Sie sind hier

Suchformular

Störfaktoren: Antagonismen und Konfliktherde

Storytelling
Beemgee
Olaf Wielk

Geschichten sind Mittel zum Zweck. 

Wir Menschen müssen miteinander auskommen, denn wir sind nun mal dauernd miteinander in Kontakt. Wir leben in Gruppen. Geschichten zeigen uns Wahrheiten des Zusammenlebens. Sie sind keine Spiegelbilder der Realität – sie bilden Wahrheiten ab, ohne selbst wahr zu sein.

Für Autoren ist es durchaus nützlich, ihre Werke als Brennglas zu begreifen – als Mittel zur Darstellung der Wahrheit, die sie erkennen und vermitteln möchten. Mit anderen Worten: die Künstlichkeit ihrer Kunst vor Augen zu behalten.

Menschen leben miteinander. Das erfordert ein Mindestmaß an Kooperation. Gewisse Spielregeln halten wir ein, weil wir gelernt haben, dass es insgesamt für alle einfacher ist so. Rot heißt „Stopp!“, grün heißt „Los!“ usw.

Der Großteil aller Geschichten, die je erzählt wurden, unterstreicht die Notwendigkeit der Kooperation innerhalb einer Gruppe. Die Formen können sehr unterschiedlich sein, doch erkennt man in fast allen Narrationen aus diversen Zeitaltern und Kulturen das Prinzip, dass zusammen zu sein oder gemeinsam an etwas zu arbeiten positive Auswirkungen hat – in der Regel nicht nur für den Einzelnen sondern für die ganze Gemeinschaft.

Damit eine Geschichte diese Ur-Botschaft vermittelt, wird ein Gegenbeispiel herangezogen – anders gesagt: Ein Antagonismus muss her. Dazu wird ein Störfaktor installiert, der gegen die Gemeinschaft arbeitet. Ein definiertes Problem verkörpert ein exzessives Selbstinteresse.

Zusammen versus allein

In den letzten Artikeln an dieser Stelle haben wir aufgezeigt, wie die äußeren und inneren Probleme eines Protagonisten verzahnt sind. Das universelle Storytelling-Muster, vereinfacht dargestellt, zeigt eine Ausgangslage, die durch ein externes Problem gestört wird. Eine oder mehrere Hauptfiguren streben danach, die Störung zu beseitigen und eine neue ungestörte Ordnung herzustellen. Häufig symbolisiert die Union zweier Liebenden, die sich am Ende einer Geschichte finden, die Idee, dass Gemeinsamkeit viel besser ist, als für sich allein zu existieren.  

In aller Regel steht der Störfaktor für das Prinzip des Egoismus. Das Problem für den Protagonisten, der das Kooperationsprinzip vermittelt, ist also der Antagonist, der nur auf individuelle Befriedigung aus ist und dem das Wohl der Gruppe sekundär erscheint.

Kontrast schafft Konturen

Wir kennen die Antagonisten in Geschichten als Schurken und Bösewichte, die Helden (Protagonisten) besiegen müssen. Es ist kein Zufall, wenn die Antagonisten als Gegenpol des Helden erscheinen. Darth Vader ist groß und schwarz, Luke Skywalker hingegen klein und weiß.

Sauron oder Voldemort sind durch Körperlosigkeit übermenschlich mächtig, während ihre Gegenspieler Frodo Baggins und Harry Potter auf nahezu mitleiderregende Art körperlich klein, schwach, angreifbar und damit zutiefst menschlich sind.

Hier zeigt sich die Macht des Kontrasts. Für Autoren ist dies eine der wichtigsten Faustregeln: Schaffe Kontrast, wo und wie es nur geht.

Kontrast macht erkennbar. Eine rote Jacke ist im Nebel deutlicher sichtbar als eine graue. Gleiches gilt für Figuren in Geschichten. Es ist keine seltener Fehler ungeübter Autoren, ein Ensemble an Figuren zu schaffen, die sich alle irgendwie ähnlich sind und sich kaum voneinander abheben.

Dabei geht es nicht nur um den offensichtlichen Konflikt zwischen Held und Bösewicht. Kontrast sollte auch zwischen verbündeten Figuren erkennbar sein. Der abgebrühte Han Solo ist wirklich ganz anders als der naive Luke Skywalker.

Als Figur oder nicht?

Antagonist und Protagonist verkörpern zwar Gegensätze, beschreiben aber dennoch Positionen auf ein und derselben Achse. Im Extremfall sind das die Gegenpole: Luke Skywalker und Darth Vader markieren als weiß und schwarz die Enden derselben Skala; eine Beschreibung weiß versus laut würde kein Gegensatzpaar bilden. Wir sehen also schon, dass bei allem Kontrast doch eine Verbindung zwischen Held und Schurken besteht: Der Antagonismus hat sehr direkt mit dem Protagonisten zu tun.

In Geschichten, die weniger nach dem Schema „Gut gegen Böse“ aufgebaut sind (übrigens eine relativ moderne Erfindung im Storytelling), wird diese Verbindung psychologisch, emotional oder soziologisch aufgebaut. Es muss nicht immer einen Schurken oder Bösewicht geben. Einen Antagonismus aber schon.

Was einer Geschichte ihre emotionale Intensität verleiht, ist das interne Problem einer Figur. Hier geht es darum, was die Figur zu lernen hat. Welche Schwäche muss beseitigt werden, welches Manko oder Defizit ausgefüllt werden, welcher früherer Fehler wieder gutgemacht?

