Sie sind hier

Suchformular

Aus der Werkstatt des Schriftstellers - Das Videoportal

Federwelt
Oliver Uschmann

Aus der Werkstatt des Schriftstellers - Das Videoportal
von Oliver Uschmann
 

Unglaublich ist das. Diese mutige Katze. Unglaublich. Ich drücke auf Neustart, um den Clip noch einmal abzuspielen, da ich meinen Augen kaum traue. Da wird ein Kleinkind von einem Hund angegriffen und die Hauskatze kommt ihm zu Hilfe! Rennt mit vollem Tempo und ausgefahrenen Krallen auf den vier Mal so großen Kampfhund zu, wirft sich wie eine Kanonenkugel aus Fell gegen seine Flanke und schlägt ihn in die Flucht. Ich schreibe ein paar Zeilen zu dem Video und pinne es an meine eigene Wand auf Facebook, damit auch meine Gefolgschaft es sehen kann. So. Jetzt aber weiterarbeiten. Obwohl ... auf der rechten Seite des Bildschirms empfiehlt mir ein kleiner Text unter einem adrenalinanregenden Foto „den gefährlichsten Wanderweg der Welt“ zur gefälligen Betrachtung. Ach, komm! Die Zeit werde ich wohl noch haben. Willkommen im Alltag eines Autors mit Internetanschluss!

Nettoschreibzeit? Suboptimal ...

Man könnte ja klagen. Über die ganzen Ablenkungen der bösen, bösen Außenwelt, die einen Dichter von der Arbeit abhalten. Die Anrufe. Den Baulärm. Das Klingeln der Paketboten. Alles richtig. Doch wenn ich stellvertretend für viele Berufsgenossen einmal ehrlich sein darf – der Hauptgrund dafür, warum sich das Verhältnis zwischen Schreibmoment und Ablenkung während der kreativen Bürostunden ungefähr so gestaltet wie das Verhältnis zwischen Netto- und Bruttospielzeit bei einem Tennismatch, sind die süchtig machenden Videoportale. Es ist kein Nachrichtenüberblick, kein Online-Feuilleton und schon gar nicht das Projekt Gutenberg, in dem sich seit Jahren sämtliche Klassiker der deutschen Literatur online nachlesen lassen. Nein. Ich gucke Katzen, die Hunde angreifen. Oder Wanderwege entlang schroffer Felsklüfte hinauf zum abgelegensten Teehaus der Welt. Manche Videos schaue ich mir immer wieder an: Die legendäre Wutrede von Rudi Völler etwa bei Waldemar Hartmann nach dem Länderspiel gegen Island im schwachen Fußballjahr 2000. Oder Professor Albrecht Beutelspacher, wie er auf ARD-alpha die Mathematik erklärt. Den Dialog zwischen den zwei Killern aus Pulp Fiction und Quentin Tarantino, der sich selbst eine Gastrolle als „Jimmy“ zugeteilt hat, dessen Garage am Vormittag als vorübergehendes Leichenversteck dienen soll. Jimmy, der Kaffeeliebhaber, der sich von den Komplimenten für sein edles Gebräu nicht einwickeln lässt. „Don’t fucking jimmy me, Jules!“ Ein Satz für die Ewigkeit.

Der ablenkbare „digital Immigrant“

Der Grund dafür, warum speziell ein Autor wie ich dermaßen anfällig dafür ist, sich nach einer gelungenen Seite schon wieder eine Dreiviertelstunde lang ablenken zu lassen, liegt auf der Hand. Ich bin kein „digital Native“, wie die Mediensoziologen die Generationen nennen, die bereits mit der endlosen Verfügbarkeit von allem aufgewachsen sind. Ich bin ein „digitaler Immigrant“. Einer, der sich Spielfilme noch auf Videokassette leihen ging und gloriose TV-Ereignisse im Moment der Sendung zu erleben hatte, wollte er sie nicht verpassen. Als Rudi Völler in Trainingsjacke seine historische Rede „Ich kann diesen Käse nicht mehr hören!“ von sich ließ, ratterte bei mir gerade mal das allererste Modem. Ein Gerät, das Stunden gebraucht hätte, diese göttlichen zehn Minuten wiederzugeben ... wenn sie damals schon im Archiv des Netzes vorhanden gewesen wären. Die Tatsache, dass heute alles, aber auch wirklich alles, auf Abruf zur Verfügung steht, ist für mich weiterhin lebendig gewordene Science Fiction. Die Vision aus Star Trek, in der Captain Picard sein Quartier betritt und dem Raumschiff einfach die Musik nennt, die er hören möchte, woraufhin die Enterprise sie aus ihrem Milliarden Terrabyte umfassenden Archiv abspielt. Ein Wunder.

So. Fertig. Ich habe meine Kolumne für die Federwelt verfasst. Zeit, sich zu belohnen. Nur fünf Minuten. Oder zehn. Ich öffne den Browser.

Autor: Oliver Uschmann | www.wortguru.de
In: Federwelt, Heft 116, Februar 2016