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    Beigetreten: 01.01.2018
    Depressionen durch das Schreiben.

    Seit einem Jahr stelle ich immer häufiger fest, dass ich mit meinen Figuren mitlebe. Ein Beispiel: Geht es meiner Protagonistin gut, fühle ich mich wohl. Geht es ihr schlecht, trifft es mich wie ein Hammer.

    In einem Buch habe ich sie in einer Art Verlies Höllenqualen durchleben lassen. Danach musste ich mich drei Tage zurückziehen.

    Inzwischen habe ich mir angewöhnt, meine Stimmungstiefs selbst zu therapieren. Wenn eine Szene sehr hart ausgefallen ist, schreibe ich anschließend einen lustigen, verrückten Text, um auf den Boden zurückzukommen. Den Besuchern meiner Webseite gefällt es, aber es ist keine echte Lösung für mein Problem. Geht es jemandem von euch ähnlich? Hat jemand Erfahrung damit, zu tief in seine Geschichten einzutauchen? Und falls ja, was hilft dir/Ihnen in der Situation?

    Ich würde mich über eine Antwort freuen.

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      Beigetreten: 16.07.2014
      RE: Depressionen durch das Schreiben.
      Di, 23.01.2018 07:04

      Guten Morgen Karel,

      ich gebe gerne zu, dass es mir bei meinem Erstling ähnlich erging. Allerdings war ich nie in der Lage, mich für ein paar Tage zurückzuziehen ^^

      Mein Roman hat den Schwerpunkt Häusliche Gewalt. Du kannst dir vielleicht denken, dass man da gut mitleiden kann. Auch führt die Hauptfigur einen Selbstmordversuch durch. Ehrlich gesagt, die enge Bindung zu meinen Figuren hat mir sehr geholfen, das ganze entsprechend emotional rüber zu bringen. Bei diesen eher bedrückenden Szenen, bei denen ich auch immer selbst ein wenig geblutet habe, habe ich mich immer an dem Wissen um ein Happy End festhalten können. Wenn das nicht gereicht hat, habe ich mir nach dem Schreiben eine der positiveren Szenen durchgelesen oder - sofern sie erst noch geschrieben werden musste - sie mir schon in allen Farben vorgestellt (was letztlich aus den Fingern fließt, ist ja wieder was anderes).

      Mir hat es geholfen, dieses Spiegelbild zu sehen, wenn die Emotionen mal in die finstere Ecke mussten.

      Federgruß

      Nina

      PS: Das Stöbern in Schreibforen kann auch hilfreich sein in solchen Momenten. In vielen gibt es so kleine Übungsbereiche (Fingerübungen), wo man jetzt keine ganze Geschichte einstellt, sondern eben einfach nur eine Szene schreiben muss oder dem anderen einen Gegenstand nur mit den Sinnen beschreibt, ohne den Gegenstand beim Namen zu nennen. Das lenkt ganz gut ab, man bleibt im Handwerk und lernt dabei sogar noch was.

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      Beigetreten: 12.03.2014
      RE: Depressionen durch das Schreiben.
      Di, 23.01.2018 15:31

      Lieber Karel,

      ich selbst schreibe mit Schwerpunkt Spannung/Krimi/Thriller, meinen Romanfiguren wird also auch einiges abverlangt. Da ich ein Faible für den Forensik-Thriller habe, geht es da auch manchmal richtig deftig zu. Ich konnte bislang ein solches Phänomen nicht an mir beobachten. Ich bin mir bei allem Empfinden während des kreativen Vorgangs allerdings zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass es Fiktion ist. Ich genieße die Anspannung daher ähnlich, als läse ich ein entsprechendes Buch eines anderen Autors oder sähe mir einen spannenden/dramatischen Film an. Ich tauche zwar in die emotionale Tiefe des Textes ab, gehe aber nur "virtuell" darin unter, nicht tatsächlich. Ich könnte mich daher nicht in eine Depression oder depressive Verstimmung schreiben. Für mich ist das Schreiben vielmehr eine Art "Therapie", den Belastungen des Alltags zu entkommen, ihm zu trotzen.

      Ich habe leider am eigenen Leibe erfahren dürfen, was (Arbeits-) Stress anrichten kann. Ich hatte einige Symptome, die Ärtze gern mit dem lächerlichen Anglizismus "Burn-Out" betiteln. Dazu gehört ein Stück weit eine Depression. Ich wurde damals sogar zu einer Psychologischen Psychotherapeutin überwiesen, deren einzige Antwort auf die Depression ein Antidepressivum mit gefühlten tausend Nebenwirkungen war. Da ich solche "schmutzigen Drogen" niemals einnehmen würde (ich lasse Chemie nicht mit meinem Verstand spielen), habe ich mir mit natürlichen Methoden in Absprache mit meiner Hausärztin (sie nennt sich selbst "Kräuterhexe 1f 609 ) geholfen. Falls dich echte Depressionen quälen, kannst du mir gerne eine PN schicken, ich würde meine Erfahrungen weitergeben. 

