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Kulturelle Vielfalt in Büchern

Federwelt
Cally Stronk
Cally Stronk interviewt Sensitivity Readerin Victoria Linnea zum Thema Kulturelle Vielfalt in Büchern

Wie stellen wir die Vielfalt in unserer Gesellschaft in Büchern dar, ohne unabsichtlich jemanden zu verletzen, zu diskriminieren – und auch: ohne Vorurteile zu bestätigen? Diese Frage beschäftigt die lllustratorin Constanze von Kitzing und mich bei unseren gemeinsamen Projekten.

Wir wollen Geschichten erzählen, mit der sich verschiedenste Kinder identifizieren können. In unserer Kinderbuchserie Leonie Looping entschieden wir uns dafür, ein diverses Figurenteam abzubilden, das gemeinsam die Abenteuer erlebt, ohne die Hautfarben zu thematisieren. Jede Figur darf mal stark und mal schwach sein, sie retten sich gegenseitig oder helfen gemeinsam Tieren in Not und lösen Umweltprobleme. Groß Thema war das in der Kommunikation mit dem Verlag nicht, wir haben das einfach so gemacht.

Kulturelle Vielfalt bei Verlagen

In welcher Form vielfältige Geschichten bei Verlagen erwünscht sind, ist sicher unterschiedlich. Ich habe mal beim Südpol Verlag nachgefragt, worauf er bei Kinder- und Jugendbüchern in Sachen Vielfalt achtet.
„Uns ist wichtig, dass die jungen Leserinnen und Leser ihre heutige Lebensrealität in den Büchern wiederfinden“, sagen auch die Verlegerinnen Andrea Poßberg und Corinna Böckmann. „Das beinhaltet die vielfältige Bandbreite unserer Gesellschaft mit alleinerziehenden Elternteilen, Kindern mit Handicap, Kindern mit Migrationshintergrund über Patchworkmodelle bis hin zu Regenbogenfamilien mit homosexuellen Eltern. Bei der Manuskriptsichtung achten wir zum Beispiel darauf, ob die Texte ohne tradierte Rollenbilder und Geschlechterklischees auskommen.“
Allen, denen es vor allem um die Darstellung ethnischer Vielfalt geht, raten sie, die Hände von verklärter Romantik zu lassen. Auch ein „zur Schau stellen“ ginge gar nicht. Wichtig seien „gute Recherche“ und „Authentizität“, wobei eine mitreißende Geschichte immer im Vordergrund stehen müsse.
Manchmal reicht das aber definitiv nicht. Eine Bilderbuchlektorin aus einem anderen Verlag, die anonym bleiben möchte, gestand mir: „Mir tut es schon immer leid, wenn mir Bilderbuchlizenzen mit Schwarzen Protagonisten angeboten werden, weil ich weiß, dass wir das nicht einkaufen werden. Das verkauft sich bei uns nicht.“ Sie findet es selbst schrecklich. Und doch bleibt es Fakt: Es gibt Verlage, bei denen bestimmte Stoffe keine Chance haben.

Wie beschreibe ich People of Color, ohne jemanden zu verletzen?

Eine der heißesten Fragen für alle, die Vielfalt in ihren Texten wollen, ist vielleicht: Wie beschreibe ich am besten People of Color? Ist es okay, von „milchkaffeefarbener Haut“ zu schreiben? Darf ich Augen als „mandelförmig“ bezeichnen? Oder oute ich mich damit vielleicht unbeabsichtigt als RassistIn? Um das und mehr zu klären, habe mich mit der Freien Lektorin und Sensitivity Readerin Victoria Linnea getroffen und mit ihr darüber gesprochen, wie man rassistische Motive in seinen Texten vermeiden kann:

