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Entwicklungsgeschichte: Prämisse und Thema

Storytelling
Beemgee
Nadine Kube
Beemgee.com - Stoffentwicklung und Dramaturgie

Angenommen,
wir würden einen Artikel darüber schreiben, wie man einer Geschichte Logik, Sinn und Tiefgang verleiht, und hätten dafür ein simples Rezept zur Hand.

Was wäre also, wenn dies einem ermöglichte, den berühmten roten Faden zu verfolgen und die Erzählstruktur so aufzubauen, dass Autor und Leser ohne Blockaden und andere Stolpersteine auf eine großartige Reise geschickt werden und dadurch – gemeinsam mit dem/den Protagonisten – eine herausfordernde, befriedigende und bestenfalls lehrreiche und inspirierende Erfahrung haben?

 

Jede gute Geschichte braucht eine solide Basis

Was sind die wesentlichen Komponenten, aus denen eine Geschichte besteht?

Es gibt die Handlung und die Figuren, die Aktionen ausführen und somit die Handlung bestimmen. Das ist die Basis, ohne geht es nicht. Es gibt einen Anfang – und ein Ende. Beides korrespondiert: Es gibt eine Ausgangssituation, eine Geschichte dazwischen, eine Entwicklung und einen Status am Ende der Erzählung – wie auch immer dieser aussieht, ob die Story final Antworten gibt oder Fragen offen lässt.  

Jegliche fiktionale Erzählung weist das gleiche narrative Prinzip auf: Sie erzählt von einer (oder mehreren) Figur(en) und einer Notlage und welche Maßnahmen diese ergreift bzw. ergreifen, um sich daraus zu befreien.
Diese Notlage stellt ein Problem dar. Bei der Lösung des Problems muss der Protagonist diverse Hindernisse überwinden – extern und intern – und schlussendlich entscheiden, welchen Weg er wählt, um den Konflikt zu lösen. Hierbei durchläuft er einen Entwicklungsprozess, lernt aus seinen Erfahrungen und in der finalen Konfrontation zeigt sich dann, ob er in der Lage ist, die Krise zu bestehen. Oft geht es dabei auch um ein bestimmtes Thema, das im Subtext der Geschichte mitschwingt und den Kern der (innerlichen/äußeren) Auseinandersetzung bildet – beim Autor, Leser und den Figuren!

 

Die Prämisse: Ein Satz – eine Story?

Zurück zum Anfang: Auf die Ideensammlung folgt die Konzeption einer Story. In dieser Phase der Stoffentwicklung werden die Grundlagen fixiert.

Das, was im Verlauf der Geschichte passiert, lässt sich runterbrechen, in der Quintessenz zusammenfassen, in einen Satz packen: Der Protagonist muss sich einer herausfordernden Situation stellen und löst diese bzw. den Konflikt auf die eine oder andere Weise.
Das heißt, wir haben hier bereits die Parameter bestimmt, die sich in der Geschichte ausdrücken müssen: WER tut WAS und WARUM? Diese Kurzbeschreibung bildet die Prämisse.

Die Prämisse formuliert zwei wesentliche Punkte der Handlung: Ausgangspunkt und Konflikt. Es wird also der Protagonist benannt, das Setting und das Problem.

Betrachtet man die Prämisse analog zur These, beschreibt sie die Voraussetzung einer Geschichte, nicht die Geschichte selbst. In der Narration wird dann die jeweilige Entwicklung durchgespielt (Antithese) und final eine Lösung präsentiert (Synthese). Die Prämisse gibt allerdings keinen Hinweis auf das WIE, also die Lösung des Problems.
Bei der Ausformulierung dieses WIE, also dem Verlauf der Story, kann es geschehen, dass man sich im Schreiben verliert – was ja per se nichts Schlechtes ist, um in den kreativen Fluss zu kommen und darin zu bleiben. Während des Schreibprozesses sollte man jedoch stets überprüfen, ob die Ausführung noch der Fragestellung entspricht, die man mit der Prämisse aufgestellt hat: „Was wäre, wenn {Ausgangssituation}?“

Die genaue Definition der Prämisse ist für den Autor ein hilfreiches Mittel, um den Faden von vorneherein zu straffen und der Entwicklung des Protagonisten eine klare Richtung zu geben.
Sie bildet die kurze, knackige Antwort auf die Frage: „Worum geht es in deiner Geschichte?“

Um die Prämisse wurden seit Einführung des Begriffs in der Erzähltheorie viele Debatten geführt, viele haben Schwierigkeiten bei der Differenzierung zwischen Prämisse und Thema. Unnötig, denn im Kern ist es simpel: Das eine hat mit dem anderen erst einmal nichts zu tun! Prämisse und Thema sind zwei verschiedene Stiefel, die man durchaus parallel überstreifen kann und die bestenfalls zusammenpassen.

Die Prämisse ist weder die Moral von der Geschicht‘ noch eine gedankliche Spielerei, sondern etabliert (lediglich) die Voraussetzung für den Plot, hat also etwas mit der Dramaturgie zu tun.

Achtung: Eine Kurzbeschreibung, in der die gesamte Geschichte auf die wesentlichen narrativen Elemente eingedampft ist, nennt man Logline. Diese ist beispielsweise wichtig, wenn man pitchen will bzw. einfach nur in einem Gespräch kurz darstellen möchte, worum es in der Geschichte geht. Jede Geschichte kann also in einem Satz erzählt werden.

