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Das eigene Werk als Hörbuchfassung?

Federwelt
Oliver Wenzlaff
Wege, um sein Buch als Hörbuch vertonen zu lassen

Die Pfade zur Audio-Fassung und wie Verlagsautoren und Selbfpublisher doch noch vertont werden.

Das eigene Werk als Hörfassung? Ein Traum für viele Autorinnen und Autoren. Doch: Ein Verlagsautor muss Bestseller liefern, damit sein Buch vertont wird. Und Selfpublisherinnen? Haben es auch nicht viel leichter. Aber es gibt sie, die Pfade zur Audio-Fassung! Wenn sie auch schmal und verwinkelt sind. Hören wir dazu drei Seiten rund um das vertonte Buch. Erstens: die großen Hörbuch-Verlage. Zweitens: die Perspektive kleinerer Unternehmen inklusive Dienstleister. Und drittens: natürlich auch die der Autorinnen und Autoren selbst. Übrigens: Oliver Wenzlaff, der Verfasser dieses Beitrags, hat selbst ein Dutzend Hörbücher realisiert. Mehr werden es wohl nicht werden. „Der Aufwand ist zu groß.“

Was die Großen sagen
Hörbücher boomen. Im vergangenen Jahr konsumierten rund 16 Millionen Menschen in Deutschland ein Hörbuch, sagt eine Studie von Audible. Das sind fast zwei Millionen mehr als 2016. Dabei ist auch der Anteil der regelmäßigen Hörerinnen gestiegen: Rund 13 Millionen hören mindestens einmal im Monat, 2016 waren es noch 11 Millionen. Aber: Im Vergleich zum geschriebenen Wort bleiben vertonte Werke selbst im Boom eine Nische. So ist jeder wirtschaftlich orientierte Hörbuchverlag gezwungen, zumindest größtenteils auf erfolgreiche Buchvorlagen zu setzen. Kerstin Kaiser, Programmleiterin bei Lübbe Audio, rechnet grundsätzlich mit Verkaufszahlen, die bei etwa zehn Prozent der entsprechenden Buchverkäufe liegen. Die Folge: „Wir gucken nach Spitzentiteln mit Schätzzahlen um 30.000 Buchverkäufe im ersten Jahr. Wohlgemerkt bei den Hardcovern. Wenn wir 3.000 CDs verkaufen, steht bei uns die schwarze Null.“ Allerdings nur, sofern es sich um eine typische Produktion handele, also um eine reine Lesung ohne großen Inszenierungsaufwand, ohne Starsprecher, ohne Aufnahmen an besonderen Orten mit mobilem Equipment.
Und abseits vom Hardcover? „Bei Taschenbüchern kommen die Hörfassungen nur auf fünf Prozent, teilweise auch nur auf ein oder zwei Prozent der Verkäufe, die bei der Buchvorlage erreicht werden“, so Kaiser. Und der Markt scheint enger zu werden. „Bei Taschenbüchern haben früher 50.000 oder 60.000 verkaufte Exemplare ausgereicht, um eine Übernahme als Audio-CD zu rechtfertigen“, sagt Martin Lorentz von Aufbau Audio. Heute setzten die großen Verlage bei Einzeltiteln eher sechsstellige Verkaufszahlen als Hürde an. Warum die ungleiche Bewertung von Taschenbuch und Hardcover? Das Taschenbuch sei günstiger, aber die CD bleibe in beiden Fällen gleich teuer. Das schreckt offensichtlich ab. Dazu Kerstin Kaiser: „Weil Taschenbücher günstiger sind, erwartet man auch, dass die zugehörigen Hörbücher günstiger sind.“

Faktor Medienthema
Bücher ohne Bestselleraussicht haben zwar Chancen auf Vertonung. Allerdings nehmen diese rapide ab. „Ein Argument ist auch, wie der Verlag das Werk oder den Autor positioniert“, sagt Heike Völker-Sieber vom Hörverlag. Sie ist dort für die Pressearbeit verantwortlich. „Schickt er den Autor auf Lesereise? Investiert er in den Autor? Und es kommt immer darauf an, dass ein Stoff etwas Besonderes hat, egal in welchem Genre.“ Wobei Krimi und Thriller die Genres seien, die im Hörbuch am besten funktionierten. „Noch mehr gilt das für literarische Titel. Wenn ein Werk hier herausragt, muss es nicht zwangsläufig hohe Verkaufszahlen erwarten lassen.“ Denn dann könne sie aus Pressesicht sagen: „Das wird ein Medienthema, das zahlt auf unsere Marke als Verlag ein.“ Oder wenn man wisse, dass die Autorin ihren Weg machen werde, nehme man vielleicht sogar ein Erstlingswerk. Selbst wenn es noch nicht der Umsatzbringer sei.

