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Als Autorin und Autor weiterkommen durch Ausbildung und Fortbildung

Federwelt
Gabriele Albers
Seminarraum als Motiv für Bildung, Ausbildung und Fortbildung

Schreiben lernt man durchs Schreiben, so heißt es. Nur: Manchmal reichen Talent und viele Stunden am Schreibtisch nicht aus. Trotz jahrelanger Übung klingen die Sätze noch hölzern und ungelenk und der Plot findet kein Ende. Oder das Manuskript ist fertig, aber niemand möchte das Werk verlegen. Möglicherweise haben Talent und Fleiß sogar zur ersten Veröffentlichung geführt, aber der Roman verkauft sich so schlecht, dass der Verlag kein zweites Buch möchte.
All das sind Momente, in denen wir Autorinnen und Autoren aufgeben könnten. Oder Momente, in denen wir beschließen, dazuzulernen und besser zu werden.

Wie und wo werde ich besser?
Und hier fangen die Probleme an. Denn der Markt an Aus- und Fortbildungen ist riesig und unübersichtlich: In der achten Auflage vom Handbuch für Autorinnen und Autoren sind 75 Anbieter gelistet. Die Datenbank der Autorenwelt liefert aktuell rund 100 Weiterbildungen (Stand: 10. April 2019). Die Google-Abfrage spuckt 7.340 Treffer beim Stichwort „Seminare für Autoren“ aus. Stiftung Warentest hat den Weiterbildungsmarkt bislang nicht getestet. Wo also mit der Suche anfangen?
Vielleicht bei den berühmten Kolleginnen und Kollegen. Irgendwo müssen die das Schreiben schließlich gelernt haben. Haben sie Kurse belegt, Creative Writing studiert oder Schreibwerkstätten besucht? Und wenn ja, welche?

Andreas Eschbach und seine Rettung
Bestsellerautor Andreas Eschbach wirft meine Recherche gleich zu Beginn über den Haufen. „Gerne können wir zu dem Thema ein Interview führen“, schreibt er. „Allerdings sind wir schnell fertig, denn zu meiner Zeit gab es derlei so gut wie gar nicht.“ Der Autor von mehr als dreißig Büchern hat zwar seit seiner Kindheit geschrieben, aber mit Anfang zwanzig den Spaß an der Sache verloren. Kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag ist ihm das Buch Writing Down the Bones von Natalie Goldberg in die Hände gefallen. „Und das hat mich gerettet. Ihr ‚timed writing‘ hat meine verstopften Kanäle durchgeputzt und mein Schreiben wieder ins Fließen gebracht.“
„Timed writing“ heißt ganz praktisch: Stoppuhr stellen, losschreiben und ohne abzusetzen weitermachen, bis die Zeit abgelaufen ist.

Amelie Fried: von der leidenschaftlichen Leserin zur Autorin
Auch Amelie Fried, deren erster Roman ebenfalls 1995 erschien und die inzwischen über zwanzig Bücher in diversen Publikumsverlagen veröffentlicht hat, ist Autodidaktin. „Als leidenschaftliche Leserin habe ich grundsätzliche Gesetzmäßigkeiten des Erzählens früh erfasst und mich später im Selbststudium mit der Theorie des Schreibens beschäftigt“, erzählt sie. „Die Bücher von Sol Stein fand ich sehr hilfreich – oder die Beschäftigung mit Modellen wie der Heldenreise.“
Inzwischen bietet sie selbst Schreibkurse an. Ihr Tipp: vor der Wahl die eigenen Bedürfnisse hinterfragen. „Bin ich AnfängerIn und möchte erst mal den Mut finden, überhaupt anzufangen? Bin ich bereits AutorIn und möchte meine Fähigkeiten vertiefen? Will ich einen bestehenden Text mit Unterstützung bearbeiten oder zunächst die theoretischen Grundlagen des narrativen Schreibens lernen?“ Und dann schauen: „Wer leitet das Seminar? Welche Punkte umfasst das Curriculum?“

Arwed Vogel: Zeit – ein wichtiger Faktor
Arwed Vogel, Landesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in Bayern, Autor und selbst Seminarleiter, ergänzt: „Man sollte sich fragen: Passt das Format? Wie lang ist der Kurs, wie viel Zeit muss ich investieren? Überfordere ich mich oder brauche ich mehr Anregungen?“
Bleibt das Problem, ein passendes Angebot für die eigenen Bedürfnisse zu finden.
Für die Federwelt habe ich mich umgehört und mit AbsolventInnen von insgesamt zehn Institutionen gesprochen. Wichtig ist mir: Wer hier nicht erwähnt wird, kann trotzdem ganz hervorragende Seminare anbieten. Und umgekehrt: Auch bei den hier vorgestellten Anbietern läuft mal was schief, passt die Chemie nicht, waren die Erwartungen unklar oder die Dozentin unausgeschlafen. Oder wie Henriette Dyckerhoff von den BücherFrauen es formuliert: „Manchmal passt es einfach nicht mit dem Seminarleiter und mir. Aber für jemand anderen war es das Seminar seines Lebens.“ Die Autorin und Lektorin berät angehende Autoren zum Thema Weiterbildung und betont: „Wenn ich Autorin werden will, brauche ich vor allem eines: Zeit. Neben dem ganz normalen Alltag kann das schwierig werden. Trotzdem sollte man auf keinen Fall den Brotjob kündigen.“
Auch Arwed Vogel warnt: „Von der Schriftstellerei kann man in aller Regel nicht leben und die allgemeine Situation wird eher schlechter als besser. Deshalb ist es wichtig, einen Beruf zu erlernen und erst dann Schriftsteller zu werden.“

Geht Studieren über Probieren?

