumentierte ich, sei Barbecue etwas für Männer und mein Buch ja klar an Frauen gerichtet. Mein vollständiges Ablehnen des Titels, welcher ganz ohne meine Einbindung und mein Abnicken zustande gekommen war, führte zu einem größeren Konflikt zwischen mir und dem Verlag.
Meine Betreuerin bei Lübbe war nach wie vor in Elternzeit und andere, mir unbekannte Personen, waren für Cover und Titel zuständig. Man hatte den Titel festgelegt, ihn groß und breit gleich an den Handel kommuniziert und alle Bemühungen von meiner Seite, das Ganze noch zu stoppen, liefen ins Leere. Für eine Titeländerung, die ich mit aller Inbrunst forderte, war es zu spät. Der Handel hätte den Titel bereits sehr positiv aufgenommen und dann könnte man so ein „Winning Team“ auch nicht mehr ändern, hieß es.
Ein Männertitel, tote Tiere auf dem Grill, Zucker mit verrauchter Tomate im Fleisch! Auch Monate später hatte ich mich keineswegs damit angefreundet.

Das Buch ist da. Aber wer wird es lesen?
Als dann die Kiste vor meiner Türe stand, mit all den tollen farbenfrohen Büchern darin, flossen allerdings Freudentränen. Ach, was war das für ein Gefühl, dieses Buch in den Händen zu halten, die satten leuchtenden Farben auf dem Einband, die Widmung an meine Großmutter gleich auf der ersten Seite!
Aber würde es überhaupt jemand lesen wollen? Freunde und Bekannte hatten es schon vorbestellt. Doch wie würde es weitergehen?
Die Marketing- und Vertriebsabteilung des Bastei Lübbe Verlags initiierte ein paar Beiträge in Zeitschriften (etwa in den Frauenzeitschriften Lea und Neue Post) mit meinem großartigen Bildmaterial. Die Artikel über mich und mein Buch haben die Redaktionen zauberhaft entworfen. Und ich nahm mir vor, noch selbst möglichst viele Zeitschriften anzuschreiben. Geschafft habe ich es so in: die Frankfurter Neue Presse, das Schwäbische Tagblatt, die Happinez, das Main-Echo und die Federwelt. In Stuttgart ging gar nichts, ein Jammer! Aber da fahre ich jetzt größere Geschütze auf, nämlich meine Schwester. Ich habe so wenig Zeit, die Presse anzuschreiben, das macht mich wahnsinnig. Ich arbeite ja in meiner Firma bis spät abends und neuerdings geht mir die Kraft aus. Wer als Vollzeit-Führungskraft auch noch Autorin sein will und sein Werk an die Leser bringen, der möge sich bitte auf ein Burn-out einstellen, denn ich habe mittlerweile Erschöpfungszustände am Tag, Wahnvorstellungen in der Nacht und enorme Gefühlsschwankungen, die mich tagtäglich überraschen. Ist leider wahr.

Einmal anschreiben reicht nicht immer
Um ins „Schwäbische Tagblatt“ zu kommen, musste ich gleich mehrere Mails schreiben, sehr höflich, charmant, aber mächtig überzeugend. Dazu musste ich einiges an „Beweisen“ liefern. Ob ich denn wirklich gebürtige Tübingerin sei und wo zur Schule gegangen? Besuchte ich die Stadt denn überhaupt noch regelmäßig? Ich lieferte alles säuberlich aufgelistet und fügte im Anschluss noch hinzu, man möge doch auch einen Blick auf die zauberhaften Indianerbilder werfen, bevor man sich gegen mich entscheidet, denn diese seien höchst selten und kämen bei den Leserinnen gut an.
Nachdem all diese Fragen geklärt waren, wurde der Beitrag noch am selben Abend von der Redaktion geschrieben. Am nächsten Morgen lag er auch schon bei meinen Eltern auf dem Tisch: „Ich bin kein Weichei!“ brüllte mein Vater ins Telefon. Die Redaktion hatte mich wörtlich zitiert: „Alle schwäbischen Männer sind Weicheier.“ Nun, so hatte ich also recht öffentlichkeitswirksam die Hälfte meiner schwäbischen Nachbarn beleidigt, was sich auch in verschiedenen Leserbriefen widerspiegelte.
Aber wie heißt es heutzutage so schön: Auch schlechte Presse ist gute Presse. Schon am nächsten Tag rief das Deutsch-Amerikanische Institut (DAI) aus Tübingen an (es war ein Mann am Telefon), ich solle doch bitte eine Lesung in ihrem Hause abhalten.