Liebe Victoria, du bist Sensitivity Readerin, das heißt, du achtest auf problematische Darstellungen und sogenannte Mikroaggressionen in Manuskripten – wobei du auf Rassismus-Erfahrungen und Sexismus spezialisiert bist. Wie kam es dazu?
Ich bin beim Lektorieren über problematische Darstellungen und Ausdrucksweisen gestolpert. Eine Gruppe Jugendlicher benutzte zum Beispiel das Schimpfwort „Du Mädchen!“. Da habe mich gefragt, ob das Absicht ist, ob der Autor bewusst seine Romanfiguren Mädchen abwerten lässt. Wenn ja: Wird das Thema noch mal bearbeitet oder aufgelöst? Wenn nein: Ist das wirklich nötig?
Dann habe ich angefangen, Fragen wie diese an den Textrand zu schreiben, und habe mit den AutorInnen darüber geredet.

Was sind Mikroaggressionen?
Mikroaggressionen sind meist wohlwollende Äußerungen, die aber andere Personen abwerten oder ausgrenzen. Es sind Sätze wie „Du sprichst aber gut Deutsch!“, „Nein, jetzt sag mal, wo kommst du wirklich her?“, „So richtig Schwarz bist du ja nun auch nicht!“ oder „Warum musst du eigentlich kein Kopftuch tragen?“ oder: „Für mich sind alle Menschen gleich.“ Sie sollen Freundlichkeit und Interesse vermitteln, enthalten aber unterschwellig Rassismen und sind verletzend bis beleidigend. Manchmal sprechen sie den Betroffenen sogar ihre Erfahrungen ab.
Der Begriff „Mikroaggression“ stammt übrigens aus den 1970ern. Geprägt wurde er vom US-amerikanischen Psychiater Chester M. Pierce, um ein Wort für diese Art von Äußerungen zu haben.

Und das ist Teil des Lektorats?
Nein, das Prüfen auf fehlerhafte Darstellungen oder Mikroaggressionen im Text ist eine zusätzliche Arbeit während des Lektorats. Man kann aber auch schon vorher den Inhalt zum Beispiel mit Hilfe eines Exposés besprechen.

Worauf achtest du dabei?
Es gibt problematische Inhalte, die man vermeiden sollte, wie die White-Saviour-Narrative: Die weißen privilegierten Menschen retten den armen Schwarzen ...

Wie bei Ziemlich beste Freunde? Der Film wird ja in den USA von verschiedenen Gruppen als sehr rassistisch empfunden.
Ich selbst kann nicht für Schwarze Menschen sprechen. Aber bei Ziemlich beste Freunde werden die Schwarzen wie folgt dargestellt: Sie sind arm, die Familie funktioniert nicht, die Frauen sind alleinerziehend, sie haben keine Impulskontrolle … Es ist ein häufiges Klischee in Geschichten, dass sich Schwarze nicht im Griff haben und in Armut leben.
Aber auch bei Fantasyromanen oder Science-Fiction muss man beachten, dass die fiktive Welt mit den Fantasiewesen eine Abbildung unserer Gesellschaft ist. Wenn man ein ausgedachtes Elfenvolk mit gelber Haut und schwarzen Haaren darstellt, ihnen schmale Augen gibt und sie mit Stäbchen essen lässt, liest es sich wie eine Anspielung. Wenn man sie zusätzlich noch mit klischeehaften Eigenschaften spickt, ist es kritisch, weil man damit ein unterschwelliges Urteil abgibt.
Man kann als AutorIn darauf pochen, dass es die eigene Fantasywelt ist und es keine Anspielungen sind. Aber wenn man Rücksicht nehmen möchte, kann man auch mal ein bisschen zurückschalten und überdenken, was man geschrieben hat oder schreiben will.

