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Autoren in der Flatrate-Falle

Federwelt
Janet Clark
Bei E-Book-Flatrates bekommen Autoren Almosen und keine Honorare

Hilfe, mein Buch ist auf Skoobe! Was E-Book-Flatrates sind, über Ihren Status im Verlag sagen und wie Sie verhindern, dass Ihre Neuerscheinungen darin landen.

„Übrigens, ich lese gerade deinen neuen Thriller.“ Meine Jugendbuch-Lektorin macht eine winzige, aber hocheffiziente Kunstpause. Ich halte den Atem an. „Wirklich ...“ Pause – als höre sie mein Hibbeln durch den Hörer. „... seeeehr spannend.“
Mein Herz hüpft. Meine Lektorin ist Krimifan und ein „seeeehr spannend“ ein Prädikatslob. Ich grinse und hauche ein bescheidenes „Ach – ja? Auf welcher Seite bist du denn?“
„Seite? Hm, ich lese auf Skoobe, da-“
Krrieeeek. Man stelle sich hier das Geräusch einer Nadel vor, die quer über die Platte kratzt, das Geräusch, das im Film signalisiert, dass der Traum der Heldin abrupt platzt. Genau dieses kreischt durch meinen Kopf und übertönt die nächsten, wahrscheinlich lobenden Sätze meiner Lektorin. Auf SKOOBE??? Mein neuer Thriller? Das Buch, an dem ich fünfzehn Monate Tag und Nacht gearbeitet hatte? Das Buch, das täglich von Bloggern als Thriller-Highlight bejubelt wird? Das Buch mit dem fetten Vorschuss, in dem so viel Leidenschaft und Hoffnung steckt?
Das kann nicht sein.

Ein neues Werk in der Flatrate? KATASTROPHE!
Flatrate, das ist Zweitverwertung. Ein Auffangbecken für die Krumen, die sich aus der vernachlässigten Backlist herausbröseln lassen. Der Ort, an den Leserinnen gelockt werden, um Bücher zu entdecken, um dann Neuerscheinungen zu kaufen. Aber es ist ganz sicher nicht der passende Ort für mein neues Werk. Nein. Das wäre ... plötzlich wird mir heiß, denn ich begreife blitzartig, was das wäre: eine Katastrophe.
Hastig beende ich das Gespräch, rase zum Computer und rufe Skoobe auf. Es kann nicht sein. Der Verlag hätte mich fragen müssen. So steht es in meinem Vertrag. – Doch ... tatsächlich. Mein Buch. Hochbeliebt. Es hat doppelt so viele Bewertungen (alle top) wie auf Amazon, und dort sind es bereits viele, dank der Leserunden und Rezensionsexemplare.
Ich sehe mir das Amazon-Ranking für deutsche Krimis und Thriller an, die Rubrik, unter der 2013 mein Thriller nach einem ähnlich begeisterten Empfang wochenlang um die Topplatzierungen rangelte und zwar mit Sebastian Fitzeks und Arno Strobels Werken. Diesmal sind unter den Top Ten, mit Ausnahme von einem Fitzek-Thriller, nur Bücher des amazoneigenen (!) Verlagsimprints Edition M. Keines über 5 Euro und alle gratis über Amazons Flatrate Kindle Unlimited (KU) zu lesen.
Katastrophe.

