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Wie Sie die Produktivität beim Schreiben steigern und effizienter schreiben

Federwelt
Julia K. Stein
Tipps und Tricks konzentriert zu schreiben

Techniken, die helfen, konzentrierter, besser und schneller zu schreiben und im Flow zu bleiben.

Ich habe mir selbst ausgesucht, dass ich Autorin sein möchte. Schreiben ist (angeblich) meine Leidenschaft. Manchmal bin ich wirklich im Flow und liebe meine Arbeit. Dann aber wieder ist es eine Qual und ich tue alles, um dem Schreiben aus dem Weg zu gehen! Wie kann das sein? Und vor allem: Was kann ich dagegen tun? Das herauszufinden, versuche ich schon seit meiner Magisterarbeit und Promotion. Denn da hatte ich monatelang ein schlechtes Gewissen. Teilweise habe ich alles getan, um die Arbeit an meinem Projekt aufzuschieben, sogar die WG-Toilette geputzt. Dann, kurz bevor es fast unmöglich wurde das Hauptprojekt termingerecht zu bewältigen, habe ich endlich angefangen.
In der Endphase arbeitete ich besessen und plötzlich machte es Spaß, völlig entrückt, Zeit und Welt vergessend, in der Bibliothek zu sitzen.
Die Frage, die mich seitdem beschäftigt: Wie kann ich schneller in den Flow kommen und den schlechten Teil, das Aufschieben und die Selbstvorwürfe, überspringen? Dazu habe ich mich mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt, viele Kolleginnen befragt (siehe: http://xojulia.de/25-tipps-fuer-bessere-produktivitaet) und diverse Selbstversuche unternommen.
Das Ergebnis: Früher schrieb ich einen Roman in zwei Jahren. 2018 habe ich im ersten Halbjahr drei Romane geschrieben, zu denen ich nur ein Exposé und einen halben, ersten Entwurf hatte, habe Online-Kurse gegeben und Videos für YouTube aufgenommen. Außerdem betreibe ich einen Blog, schreibe Artikel – und ja, ich besitze auch noch ein Privatleben. Das ist mir nur möglich, weil ich dauernd daran arbeite, schneller in den Flow zu kommen.

Was ist Produktivität und warum ist sie wichtig?
Viele, die hauptberuflich schreiben, müssen sehr produktiv sein, um davon leben zu können. Einige Selfpublisher veröffentlichen alle zwei Monate ein Buch. Verlagsautoren aus der Midlist müssen mindestens zwei Bücher pro Jahr schreiben. Aber ich möchte das Produktiv-Sein nicht auf die Menge der geschriebenen Seiten reduzieren. Denn im Flow zu sein und hochkonzentriert zu arbeiten, hat oft auch bessere Texte zur Folge. Man hat einen besseren Überblick über ein komplexes Projekt und kann ungewöhnliche Schlüsse ziehen.
Wenn ich einen Rohentwurf schreibe, bedeutet Produktivität für mich, schnell viele Worte zu Papier zu bringen. Am besten unkritisch, weil die Ergebnisse dadurch experimenteller werden. Wenn ich überarbeite, bedeutet es, in tiefer Konzentration bei der Sache zu sein. Psychologen haben den Flow als beglückenden Zustand definiert, in dem man restlos in einer Tätigkeit aufgeht, die einem wie von selbst von der Hand zu gehen scheint. Wer tiefer ins Thema einsteigen möchte, kann die FLOW-Bücher von Mihaly Csikszentmihalyi (ich kann den Namen auch nicht aussprechen) dazu lesen. – Faszinierend!
Um Prokrastination, also die Aufschieberitis, zu besiegen, musste ich verstehen, wie sie entsteht. Heute weiß ich, dass ich kein Mensch mit ungewöhnlich wenig Willenskraft bin, wenn ich prokrastiniere. Im Gegenteil, biologisch gesehen, bin ich, sind auch Sie dabei gelungene Exemplare. Warum? Dazu komme ich sofort.

Warum Prokrastination, Evolution und Komfortzone zusammenhängen
Wir sind biologisch grundsätzlich so angelegt, dass wir uns gern in sicherem Umfeld bewegen. Wir meiden Gefahr. Wir fühlen uns pudelwohl in unserer Komfortzone. – Das hat in den vergangenen Tausenden von Jahren für unser Überleben gesorgt. Wer sich freiwillig und ohne Druck anstrengenden und womöglich gefährlichen Aufgaben widmet, verschwendet kostbare Energie. Deshalb spülen wir auch lieber das Geschirr ab, statt den Roman zu planen. Das Abspülen ist eine sinnvolle, aber entspannte (stupide?) Tätigkeit und wesentlich komfortabler für unser ängstliches Gehirn, als uns in einen ungewissen Plot zu werfen und tatsächlich mühsam kreative Ideen zu entwickeln. Das ist Energieverschwendung! Unsere biologisch programmierte Antwort darauf ist: Bloß weg hier!

Ausbrechen mit der 5-Sekunden-Regel
Mel Robbins, Motivationsrednerin und Autorin des Buches The 5 Second Rule, meint schlicht, man müsse nach fünf Sekunden handeln, wenn man nicht Opfer seines Gehirns sein wolle, das eben lieber etwas tue, was sicher sei, also: nicht die Bühne betreten. Nicht schreiben, sondern auf Facebook klicken. Nicht schreiben, sondern den Fernseher anstellen.
Ihr Tipp ist, rückwärts von fünf bis eins zu zählen, wenn man gerade aufhören möchte zu schreiben, um „ kurz“ auf Twitter zu gehen. Dieses Rückwärtszählen störe das Gehirn, genauer: den präfrontalen Cortex, bei seiner vorprogrammierten, gewohnten Tätigkeit. Es ermögliche uns, vor dem gefährlichen Klick, neu zu entscheiden: Will ich das wirklich?
Hört sich banal an? Das stimmt, aber – wissenschaftlich gesehen – scheint es zu funktionieren. Mehr dazu hier: http://melrobbins.com/5-second-rule-hack-science-explained.

Entscheidungsmüdigkeit besiegen
Kognitionspychologen wie Daniel Kahnemann wissen: Wir haben täglich nur eine begrenze Kapazität, Entscheidungen zu treffen. Die wird durch unser Online-Dasein arg strapaziert. Denn im Netz müssen wir ständig Entscheidungen treffen, um uns nicht dem schnellen Dopamin-Glückskick hinzugeben, welchen das Gehirn bei einem Like, Herzchen oder blinkender Kommunikation ausschüttet. Irgendwann können wir nicht mehr entscheiden und lassen uns treiben. Mit dem „einmaligen“ Entschluss, das ...

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Autor: Julia K. Stein | www.jkstein.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 130, Juni 2018
Illustration: Carola Vogt

 

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