Lesungen
Dann fand auch schon die erste Lesung statt, deren Anfrage von einer Bekannten ich dankbar angenommen hatte: in einem schönen Stuttgarter Weingut mit meinem über Jahre zusammengetragenen kleinen Museum an Wild-West-Artikeln auf einem ausladenden Tisch ausgestellt. Ich erzählte das meiste frei vor überraschend viel Publikum – 70 Leuten! –, las aber auch immer wieder einen Absatz oder zwei direkt aus dem Buch und machte aus dem fröhlichen Inhalt eine regelrechte Stand-up-Comedy, die gefiel. Auf dem Weingut konnte ich 35 Bücher verkaufen, der Verlag meinte, das sei ganz schön viel. Zur nächsten Lesung im Hotel Steigenberger in Frankfurt kamen nur 40 Personen, die waren allerdings hochgradig interessiert, man belagerte mich regelrecht mit Fragen. Ich verkaufte zehn Exemplare und konnte wertvolle Kontakte knüpfen, etwa zur PR-Managerin von Hugendubel.
Der Verlag kümmert sich um Lesungen gar nicht. Buchhandlungen dafür zu gewinnen ist schwierig, die wollen keine Namenlosen. Ich habe 35 Stück angeschrieben – ohne Erfolg. Fazit: Man muss allen relevanten Leuten die Türen einrennen, und es hilft enorm, wenn man wen kennt.

Michelle Hunziker und ich auf der Frankfurter Buchmesse 2018
Im Oktober 2018 fuhr ich zur Frankfurter Buchmesse, obwohl ich mir noch nicht mal ganz sicher war, ob Lübbe mein Buch überhaupt ausstellen würde. Am Abend zuvor arbeitete ich daher an einer Lösung für das Worst-Case-Szenario. Der Plan: Sollte mein Buch aus irgendeinem Grund vergessen worden sein, würde ich einfach ein paar Exemplare aus dem Rucksack ziehen und sie heimlich prominent in die Ausstellungsregale stellen.
In der Bahn zog mein Markenzeichen, ein super schicker schwarzer Cowboyhut, verwunderte Blicke auf sich. Auf der Messe stellte ich fest, dass Bastei Lübbe von allen Verlagen den wohl größten Stand hat: ein regelrechtes Dorf. Sehr schön auf Augenhöhe platziert fand ich mein Werk in der Sachbuchsektion. Gleich daneben befand sich das Buch von Michelle Hunziker. Darin erzählt sie über ihre Zeit in einer Sekte. Ach, dann sind Frau Hunziker und ich nun also Kolleginnen?
Mit Blick auf das Cover fragte ich mich, ob sie das Buch überhaupt selbst geschrieben hat ... Und schon stand Frau Hunziker persönlich mit mir in der Sachbuchsektion, gefolgt von zahlreichen Presseleuten. Es hagelte Blitzlichter und Michelle strahlte freudig in die Kameras. Ich tat sofort das Gleiche, schob ein Bein elegant vor das andere, das macht die Hüften schmaler, setzte ein Verführerinnen-Strahlen auf und wies mit der rechten Hand auf mein Buch.

Ich darf in den VIP-Bereich
Leider wurde schnell klar: Es war nicht eine Kamera auf mich gerichtet, keiner hatte auch nur die leiseste Notiz von mir genommen. All is lost ...
Ich ließ mich auf das Sofa gleich neben den historischen Romanen fallen und blickte missmutig auf das geschäftige Treiben. Da stand Frau Fischer von der Marketingabteilung bei den Romanen. Ich rief ihr zu: „Wie halten Sie sich nur so lange auf den Beinen meine Liebe – mit Ihren schicken Schuhen?“
Ohne meine Frage zu beantworten, rief sie entrüstet zurück: „Was machen Sie denn hier draußen, Frau Behringer? Sie sind doch Autorin, sie gehören in unseren VIP-Bereich!“
In freudiger Erwartung folgte ich ihr in ein groß angelegtes Separee. Dort wurde mir sogleich Luca Di Fulvio vorgestellt, der es schon wieder mit einem Roman auf die Bestsellerliste geschafft hatte. Der charmante ältere Italiener flirtete mit mir, dass es mir unter meinem Cowboyhut immer noch heißer wurde. Ich erfuhr: Luca kann es sich mittlerweile erlauben, nicht mehr nebenher zu arbeiten. Aber erst seit Kurzem.
Plötzlich saß Frau Lübbe höchstpersönlich neben mir. Und ich erzählte ihr von meinem Unglück mit dem ZDF.

Die verpasste Talkshow-Chance
Als ich diesen Sommer – wie jedes Jahr – ins Flugzeug steigen wollte, um in die Prärien von Montana zu fliegen, hatte ich eben meine Bordkarte auf den Scanner gelegt und mein Handgepäck durch das Boardinggate gezerrt, da klingelte das Handy. Eine Nummer aus Hamburg. In Hamburg kenne ich niemanden, da will bestimmt wieder wer was verkaufen, dachte ich. Kaum hatte ich meinen Sitz erreicht, rief diese Nummer wieder an. Ich ging endlich ran und lauschte ungläubig der weiblichen Stimme, die sich als Redaktionsleitung der Talkshow von Markus Lanz vorstellte. Es sei ihnen wer abgesprungen, während der Ferienzeit käme das schon mal vor, ob ich Zeit hätte? Sie würde mir ein Flugticket schicken, ich sei dann schon am Mittwoch „on air“.
Ich stammelte, dass ich gerade im Flieger nach Montana säße, das Gepäck sei schon eingeladen. „Ich könnte mal versuchen, hier wieder rauszukommen. Aber es sieht so aus, als ob die Türen schon geschlossen sind.“
„Ach wie schade“, sagte die Stimme am anderen Ende. „Da muss ich wohl weiter telefonieren.“
Die wahnsinnig gut aussehende Frau Lübbe (Gedankennotiz: Ich sollte mir auch mal eine schöne neue Bluse kaufen) lächelte mich mitleidig an und bestätigte mir freundlich, dass so ein Anruf tatsächlich ein Sechser im Lotto sei und diese Chance vermutlich nicht so bald wiederkehre.

