
»Gewinne hui – Übersetzerhonorare pfui« heißt es auf einem der Protestplakate. Bastei Lübbes Gewinn hat sich im Geschäftsjahr 2023/24 fast verdoppelt – auf Kosten der Literaturübersetzerinnen, wie der Übersetzerverband meint. Übersetzer erhalten von Bastei Lübbe oft nur Hungerlöhne. Darauf machte eine Protestaktion bei der Aktionärsversammlung von Bastei Lübbe aufmerksam. Wird sich etwas ändern?
Schon seit Jahren fällt Bastei Lübbe in Literaturübersetzer:innenkreisen sehr negativ auf: Kaum ein Verlag zahlt schlechtere Übersetzungshonorare und beharrt auf unterirdischeren Vertragsbedingungen. Für den 11. September 2024 hatte der Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ) daher zu einer Protestaktion aufgerufen. Im Kölner MediaPark, wo die Aktionärsversammlung stattfand, trafen sich zwanzig Übersetzerinnen und Übersetzer und forderten höhere Honorare.
Forderungen des VdÜ in Sachen Übersetzungshonorare
Von Bastei Lübbe fordert der VdÜ konkret:
- eine Umsatzbeteiligung der Übersetzer:innen ab dem ersten verkauften Exemplar, die nicht auf das Grundhonorar angerechnet wird!
- die Anwendung des zwischen VdÜ und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels geschlossenen Normvertrags für den Abschluss von Übersetzungsverträgen!
- Seitenhonorare von mindestens 25 Euro, um die Inflation auszugleichen!
Von der Politik fordert der VdÜ:
- eine gesetzliche Festschreibung von Mindesthonoraren für Übersetzungen außerhalb des juristischen Bereichs analog zum JVEG!
- eine Verlagsförderung für Kleinverlage, damit die Vielfalt der literarischen Landschaft erhalten bleibt, die nicht nur für Übersetzer:innen wichtig ist!
- ein Verbandsklagerecht, damit Übersetzer:innen gegen Verstöße gegen das Urhebervertragsrecht vorgehen können, ohne fürchten zu müssen, dass sie auf einer Blacklist landen und ihren Lebensunterhalt verlieren!
Seitenhonorar für Übersetzungen
Die Seitenhonorare, so der Übersetzerverband, liegen bei Bastei Lübbe teils weit unter denen anderer Publikumsverlage, die auch schon kaum ein nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen. Der VdÜ: »Und selbst die höchstrichterlich festgestellten Mindestbeteiligungen am Umsatz und an den Lizenzerlösen werden in den Übersetzungsverträgen systematisch unterlaufen. In den allermeisten Fällen werden sie schlicht ausgehebelt: Statt ab 5.000 verkauften Exemplaren zusätzlich zum Seitenhonorar eine Absatzbeteiligung zu zahlen, beteiligt Bastei Lübbe die Übersetzer:innen erst nach der Verrechnung des bereits gezahlten Seitenhonorars. Damit Übersetzer:innen überhaupt in den Genuss einer Absatzbeteiligung kommen, muss sich ein Titel knapp 100.000mal verkaufen – und um als Erfolgsbeteiligung spürbar zu werden, deutlich häufiger. Da diese Verkaufszahlen von immer weniger Titeln erreicht werden, gehen die meisten Kolleg:innen leer aus. Derweil erhielt allein der Vorstandsvorsitzende der Bastei Lübbe AG im Geschäftsjahr 2023/24 satte 502.000 Euro – und damit 34,3% mehr als im Vorjahr. Die durchschnittliche Mitarbeitervergütung stieg im selben Zeitraum um 1,9%.«
FAQ zum Protest bei Bastei Lübbe
Auf der VdÜ-Website wurde mittlerweile ein umfangreiche Seite eingerichtet, die sich – wie beschämend! – »FAQ zum Protest bei Bastei Lübbe« nennt.
