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Die Ewiggestrigen: Über die Schwierigkeit, glaubwürdige Charaktere zu erschaffen

Federwelt
Oliver Uschmann
Tischlampe als Symbol für Ewiggestrige

In vielen Drehbüchern (und auch Büchern) ist die Zeit stehen geblieben. Rentner haben dort weiterhin Nazi-Erfahrung und Eltern benehmen sich, als wären sie Spießer aus der Zeit der Hosenträger und Nierentische. Den Autorinnen und Autoren möchte man zurufen: Werdet endlich realistisch!

Die Musik scheppert zornig aus dem kleinen Player von Tyler Down. Der Teenager gehört zu den Sonderlingen und Außenseitern an seiner Schule und sucht nach einer Methode, damit umzugehen. Sein neuer Schulfreund Cyrus hat den Punk in sein Leben gebracht. Gemeinsam hören sie das wütende Geholze aus den frühen Siebzigern und malen sich selbst T-Shirts mit der Aufschrift „Assholes“.
Tyler und Cyrus sind Charaktere aus der zweiten Staffel von 13 Reasons Why (in Deutschland: Tote Mädchen lügen nicht), die zu den größten Erfolgsserien von Netflix zählt – nicht nur in Zahlen. Das Jugenddrama hat Aufsehen erregt und „Presse erzeugt“. Die Geschichte um den Selbstmord eines jungen Mädchens namens Hannah Baker gilt vor allem in den USA als schwerst jugendgefährdend. Denn Hannah offenbart auf dreizehn (Audio-)Kassetten ihre Gründe für den Freitod und bringt damit Mobbing, Psychoterror und Vergewaltigung an ihrer High School ans Licht. Wie schon 1774 beim Erfolgsroman des jungen Goethe fürchtete man auch bei 13 Reasons Why den „Werther-Effekt“. Labile junge Menschen, die sich mit der Protagonistin oder anderen Außenseitern der Serie identifizieren, könnten dazu angeregt werden, es mit dem Selbstmord einmal selber zu versuchen. Oder mindestens mit dem Ritzen, dem Drogenkonsum oder anderen, selbstzerstörerischen Verhaltensweisen. Wobei sich als allererstes die Frage stellt: Verhalten sich Kinder und Eltern in dieser Serie eigentlich tatsächlich so realistisch, dass das Identifikationsangebot flächendeckend angenommen werden kann?

Tylers Mutter: ein Fünfzigerjahre-Abziehbild?

Wieso die Antwort auf diese Frage „Nein!“ lautet, sieht man sehr schön, als Tylers Mutter sein Zimmer betritt und mit sorgenvoller Miene auf den Punkrock reagiert, den ihr einst so lieber Junge plötzlich hört. Vom Lärm angewidert, bittet sie ihn, „diese Musik“ leiser zu stellen, setzt sich auf die Bettkante und verwickelt den Teenager in ein Gespräch über den zornigen Sound und sein „Assholes“-Textil. Der Dialog offenbart keinerlei echtes Interesse der Mutter an der Frage, was genau ihren Sohn mit einem Mal so wütend macht. Sie versucht einzig und allein, ihn wieder in den engen Korridor anständigen Benehmens und Geschmacks zurückzuschieben. Zwar geht sie dabei sanfter und behutsamer vor, als es die Eltern der Fünfziger beim Aufkommen des Rock’n’Roll getan hätten, aber inhaltlich keinen Deut anders. Eine vollkommen hanebüchene Reaktion, wenn man bedenkt, dass eine Frau, die Mitte der Zehnerjahre des neuen Jahrtausends einen 17-jährigen Sohn hat, selber erst ein Teenager war, als Grunge seine Hochphase hatte. Die ersten Punkplatten wiederum hat ihre eigene Mutter als Teenager erlebt. Der Schockeffekt dieses Stils hatte sich bereits abgenutzt, als Tylers Mutter noch ein Kleinkind war. Warum also als Mutter der Gegenwart dermaßen biedermeierlich auf eine fast fünfzigjährige Zornkultur zu reagieren? Und Tylers Mutter ist nicht die Einzige …