Die Mischkalkulation als Hintertür
Auch Katharina Hammann, stellvertretende Programmleiterin bei Oetinger audio, meint: „Spitzentitel sind nicht alles. Wir arbeiten mit einer Mischkalkulation: Bei bestimmten Stoffen ist vielleicht klar, dass sie keine großen Verkaufszahlen erreichen, aber wenn wir von der Geschichte restlos überzeugt und begeistert sind, lassen wir uns davon nicht abschrecken.“ Man dürfe zudem bei allen Zahlen nicht das berühmte Bauchgefühl unterschätzen. „Letztendlich ist jede Produktion anders, und ganz selten passiert es sogar, dass die Hörfassung die Verkaufszahlen des Buchs übertrifft.“ Dennoch gilt wohl in den allermeisten Fällen die Aussage von Kerstin Kaiser (Lübbe Audio): „Wir sind oft selbst traurig, dass wir viele wunderschöne Texte nicht vertonen können.“

Realitätsgewitter
Ein Blick in die Praxis – auf den Roman „Realitätsgewitter“, geschrieben von Julia Zange, erschienen 2016 im Aufbau Verlag. Julia Zange wird als Szene-Autorin und Popliteratin gefeiert. Wenig überraschend: Ihr Werk ist keine Massenware. Der Berliner Tagesspiegel meinte, es erinnere an einen Onlineblog. Die WELT schrieb, ihr Text gebe hervorragend wieder, „was für einen Quatsch die Menschen den ganzen Tag reden“. Der Roman könnte Prototyp sein für jene wunderschönen Texte, die es trotz ihres Anspruchs nicht als Hörfassung gibt. Martin Lorentz von Aufbau Audio über die Gründe: „Literarische Werke von jungen Autoren und Autorinnen sind selten die Spitzentitel eines Verlages.“ Auch bei „Realitätsgewitter“ habe der Verlag schlicht den Fall gehabt, dass der Roman nun einmal kein Spitzentitel war und außerdem die Verkaufserwartungen zu gering für eine Übernahme gewesen seien. Lorentz weiter: „Die tatsächlichen Verkaufszahlen waren dann gar nicht schlecht, aber es war kein Bestseller. Ein Qualitätsversprechen ist leider kein automatisches Umsatzversprechen.“

Ein Shortlist-Platz genügt nicht als Verkaufsargument
„Selbst wenn ein Werk gute Aussichten auf die großen Buchpreise hat, ist das noch kein Garant für eine Vertonung“, so Lorentz. „Ich hatte einen Fall, da wurde mit einer aufschiebenden Bedingung auf ein Werk geboten, das es immerhin auf die Shortlist geschafft hatte. Und die Bedingung war, dass es tatsächlich den Buchpreis gewinnt.“ Am Ende hieß es: kein Buchpreis, keine Vertonung. „Außerdem ist es das Timing, das über eine Hörfassung entscheidet. Vor 15 Jahren konnte ein Hörbuch gerne noch sechs Monate nach dem Buch erscheinen. Das war sogar vom Buchhandel explizit gewünscht.“ Man habe so die realen Verkäufe abwarten und einschätzen können, ob sich das lohne. „Heute müssen beide Medien gleichzeitig auf den Markt kommen, also kann man nur mit den Verkaufserwartungen rechnen.“ Das Risiko ist also noch einmal höher.
Kerstin Kaiser von Lübbe Audio sieht das genauso: „Hörbücher müssen gleichzeitig zum Buch erscheinen.“ Dies determiniere in der Regel auch die Art der Umsetzung: Der Zeitdruck sei groß, und schon deshalb müsse man meist auf Lesungen mit einem einzigen oder zumindest wenigen Sprechern setzen – und sich gegen eine aufwendige Hörspiel-Inszenierung entscheiden. „Ein professioneller Sprecher kann etwa zwei CDs pro Tag einlesen.“ Lesungen könne man so in den grundsätzlich knappen Zeitrahmen realisieren. Mit einer Hörspiel-CD hingegen sei ein Studio vier Wochen lang beschäftigt. Rund um die Uhr. „Und vorher ist eine enorme Vorbereitung erforderlich, weil die Stoffe dramatisiert werden müssen. Die Buchvorlage wird für ein Hörspiel komplett umgeschrieben.“

Kostenexplosion: Hörspiele bei 500 Prozent
Hinzu komme: Durch den Einsatz von Soundeffekten, die größere Zahl an Sprecherinnen und eine musikalische Untermalung seien die Produktionskosten dann auch noch vier bis fünf Mal höher. Umgekehrt müssten die Verkaufspreise niedrig gehalten werden. „Im Kinder-Bereich muss eine CD weniger als acht Euro kosten.“ Für Erwachsene könne man mit dem Ladenpreis zwar etwas höher gehen, „aber auch da stellt sich immer die Frage nach der Wirtschaftlichkeit.“ Johannes Stricker von Hörbuch Hamburg sieht jedoch einen Vorteil im Hörspiel, vor allem bei der Umsetzung von Klassikern: Hier lasse sich das Gesetz der Gleichzeitigkeit durchbrechen. Durch bewusstes Vertonen sehr alter Klassiker. Lesungen seien hier im Nachteil, denn aufgrund der zahlreichen dramaturgischen Möglichkeiten und Sounddesign-Elemente sei es über Hörspiele viel leichter, ein altes Werk zu modernisieren. Als Beispiel nennt er William Faulkners Licht im August: Der Roman ist aus den 1930ern, wurde als Radiohörspiel produziert und ist 2018 erschienen.