Dort zieht man ein positives Fazit in Sachen Protestaktion. Man habe damit Aufmerksamkeit generiert. Der Vorstand der Bastei Lübbe AG habe Gesprächsbereitschaft und Offenheit signalisiert. Doch ob sich nun wirklich etwas ändert? Konkrete Zahlen, heißt es dort, wurden noch nicht verhandelt, aber eine Verbesserung der Übersetzungshonorare wurde in Aussicht gestellt. Ebenso wurde erklärt, dass die Verrechnung der Absatzbeteiligung auf das Grundhonorar „so nicht bleiben“ müsse.
Zu den Seitenhonoraren heißt es auf der FAQ-Seite konkret:
»Wer sich die Honorarentwicklung der letzten 23 Jahre anschaut, also seit der Einführung des Euro, wird feststellen, dass die Übersetzungshonorare nur geringfügig gestiegen und teilweise sogar gesunken sind, während die Lebenshaltungskosten in diesem Zeitraum um über 50 Prozent gestiegen sind. Inflationsbereinigt sind unsere Honorare also stark gesunken: Ein Seitenpreis von 16 Euro zu Beginn des Jahres 2001 müsste heute 24,70 Euro betragen, nur um die Inflation auszugleichen. De facto liegen Seitenhonorare bei der Bastei Lübbe AG heute in bestimmten Sparten noch unter 16 Euro. In unseren Honorarumfragen wurden in den letzten Jahren vermehrt Seitenhonorare von 15, 14, 12 sogar von 9 Euro gemeldet. Das darf nicht sein!«
Je größer der Verlag, desto unmoralischer in Sachen Übersetzungshonorare
Ist Bastei Lübbe das einzige schwarze Schaf in Sachen Übersetzungshonorare? Offenbar nicht. Der VdÜ schreibt hierzu:
»Es lässt sich in der deutschen Verlagslandschaft ein interessantes Phänomen beobachten: Je kleiner und unabhängiger der Verlag, desto näher am Normvertrag gestaltet er die Übersetzungsverträge und umso entgegenkommender honoriert er die Übersetzer:innen. Andersherum formuliert: Je größer das Unternehmen, desto weiter weg von Normvertrag, BGH und GVR bewegen sich die Hausverträge. In der Übersetzungsvergütung spiegelt sich die Oligopolstruktur des Buchmarkts: Wenige große Verlage haben überproportional viel Macht und nutzen sie, um sich über Vergütungsregeln und Branchenverträge hinwegzusetzen.«
Erfüllt Bastei Lübbe die ESG-Kriterien?
Der VdÜ weiter: »Bei Bastei Lübbe ist das besonders auffällig. Die Dividende entsteht auf dem Rücken der Urheber:innen, die am Anfang der Wertschöpfungskette des Verlags stehen. Im Hinblick auf die ESG-Kriterien für Aktienanbieter wäre in dem Zusammenhang zu überlegen, ob ein Konzern wie Bastei Lübbe das „S“ in „ESG“ mit der Bedeutung „sozial verantwortlich“ wirklich erfüllt, wenn Soloselbstständige so schlecht für ihre Arbeit honoriert werden, dass sie nur mit Mühe ihre Miete begleichen können und definitiv in Altersarmut landen, wenn sich nichts ändert.«
Nicht nur an die Aktionäre, auch an die Übersetzerinnen denken!
Am 15. Oktober 2024 kündigte Bastei Lübbe in einer Pressemeldung an, dass in einem Jahr »Circle of Days«, der neue Roman von Ken Follett, erscheinen wird. Der Historische Roman soll am 23. September 2025 weltweit gleichzeitig veröffentlicht werden, auch in deutscher Übersetzung. Es wäre schön, wenn man diese und andere Übersetzungen von Bastei Lübbe in Zukunft ohne schlechtes Gewissen lesen könnte und der Verlagskonzern nicht nur seine Aktionäre, sondern endlich auch seine Übersetzerinnen glücklich machen würde.
Blogbild: Protest bei der Aktionärsversammlung von Bastei Lübbe, Foto: Ruth Löbner