Was ist denn ein typisches No-Go für dich?
Bei jedem Manuskript fällt mir etwas auf, worüber ich mir noch keine Gedanken gemacht habe. Ich merke, dass die Darstellungen problematisch sind und frage mich selbst nach dem Grund und suche nach Lösungen. Ich lerne dabei jedes Mal. Deshalb gibt es kein klares No-Go.
Theoretisch kann man in seinen Roman alles schreiben, was man möchte. Aber wenn man vorurteilsvolle, herabwürdigende oder stigmatisierende Darstellungen benutzt, hat es Auswirkungen auf die Betroffenen.

Bei einer Pädagogik-Fortbildung haben wir mal ein Spiel gemacht, da gab es eine Linie, die den Boden in zwei Bereiche getrennt hat: in „Ja“ und „Nein“. Dann wurden uns Fragen gestellt: „Wurdest du schon mal wegen deines Namens gehänselt? Hat deine Familie schon mal soziale Unterstützung bekommen?“ Du musstest dich klar entscheiden – das war ein unglaublich komisches Gefühl, auf der Seite zu stehen, wo weniger sind. Das hat einen Bewusstwerdungsprozess angeregt. Es ist kein Problem, wenn du Teil der privilegierten Mehrheit bist. Es geht darum, wie sich die Minderheit fühlt ...
Was sind die größten Fehler, die Autorinnen und Autoren in ihren Texten machen können?

Wenn sie andere Kulturen aus der eigenen Sicht beschreiben, ohne darüber nachzudenken, wie sich die Menschen aus dieser Kultur selbst sehen. Gerade beim personalen Erzähler sollte man darauf achten. Wenn eine Ostasiatin im Text über sich selbst sagt: „Ich habe schräg stehende Mandelaugen und hohe Wangenknochen“, ist es nicht ihre Stimme, sondern der westliche Blick auf eine Ostasiatin. So würde sie sich nicht selbst beschreiben.

Das heißt, es wäre gut, wenn es zur Recherche gehört, sich mit der Kultur auseinanderzusetzen, nicht nur durch Literatur, sondern auch im Austausch mit Angehörigen dieser Kultur selbst ...
Ich habe bei Twitter mal eine Anfrage gestellt, ich bat Buchmenschen, mir Textstellen zu schicken, in denen People of Color beschrieben werden. Ich habe gehofft, dass sich betroffene Leute melden, damit man von ihren Einschätzungen lernen kann. Leider ist die Diskussion nicht so geglückt. Die einzige Woman of Color, die sich dazu geäußert und ihre Erfahrungen geschildert hat, wurde von weißen NutzerInnen infrage gestellt. Es wurde nicht akzeptiert, dass sie die Darstellungen verletzend fand. Sie hat sich dann aus dem Gespräch zurückgezogen, das fand ich sehr, sehr schade. Ich habe zwar noch privat Textstellen von anderen People of Color geschickt bekommen, aber am Ende war es nur noch eine Diskussion unter Weißen.
Wenn die Möglichkeit besteht, sich die Erfahrungen von People of Color anzuhören und von ihnen zu lernen, dann nutzt die Chance. Es gibt viele YouTuberInnen, BloggerInnen und PodcasterInnen – und natürlich Sensitivity Reader.
Es ist so wichtig, sich die Meinung von den Personen anzuhören, die wir in unseren Romanen beschreiben. Wir haben oft keine Ahnung, wie wir die Hautfarbe von Schwarzen Menschen beschreiben sollen und greifen dann auf Ausdrücke wie „Er hat eine Haut wie Milchkaffee“ zurück. Das ist nicht nur exotisierend und fetischisierend, da hängt auch die ganze Kolonialgeschichte dran. Das kann ich als Deutsch-Asiatin nicht nachempfinden. Diese Informationen hab ich mir auch nur angelesen von einer Schwarzen Autorin, die sich damit beschäftigt. Sie klärt in ihrem Blog auch auf, dass der Vergleich mit Kaffee oder Kakao kritisch ist, weil ...

Linktipps

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Autorin: Cally Stronk | https://callystronk.blogspot.com | cally@stronk.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 136, Juni 2019
Foto: Christian Friedrich

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