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Abenteuer Co-Autorenschaft

Federwelt
Ramona Jakob
Bild zum Thema Co-Autorenschaft

Pro und Contra Co-Autorenschaft und was zu beachten ist. Ein Erfahrungsbericht von Heidemarie Brosche und Ramona Jakob.

Heidemarie: Gemeinsam mit Astrid Rösel (www.schreibbogen.de) habe ich schon einige Bücher geschrieben. Da all diese Projekte ausgesprochen angenehm und konstruktiv verlaufen sind, war das Thema Co-Autorenschaft für mich positiv besetzt. Hauptsächlich haben wir im Laufe der Jahre Beschäftigungs- und Sachbücher zu zweit geschrieben. Hier ließ sich klar abgrenzen: Das machst du, das mache ich!

Ein erzählendes Buch in Co-Autorenschaft zu schreiben, war mir bisher nie in den Sinn gekommen. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich die Kontrolle über meine erzählenden Texte sehr gerne alleine behalten.

Dann traf ich Ramona wieder. Sie hatte mich vor vielen Jahren nach der Lektüre meines Buches „Kinder- und Jugendbuch schreiben und veröffentlichen“ angeschrieben, um mir rückzumelden, wie sehr ihr das Buch gefallen und geholfen habe. Wir hielten lose Kontakt. Im Juni 2011 trat ich nach langem Ringen facebook bei und tauschte mich dort mit Ramona öfter mal aus.

Ramona: Bücher zu schreiben war schon immer mein Traum, meine heimliche Leidenschaft. Auch wenn ich mich eigentlich mehr zu den kreativen und erzählenden Texten hingezogen fühlte, so wurden vorerst meine Ratgeber, Sach- und Geschenkbücher veröffentlicht. Die Idee vom Kinderbuch ließ mich dennoch nie los, und so verschlang ich jeden Schreibratgeber, den ich finden konnte. Darunter selbstverständlich auch den von Heidi. Ich ließ ihn mir sogar signieren. Wer hätte damals gedacht, dass Heidi und ich selbst einmal gemeinsam ein Buchprojekt umsetzen würden?!

Im März 2012 erschien mein Kindersachbuch „Abenteuer Geocaching“ im moses. Verlag. Es verkaufte sich sehr gut. Dennoch hatte ich den starken Wunsch, etwas Erzählendes für Kinder zu schreiben, fand aber nicht den richtigen Dreh. Ich erzählte Heidi davon und sie ermunterte mich, mein Wissen und meine Erfahrungen rund ums Geocaching für die Entwicklung eines spannenden Kinderromans zu nutzen. Ich zögerte. Spontan schlug Heidi vor: „Wollen wir das Ding gemeinsam schreiben?! Du bringst dein Geocaching-Fachwissen mit, ich meine jahrelangen Erfahrungen im Kinderbuch-Schreiben.“

Ich war sofort Feuer und Flamme. In der Folgezeit plotteten wir via Chat, Mail und Telefon. Es entwickelte sich die Idee eines Romans, der aus zwei Perspektiven erzählt wird. Ich war mit meinem damals zehnjährigen Sohn der Zielgruppe sehr nahe und wollte die männliche Perspektive übernehmen. Heidi meldete Interesse an der Mädchenperspektive an, obwohl sie durch drei eigene Söhne inzwischen sehr nah an die Lebenswelt der Jungs gerückt war.

Schon damals waren wir uns einig, in die Handlung immer wieder Rätselaufgaben einzubauen, wie sie zum Geocaching gehören. Am Lösen dieser Rätsel sollten die jungen Leser beteiligt werden.

Heidemarie: Im November 2012 begann ich einfach mal drauflos zu schreiben und schickte Ramona meinen allerersten Text. Zu meiner Freude hatte sie überhaupt keine Mühe, aus „ihrer“ Sicht weiterzuschreiben. Der Beginn unseres gemeinsamen Projekts geriet zu einem fieberhaften, begeisterten Hin und Her, begleitet von zahlreichen Telefonaten, in denen Ramona mich immer wieder in Geheimnisse des Geocachings einweihen musste.

Irgendwann stoppten wir und beschlossen: Wenn wir schon so gut vorankommen, sollten wir wohl mal auf Verlagssuche gehen. Schnell war der uns passend erscheinende Verlag gefunden. Beide hatten wir ja schon für moses. gearbeitet. (Mein eingangs erwähnter Autorenratgeber war sogar in Erstauflage bei moses. erschienen. War das nicht ein gutes Omen?!)

Noch viel wichtiger als unsere Vorerfahrungen und Kontakte erschien uns, dass das Buch relativ gut ins moses.-Profil mit seiner Outdoor-Ausrichtung passen würde.

