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Interview mit Marcus Johanus

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Drei Fragen an Marcus Johanus von den »Schreibdilettanten«

1. Neben deinem Brotberuf hast du einen Blog, in dem du Schreibtipps gibst, du machst mit Axel Hollmann zusammen den Podcast »Die Schreibdilettanten«, du twitterst, bist auf Facebook aktiv und Familie hast du auch noch. Wann schreibst du und wie bekommst du alles unter einen Hut?

Ich schreibe in der Regel sehr früh morgens und immer dann, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Ganz wichtig ist mir die Schreibzeit kurz nach dem Aufstehen. Ich bin gerne Frühaufsteher und im Prinzip ist es das Erste, was ich jeden Tag mache. Ich falle aus dem Bett, klappe meinen Laptop auf, tippe drauf los und warte ab, was passiert. Manchmal ist die Sache nach ein paar Minuten vorbei, weil ich nicht fit bin oder sich etwas Wichtiges aufdrängt (wie z.B., dass ich zur Arbeit muss). Aber meistens habe ich doch so eine, wenn es gut läuft, zwei Stunden, in denen ich was tippen kann. Über den Tag verteilt hat jeder ja hier und da ein wenig Leerlauf. Zumindest geht das mir so. Zehn Minuten hier, eine Viertelstunde dort - Zeit, die man warten muss, in der man nicht den Nerv für andere Dinge hat usw. Ich sorge dafür, dass ich immer den Laptop mit meinem aktuellen Projekt in Reichweite habe und mache wenigstens ein bisschen was daran. Und wenn es ein Satz ist. Mit der Zeit läppert sich das. Mir ist am wichtigsten, dass ich nicht aus dem Fluss gerate. Ich behalte meine Projekte mit meiner Arbeitsweise im Kopf und verliere meine Ziele nicht aus den Augen. Täglich wenigstens ein bisschen was zu machen, ist für mich wichtiger, als mich einmal am Wochenende für fünf Stunden hinzusetzen - diese Zeit hätte ich auch gar nicht. Nicht selten merke ich am Ende eines Tages, dass ich dann doch 1500, 2000 oder mehr Wörter zustande bekommen habe, obwohl ich kaum am Stück lange Zeit schrieb.

Ich finde es ganz wichtig, nicht darauf zu warten, dass man mal Zeit, Inspiration und/oder Muße zum Schreiben hat. Ich finde es wichtig, einfach zu schreiben, wann immer es irgendwie geht.

2. Manchmal hört man den Tipp, als angehender Autor möglichst aktiv in der Branche zu sein. Hat dir dein Engagement bisher geholfen?

Jein. 
Ja, es hilft, denn ich habe schon interessante Leute kennengelernt, viele tolle Erfahrungen gemacht und das Gefühl, Mitglied einer Szene zu sein - was mir alles sehr wichtig ist. Vor allem ist dies wichtig dafür, mich selbst als Autor wahrzunehmen. Wenn die Frage darauf abzielt, ob ich mit Social-Media-Aktivitäten meine Chancen auf Erfolg als Autor auf dem Literaturmarkt ankurble, dann würde ich die Frage mit nein beantworten. Ich denke, es schadet nicht (sieht man einmal von der Zeit ab, die dafür draufgeht). Ob dies jedoch ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist - das wage ich zu bezweifeln. Wer glaubt, mit Twitter, Facebook und Co. seine Buchverkäufe ankurbeln zu können, der ist in meinen Augen ein großer Optimist. Mag sein, dass Social Media einen positiven Effekt hat, meiner Beobachtung nach ist dieser aber eher gering und wird generell eher überschätzt.
Aber die Sache macht Spaß. Ich würde das alles nicht tun, wenn ich es nicht als persönliche Bereicherung erfahren würde.

