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Swisscom verärgert Kreative mit Monsterprinzessin

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Ausschnitt aus dem Cover des Swisscom-Bilderbuchs "Die Monsterprinzessin"

Die Swisscom hat im Rahmen einer Imagekampagne ein Bilderbuch veröffentlicht. Es ist mit KI entstanden und heißt Die Monsterprinzessin. Die Kreativen der Schweiz finden das "mehr als fragwürdig". Sie haben einen offenen Brief an den CEO der Swisscom geschrieben.

Die Swisscom hat ein mit KI generiertes Bilderbuch veröffentlicht und in einer Auflage von 6.950 Exemplaren drucken lassen. Es heißt Die Monsterprinzessin, ist auch online als PDF erhältlich und wurde von dem Schweizer Telekommunikationsunternehmen im Juni 2025 im Rahmen einer Imagekampagne verlost. "Im Buch erfährst du auch, wie du in drei einfachen Schritten deine eigene Fantasie mithilfe von KI zum Leben erweckst. Denn nichts ist spannender als deine ganz persönliche Gute­nacht­geschichte", heißt es auf der Swisscom-Website.

Diese Imagekampagne ist etlichen Schweizer Einrichtungen ein Dorn im Auge. Sie habe sich zusammengeschlossen und gemeinsam einen offenen Brief an den CEO der Swisscom geschrieben. 
Auf ihrer Website schreiben die Autorinnen und Autoren der Schweiz (A*dS): "Wir finden die Botschaft der erwähnten Kampagne auf verschiedenen Ebenen mehr als fragwürdig (siehe Brief) und können diese nicht unkommentiert lassen."

Die Unterzeichnerinnen des offenen Briefs

Unterschrieben haben den offenen Brief diese Einrichtungen:

Offener Brief an den CEO der Swisscom

Swisscom AG
Herr Christoph Aeschlimann, CEO
Alte Tiefenaustrasse 6
3050 Bern

Bern, 20. Juni 2025

Imagekampagne Swisscom «Entdecke, was du kannst»

Sehr geehrter Herr Aeschlimann

Im Rahmen der neuen Swisscom-Imagekampagne, die am 19. Mai 2025 lanciert wurde, wirbt Ihr Unternehmen unter dem Slogan «Entdecke, was du kannst» mit einem KI-generierten Kinderbuch und fordert Kinder auf, selbst mit KI «kreativ» Geschichten zu verfassen. Wir erachten das auf verschiedenen Ebenen als hochproblematisch.

Ein Unternehmen, welches wie die Swisscom zu 51% der Schweizerischen Eidgenossenschaft und damit zum Service Public gehört, sollte seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und seine Ressourcen dazu verwenden, den Schweizer Wirtschaftsstandort, Schweizer Kulturschaffende und die gesunde Entwicklung von Kindern zu fördern.

Im Gegensatz dazu dringt die Swisscom mit ihrer KI-Publikation, die in einer hohen Auflage von 6950 Exemplaren im Eigenverlag erschienen ist, in einen sensiblen Markt ein, in dem Kreativschaffende und ganze Branchen – namentlich Autor:innen, Illustrator:innen, Übersetzer:innen, Gestalter:innen, Leseanimator:innen das Verlagswesen sowie der Buchhandel – um ihre Existenz kämpfen: In der Schweiz erreichen nur sehr wenige Kinderbücher eine derart hohe Auflage. Dass es sich dabei um einen Werbegag handelt, ist besonders irritierend.

Firmen sowie Privatpersonen dazu zu animieren, professionelle Arbeit zu automatisieren und ins Ausland auszulagern, erachten wir als fahrlässig. Das ist keine Förderung von Kultur und Wirtschaft, wie Swisscom sie als Eigenleistung für sich beansprucht, sondern genau das Gegenteil.

Der Aussage im Vorwort des Buches, die Publikation sei «etwas ganz Besonderes», da es «mit KI geschrieben und gemalt» worden sei, müssen wir zudem dezidiert widersprechen: KI selbst schreibt oder malt mitnichten und ist auch darüber hinaus nicht zu Kreativität fähig. Vielmehr bedient sie sich, ohne eine Gegenleistung zu erbringen, an von Menschen geschaffenen und urheberrechtlich geschützten Werken, um Inhalte zu erzeugen.

Professionelle Buchschaffende erarbeiten sich in einer hochspezialisierten Ausbildung und in jahrelanger Erfahrung vielerlei Kompetenzen, darunter Empathie und Kreativität, um sich in einem hart umkämpften Markt zu etablieren.