Aber was ist mit einem der Studiengänge in Hildesheim und Leipzig? Wenn man so eine renommierte, mehrere Jahre umfassende Ausbildung durchlaufen hat – ist man dann nicht automatisch erfolgreicher Schriftsteller? „Wenn man drei Jahre Zeit hat, kann man ruhig an eine der Unis gehen“, meint Vogel. „Aber es gibt keine Garantie, dass man mit diesem Studium hinterher für seinen Lebensunterhalt sorgen kann.“

Das Literaturinstitut Hildesheim bietet Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus als Bachelor-Studiengang und Literarisches Schreiben und Lektorieren als Master-Studium an – deutliche Hinweise darauf, dass die Studierenden sich nicht allein aufs Romane-Schreiben fokussieren sollten. „Uns wurde von Anfang an gesagt, dass pro Jahrgang vielleicht zwei AutorInnen vom Schreiben leben können und wir uns auch mit anderen Verdienstmöglichkeiten im Kulturbetrieb auseinandersetzen sollten“, erzählt Alina Herbing.
Herbing hat 2013 ihren Master in Hildesheim gemacht und 2017 ihren inzwischen preisgekrönten Roman Niemand ist bei den Kälbern veröffentlicht. Zuvor hatte sie Germanistik studiert. In Hildesheim wollte sie ausprobieren, wie das Schreiben für sie funktioniert, wenn sie ihr ganzes Leben darauf ausrichtet. „Schon während der ersten Wochen ist mir klar geworden, dass ich schreiben will. Das Studium hat mich inspiriert, mich gefordert, mich sehr produktiv gemacht. Und: Ich hatte zum ersten Mal Menschen um mich herum, denen Literatur genauso wichtig war wie mir.“

Was bedeutet „Kreatives Schreiben“ in Hildesheim?
Auch Herbings Studienkollegin Shida Bazyar wurde für ihren Debütroman Nachts ist es leise in Teheran mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Sie sagt: „Für mich war es wichtig, etwas zu studieren, was mich interessiert. Ich habe versucht, nicht über die Zukunftsaussichten nachzudenken. In Hildesheim habe ich mich zum ersten Mal eingeladen gefühlt, das Schreiben ernsthaft zu betrachten und zu betreiben. Durch das Studium wurde das Schreiben zu einem wichtigen Element im Leben, nicht etwas, das man nach Feierabend ins Leben reinquetscht. Es ist wichtig, diese Erfahrung zu machen, dass Schreiben Arbeit ist.“
Kreatives Schreiben bedeutet in Hildesheim vor allem die Auseinandersetzung mit Texten anderer. Seien es zeitgenössische Werke aus den USA oder die Prosa der PreisträgerInnen vom Bachmannpreis. „Ich bin oft nach einem Textgruppengespräch nach Hause gefahren und hatte dann Lust zu schreiben“, erzählt Bazyar.
Sie hat in Hildesheim ihren Bachelor und Master gemacht und sagt rückblickend: „Für mich hat sich diese Zeit wahnsinnig gelohnt. Aber man muss selbst die Disziplin mitbringen, zu Hause weiterzuschreiben. Das Studium gibt Anreize, umsetzen muss man sie selbst.“ Für alle, die lieber allein im stillen Kämmerlein sitzen, sei dieses Studium nicht zu empfehlen. „Es passt für Menschen, die gerne in Gruppen über Texte reden und die das für ihre eigene Arbeit inspiriert.“

