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Krimiwissen: Gift als Mordwaffe

Federwelt
Dr. Sibyl Quinke
Fliegenpilz als Motiv zum Federwelt-Artikel "Krimiwissen: Gift als Mordwaffe"

Für den (Regel-)Krimi brauchen wir eine Leiche. Und mit Gift ist eine saubere Sache. Stellen Sie sich vor: der Anwalt erschossen, überall Blutspritzer an der Wand. Oder die Ärztin erstochen, die Blutlache auf dem Teppich – was für eine Sauerei! Und wer macht das alles sauber?
Doch wie funktioniert das mit dem Gift? Die Antwort hat uns Theophrastus Bombastus von Hohenheim gegeben, ab 1529 nannte er sich Paracelsus: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.“ – Also, die Dosis macht’s! Das stimmt nicht ganz, aber dazu später.

 

Die Herausforderung: Der Körper wehrt sich

Wenn ich meinen Protagonisten vergiften will, ist eine Frage besonders wichtig: Wie mache ich das?
Man sieht es regelmäßig in Filmen: Der Inhalt eines Fläschchens wird in Whisky oder Tee geschüttet, das Opfer trinkt, bemerkt nichts und fällt anschließend tot um. Das klappt eventuell noch bei Zyankali, in der richtigen Dosierung versteht sich, aber funktioniert in der Realität meist nicht.
Zwingende Vorrausetzung, um jemanden zu vergiften: Ich muss das Corpus Delicti, das Gift, in den Körper des Opfers hineinbringen. Das ist nicht immer so filmeinfach, denn der Körper wehrt sich. – Oft schmeckt die Substanz sehr bitter und/oder das Vergiftungsopfer erbricht. Denn unser Organismus verfügt über ein sogenanntes protektives System, das heißt, er versucht sich selbst zu schützen.
Ich will das kurz erläutern. Das gilt nicht nur für Gift. Nehmen wir eine heiße Herdplatte: Sie berühren sie und ziehen sofort Ihre Hand weg. Alles andere wäre fatal. Sie werden sich kaum aufstützen und feststellen „Oh, es ist heiß!“ und dann anfangen zu überlegen, was Sie tun wollen, etwa die Hand gar braten lassen oder wegnehmen. Nein, Ihr Organismus schützt Sie. Sie ziehen die Hand reflektorisch weg, ohne dass Sie die Chance bekommen darüber nachzudenken.
Auch Durchfall und Erbrechen sind Schutzmechanismen. Sie werden oft auf der Packungsbeilage von Arzneimitteln unter der Rubrik Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten erwähnt, gern verklausuliert als „gastrointestinale Störungen“. Arzneien/Medikamente sind fast immer giftig. Doch richtig portioniert nutzen sie dem Patienten. Nur wenn er oder sie zu viel davon einnimmt, zeigen sich Vergiftungserscheinungen. Dabei ist es dem Organismus völlig gleichgültig, ob es sich um ein Arzneimittel handelt oder um vergammelte Wurst oder um Cholera-Bakterien.

Womit bringt die Mörderin das Opfer um?

Wenn ich unter Kolleginnen und Kollegen nach bekannten Giften frage, bekomme ich meistens Antworten, die nur aus einem Wort bestehen: „Zyankali.“ „Arsen.“ „Eisenhut.“ Als wenn damit der Krimi schon geschrieben wäre. Oder es heißt: „Zyankali ist ja langweilig, das kennen wir alle.“ Also, ich finde Zyankali überhaupt nicht langweilig.
Zyankali ist ein wunderbares Gift! Es riecht so lecker nach Mandeln! Meine Mörderin, nennen wir sie Irene, könnte ihr Mordopfer zum Kaffee einladen und für diesen Nachmittag Mandelhörnchen backen. Das Gift würde Irene erst nach dem Backen einspritzen, damit es während des Backvorganges nicht als Blausäure verschwindet. Zyankali wirkt extrem schnell, in wenigen Minuten – korrekt dosiert versteht sich –, sodass das Mordopfer vor der Polizei keine Aussagen mehr machen kann. Zwar gibt es ein Gegenmittel, aber so schnell lässt sich das nicht heranschaffen.
Jetzt braucht Irene nur noch das Gift. Wo kriegt sie es her? Gifte kann man grundsätzlich in der Apotheke kaufen. Sie waren alle schon einmal in einer Apotheke, haben Ihr Rezept hingelegt und kurz darauf Ihre Medikamente erhalten. Das funktioniert, denn der Apotheker unterliegt einem sogenannten Kontrahierungszwang: Er muss die Medikamente besorgen und das Rezept beliefern. Doch welche Ärztin schreibt auf ein Rezept: ein Pfund Zyankali? – Sie kennen keine? Ich auch nicht, aber macht nichts. Zyankali ist nicht verschreibungspflichtig. Sie brauchen gar kein Rezept. Günstig für eine Giftmörderin wie Irene.
Also geht Irene in eine Apotheke und verlangt ein Pfund Zyankali. Der Apotheker wird sie fragen: „Wofür brauchen Sie es denn?“ Denn er entscheidet vor Ort, ob er Irene oder sonst jemandem das verkaufen mag. (Noch! Gesetzliche Änderungen sind in Vorbereitung.) Um ihm die Entscheidung zu erleichtern, sollte Irene einen seriösen Eindruck machen und eine gnadenlos gute Begründung bereithalten … Ich weiß keine. Aber Sie und Ihr Mörder sind vielleicht schlauer. Sie wissen eine und haben auch eine Apothekerin gefunden, die ihm das abnimmt. (Juweliere haben es früher gerne verwendet, um ihr Gold mit einem besonderen Glanz zu versehen.)
Nehmen wir an, Ihre Apothekerin glaubt Ihrem Mörder. Sie besorgt das Gift, dann muss er sich ausweisen und seine Personalien werden in das Giftbuch eingetragen. Wenn dann in Kürze in der Zeitung steht „Schwiegermutter mit Zyankali vergiftet!“, ist das für unseren Mörder ungünstig.

