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Die richtige Schreibmethode finden – aber wie?

Federwelt
Andreas Eschbach
Autor Andreas Eschbach

Von Leonard Bernstein stammt der Satz: „Um große Dinge zu erreichen, sind zwei Dinge nötig: ein Plan – und zu wenig Zeit.“
Da ist was dran.
Finden wir uns nämlich mit einer engen Deadline konfrontiert, aus der wir uns nicht herausreden können – sprich: Schlimme Dinge passieren, wenn wir den Termin nicht einhalten –, dann aktiviert das in uns alle Kräfte. Auf einmal erkennen wir mühelos, was wichtig ist und was nicht, was zum Ziel führt und was nur Ablenkung ist, und überhaupt sehen Ablenkungen in diesem Moment nicht mehr so verlockend aus wie sonst.

Haben wir dagegen reichlich Zeit, verlieren wir uns nur zu gern in Aktivitäten, die uns zwar beschäftigen, aber zu nicht viel führen.
Das erklärt, warum mitunter Leute dicke Romane geschrieben kriegen, die sich die Zeit fürs Schreiben von einem dicht gepackten Tagesplan abzwacken müssen, während andere, die sich ein Jahr frei nehmen, „um sich ganz ihrem Werk zu widmen“, am Ende dieses Jahres oft nur mit unbrauchbaren Fragmenten dastehen und sich wundern: Ist wirklich so viel Zeit mit Surfen, Computerspielen und Herumhängen in Cafés draufgegangen?
Nun sollte man sich als Schriftsteller um Himmels willen nicht angewöhnen zu warten, bis man unter Termindruck gerät, um dann die Nächte durchzuschreiben: Derlei führt, wie viele Biografien lehren, zu einem ungesunden Lebenswandel, zu Kaffeemissbrauch, von anderen Drogen ganz zu schweigen, und nicht selten zu einem verfrühten Ableben.
Aber ein bisschen Termindruck dann und wann kann durchaus lehrreich sein!
Gerade wenn man leidenschaftlich „How to write“-Bücher liest und sich gern mit anderen über Schreibmethoden austauscht (der Autor dieser Zeilen bekennt sich schuldig in beiden Punkten), passiert es leicht, dass man so viele Arten und Weisen kennt, an eine Romanidee heranzugehen, dass man sich nicht mehr entscheiden kann, welche davon man nehmen soll. Man probiert es mit Methode A, stößt auf Schwierigkeiten und denkt, hmm, vielleicht hätte ich doch Methode B anwenden sollen. Man verwirft, probiert es anders, kommt nicht vorwärts … Kurz, man ist verwirrt.
Hier kann Termindruck Klarheit schaffen.
Dieser Effekt ist mir erstmals bei den 44 Stunden von Wolfenbüttel aufgefallen.

Schreiben unter Druck – und was dann passiert
Zur Erklärung: In den Nullerjahren habe ich, zusammen mit Klaus N. Frick, dem Chefredakteur der Perry-Rhodan-Serie, Schreibseminare an der Bundesakademie in Wolfenbüttel gegeben. 2005 inszenierten wir ein ehrgeiziges Experiment: Wir wollten versuchen, einen kompletten Roman von mindestens 300 Seiten an einem einzigen Wochenende zu schreiben – indem wir die 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleichzeitig daran arbeiten ließen.
Das Seminar begann am Freitag um 16 Uhr und endete am Sonntag um 12 Uhr: Das waren genau 44 Stunden für Schreiben, Essen und Schlafen. In dieser Zeit würde jeder mindestens 20 Seiten verfassen müssen, was für die meisten durchaus eine Herausforderung war. Wir wussten also nicht, ob es funktionieren würde.
Damit hatten wir echten Termindruck gesetzt: Am Sonntagmittag um 12 Uhr würden wir einen fertigen Roman von 300 Seiten geschafft haben – oder eben nicht. Hinzu kam sozialer Druck, denn natürlich wollte niemand derjenige sein, an dem das ganze Projekt scheiterte.
In dieser Situation dachte keiner mehr über Methoden nach. Jeder griff instinktiv zu der Arbeitsweise, die für ihn oder sie die beste war. Und für viele hatte diese intensive Erfahrung einen klärenden Effekt; einige von denen, die daran teilgenommen haben, sind heute regelmäßig…

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Autor: Andreas Eschbach | www.andreaseschbach.de | mail@andreaseschbach.com
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 136, Juni 2019
Foto: Olivier Favre

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