Digitale Nachzügler: erst das Buch, dann die Hörfassung
Vergleichsweise aktuelle Bücher, die von der Gleichzeitigkeits-Maxime abweichen, sind laut Aufbau-Mann Martin Lorentz die klare Ausnahme. Hörbuch-Nachzügler würden zudem fast immer nur als Download erscheinen. „Aber auch dafür muss es sich um einen Bestseller handeln.“ Übrigens: Bei zeitversetztem Erscheinen und als Download-only oder Stream gilt oft, dass die Buchvorlage ebenfalls ausschließlich digital erhältlich ist.
Vorteile der digitalen Spätzünder: Johannes Stricker von Hörbuch Hamburg schätzt, dass die Kosten im Schnitt ein Drittel niedriger sind. Zudem eigneten sich bestimmte Genres eher für den Download als für die CD, Soft-Erotik etwa oder Romantasy. „Die Käufer in den Läden sind da sehr zurückhaltend.“ Ein Download sei anonymer. Und: „Downloads bieten aus Verlagssicht den Vorteil, dass man sie wegen kürzerer Produktionszeiten und geringerer Fristen für die Ankündigung auch zwischen den eigentlichen Programmen auf den Markt bringen kann.“

6 CDs als Maximum
Laut Martin Lorentz von Aufbau Audio sind sechs CDs in der Regel das Maximum für eine Produktion, da sonst der Verkaufspreis zu hoch wäre. Jene sechs CDs stünden grob gerechnet für eine Lesung von 225 bis etwa 300 Buchseiten. „Da fallen viele Romane einfach aus Kostengründen durchs Raster. Es sei denn, man setzt auf MP3-CD.“ Und selbst wenn man an eine gekürzte Fassung denke, es ließe sich ja nicht beliebig kürzen. Umfangreiche Thriller beispielsweise eigneten sich dann oft eher für die erwähnte Download-only-Variante. Die bei Aufbau Audio erschienene Penn-Cage-Reihe von Greg Iles beispielsweise habe in der Buchvorlage mehrere tausend Seiten. Die Downloadzahlen bei Audible seien fünfstellig. Sind Reihen- und Serienstoffe digital im Vorteil? Zumindest setzten die großen Verlage bei Reihen und Serien auch bei CDs etwas günstigere Verhältnisse an mit Blick auf den Erfolg der Buchvorlage. Selbstläufer sind aber auch sie nicht: weder als CD noch als Download. Johannes Stricker von Hörbuch Hamburg: „Hörbüchern wird in vielen Buchhandlungen leider immer weniger Platz eingeräumt. Im Download gibt es zwar keine räumliche Limitierung, aber durch das umfangreiche Angebot ist das Finden faktisch noch schwieriger als im Buchladen. Hörbuchkäufe sind Spontankäufe. Zumindest deutlich häufiger als beim Buch. Hörbücher werden also nur gekauft, wenn sie gesehen werden.“

Hörbuch ohne Buchvorlage
Auch Hörbücher ohne Vorlage sind möglich. Heike Völker-Sieber vom Hörverlag verweist auf eine Originalproduktion aus ihrem Haus, die Lyrik-Anthologie Lyrikstimmen. Die Bibliothek der Poeten. 122 Autorinnen & Autoren, 420 Gedichte, 100 Jahre Lyrik im Originalton. Schon der Titel deutet auf ein Mammutwerk. „Sieben Jahre lang haben wir auf großer Breite Stoffe gesichtet und in Archiven recherchiert, vom historischen Material bis zur Slam Poetry. Wir haben 420 Gedichte ausgewählt, für die wir oftmals jeweils an drei Stellen die Rechte einholen mussten, es waren rund 1.000 Einzelverträge abzuschließen.“ Lyrik fristet sonst eher ein Nischendasein. Lohnt sich der Aufwand? Heike Völker-Sieber: „Wir wissen, dass sich Lyrik nicht sonderlich gut verkauft. Aber ihr Ursprung ist das gesprochene Wort, und ...

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Autor: Oliver Wenzlaff | Instagram: @thewenzlaff
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 130, Juni 2018
Blogbild: Photo by Jason Rosewell on Unsplash
 

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