Im Januar 2013 fragten wir dort an, im April entschied der Verlag sich, das Buch mit uns zu machen. Wenige Tage später waren wir in Kontakt mit „unserer“ Lektorin. Nach einem regen Austausch über Alterszielgruppe, Textumfang und Hauptprotagonisten schrieben wir wie entfesselt weiter, obwohl wir beide jede Menge um die Ohren hatten. Die Tatsache, dass wir immer wieder auf die Fortsetzung durch die jeweils andere warten mussten, ließ dieses Unternehmen Co-Autorenschaft zu einem echten Abenteuer werden. Was würde Ramona aus meiner Vorgabe machen? In welche Richtung würde sie die Handlung treiben? Was würde mir zu Ramonas Fortsetzung in den Sinn kommen? Höchst spannend! Und motivierend obendrein.

Klar hatten wir uns vorher auf eine ungefähre Richtung geeinigt. Aber vieles konnte sich eben nur in diesem beständigen Ping-Pong entwickeln.

Ramona: Noch etwas anderes entwickelte sich: die Idee, das Buch in Kombination mit einer Webseite auf den Markt zu bringen. Der Mehrwert, den diese Webseite bringen konnte, schien uns gewaltig:
•    Sie würde zum Trend des Crossmedialen passen – Buch und Internet nicht als Konkurrenten, sondern als zwei Medien, die sich ergänzten.
•    Sie würde die jungen LeserInnen aktiv beteiligen und dazu motivieren, sich weitere Sachinformationen auf der Webseite zu holen. (Hinführung zur Nutzung des Internets als Informationsmedium!)
•    Sie würde durch die Aussicht, im Rahmen einer Buchlektüre auch „ins Internet zu dürfen“, lesemotivierend wirken.
•    Sie würde ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber Konkurrenzprodukten sein (nach denen wir selbstverständlich geforscht hatten).

Da uns gute Kontakte und Erfahrungen mit der jungen Firma www.format12.com verbanden, fragten wir dort schon mal an, ob sie sich die Umsetzung einer solchen Webseite vorstellen könnten. Sie konnten!

Heidemarie: Inzwischen war auch ein Illustrator gefunden worden. Da der Verlag uns in Art und Platzierung der Illustrationen miteinbezog, tauschten wir uns zu diesen Vorschlägen ebenfalls beständig aus.

Dann, im August 2014, fast zwei Jahre nach der Geburtsstunde des Buches, trafen Ramona und ich uns zum ersten Mal seit Beginn unserer Zusammenarbeit von Angesicht zu Angesicht. Wir hatten eine Agenda, die für Tage gereicht hätte, und arbeiteten sie konzentriert und gut gelaunt in fünf intensiven Stunden ab.

Ramona: Von Anfang an hatten wir klare Regeln aufgestellt:
•    Wir sind gleichberechtigt.
•    Was eine von beiden nicht im Buch haben möchte, kommt auch nicht rein.
•    Kritik ist wertvoll und wird nicht persönlich genommen.
Eine weitere Herausforderung erwartete uns nach der Skriptabgabe: Absprachen mit der Lektorin, auf die wir uns vorab verständigen mussten, Bildauswahl, Rückmeldung an den Illustrator, Überlegungen zur Vermarktung – alles im Doppelpack!

Und wenn das Buch da ist?
Erfolg oder Misserfolg – doppelte Freude oder geteiltes Leid! Beides ist gemeinsam am schönsten. Absprachen und ein respektvolles Miteinander sind auch nach Erscheinen des Buches sehr wichtig. So zum Beispiel bei der Nutzung der jeweils individuellen Vermarktungsmöglichkeiten. Aber auch bei gemeinsamen Auftritten wie der Buchvorstellung auf der Leipziger Buchmesse und bei Lesungen im Duett. Die Co-Autorenschaft verdoppelt so nicht nur das Potenzial, sondern auch die Freude an der Begegnung mit den LeserInnen.

Pro und Contra Co-Autorenschaft

Drei eindeutige Pros

Das erste Lektorat ist inklusive
Wir haben stets erst unseren letzten Text sowie den neuen Text der Co-Autorin lesen müssen, um wieder in die Geschichte zu finden. Dabei ließ sich eine Art Korrekturlauf perfekt einbinden. Wir kommentierten, verbesserten und schlugen vor. Die jeweils Andere las die Bemerkungen, stimmte zu und veränderte oder erklärte kurz, warum sie das Geschriebene gerne beibehalten würde. So verbesserten und strafften wir den Text bereits im Schreibprozess.

