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Biodiversität in Literatur zeigt Entfremdung von der Natur

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Biodiversität in Literatur zeigt Entfremdung von der Natur

Die Entfremdung von der Natur schlägt sich seit Langem auch in der Belletristik nieder. Das hat eine Forschungsgruppe aus Frankfurt und Leipzig herausgefunden.

»Ein Vogel schrie. Die Blätter der Bäume färbten sich bereits rot.«

»Vogel, Bäume – bitte genauer!«, schrieb ich vor vielen Jahren an den Rand eines Manuskripts, dessen Testleserin ich war. Dann hielt ich inne. Vermutlich wusste es meine Autorin, die ich sonst so sehr schätzte, nicht besser. Sie war ja in der Stadt aufgewachsen. Wie gut, dass sie bald Geburtstag hatte! Ich würde ihr einen dicken Bildband über Bäume schenken. Oder über Vögel. Denn ich fand – und finde –, dass Autorinnen und Autoren sich damit auskennen sollten. Schließlich macht es – zumindest für mich – einen Unterschied, ob eine Leiche unter einer Eibe, einer Eiche, einer Linde, einer Birke, einer Weide oder einem Walnussbaum platziert ist. Zumindest für mich.

Die Artenvielfalt geht zurück – auch im Denken

Daran musste ich denken, als der Börsenblatt-Newsletter kürzlich auf eine Nachricht im Deutschlandfunk hinwies. »Die Artenvielfalt auf der Erde geht seit Langem zurück – auch im Denken«, hieß es dort. Das hätte ein Forscherteam aus Frankfurt und Leipzig herausgefunden. Und weiter:

»Die Forschenden haben eine Datenbank mit zehntausenden Werken der westlichen Literatur vom 18. bis ins 20. Jahrhundert untersucht. Dabei stellten sie fest, dass bis Mitte des 19. Jahrhunderts Tiere und Pflanzen immer öfter in der Literatur vorkamen. Sie wurden häufiger genannt und auch die Bezeichnungen wurden vielfältiger. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm dann die Artenvielfalt in der Literatur ab, ebenso wie spezifische Begriffe. Zum Beispiel stand in Texten öfter nur noch Baum statt Eiche oder Buche. Nur Lebewesen, mit denen Menschen dauerhaften Kontakt hatten wie Haustiere, stellten eine Ausnahme dar. [...] Die Forschenden erklärten, dass diese Entwicklung nicht nur zum Verlust der Artenvielfalt, sondern offenbar auch zu einer Verarmung im naturbezogenen Denken geführt habe.«

Die Studie, auf den sich der Deutschlandfunk bezieht, erschien am 14. September 2021 in »People and Nature«. In der Zusammenfassung der Studie heißt es unter anderem:

Biodiversität in Literatur (BiL) als Indikator für die Offenheit des Menschen gegenüber immateriellen Beiträgen der Natur

»Jüngste Fortschritte in der automatischen Sprachverarbeitung ermöglichen uns nun die Quantifizierung der Vielfalt, die der Verteilung von Erwähnungen von Lebewesen in belletristischer Literatur zugrunde liegt. Diese bezeichnen wir als Biodiversität in Literatur (BiL). Wir gehen davon aus, dass BiL einen Indikator für die Offenheit des Menschen gegenüber immateriellen Beiträgen der Natur darstellt und somit die Bedeutung der Beiträge zur Kommunikation besser erfasst werden kann.

Wir stellten eine umfangreiche Liste mit 240.000 englischen Bezeichnungen für biologische Taxa zusammen. Wir präparierten und durchsuchten ein Subkorpus digitalisierter Literatur des Projekt Gutenberg nach diesen Bezeichnungen. Wir quantifizierten Veränderungen typischer Biodiversitätsindizes aus der Ökologie für 16.000 Bücher von 4.000 Autoren als Indikatoren für BiL zwischen 1705 und 1969. [...]

Entfremdung von der Natur zeigt sich in der Literatur

Die Ergebnisse bestätigen unsere Hypothese, dass BiL bis zur Industrialisierung aufgrund mehrerer simultanen Einflüsse, wie der Öffnung der fiktionalen Literatur, der Weiterentwicklung des Bildungssystems und einer möglichen Bewusstwerdung von Biodiversitätsverlust während der Romantik, abnimmt. Da diese Einflüsse andauerten und wir keine Hinweise auf weitere BiL-reduzierende Vorgänge fanden, wie bspw. Verschlankung biologischen Vokabulars, gehen wir davon aus, dass die darauffolgende Umkehrung der Entwicklung von BiL das Resultat menschlicher Entfremdung von der Natur infolge umfassender sozialer Veränderungen durch die Industrialisierung zuzuschreiben ist.«

»Entfremdung von der Natur« – vermutlich helfen dagegen keine Bildbände über Bäume und Vögel.

Links:
https://www.deutschlandfunk.de/artenvielfalt-verlust-auch-in-der-literatur.2850.de.html?drn:news_id=1303066
https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/pan3.10256

Blogbild: Peng Chen, unsplash