Im Antagonismus manifestiert sich, gegebenenfalls symbolisch, die Schwäche, das Manko, der Fehler – das sog. interne Problem.

Beispiel: Ödipus’ Fehler war, hitzköpfig an einer Kreuzung einen Mann getötet zu haben. (Erst viel später stellt sich heraus, dass er seinen leiblichen Vater vor sich hatte.) Die Tat war willkürlich, das Opfer zufällig – Ödipus hat sich nicht darum geschert, wer ihn vermeintlich beleidigt hat, sondern einfach zugeschlagen.

Mit ähnlicher Willkür rafft die Seuche, die zum Zeitpunkt der eigentlichen Geschichte in Theben wütet, die Bevölkerung dahin. Quasi blind sucht sie sich ihre Opfer. Nur geht es hier um weit mehr als eine einzelne Person; die gesamte Gemeinschaft ist bedroht. Der Auslöser für die überdimensionale Bedrohung wird in der Geschichte auf Ödipus zurückgeführt. Mehr noch: Seine Blindheit, seine Unkenntnis bei der tödlichen Auseinandersetzung, hat sich bis zum erschütternden Finale, wo er das schreckliche Wissen über sich erlangt, um ein vielfaches potenziert.

Bei Ödipus steckt also der Antagonismus in ihm selbst.

Auch moderne Geschichten, die eher psycho- als logisch aufgebaut sind, können so den Antagonismus einsetzen. In einer Geschichte über einen Süchtigen – wie zum Beispiel Leaving Las Vegas – stellt die der Hauptfigur inhärente Sucht das interne Problem und den Antagonismus dar: Der Protagonist ist sein eigener größter Feind.  

Realität versus Wahrheit

Menschen streben häufig nach Harmonie. Besteht eine Geschichte jedoch aus lauter harmoniebedürftigen Figuren, ist ziemlich ausgeschlossen, dass die Story spannend wird. Spannung wird erzeugt durch Konflikt, und dieser kommt zustande, wenn kontrastierende Weltbilder aufeinander prallen.

Die Realität ist schwer abzubilden. Sie ist komplex und, seien wir offen, meist ein bisschen langweilig. Oder schlimmer: Wir verstehen sie nicht. Wir als Menschen sind zwar stets bestrebt, die Welt um uns herum zu begreifen, doch gelingt uns das in der Regel nur durch Abstraktion. Das landläufige Prinzip von Ursache und Wirkung ist ein Beispiel für solche Abstraktion. Wir ergänzen gerne klare Ursachen zu den Wirkungen, die wir erleben – einfach, um uns Situationen verständlich zu machen, um nicht vor einer allgemeinen Willkür zu kapitulieren.

Geschichten nutzen wir (unbewusst) von jeher dazu, Ursachen für Probleme aufzuzeigen und Lösungsansätze darzustellen. Das spezifische Problem in einer Geschichte steht für ein allgemeines Problem, das den Lesern bekannt vorkommen sollte. Sonst erzielt es keine emotionale Resonanz.

In der Geschichte erweckt das Problem in Gestalt des Antagonisten den Anschein, absichtlich dem angestrebten Ziel des Protagonisten entgegenzuwirken. Der Held muss sich selbst stellen, um den Antagonismus zu überwinden.

Mit unserer Alltagserfahrung gehen so schön gebaute Geschichten nicht konform. Und doch lassen sich aus der paradigmatischen Struktur von Geschichten Erkenntnisse gewinnen, die man tagtäglich anwenden kann.

Es geht in Geschichten nicht unbedingt darum, psychologische Akkuratesse im medizinischen Sinne zu erreichen. Wenn eine Geschichte wissenschaftlich gesehen „korrekt“ ist in der Darstellung, sagen wir, einer Psychose oder einer Depression heißt das noch lange nicht, dass sie den Leser emotional packen wird. Genauso wenig wie historische Authentizität – obgleich wünschenswert – ausschlaggebend ist für den Erfolg eines historischen Romans.

Eine Geschichte funktioniert, wenn sie es schafft, ihre Leser emotional zu packen – und das geschieht durch den Aufbau einer narrativen Struktur, in der ein starker Konflikt zwischen Protagonist und Antagonismus zu einer inneren Erkenntnis und Transformation des Protagonisten und damit der Leser führt.

 

Storytelling

Schreiben ist die Verarbeitung von Inspiration, die Artikulation von Gedanken, die Ausführung von Ideen, die Umsetzung von Geschichten. Neben der Kerntätigkeit, die Geschichte in Worte zu fassen, muss jeder Schriftsteller ein weiteres, ebenso wichtiges Feld beherrschen: die Komposition der Story, die Dramaturgie, die Strukturierung des Stoffs.

Stoffentwicklung ist ein Handwerk, das Arrangement der Handlung und die Ausformung der Charaktere sind eine vielschichtige und komplexe Aufgabe. In dieser Kolumne schreiben wir über Plot-Struktur und Figurenentwicklung, über Stoffentwicklung und Dramaturgie.

 

Die Storytelling-Software www.beemgee.com unterstützt Autoren bei der Erstellung narrativer Inhalte. 

Autorenwelt-Leser erhalten beim Abonnieren eines Beemgee Premium-Accounts mit folgendem Code 20 % Rabatt* auf den Jahrespreis: 

            Autorenwelt

Hier registrieren.

(* Regulärer Jahrespreis 59,- EUR inkl. 19% MwSt., mit Code 47,20 EUR. Angebot gilt bis 31.12.2017 und für einen Billing Cycle (= ein Jahr ab Registrierung), automatische Verlängerung, jederzeit kündbar)