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Evolutionstheorien: Warum wir Geschichten erzählen

Beemgee
Olaf Wielk
Storytelling Bild von Beemgee zur ersten Folge

Geschichten verschaffen uns einen evolutionären Vorteil.
Wenn sich also jemand drüber lustig macht, dass Sie Ihre Zeit mit Lesen vergeuden, können Sie getrost erwidern, dass dies keine Zeitverschwendung ist, sondern überlebenswichtig:
Geschichten minimieren das Risiko, gefressen zu werden.

Erbgut & Vorbilder

Evolutionstheoretisch ausgedrückt: Wäre der Mensch nicht in der Lage gewesen, Erfahrungswerte weiterzugeben – von Generation zu Generation, über abertausende Jahre hinweg –, hätte unsere Spezies nicht überlebt.

Der Prozess der Überlieferung selbst, also die Tradierung von Inhalten, dem Wissen der Altvorderen, bildet außerdem die Grundlage für die Tradition als kulturelles Erbe.

Seit wir uns bewusst erinnern und diese Wahrnehmungsbilder wiedergeben und weiterreichen – zunächst in mündlicher Form, dann über Bildwerke, sehr viel später erst durch Schriftlichkeit –, fügen wir fiktionale Komponenten hinzu.

Erfahrung & Empathie

Fiktionale Inhalte – Erzählungen, ob wahr oder nicht, selbst erlebt oder rezipiert – bescheren uns physische und emotionale Erfahrungen. Diese scheinbar belanglose Tatsache hat enorme Konsequenzen für unser Verständnis von Geschichten.

Der Mensch ist so geartet, dass er auf Ereignisse, die ihm widerfahren, körperlich und gefühlsmäßig reagiert. Diese instinktive Verhaltensweise ist urtümlich und war bereits Teil unserer Biologie, bevor die Menschen angefangen haben, sich Geschichten zu erzählen.
Doch das unmittelbare Erleben bzw. die direkte Erfahrung eines Ereignisses ist nicht unbedingt wesentlich, wenn es darum geht, eine solche Reaktion hervorzurufen. Vor allem Aufregung, aber auch stille Glücksmomente in erzählten Geschichten können bei uns Herzklopfen, Schwitzen oder ein Gefühl der Leichtigkeit auslösen: Angst, Ärger, Beklemmung, Zuversicht, Sehnsucht, Eifersucht, sexuelle Erregung, Freude, Sympathie, Scham, Mitleid, Traurigkeit, Verzweiflung – all diese Emotionen und Affekte können wir ganz direkt empfinden, selbst, wenn wir „nur“ mitlesen.

Physisch und emotional ist eine Erfahrung eine Erfahrung, egal, ob „echt“ oder „fiktional“. Diese Erfahrungswerte bilden die Grundlage für unsere Fähigkeit, Empathie zu empfinden.

Ursache & Wirkung

Mark Twain sagte: „Fiction has to make sense.“

Alles, was keine Erklärung bietet, ist redundant, denn wir haben ein Grundbedürfnis nach Erklärbarkeit und Wertigkeit. Wir brauchen Ordnung und Bedeutung. Ohne können wir – wollen wir nicht leben! Daher suchen wir stets nach der Logik der Konsequenz: Wir forschen, decodieren, definieren, kategorisieren, psychologisieren, symbolisieren …

Ein Geräusch in der Nacht, ein Rascheln im Gebüsch, ein Knarzen der Dielen: Unser Gehirn addiert automatisch alle Erfahrungswerte, die eine Erklärung für das Ereignis hergeben, und beruhigt sich mit Bekanntem – bestenfalls einer wissenschaftlichen Erklärung, zur Not weichen wir auf Übersinnliches aus. Selbst wenn uns Wissen fehlt, wir die Erklärung nicht vollständig verstehen, vertrauen wir drauf, dass es sie gibt.
Unser Gehirn bringt uns dazu, Kausalität zu vermuten, mehr noch, Kausalität der erlebten Realität aufzuzwingen. Das ist ein ganz einfacher Sicherheitsmechanismus. Wir streben nach Sicherheit, die uns das Überleben garantiert.