Das Schreiben als Kunstform in Leipzig
Am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) wird ebenfalls viel über Texte geredet. Für Sascha Macht, der 2007 dort angefangen hat, war es am Anfang hart: „Die Jahrgänge waren damals noch stärker gemischt, es gab viele Ältere mit mehr Erfahrung und stärkeren Meinungen und die haben in den Textbesprechungen ordentlich draufgehauen. Aber als ich durch die Mühle der ersten Semester durch war und mich sicherer gefühlt habe, haben mir das Schreiben und die Beschäftigung mit der Literatur viel Spaß gemacht.“
Auch das DLL bietet sowohl ein Bachelor- als auch ein Masterstudium an. Es gibt drei feste Professoren (darunter zwei Männer) und wechselnde Gastdozenten, darunter viele namhafte wie Nora Bossong oder Martin Hielscher. „Es ist ein künstlerischer Studiengang“, erklärt Macht, „die meisten Seminare konzentrieren sich auf das Schreiben, nicht auf die Maschine dahinter. Es geht darum, wie schreibe ich den Roman, nicht wie finde ich eine Agentur.“
Machts Roman Der Krieg im Garten des Königs der Toten ist das Ergebnis seines Master-Studiengangs. Und gleichzeitig sein ganz eigenes Projekt: „Im Masterstudium spricht man permanent über ein Projekt, das es noch nicht gibt. Da kann man schnell schlechte Laune kriegen. Ich habe mehrmals das Thema gewechselt und im vorletzten Semester entschieden: Ich mach es noch mal ganz neu, schmeiß 100 Seiten weg. Sieben Jahre lang war ich im Austausch übers Schreiben und wusste, jetzt muss ich alleine schreiben, ohne dass mir jemand reinredet.“
2016 gewann er mit diesem Roman den Debütpreis der lit.COLOGNE.

Sönke Andresens Weg zum Grimme-Preis 2019
Sönke Andresen hat von 2000 bis 2005 in Leipzig studiert, damals war es noch ein Diplom-Studium. Für sein Drehbuch Familie Lotzmann auf den Barrikaden wurde er vor Kurzem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. „Leipzig hat mich und mein Schreiben sehr beeinflusst“, sagt er. „Ich glaube, ich habe mir einen Rest des Wahnsinns und der Freiheit bewahrt, auch wenn ich jetzt für SAT.1 schreibe. Ich habe meinen eigenen Stil, gehe gerne in die Spitze, mache Boulevard-Theater auf Speed.“ Oder wie es in der Grimme-Preis-Begründung heißt: „So sieht es aus, wenn der Standard verrückt wird.“
Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg. „Der Fokus in Leipzig liegt auf der Entwicklung als Schriftsteller. Wir haben viel über Texte geredet und gelernt, Kritik auszuhalten. Man durfte sich aufs Schreiben konzentrieren, ohne sich um Markt und Verkauf zu kümmern. Der Nachteil: Ich hatte bis zum Ende des Studiums keine Ahnung, was danach auf mich zukommt.“ Deshalb studierte er im Anschluss auf Lehramt und arbeitete als Deutschlehrer, bevor er schließlich über die Hochschule für Fernsehen und Film München erneut ins kreative Fach wechselte. „Das war handfester, praxisorientierter. In München habe ich das Plotten gelernt, Figurenentwicklung, das ganze Handwerk. In Leipzig haben wir in fünf Jahren nicht einmal über Wendepunkte geredet.“
Für ihn wäre eine Verbindung aus München und Leipzig perfekt gewesen: „Nicht immer nur Markt, Markt, Markt, aber eben auch nicht immer nur Tiefenanalyse. Für die Künstler-Initiation ist das Studium in Leipzig gut geeignet, aber es ist keine Berufsausbildung.“

Berufsbegleitende Aus- und Fortbildungen

Die staatlich geförderte Bundesakademie in Wolfenbüttel ist einer der bedeutendsten Institutionen für praxisnahe berufliche Fortbildung im Bereich Kultur. Und der Basiskurs Erzählen ist der Klassiker unter den berufsbegleitenden Autorenausbildungen. In sechs auch einzeln zu buchenden Wochenendkursen werden die Grundlagen des kreativen Schreibens vermittelt – unter Schwerpunkten wie: Figuren, Perspektive, Dialoge, Stil und Dramaturgie. Dabei gilt das Motto: „Erst lesen, dann schreiben.“ Anhand von Gegenwartsliteratur besprechen die TeilnehmerInnen die theoretischen Grundlagen, vertiefen mit Schreibübungen das Gelernte und diskutieren ganz am Ende des Seminars ihre vorab eingereichten Texte.

 „Ich habe diesen Kurs schon vor zehn Jahren belegt und sehr viel dabei gelernt“, betont Anke Küpper, die seit über zwanzig Jahren als Autorin arbeitet und damals zum ersten Mal in den belletristischen Bereich hineingeschnuppert hat. Seitdem hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, Pixi-Bücher und ihren ersten Kriminalroman geschrieben. „Bei der Arbeit an meinem Krimi habe ich manches Mal in die Unterlagen hineingeguckt. Obwohl der Kurs schon lange her ist, sind die Sachen immer noch sehr hilfreich.“ Im August erscheint ihr Romandebüt Der Tote vom Elbhang bei HarperCollins.

Das Besondere in Wolfenbüttel: die Kollegialiät
Frank Friedrichs, Autor der Vertikow-Krimireihe, hat 2014 ein Modul aus dem Basiskurs Erzählen gebucht und 2015 und 2017 zwei weitere Seminare mit Wulf Dorn und Ursula Poznanski zum Thema „Spannung“ besucht. Er lobt neben dem vermittelten Wissen...

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Autorin: Gabriele Albers | www.gabriele-albers.de | info@gabriele-albers.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 136, Juni 2019
Foto: Nathan Dumlao/Unsplash

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