Lieber mit Arsen?

Nehmen wir halt Arsen, das soll auch mit Spitzenhäubchen funktioniert haben. Es eignet sich hervorragend zum Vergiften: Es ist geruchlos, weiß, schmeckt leicht süßlich und kann gut unter das Essen gemischt werden. – Arsen, genauer Arsenverbindungen, wirken ab 60 Milligramm.
Die lange Latenzzeit der Arsenvergiftung kann der Täter gut für sein Alibi nutzen. Schon die Griechen und Römer wussten von seiner Wirkung und setzten es ein. Bei den Arabern gehörte das Wissen um seine Giftigkeit bereits im achten Jahrhundert zum Allgemeinwissen, und ab dem 14. Jahrhundert war es an französischen Königs- und Fürstenhäusern beliebt, bis es dann auch Italien erreichte. Alternativ zur akuten Vergiftung bot sich die chronische Vergiftung an. Gab man dem Opfer regelmäßig geringe Dosen Arsen, so verlor es den Appetit, die Liebe zum Leben, hatte ständig Durst. Kraftlosigkeit und Abzehrung wurden als Krankheitszeichen fehlgedeutet: Die Haut war feucht und kalt, es gab Lungenprobleme, bis das Opfer endlich starb.
Außerdem war es ein beliebtes Gift bei Hofe, in Versailles wie auch Florenz. Nicht umsonst erhielt das Arsen den Beinamen „poudre de succession“: Erbschaftspulver. 
Gustave Flauberts Madame Bovary hat damit Selbstmord verübt. Und Marie-Madeleine-Marguerite d’Aubray, die Marquise de Brinvilliers, nutzte es zusammen mit ihrem Lover Sainte-Croix und tötete so mehrere Verwandte und andere ihr unliebsam gewordenen Zeitgenossen. Um die Dosis auszutesten, wendeten sie das Arsen zuvor an einem Dienstboten und an etwa fünfzig weiteren Menschen, meist todgeweihten Kranken, im Hôtel-Dieu an.
Also, das perfekte Mittel? Leider nein. Mit heutigen Mitteln lässt sich der Einsatz von Arsen sehr lange nachweisen, abgesehen davon hat Irene, wenn sie es kaufen will, dasselbe Theater wie mit dem Zyankali vor sich. Auch Arsen gibt es nicht im Supermarkt.
Apropos Supermarkt. Es lohnt sich dort zu schauen, dort gibt es Gifte en masse und alles ohne Giftbuch!
Also geht Irene zum REWE oder zu ALDI. Was gibt es da? Putzmittel, Waschpulver, Ameisenköder. Dass die giftig sind, steht auf den Verpackungen. Alle sind besonders gekennzeichnet, und zwar in Form von Piktogrammen. Obwohl, das Gesetz kennt gar keine Gifte, sondern nur Gefahrstoffe. Das Problem: Wird ihr Opfer locker ein Gläschen Dan Klorix oder Domestos trinken?

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Autor: Dr. Sibyl Quinke | http://sibylquinke.de/ | dr-quinke@t-online.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 135, April 2019
Blogbild: Photo by Samuel Elias on Unsplash

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