Von den Autoren geschaffen: Ein Graben zwischen Eltern und Kindern

Die Jugendlichen dieser Serie machen sämtliche inneren Konflikte ausschließlich mit sich selbst aus. An der sarkastisch „Liberty High“ benannten Schule geht es um Missbrauch und Mobbing der schlimmsten Sorte. Doch keines der zahllosen Kinder fragt seine Eltern um Rat oder tauscht sich auch nur ansatzweise mit ihnen über die Wahrheit aus. So viel Distanz zu den eigenen Erzeugern findet sich in der echten Welt nur in Ausnahmefällen, aber niemals in der Regel. Ebenso wenig wie die Blindheit, Ignoranz und Borniertheit der hier porträtierten Elterngeneration. Alle Eltern werden inszeniert, als wären nicht nur Protestkultur und Reformpädagogik spurlos an ihnen vorbeigegangen, sondern auch das Hineinwachsen der Psychologie in das breite Alltagswissen durch unzählige populäre Ratgeber.

Was müsste wirklich schockieren?

Wäre die Mutter von Tyler Down eine echte Erziehungsberechtigte des 21. Jahrhunderts, hätte sie sich weniger um den ach so schockierenden Musikgeschmack ihres Sohnes gesorgt, sondern vielmehr um dessen frisch entfachtes Interesse an Handfeuerwaffen. Während sie ihm implizit verbietet, das „Assholes“-T-Shirt in der Schule zu tragen, spendiert sie Tyler und seinem Freund ein Training auf der Schießanlage. Das mag ein böser Kommentar des Autors zur irritierenden Selbstverständlichkeit privater Waffen in Amerika sein, ist aber ebenfalls unsinnig, wenn man die echten Generationserfahrungen der Eltern bedenkt. 1999 fand der ikonisch gewordene Amoklauf an der Columbine High School statt. Die Blaupause für ein Klischee, das sich leider immer wieder bestätigt: gemobbte Außenseiter plus Waffen = Massenmord. Gegen Ende der zweiten Staffel läuft es auch tatsächlich auf den Versuch eines Attentats hinaus. Tyler kehrt kurz zuvor von einem mehrwöchigen Erziehungscamp als neuer, positiverer Mensch an die Schule zurück und wird dort von seinen alten Peinigern auf dem Schulklo brutal mit einem Besenstiel vergewaltigt. Im Staffel-Finale nähert er sich mit zwei Pistolen und einem Sturmgewehr dem Schulball. Wer mit Columbine und der damaligen Dokumentation von Michael Moore aufgewachsen ist, bei dem schrillen die Alarmglocken nicht bei Punkscheiben, sondern bei der scharfen Munition, mit der das Kind im Wald auf Flaschen und Dosen schießt und aus der später eine ganze Artillerie erwächst.

Und die Großeltern?

Während die Drehbuch-Eltern von heute in den Fünfzigern oder Sechzigern feststecken – und die die Romaneltern häufig in den Siebzigern –, platziert man die Großeltern seit Jahrzehnten im Zweiten Weltkrieg ... Wer heute mit 75 Jahren über das Kopfsteinpflaster der Altstadt schleicht, ist 1943 geboren und war in seinen besten Jahren, als die Beatles sich anschickten, die Welt zu verändern. Die Rentner von heute sind die Hippies von gestern. Dennoch entblöden sich selbst die klügsten, subtilsten und künstlerisch wertvollsten Produktionen, so zu tun, als hätte es das Vierteljahrhundert zwischen dem Rentner von damals und dem Rentner von heute niemals gegeben. Als Beispiel sei hier der wunderbare Film Oh Boy von Jan-Ole Gerster genannt. Die langsam erzählte, kafkaeske Geschichte begleitet den langzeitjugendlichen Tunichtgut Niko auf einer Stationenreise durch Berlin und Umgebung, die ihn erst ganz zum Schluss dazu anregt, das Leben als etwas Verbindliches zu betrachten, das angepackt und gewertschätzt gehört. Niko wird er in einer finsteren Bar von Rentner Friedrich in ein Gespräch verwickelt, der von seiner Kindheit um die Ecke erzählt. In das unschuldige Spiel des kleinen Jungen auf den Berliner Straßen mischen sich nach und nach bedrohliche Motive von verfolgten Menschen und zerberstenden Scheiben. Satz für Satz wird klar, dass Friedrich von den Novemberpogromen der Reichskristallnacht redet.