 

Das Thema: Die Frage dahinter

Das Thema einer Geschichte ist der übergreifende Gedanke, der allem zugrunde liegt bzw. alles zusammenhält. Es bildet quasi ein gedankliches Konzept ab, das vom Autor als universell gültig aufgesetzt und fortan divers erörtert wird. Es kann gesellschaftliche Werte ausdrücken oder psychologische Aspekte beleuchten. Häufig wird dadurch auch ein gewisser Zeitgeist eingefangen. Die Figuren in einer Geschichte, ihre jeweilige Denk- und Handlungsweise, einzelne Ereignisse bzw. Erzählstränge, Motive, das Setting – all dies kann und sollte dazu beitragen, das Thema auf die eine oder andere Weise zu streifen, eine Spielart der Betrachtung zu liefern, verschiedene Blickwinkel einzunehmen.

Das Thema sagt jedoch vordergründig nichts über die Dramaturgie einer Geschichte aus, sondern hat mehr mit der Bedeutungsebene und Interpretation des Stoffes zu tun. (Gleichwohl kann sich aus der Prämisse ein Thema ableiten, wenn bspw. das Dilemma des Protagonisten bereits Teil der Erzählstruktur ist.)

So werden im Verlauf der Geschichte mehrere Gesichtspunkte und Interpretationen eines Themas durchgespielt, um letztendlich zu einem Ergebnis zu kommen. (Was übrigens auch in der Ausführung von Monolog und Dialog relevant ist.) Neue Gedanken zu Szenen, Storylines und Figuren kann man ganz einfach auf ihre strukturelle Sinnfälligkeit hin überprüfen, indem man sich fragt: Vermittelt dies irgendeinen neuen Aspekt meines Themas? Ist dieses Element relevant für die Erörterung des Themas und somit unverzichtbar?

Wenn man diese übergeordnete Betrachtungsweise beibehält, kann man seine Inhalte danach ausrichten und es geht nicht „am Thema vorbei“.
Hier gilt daher das gleiche Prinzip wie für die Prämisse. Die Fragestellung dabei ist stets: Bin ich noch beim Thema? 

 

Die Kunst der Abstraktion: Ein Beispiel

Story: Eine chaotische Lebefrau ohne klare Perspektive sucht einen Job und reagiert auf die Jobanzeige eines Hundehalters, der einen Dog-Sitter sucht. Sie mag keine Hunde, braucht aber dringend das Geld. Dann verliebt sie sich ausgerechnet in diesen Typen. Es gibt allerlei Verwicklungen, bis sie schlussendlich (durch den Hund) zueinander finden und sie ihre Freude an der Arbeit mit Hunden entdeckt. Sie gründen gemeinsam eine Hundefarm.

Prämisse: Hundehasserin verliebt sich in Hundefreund. (Ausgang ungewiss)

These: Hunde sind blöd, sie machen Dreck, sind laut, wollen ständig Auslauf und Aufmerksamkeit.

Antithese: Es kommt auf den Charakter des Hundes an und auf den seines Halters; Hunde sorgen für Struktur, sind zugewandt, loyal und zuverlässig.

(Mögliche) Synthese: Sie lernt den Hund zu lieben, die beiden werden glücklich, sie gründen ihre gemeinsame Zukunft auf das Zusammenleben und Arbeiten mit Hunden.

Thema: Überwindung einer Aversion/eines Vorurteils

Prämisse und Thema sind also mitnichten zwei unterschiedliche Herangehensweisen, wie man eine Geschichte konzipiert, sondern korrespondierende Elemente. Diese Betrachtungen helfen dem Autor – und somit auch dem Leser – dabei, dem roten Faden zu folgen.  

 

Fäden spannen

Man sollte bei der Konstruktion einer Geschichte darauf achten, dass der Plot nicht zu stereotyp erscheint, die Figuren nicht verflachen, die Handlungsstränge verknüpft sind.

Hier zeigen sich die Fallstricke, über die man mit den beiden Stiefeln stolpern kann: Wenn man herausliest, dass der Autor eigentlich ein Thema aufgreifen möchte, das jedoch mit der Prämisse nichts zu tun hat, verlieren sich die einzelnen Fäden. Ein allzu penetrant bedientes Thema kann wiederum dem Leser irgendwann den Nerv töten, v. a. wenn dieses mit erhobenem Zeigefinger abgehandelt wird. Eine kreativ gestaltete Story lebt nun mal von vielschichtigen Charakteren und fantasievoller Ausgestaltung des Plots, nicht von einem Missionsgedanken.

Die emotionale Wirkung einer Geschichte entfaltet sich idealerweise durch die Wechselwirkung von Erwartungshaltung und Spannungsmomenten – also durch Aha-Momente, emotionales Erleben und gedankliches Nachwirken. Prämisse und Thema bilden gleichermaßen die Grundlage für den Lerneffekt, den der Leser dadurch erfährt. Gelingt es dem Autor, diese Fäden zu spannen, entsteht eine Geschichte mit Logik, Sinn und Tiefgang. 

 

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Storytelling – die Kolumne

Neben der Kerntätigkeit, den Erzählstoff in Worte zu fassen, muss jeder Schriftsteller ein weiteres, ebenso wichtiges Feld beherrschen: die Dramaturgie.
Intuition und ein Gespür für Zusammenhänge sind unersetzliche Fähigkeiten beim Komponieren einer Geschichte, das Arrangement der Handlung und die Ausformung der Charaktere ist eine komplexe Aufgabe – Storytelling will gelernt sein.

In dieser Kolumne schreiben wir über Plot‐Struktur und Figurenentwicklung, über Stoffentwicklung und Dramaturgie.