Andererseits sind wir eine neugierige Spezies mit Risikobereitschaft, Hintergründe aufzudecken und zu begreifen. Der Hunger nach Kausalität, nach Zusammenhängen, nach Logik und Folgerichtigkeit treibt uns an, beflügelt uns zum Fortschritt.

Was bedeutet das in Hinsicht auf das Storytelling?

Kontrolle als Movens

Eine Handlung muss konsequent sein, Figuren müssen eine Daseinsberechtigung haben. Eine Geschichte muss erklärbar sein, einen Sinn ergeben.

Jeder Satz, jede Szene, jeder Dialog, jede Motivation, jeder Charakterzug, jedes Motiv, jeder Schauplatz – wird zu belanglosem Beiwerk, zur Staffage, zur Makulatur, wenn er/sie/es inkonsequent ist, keinen Zweck im Gesamtgefüge erfüllt.

Warum? Ganz einfach: Wir wollen entschlüsseln, erkennen, verstehen. Der Aha-Effekt beschert uns Zufriedenheit.
Erkenntnis erlaubt uns die Illusion, dass die Realität nicht willkürlich verfährt, sondern nach dem Prinzip einer Kausalität funktioniert. Daher suchen wir unbewusst nach dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung und versuchen, den Sinn zu erfassen. Durch Erkenntnismomente erfahren wir ein Gefühl der Kontrolle.

Wir müssen nur die Welt der Geschichte, die wir lesen, dekodieren. So bezwingen Kunst und Literatur die Realität. Die Illusion hält uns davon ab, am Chaos zu verzweifeln.

Welten denken – Beispiele lernen

Geschichten fördern unsere Fähigkeit, über mögliche Welten nachzudenken, und erlauben es uns somit, unsere eigene Welt aus einem anderen Blickwinkeln heraus zu betrachten. Wir üben in diesen „anderen“ Welten, ohne uns echten Gefahren auszusetzen, bieten uns diese doch ähnliche Erfahrungswerte, weil wir sie physisch und psychisch durchleben. Es ist eine Simulation.

Bei jedem Problem, mit dem wir konfrontiert werden, müssen wir letztlich entscheiden, ob Kampf oder Flucht die besseren Überlebenschancen bietet. Die evolutionäre Logik dahinter ist uns nicht bewusst, sie drückt sich als Gefühl aus. Geschichten spiegeln dieses Grundprinzip.

Die simulierten Welten weisen stets das gleiche narrative Prinzip auf: Grundsätzlich erzählen sie von einer Figur und einer Notlage und welche Maßnahmen die Figur ergreift, um sich daraus zu befreien. Die Notlage stellt ein Problem dar. Diese Figur-Problem-Situation bildet die Prämisse einer jeden Geschichte („was wäre, wenn …?“).
Der Protagonist versucht, das Problem zu lösen, dabei kommt es zu Komplikationen. Der Umgang damit und die Bewältigung dieser Hindernisse führt zur Krise bzw. zur Konfrontation. Der Protagonist lernt durch diese Situationen, macht dabei eine Entwicklung durch und ist somit in der Lage, die Krise zu bestehen.
Durch dieses uralte Erzählmuster kommt eine gewisse Erwartungshaltung beim Leser zustande: Und die Moral von der Geschicht’?

Die Figuren bestehen oder versagen vor unseren eigenen moralischen Vorstellungen. Damit verbunden sind ihre Handlungen, die bestenfalls eine Problemlösung bieten.

Vieles von unserem Leservergnügen hat damit zu tun, dass wir erleben wollen, dass eine Erwartungshaltung erfüllt wird – egal, ob bezüglich der Handlung oder der Entwicklung der Charaktere: Es geht um ein Wertemuster, das bedient wird, ein Modell der eigenen Lebenswelt.

Die Mission der Fiktion ist es, unser Leben zu gestalten.

