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    Beigetreten: 05.08.2016
    Ich-Erzähler und das Problem mit dem Antagonisten

    Werte Gemeinde,

    ich stehe vor einem Problem und könnte Meinungen von außen gebrauchen.
    Bei meinem derzeitigen Roman-Projekt stehe ich auf Seite 230 (entspricht etwa Buchseite 300) und fühle mich im Mid-Book-Blues gefangen. Das liegt ein bißchen daran, daß ich die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzähle und längst festgestellt habe, daß diese Perspektive gegenüber dem personalen Erzähler zwei gravierende Nachteile hat:

    1. Er muß alles, was er er nicht unmittelbar erlebt (zeigt), zusammenfassen und erzählen. Das widerspricht an vielen Stellen dem Prinzip "Show, don't tell".
    2. Es gibt keinen klassischen Antagonisten, von dessen Machenschaften der Leser erfährt.

    Gerade der zweite Punkt macht mir Sorgen. Bei einer personalen Erzählstruktur wechselt die Perspektive ja zwischen Prota und Anta, wodurch der Leser mehr weiß als der Prota, was Spannung erzeugt. Nun habe ich keinen typischen Anta, bin nur beim Prota und habe lediglich ein paar Konflikte, die der Prota zu lösen hat. Spannend finde ich das nicht. Andererseits möchte ich ungern von der Ich-Struktur abweichen und eine reine personale Erzählstruktur aufbauen, zumal es gerade am Anfang einige Rückblicke gibt, die sich aus der Ich-Perspektive besser darstellen lassen.

    Was habe ich für Möglichkeiten, trotz Ich-Erzähler Antagonisten einzubauen, von deren Plänen der Leser mehr weiß als der Prota? Oder mit anderen Worten: Wie kann ich Spannung aufbauen, obwohl ich nur die Perspektive des Ich-Erzählers habe?

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    Beigetreten: 12.03.2014
    RE: Ich-Erzähler und das Problem mit dem Antagonisten
    Mi, 02.10.2019 17:13

    Lieber Raphael,

    warum nutzt du nur (also ausschließlich) die Ich-Perspektive? Ich weiß, dass du aus irgendeinem Grund rein in der Ich-Form schreiben willst, aber damit legst du dir eben jene Steine in den Weg, die du hier auch beschreibst.

    Die für mich prominenteste Ich-Erzählerin, deren Bücher ich alle gelesen habe, ist Kathy Reichs. Ihre Protagonistinnen erzählen auch die Handlung und das (meistens) besonders packend. Zur Vorstellung des Antagonisten wechselt sie dann hin und wieder die Perspektive hin zum Antagonisten.

    Wäre es nicht eine gute Idee, wenn du den Antagonisten (und seine eventuellen Opfer, falls es ein Krimi ist) ebenfalls in der Ich-Perspektive erzählst? Dann wärst du sauber immer im Stil. Wenn du das gut umsetzt, müssten das die Leser auch verstehen, ohne sich dauernd zu wundern, wer da gerade was erlebt. Hilfsweise könnte man die Namen der jeweils Handelnden über der Szene benennen.

    Liebe Grüße
    Dirk

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      Beigetreten: 14.03.2014
      RE: Ich-Erzähler und das Problem mit dem Antagonisten
      Mi, 02.10.2019 20:23

      … es ist aber auch durchaus machbar, den Antagonisten-Part personell zu erzählen. Ich weiß nicht mehr, wo ich das mal gelesen habe, aber ich fand sehr übersichtlich und - weil es konsequent gemacht wurde - durchaus reizvoll fand. Noch ein Vorteil: Man kann alles, was nicht direkt der Prota erzählen soll, personell erzählen, also auch einfach mal "zusammenfassen".

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        Beigetreten: 13.03.2014
        RE: Ich-Erzähler und das Problem mit dem Antagonisten
        Fr, 04.10.2019 13:10

        Hätte ich jetzt auch geantwortet - wir dürfen auch Perspektiven wechseln, zB. die meisten Kapitel mit Ich-Erzähler, ab und zu steht ein Kapitel in einer anderen Perspektive, möglichst auch mit einer unterschiedlich gefärbten Sprache. Wenn es ein Krimi ist, kann zB. der Antagonist in Gaunersprache erzählen oder derber, was auch immer.

         

        Nur halt nicht im selben Kapitel oder Abschnitt zw. 2 Perspektiven hin und her wechseln, DANN kennt sich der Leser nicht aus.