Unverhofft kommt oft
Nur einige Tage später spuckte ich vor Schreck beinahe den Kaffee auf meine Tastatur. Mir blinkt eine Mail entgegen. Es ist das ZDF mit der Markus-Lanz-Show. Morgen um 11:00 Uhr sei Vorbesprechung, zwei Stunden würde die dauern und dann sollte ich mich auf einen spontanen Abruf einstellen. Manchmal hätte man nur einen Tag Vorlauf. Sie würden mir auch gleich ein Flugticket mitschicken, ein Hotel stünde dann ebenfalls bereit. Es ist also doch nicht alles verloren. Yeehaw!
Kurz darauf hatte ich auch schon die ARD an der Strippe, die ebenfalls über meinen Verlag auf mich aufmerksam geworden war. Ich solle in der Sendung Live nach neun auftreten. Sie bräuchten dort eine charmante redegewandte Amerikanerin, die sich zu den midterm elections in den USA äußert und überhaupt, wie denn diese drastischen gesellschaftlichen Umbrüche zu interpretieren seien. Schon rückte ich dort an.
Ich solle niemals in die Kamera blicken, hieß es, völlig natürlich sein und am besten solle ich doch die Kameras ganz ignorieren. Wie das, wenn es sich um FÜNF Kameras handelt, so groß wie ein Kleinwagen hochkant gestellt? Dann waren wir auf Sendung. Rasch stellte sich heraus: Die Fragen, die ich in der Nacht zuvor bekommen hatte und auf die ich mich hochpolitisch vorbereitet hatte, wurden mir gar nicht gestellt. (Siehe: www.ardmediathek.de/tv/Live-nach-neun/Interview-mit-Julia-Behringer-zum-Thema-/Das-Erste/Video?bcastId=52323934&documentId=57434264.)
Hoppla! Aber was soll man machen, Augen zu, freundlich weiter lächeln und improvisieren. Kaum war ich wieder daheim, rief meine beste Freundin an, um mir mitzuteilen, dass ja die Sendung wirklich ganz prima anzusehen gewesen sei, aber die ARD hätte ja mein Buch gar nicht erwähnt und auch gar nicht, dass ich Autorin sei. All is lost, konnte ich da nur wieder sagen, ich hatte das Wesentliche vor lauter Aufregung übersehen!

Ein glatter Rauswurf
Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nah liegt. Das dachte ich, als ich zur Buchhandlung in meinem Stuttgarter Stadtteil marschierte. Die Besitzerin stand hinter der Kasse und ich sprach sie freundlich an.
Also so einen Schund würde bei ihr im Laden nicht gelesen werden, war ihre spontane, höchst aggressive Antwort. Bei ihr im Geschäft würde man nur hohe Literatur verkauft.
Ob denn die Stuttgarter wirklich andauernd Goethe oder Schiller läsen, fragte ich irritiert und tief beleidigt zurück. Mit Blick zur Seite sah ich die Bastei-Lübbe-Bestseller im Regal stehen. „Die sind hier also schon erlaubt.“ Die schwäbische Dame katapultierte mich daraufhin aus ihrem Laden hinaus.

Und jetzt?
Eigentlich hätte ich heute schon längst selbst Rancherin sein wollen, mein Mann und ich sitzen quasi auf gepackten Koffern. Doch das Gesicht der einst so prächtigen und vorbildlichen Vereinigten Staaten ist ein anderes geworden, es regieren mittlerweile Hass und Verachtung in diesem einst so weltoffenen Land. Und so warten wir ... auf bessere Zeiten.
Womit niemand gerechnet hat, auch nicht im Verlag: Mein Buch kommt auch bei Männern an. Es sind Männer mittleren und höheren Alters, die befürchten, das Leben würde an ihnen vorbeirauschen und sie hätten so viel Gutes versäumt. Sie schreiben mich an und wollen mit mir sprechen …
Übrigens: Bisher konnte ich vom Verlag leider keine Zahlen bekommen, ob und wie sich die Veröffentlichungen zu meinem Buch auf die Verkäufe ausgewirkt haben. Ich hätte die Info hier sonst auch gern geteilt.
Egal, wie viel ich gerade zu tun habe, ich lege mich weiter ins Zeug: Ich und mein Buch sind doch kein Flugzeug auf der Startbahn, das rasant beschleunigt, nur um gleich nach dem Start wieder flach auf dem Bauch zu landen!

Autorin: Julia Behringer | www.facebook.com/julia.behringer.353 | [email protected]
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 134, Februar 2019
Blogbild: Foto: Julia Behringer/privat

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Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 134, Februar 2019: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-12019
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