Zu Schreibblockaden kommt es eher nicht
Manchmal warteten wir sehnsüchtig auf den neuen Text, schrieben teils schon weiter in der Hoffnung, dass unser Kapitel sich an das neue anschließen würde. Unsere Ideen schickten wir direkt mit, sodass selten Lücken entstanden. Und wenn wir doch einmal festhingen, half der Griff zum Telefon. In unseren Telefonaten, meist kurz und knapp zwischen den Verpflichtungen als berufstätige Mütter, wurden Knoten gelöst und Ideen weitergesponnen.

Vier Augen sehen mehr als zwei
Gerade in der Schlussphase ging es noch mal hoch her. Lektorat, Korrektorat, Layout, immer wieder kleine Änderungen. Immer wieder etwas, das genau durchgesehen werden musste. Was am Ende übersehen wird, landet als Fehler im Buch. Wenn sich zwei für ein Buch verantwortlich fühlen, erhöht das die Sicherheit.

Zwei Kontras, die gar nicht so schlimm sind

Wartezeiten muss man aushalten
Das Warten auf den neuen Text der Co-Autorin gehörte mit zu den größten Herausforderungen. In unserem Fall war es nicht möglich, sich an einem verregneten Sonntag hinter den Laptop zu klemmen und den Worten freien Lauf zu lassen.

Kritikfähigkeit ist gefordert
AutorInnen kennen das Gefühl, das einen befällt, wenn die eigenen Worte kritisiert werden. Wir schafften es, Verbesserungsvorschläge zu machen, ohne die Arbeit des Anderen dadurch weniger zu würdigen, weil wir uns auch immer wieder wissen ließen, wie toll wir die Ideen der anderen fanden. Wer lieber alleiniger Herr seiner Ideen und Worte ist, sollte sich das mit der Co-Autorenschaft gut überlegen.

Was zum Problem werden könnte

Auch für einen Verlag ist es eine Herausforderung, mit zwei Autorinnen gleichzeitig an einem Projekt zu arbeiten. Schließlich gibt es doppelten Abstimmungsbedarf; zwei Meinungen und viele Ideen sind unter einen Hut zu bringen. Und wenn dann noch Illustrator und Lektor ins Spiel kommen, wird es spannend. Manchmal sogar problematisch. Etwa, wenn die beiden Autorinnen gerade keinerlei Zeit haben, sich abzustimmen und der Verlag dennoch eine Entscheidung braucht. Wenn es plötzlich Diskussionen zu einer Textstelle gibt, die einer von beiden nicht mehr stimmig an sich oder stimmig mit der Illustration erscheint. Wenn alle gestresst sind. Aber je mehr man sich von vornherein auf solche Turbulenzen einstellt, umso leichter sind sie zu bewältigen.

Eine Sorge, die man heutzutage nicht haben muss

Kommunikation
Während ein Buch in der Regel im Stillen entsteht, geht es bei einem Co-Autorenprojekt schon beinahe turbulent zu. Telefonate, Mails und Chatverkehr rund um den Text sowie die Idee bestimmen die Arbeit. Alle Plotentwicklungsschritte, alle Änderungen muss man miteinander besprechen. Wir haben uns während der Entstehung des Buches tatsächlich nur ein einziges Mal persönlich getroffen. Und das auch erst nach Abgabe des Manuskriptes. Wer also aufgrund großer Entfernungen Bedenken hat, kann beruhigt sein. Eine von uns hätte auch in Australien sitzen können und es hätte dem Buch nicht geschadet.

Was bei einer Co-Autorenschaft zu beachten ist

Eine Co-Autorenschaft kann ...
> ... funktionieren, wenn jeder etwas anderes mit in die Schreibbeziehung bringt, das sich reizvoll ergänzt, zum Beispiel
•    Fachwissen – Schreiberfahrung;
•    Schreibstil 1 – Schreibstil 2;
•    blühende Fantasie – klare Struktur.
> ... aber auch funktionieren, wenn beide einfach gut aufeinander und die wechselseitigen Ideen reagieren und zuverlässig miteinander umgehen.
> ... problematisch geraten, wenn einer von beiden noch kein Schreibprofi ist.
> ... schlichtweg schief gehen. Man kann vorher nicht wissen, ob es im Doppelpack klappen wird. Deshalb: Erwartungen nicht zu hoch schrauben.
> ... einen Knacks bekommen, wenn sich das gemeinsame Kind als Flop herausstellt. Insofern muss von Anfang an klar sein: Es gibt keine Schuldzuweisungen!

 

Heidemarie Brosche: www.h-brosche.de und Ramona Jakob: www.ramonajakob.de
 

In FEDERWELT, Heft 111 April/Mai 2015