Ein bisschen Historie
2013 wurde mein Thriller trotz mäßiger Sichtbarkeit im Buchhandel zum Bestseller – mit über 50 Prozent E-Book-Verkäufen. Weil Leserinnen noch flächendeckend bereit waren, für ein E-Book den Preis zu bezahlen, den ein Verlag im Rahmen seiner notwendigen Mischkalkulation festlegte.
Das allerdings hat sich geändert. 2011 öffnete Amazon mit Kindle Direct Publishing (KDP) den Buchmarkt für Selfpublisher. Es dauerte einen Moment, dann folgte ein Massenansturm und Amazon missbrauchte die frischen Autoren für einen minutiös orchestrierten Preiskampf. Selfpublisherinnen konnten durch Gratisaktionen und Dumpingpreise ihr Ranking in die Toplisten katapultieren, E-Book-Preise zwischen 99 Cent und 2,99 Euro wurden zur Norm in Bestenlisten. Parallel ging Skoobe 2012 als erste Verlagsbuchflatrate in Deutschland online. Als Unternehmen der Bertelsmann-Töchter Arvato und Random House sowie der Holtzbrinck-Verlagsgruppe. Die Flat lohnt sich für Kunden der großen Publikumsverlage meist schon ab einem Buch im Monat. Im Programm: mehr als 4800 Verlage mit etwa 200.000 E-Titeln, darunter Backlister von Bestsellerautorinnen sowie marktfrische von Midlistautoren. Der Service sollte „den neuen Bedürfnissen von Lesern im E-Book-Markt gerecht [...] werden“ (1) und neue Zielgruppen erschließen. Nur welche?, frage ich mich heute. Leser, die nicht bereit sind, einen fairen Preis für ein aufwendig recherchiertes, geschriebenes und ordentlich lektoriertes Buch zu bezahlen?
Die Disruption des Buchmarkts trat ihren Siegeszug an. Die Preise für E-Books purzelten nun auch bei anderen Anbietern, E-only-Verlage schossen aus dem Boden, Verlage und Buchhandel konterten mit der Jagd nach Hype-Büchern, für die Leserinnen jeden Preis bezahlten und die in keiner Flat zu finden waren. Allerdings fraßen diese Bücher auch das Gros der Marketingbudgets. Auf der Strecke blieben Midlist-Autorinnen, die es weder flächendeckend in den Buchhandel schafften, noch ihr Buch für 2,99 Euro verschleudern konnten und plötzlich in der Unsichtbarkeit verschwanden.
2014 führte Amazon KU ein. Nun wurde nicht mehr belohnt, wer seine Bücher gratis anbot, sondern wer sein Buch exklusiv über KU vertrieb, sprich, wer Amazon dabei half, seine Kunden mit einem prall gefüllten Leseerlebnis an seine Flat zu binden. Und das lohnte sich zunächst. Die Ausschüttungen und Boni für ein geliehenes Buch im Top-Ranking erreichten teils fünfstellige Summen – im Monat.
Kurz darauf drängte auch die werbefinanzierte, kostenlose Flatrate readfy auf den Markt. Hier finden sich hauptsächlich Werke aus kleineren oder E-only-Verlagen beziehungsweise von Selfpublishern. – Mit Blick auf die boomende E-Book-Piraterie-Szene war diese Flat speziell für Leser gedacht, die nicht einmal bereit waren, monatlich zehn Euro für unbegrenztes Lesevergnügen zu berappen. „Wir wollen die disruptive Kraft sein, die das Geschäftsmodell der Verlage auf eine neue Stufe hebt“, so readfy-Geschäftsführer Bauchspiess 2013 gegenüber Buchreport. (2) –Jetzt mussten die Flats nur noch mit Büchern gefüllt werden, mit denen Leser angelockt und gehalten werden konnten.

Heute: Zahlen, die zum Berufswechsel animieren
Heute sind circa 1,3 Millionen Bücher in den drei Flatrates, nicht eingerechnet Amazons Kindle-Leihbücherei und das Prime-Reading-Angebot für Prime-Kunden, das übrigens in direkter Konkurrenz zur hauseigenen KU-Flat steht. Über KU wurden im Juli 2015 1,99 Milliarden Seiten gelesen, pro gelesener Seite gab es 0,53 Cent für die Autorinnen. Im Juli 2017 wurde über KU fast drei Mal so viel gelesen, 5,85 Milliarden Seiten. Pro Seite gab es aber nur noch 0, 28 Cent, also grob die Hälfte. (3) Und seit der Einführung von Prime Reading klagen KU-Autoren über weitere, signifikante Verdiensteinbrüche. (4) Aber auch Skoobe wartet mit imposanten Zahlen auf: 2016 haben die Nutzer zusammen rund 1.000 Jahre auf Skoobe gelesen und dabei über 1 Million Mal ein neues Buch entdeckt. (5) Zugegeben: Das sind Zahlen, die mich spontan über einen Berufswechsel nachdenken lassen.
Doch wie sinnvoll ist eine Strategie, die ...

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Autor: Janet Clark | www.janet-clark.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 130, Juni 2018
Illustration: Carola Vogt und Peter Boerboom

 

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