Fiktion als (Über-)Lebensstrategie

Wir sind in der Lage, die Wünsche, Bedürfnisse und Intentionen anderer zu begreifen und nachzuempfinden. Diese Fähigkeit, sich in andere Lebenswelten hineinzuversetzen, hilft uns im zwischenmenschlichen Umgang und bei der eigenen Lebensplanung. Sie ermöglicht uns die Vorstellung von einer Welt, an der wir nicht unmittelbar teilhaben – sogar eine zukünftige oder fiktive.

Ohne diese Fähigkeiten des menschlichen Geistes wären Geschichten gar nicht denkbar. Doch warum sind sie so wichtig für uns?

Das Vermögen, fiktional denken zu können, ist des Menschen wertvollstes Gut! Es erlaubt uns, Pläne zu entwickeln, Ziele zu definieren und diese zu verfolgen – Zukunft zu denken. Das ist überlebenswichtig!

Geschichten haben also Auswirkungen auf das Individuum, aber auch auf die Gruppendynamik. Das Bedürfnis nach anderen Menschen ist in uns so stark verankert wie das nach Nahrung und Luft. Menschen leben in Gruppen. Geschichten schaffen Zusammenhalt in der Gruppe, indem sie Verhaltensmuster und deren Auswirkungen zeigen.
Das soziale Leben ist komplex und birgt potenzielle Probleme. Damit wir in der Gruppe zurechtkommen, versuchen wir zu verstehen, was die anderen gerade denken und wollen, und treffen entsprechend Entscheidungen, wie wir uns verhalten. 
Diese Haltung projizieren wir auf Geschichten, also auf die Protagonisten und ihre Handlungen: Wie agieren die Figuren und welche Konsequenz hat das? Wird es ihnen so ergehen, wie sie es verdient haben? Wird die Erwartungshaltung bedient? Entspricht sie unserer Erfahrungswelt?

Eine gerechte Welt scheint uns einfach und damit beherrschbar. Die Bösen werden bestraft, die Guten leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Diese moralische Grundhaltung in Geschichten dient dazu, etwas ganz Einfaches aufzuzeigen: Egoistisches Benehmen bei der Problemlösung (Bösewicht) bringt einen nicht so weit wie kooperatives Verhalten (Held). Der Bösewicht denkt nur an den eigenen Vorteil, der Held löst das Problem und tut damit der Gruppe Gutes. Diese Kernbotschaft aus Geschichten kennen wir, diese dramaturgische Grammatik haben wir alle verinnerlicht.

Wir erleben eine Geschichte nicht als physische und emotionale Erfahrung, wenn diese Erwartungshaltungen enttäuscht werden. Dann steigen wir aus. Dann langweilt uns die Simulation.
Aktionen und Reaktionen in der fiktiven Welt dürfen daher durchaus extrem sein. Denn würden Protagonisten stets mit Ambivalenz und Vorsicht auf die Widrigkeiten ihrer Welt reagieren, würden sie uns keine Option eröffnen und die Simulation wäre für uns nutzlos. Wir würden nicht durch die Erfahrung der Geschichte lernen und hätten keinen evolutionären Vorteil.

Gut, wenn Autoren diese Erwartungshaltung kennen, um sie einerseits zu bedienen, uns andererseits mit frischen Variationen der uralten Grundstruktur zu überraschen.

 

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Storytelling – die Kolumne

Neben der Kerntätigkeit, den Erzählstoff in Worte zu fassen, muss jeder Schriftsteller ein weiteres, ebenso wichtiges Feld beherrschen: die Dramaturgie.
Intuition und ein Gespür für Zusammenhänge sind unersetzliche Fähigkeiten beim Komponieren einer Geschichte, das Arrangement der Handlung und die Ausformung der Charaktere ist eine komplexe Aufgabe – Storytelling will gelernt sein.

In dieser Kolumne schreiben wir über PlotStruktur und Figurenentwicklung, über Stoffentwicklung und Dramaturgie.