Kreatives Schaffen mit KI ersetzen zu wollen, wertet nicht nur die Arbeit von Kulturschaffenden ab, sondern ist auch aus pädagogischer Sicht problematisch. Lesen und kreatives Denken sind Schlüsselkompetenzen unserer Gesellschaft. Kinderbücher tragen dazu bei, diese Fähigkeiten aufzubauen und verlangen daher nach einem hohen Mass an Fachwissen und Verantwortungsbewusstsein. In einem Kinderbuch Kinder aufzufordern, selbst mit KI Geschichten zu verfassen, ihre Fantasie also faktisch einer Maschine abzutreten, ist gefährlich für die Entwicklung der Kinder und höchst fahrlässig.

Digitale Medien und Künstliche Intelligenz im Rahmen einer Gutenachtgeschichte zu propagieren, widerspricht den eigenen Leitlinien der Swisscom für Eltern zum verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien in eklatanter Weise.

Der Werbespot und das KI-Bilderbuch Ihrer Kampagne greifen zwei besonders vulnerable gesellschaftliche Gruppen direkt an: Kinder werden manipuliert, und die ohnehin prekären Arbeitsbedingungen einer ganzen Branche, die bereits stark unter Druck steht, werden ignoriert und weiter verschlechtert. Schweizer Kreative fordern verbandsübergreifend einen verantwortungsvollen, transparenten und regulierten Umgang mit KI.

Wie es im Vorwort des Buches so richtig heisst: «Am Ende sind es immer wir Menschen, die es in der Hand haben». Sie, lieber Herr Aeschlimann, haben es in der Hand: Sorgen Sie bitte dafür, dass die Swisscom das lebt, was sie sich als Unternehmen auf die Fahne schreibt: Eine echte Kulturförderung und Verantwortung für zukünftige Generationen.

Das Thema ist sehr ernst, deshalb bitten wir Sie, uns die Möglichkeit zu einem persönlichen Austausch zu geben. Von unserer Seite würden wir eine Delegation der Unterzeichneten zu einem Gespräch aufbieten. Gerne erwarten wir hierzu Ihre Rückmeldung.

Epilog in der Monsterprinzessin

Auf den Seiten 44 und 45 der Monsterprinzession wird den Leser*innen erklärt, wie sie mit KI Geschichten schreiben lassen können. Dort heißt es:

In 3 Schritten zur eigenen Geschichte

Mit nur ein paar Klicks und etwas Kreativität schaffst du dank Text-KIs ganz neue Geschichten. Einfach auf swisscom.ch/campus eine Text-KI wie ChatGPT wählen – und los geht’s:

1. Wünsche sammeln
Überleg, wer in der Geschichte vorkommen soll und wohin das Abenteuer geht. Ein Pirat auf dem Matterhorn? Ein Dinosaurier am Schwingfest? Dein Haustier im Weltall?

2. Auftrag formulieren
Schreib in der Text-KI einen klaren Prompt, z. B.: „Erzähle eine unterhaltsame Gutenachtgeschichte über die mutige Katze Chlöbli auf Schatzsuche auf dem Jupiter.“

3. Geschichte anpassen
Nicht spannend genug? Lass die Text-KI deine Geschichte weiter ausbauen. Wie wär’s mit: „Die Katze soll einen Zwischenhalt auf dem Mond einlegen“?

Fertig!

Übrigens: Mit einer Bild-KI kannst du auch passende Bilder zu deiner Geschichte kreieren. 
Schau vorbei auf swisscom.ch/campus und erfahre mehr.
Entdecke, was du kannst

Christoph Aeschlimann, CEO der Swisscom, in seinem Vorwort der Monsterprinzessin

[...]

Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes. Es wurde  mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) geschrieben und gemalt. Verrückt, was heutzutage alles möglich ist, oder?

Aber die KI schafft das nicht alleine. Erst, als Menschen der KI die richtigen Anweisungen gegeben haben, sind diese schönen Texte und Bilder entstanden. Daraus hat eine Gestalterin ein richtiges Buch gemacht.  Und eine Druckerei viele Bücher. Insgesamt haben über 30 Leute mitgemacht!

Manche Menschen haben Angst vor KI und davor, dass in Zukunft Maschinen für und über uns entscheiden könnten. Genau deshalb sollten wir uns mit KI beschäftigen und verstehen, was sie kann – oder eben nicht. KI ist wie ein Werkzeug. Am Ende sind es immer wir Menschen, die es in der Hand haben.

Viel Spass beim Lesen und Ausprobieren eigener Ideen!
Entdecke, was du kannst

Blogbild: Ausschnitt aus dem Cover der Monsterprinzessin