3. Wie beeinflusst deine Beschäftigung mit Rollenspielen deine Tätigkeit als Schriftsteller?

Rollenspiele haben mich viele Jahre geprägt und ich habe meine ersten Schreib- und Veröffentlichungserfahrungen in diesem Bereich gemacht. Insofern haben sie mich massiv beeinflusst. Ich habe eine Menge über Figuren und Plots gelernt. Vor allem bieten Rollenspiele für Autoren die einmalige Gelegenheit, die Wirkung von Geschichten unmittelbar zu teilen. Was ich mir als Spielleiter oder auch als Spieler in einer Situation ausdenke, wird sofort von den anderen Mitgliedern meiner Gruppe gespiegelt, aufgenommen, weiterverarbeitet und zu mehr entwickelt. Rollenspiele sind kollektives Geschichtenerzählen. So was muss einem Autor einfach Spaß machen. Und ich habe dabei oft die eine oder andere Inspiration erfahren.
Ich ziehe aus Rollenspielen die Lehre, dass jede Idee, die einmal aus meinem Kopf draußen ist und an jemand anderen gerät, auch zu seiner Idee wird und unter Umständen nicht mehr viel mit meiner Idee zutun hat - und dass das in Ordnung, ja, sogar wünschenswert ist. Für mich erwächst daraus für das Schreiben der Schluss, dass der Leser im Mittelpunkt meiner Tuns zu stehen hat. Was er aus meiner Geschichte macht, vor allem aber, welche Erwartungen und Bedürfnisse er hat, ist mir wichtig.
Darüber hinaus lerne ich wirklich viel über Plots und Figuren. Was funktioniert, was funktioniert nicht. Was kommt an, was finden die Leute langweilig. Vor allem sind Rollenspielrunden gut für Plausibilitätschecks. Rollenspieler sind in der Regel Erbsenzähler, die auf Details achte und die jeden Fehler finden. Es ist kein Zufall, dass meine Testleser größtenteils Rollenspieler sind.

Bonusfrage: Was liest du gerade und wie gefällt es dir?

1. Richard Laymon „Die Familie“ - Der Roman gefällt mir mittelprächtig. Laymon lese ich immer mal wieder, so ungefähr ein Buch pro Jahr. Mich stören seine Gewaltexzesse. Da geht er mir manchmal zu weit. Aber er versteht einfach verflixt viel von Spannung und ordnet einfach alles - Sprache, Plot, Figuren … - der Spannung unter. Das bewundere ich an ihm und ich versuche hier zu lernen. Der Roman ist ziemlich typisch für ihn. Im Guten, wie im Schlechten.

2. Ernest Hemingway „Der alte Mann und das Meer“ - Hemingway ist für mich der größte Autor aller Zeiten und ich lese ihn immer mal wieder. Ich finde es faszinierend, wie er es schafft, eigentlich durch die Abwesenheit von Stil eben solchen zu beweisen. Ich versuche alle paar Jahre, hinter seine Schreibgeheimnisse zu kommen und entdecke stets Neues, obwohl man auf den ersten Blick meinen könnte, dass es bei ihm nicht viel zu entdecken gibt.

3. Arthur Conan Doyles „Der Hund der Baskervilles“ - Sherlock Holmes lese ich auch immer wieder gerne. Begleitet mich seit meiner Jugend. An diesen Geschichten muss man einfach die Figuren mögen. Hat man keinen Zugang zu ihnen, verpufft die Wirkung. Und das finde ich gerade spannend, wie es Doyle gelungen ist, eine eigentlich unsympathische Figur wie Sherlock Holmes für den Leser attraktiv zu machen.

4. Thomas Finn „Schwarze Tränen“ - Deutsche Urban Fantasy. Tom Finn schätze ich als Autor und als Mensch. Ein wirklich toller Zeitgenosse, mit dem ich hier und da ein wenig schnacken durfte. Schon allein das ist für mich ein Grund, seine Romane zu lesen. Er recherchiert hier sehr ordentlich deutsches Sagen- und Märchengut und wandelt das Ganze zu einer eigenen Mischung aus Fantasy und Horror um. Tolle Figuren, ein Feuerwerk an mitreißenden Ideen und sehr atmosphärisch.

www.dieschreibdilettanten.de