Die unterschlagenen Jahre

Der Film spielt in 2012. Wenn Friedrich im Winter 1938 ein rund sechsjähriger Junge gewesen sein soll, müsste er als tattriger Achtzigjähriger an der Bar sitzen. Tattrig ist Friedrich zwar und erliegt, der Dramatik geschuldet, auf der Straße einem Herzinfarkt, doch 80 ist weder der Filmcharakter noch sein Darsteller Michael Gwisdek. Jener ist 1942 geboren und hat seinen Fußball somit in der Nachkriegszeit gegen die ersten, wieder errichteten Hauswände gekickt.
Was lässt manche Drehbuchautoren von heute immer wieder Zeit unterschlagen, um so tun zu können, als seien Eltern weiterhin unflexible Spießer und die Großeltern mit den seelischen Narben des Zweiten Weltkriegs versehen?
Wir meinen: Die wahrscheinlichste Antwort liegt in der Psychologie verborgen, genauer gesagt in dem Doppelpack aus Abgrenzungsdrang und mangelnder Akzeptanz des eigenen Alterns. Wer heute Drehbücher für Jugenddramen oder Tragikomödien über die Quarterlife-Krise schreibt, ist selbst meist zwischen 35 und 55 Jahre alt. Die Einfühlung in jüngere Charaktere und die Tätigkeit in einer Branche, die sich per se juveniler gibt, als die Pässe es erlauben, sorgen dafür, dass beim Schreiben stets das Gefühl der eigenen Jugend hervorbricht. Der süße, zornige Zucker der Abgrenzung gegen die damaligen Eltern und das damalige Establishment mit den popkulturellen Mitteln der damaligen Zeit.
Wie soll man akzeptieren, dass alles, was einen damals zum Rebellen machte, heute längst Teil der Elternkultur und des gegenwärtigen Establishments ist? Wie soll man ertragen, dass Väter in T-Shirts von Iron Maiden beim Elternsprechtag auftauchen? Das Einfrieren der Zeit im Zustand der eigenen Jugend erscheint uns als Methode der Verdrängung und Identitätsbewahrung – zu Lasten der Glaubwürdigkeit.

Es geht auch anders

Wie anders es geht, zeigen Produktionen, in denen man der Tatsache, dass die eigenen Eltern bereits Rebellen waren oder immer noch sind, Tribut zollt. Der Schönheitschirurg Dr. Christian Troy aus der Fernsehserie Nip/Tuck beispielsweise lebt als sexbesessener und drogenvernarrter Hedonist nicht gerade das Leben eines verantwortungsbewussten Erwachsenen. Als sich herausstellt, dass der Sohn seines vergleichsweise vernünftigen Praxiskompagnons Sean in Wirklichkeit sein Sprössling ist, wirft das den Sohn und seinen leiblichen Vater zugleich in eine tiefe Krise. Sich von so einem Erzeuger abzugrenzen, wird dem zornigen Adoleszenten im Laufe der Serie nur noch als Neonazi möglich.
Akte X-Star David Duchovny spielte in sieben Staffeln Californication den trunksüchtigen, chaotischen und sich auf den Lorbeeren eines einzigen Bestsellers ausruhenden Schriftsteller Hank Moody. Eine junge Frau stiehlt sein neues Manuskript und gibt es als ihres aus, weil sie ihn nach dem Sex in der Hand hat. Er wusste nicht, dass sie noch minderjährig ist. Um seine eigene Tochter kümmert sich vornehmlich Karen. Karen ist mit Hank verheiratet, lebt aber von ihm getrennt. Ihre Mischung aus Herzlichkeit und stetem Entsetzen über ihr eigentliches Kind wird von Natascha McElhone kongenial gespielt. Als Mutter handelt Karen verbindlich und verantwortungsbewusst, hört aber auch selbstverständlich böse Rockmusik und kifft hin und wieder – wie es für eine Kalifornierin ihrer Generation eben realistisch ist.

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Autor: Oliver Uschmann | www.hombrede.de | Oliver.Uschmann@gmx.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 135, April 2019
Foto: Carola Vogt

 

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