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Literarisches Schreiben - Teil 6

Federwelt
Jan Decker

Literarisches Schreiben – eine Serie von und mit Jan Decker
Teil 6: Wie finde ich meinen Stil, wie finde ich meine Leserinnen und Leser?

Am Ende meiner Artikelserie über das Literarische Schreiben scheue ich auch vor einfachen Ratschlägen nicht zurück:

1. Originalität, um die es ganz wesentlich beim Literarischen Schreiben geht, sitzt im Magen! Nie setze ich mich hungernd an den Schreibtisch, es sei denn, der Schreibimpuls ist außergewöhnlich stark (und Essen ist in Reichweite). Es wurden schon Texte ruiniert, weil der Autorinnen- oder Autoren-Magen vor Leere gähnte und die Feder dann nicht das transportieren konnte, was man im Kopf hatte.

2. Ich sorge für ausreichend Schlaf, weil mein Oberstübchen eben keine Fabrik ist, sondern Ruhe und Ausgeglichenheit braucht, um dann wieder auf Höchstleistung zu fahren und Texte auszuspucken. Weshalb ich Stipendienaufenthalte wie gerade in Reykjavík generell etwas kritisch sehe, man schläft ja im falschen Bett.

3. Immer mal wieder den Ort wechseln muss auch sein! Für den Kreativen ist die tägliche Routine lebensnotwendig, aber der tägliche Trott das Allertödlichste. Der Übergang von Routine zu Trott ist nicht immer klar zu erkennen? Doch: in den Texten. Lassen sich Texte innerhalb der täglichen Routine schreiben, passt alles. Wenn nicht, ist Verreisen angesagt. Zumal: Der Kreative muss die Welt, von der er erzählt, kennen. (Muss er deshalb Island kennen? Ja, warum nicht – das erweitert sein Spektrum!)

Die Batterie des Schreibens

Zum Stil habe ich in den vergangenen Artikeln einige Überlegungen angestellt, Stichwort Autorenstimme. Er zeigt sich in allen Teilen des Textes: in der Anlage von Plot und Figuren, in der Sprache, in der Themenwahl, selbst in vermeintlichen Nebendingen wie der Interpunktion. Was hätte ich als angehender Autor gern über den Stil gewusst? Er ist die Batterie des Schreibens, ich habe ihn unterschätzt. Er hat eine Außenseite (die davon profitiert, dass ich viel lese, viel reise, viel rede et cetera) und eine Innenseite (die davon profitiert, dass ich bei mir bleibe, bei meinen Ängsten, Erfahrungen, Schwächen). Also geht es darum, den Stil zu bewahren und ihn gleichzeitig wandelbar zu halten: So wird das Literarische Schreiben zu einer Abenteuerreise durch die eigene Fantasie. In der Musik würde ich sagen: Crossover. Jeder Stil hat seine Reize, aber ich muss alle möglichen Stile zu meinem eigenen Stil verschmelzen.

Es gibt den Text und das Genre, und beide muss ich irgendwie verbinden – dachte ich. Falsch! Meinen Stil finde ich nur, wenn ich ihn suche und nichts anderes, keine künstliche Verbindung zwischen Modul A (Text) und Modul B (Genre). Was will ich – erzählen?

Dem Atem folgen

Einfache Übung: dem Atem der eigenen Worte folgen und mitschreiben. Ich sage zum Beispiel: Hier im isländischen Winter, wo die Tage langsam heran- und schnell herabdämmern, wo ständig Sturmwinde pfeifen und Schneemassen verwehen, herrscht dennoch eine überraschende Stille, bezaubernd, zerbrechlich, zart.

Ich habe beim Schreiben überlegt: „Hier im isländischen Winter, wo die Tage nur langsam ...“

Oder: „... entsteht eine Stille, die besonders ist ...“

Aber exakt so wie der Satz oben, das ist mein Stil. Er ist meine Visitenkarte, 90 Prozent meines Kapitals als Autor – mein Gesicht, wie man bei Schauspielern sagt. Er kann trotzdem Inhalte vermitteln, Spannung erzeugen, ein Genre bedienen.

Erfolgstitel leben nicht immer von einer unverwechselbaren Autorenstimme. Manchmal schon, das sind die Glücksfälle. Ich persönlich habe mit dem Literarischen Schreiben sehr gute Erfahrungen gemacht, aber eine zu hohe Dosis davon kann riskant sein. Ich werde kunstvoller schreiben, dafür unter Umständen weniger marktverträglich als die Kolleginnen und Kollegen an den Spitzen der Bestsellerlisten. Wobei gute Verlage einem unverwechselbaren Stil nie widerstehen werden können – und Autorinnen wie Herta Müller oder Elfriede Jelinek für ihre Variante des Literarischen Schreibens ja reich belohnt wurden: mit dem Literaturnobelpreis.

Wer also forciert einen Erfolgstitel schreiben will, sollte in erster Linie ein Fleißarbeiter und Langstreckenläufer sein, der sein Genre in- und auswendig kennt. Wenn man diese Tugenden aber mit denen des Literarischen Schreibens kombiniert, wird dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas Einmaliges herauskommen ...

Die Leser abholen?

Wie hole ich meine Leserinnen und Leser ab? Diese Frage sollte abschließend geklärt werden, um die Wahl der Mittel beim Schreiben zu bestimmen. Hole ich sie mit dem eleganten Achtmaster ab (Literarisches Schreiben) – oder mit dem hocheffizienten Maschinenboot (Erfolgstitel)? An welcher Seefahrt werden sie lieber teilnehmen? Was sollen sie nachher überhaupt mit ihr verbinden: eine gelungene und schnelle Überfahrt – oder einen unverwechselbaren Segeltörn?

Eines fällt mir oft auf (weil wir bei den Literaturnobelpreisträgern waren), auch in meiner Reykjavíker Stipendiatenwohnung: Herta Müller war hier, aber nicht Timur Vermes. Und das ist schade. Denn so sind wir Autorinnen und Autoren scheinbar zwischen zwei Kulturen zerrissen (die in Wirklichkeit doch eine sind): hier die Edelfeder, dort der Bestseller-König. Beide Kulturen kombinieren zu können, das ist für mich der eigentliche Wert des Literarischen Schreibens. Also: der Edelfelder-Beststeller-König (respektive die -Königin) werden zu können. Und so gesehen trägt auch Herta Müller einen Timur Vermes in sich – und vermutlich auch umgekehrt.

 

Autor: Jan Decker | www.decker-jan.de
In: Federwelt, Heft 119, August 2016