         

        Girl on the Train war wohl auch hauptsächlich aus Sicht dieser einen Frau erzählt, trotzdem hat man alle anderen Figuren ja auch mitbekommen.

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          Beigetreten: 05.08.2016
          RE: Ich-Erzähler und das Problem mit dem Antagonisten
          Mi, 22.01.2020 00:37

          Danke für eure Tips! Leider ließen sie sich auf meine Geschichte nicht anwenden, weil es mehrere Antagonisten gibt, die teilweise auch gar nicht direkt in Erscheinung treten. Ein Wechsel der Perspektiven hätte deshalb nur Unruhe gestiftet.

          Nach langer Überlegung kam mir letzte Nacht im Halbschlaf eine andere Idee, an der ich euch gerne teilhaben lassen möchte, weil ich davon ausgehe, daß ich nicht der Einzige mit dem geschilderten Problem bin.

          Es ist erstmal nur ein Test, aber ich habe mich nun der Anachronie bedient und die Reihenfolge der Kapitel geändert. Wer von euch die beiden "Kill Bill"-Filme kennt, hat sicher eine Vorstellung davon. Ich habe mehrere Kapitel, die inhaltlich zusammengehören, in eigene Blöcke (sog. Teile) gefaßt und ihnen Namen gegeben: "Teil 1: Das Ende", "Teil 2: Gute Vorsätze"...). Innerhalb dieser Teile steht nun nicht das Kapitel als erstes, mit dem der entsprechende Handlungsteil beginnt, sondern fast immer dessen Ende. Es geht also mit Action los, obwohl der Leser die Gründe dafür noch gar nicht kennt. Die ergeben sich dann in Rückblenden in den Kapiteln danach, bis der jeweilige Teil abgeschlossen ist und in den nächsten übergeht. Die gesamte Geschichte wird also nicht mehr chronologisch erzählt, sondern springt in den Zeiten munter hin und her. Zur besseren Übersicht ist jedes Kapitel mit einer Zeitmarke versehen (z. B. "Montag, 14. Juni" oder "Zwei Wochen davor, Dienstag, 31. Mai").

          Klar kommt nun eine Menge Arbeit auf mich zu, weil 375 Seiten von vorne gelesen und auf Anschlüsse überprüft werden wollen, aber das nehme ich in Kauf. Durch diese Anachronie und die vielen Analepsen bleibe ich also einzig beim Ich-Erzähler, vermeide aber eine (stinklangweilige) chronoligische Abfolge der Handlung und baue Spannung auf, indem ich das Ergebnis vor die Vorgeschichte setze.

          Ob es trägt, weiß ich schätzungsweise im Sommer, wenn ich mit der nun anstehenden Revision durch bin. Dann kann ich gerne berichten und die Geschichte zum Testlesen anbieten.

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            Beigetreten: 01.12.2017
            RE: Ich-Erzähler und das Problem mit dem Antagonisten
            Fr, 20.03.2020 12:09

            Ich bin grade über den Thread hier gestolpert, und auch wenn die Lösung für das konkrete Problem schon gefunden ist, will ich noch eine weitere Möglichkeit aufführen, in einer Geschichte mit Ich-Erzähler die Ereignisse auf Seiten des Antagonisten zu schildern. Vielleicht hilft das dem ein oder anderem, der mit der gleichen Frage hierherkommt.

            Ein Ich-Erzähler muss sich bekanntermaßen nicht durchgehend personal verhalten, er kann auch auktoriale Züge haben. Die gilt es in diesem Fall auszubauen. Indem man ihm fürs Erzählen eine zeitliche Position gibt, die jenseits der in der Geschichte erzählten Zeit liegt, ist er in der Lage, über das Verhalten des Anta zu berichten. Indem das auch für düstere Vorausdeutungen genutzt wird, lässt sich hervorragend Spannung erzeugen: "Später habe ich erfahren, wie alles so schief gehen konnte. Es fing damit an, dass..." Wem das zu hölzern ist, kann gerne eine gewisse Vagheit und subjektive Färbung miteinbauen: So im Sinne von "Ich wusste ja nicht, was sich zu diesem Zeitpunkt drei Straßen weiter abspielte. Ich stelle es mir heute so vor ..."

            Abschließend noch: Die zeitliche Position des Erzählers muss ja auch nicht völlig jenseits der erzählten Zeit liegen. Wenn er die Geschichte von einem Punkt aus erzählt, an dem er drei Viertel bereits hinter sich hat, der Leser das Finale dann aber gewissermaßen live miterlebt, ist das hübsch dynamisch und gibt dem Ende nochmal einen Kick.