      Liebe Grüße
      Dirk

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        Beigetreten: 14.03.2014
        RE: Depressionen durch das Schreiben.
        Mi, 24.01.2018 20:12

        Zum Einstieg ein gaaanz wichtiger Hinweis: Nein, es ist nicht die generell beste Idee, bei einer Depression lieber zu einer "Kräuterhexe" zu gehen. Es kommt nämlich sehr auf die konkrete Ausformung der Depression an. Eine durch Burn-out induzierte Depression ist z. B. ein Sonderfall: Hier ist die Depri die Folge einer Überlastung und damit einer "induzierten" Änderung der Hirnchemie. Therapie sollte also letzlich sein, die Überlastung auszuräumen. Ist die Änderung der Hirnchemie allerdings die primäre Ursache, wird man nicht um Medis herumkommen. ​Und auch die Stärke der Depression spielt eine Rolle; manchmal kann eine "sanfte Therapie" erst beginnen, wenn man den Patienten überhaupt in die Lage versetztz hat, diese zielführend mitzugestalten.
        Auch bei anderen psychischen Krankheiten MUSS gegebenfalls jemand/etwas an dem nicht gesund funktionierenden "Verstand herummanipulieren" (also in die aus dem Ruder gelaufene Hirnchemie eingreifen), damit der Patient halbwegs normal leben kann. Weder meiner Tante, deren Depression aggressive und autoaggressive Züge angenommen hatte, noch meinem Mann (anderes psychisches Problem) wäre mit Nicht-Chemie geholfen.  
        Also bitte, bittebittebitte!, alle Optionen prüfen und nicht aus Prinzip auf die Chemie schimpfen.

         

        Aber zum eigentlichen Thema des Threads:

        Ich kenne zwar, dass ich sozusagen "mitspiele", aber das wirkt nicht nach. Wenn doch mal, dann hilft es mir, etwas ganz anderes zu machen. Nichts mit Schreiben und Lesen und so, das ist ein zu harter Kampf im Kopf (gewissermaßen ein Aufzwingen anderer Gedanken und Gefühle, die "erdachten" werden dabei gewaltsam unterdrückt und in die Versenkung gezwungen, aus der sie bei nächster Gelegenheit unverändert/unverarbeitet wieder rausspringen), sondern etwas Körperliches wie Abwaschen, Kochen, Saubermachen oder solche Dinge, so dass Zeit bleibt, den "erdachten" Stress ausschwingen zu lassen, damit den Emotionen Zeit bleibt, sich selbst zu entschärfen und dem Bewusstsein damit die Chance einzuräumen, sie als am Ende doch ungefährlich zu erleben. (Mein je, klang das jetzt hochtrabend; ich hoffe, es ist trotzdem verständlich).
        Es erscheint mir plausibel, dass man beim sich Schreiben - man ist ja dann immer auch "Schauspieler" - tief in die Rolle reinversetzt. Ich bin nur nicht sicher, ob man das auch noch kultivieren sollte. Beim Schauspieler gibt es immerhin noch den Regisseur, der korrigierend eingreifen kann, da man beim Schreiben aber auch der Regisseuer ist, sollte man eine kleine Portion innere Aufmerksamkeit für dieses Aufgabe übrig behalten.

         

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        Beigetreten: 12.03.2014
        RE: Depressionen durch das Schreiben.
        Do, 25.01.2018 11:39

        jon schrieb:

        Also bitte, bittebittebitte!, alle Optionen prüfen und nicht aus Prinzip auf die Chemie schimpfen.

        Liebe Ulrike,

        ich gebe dir Recht. Ich schimpfe auch nicht aus Prinzip auf "Chemie", bin jedoch der Überzeugung, dass es zunächst einmal Sinn macht, wo geboten, sanfte, natürliche Methoden zu versuchen, bevor man "mit dem Hammer draufhaut". Natürlich wird es Erkrankungen geben, wo dies wenig erfolgversprechend sein mag oder Ärzte zu starken Medikamenten raten. Ich kritisiere nicht, wenn diese dann verordnet und genommen werden.

        Ich habe aber bereits bei einigen Erkrankungen am eigenen Leib erfahren, dass es gute und sogar bessere Alternativen gibt, die dem Körper nicht schaden (z. B. Cayenne-Pfeffer anstatt Protonenpumpen-Hemmer wie Omeprazol und Co. bei Gastritis oder Curcumin (ein Extrakt aus dem Gelbwurz) bei arthritischen Gelenkbeschwerden, die vorher mit Schmerzmitteln bekämpft wurden. Mir als "Geschichtenerfinder" sind zudem chemische Eingriffe in mein Gehirn/ meine Gedanken/meine Fantasie ein Grauen.

        Ich war vor Jahren wegen des Burn-Outs bei einer Psychologin/psychologischen Psychotherapeutin vorstellig geworden. Im Wartezimmer hatte ich mich damals mit einer Patientin, die wegen sehr ähnlicher Probleme ebenfalls zum ersten Mal dort war, unterhalten. Die Ärztin hat sich dann meine (Leidens-) "Geschichte" angehört und lediglich ein Antidepressivum verschrieben und mir einen Termin drei Monate später gegeben. Der anderen Patientin erging es ebenso. Ich habe mir den Beipackzettel angesehen, der den Hinweis enthielt, dass die genaue Wirkweise des Präparats zwar bislang unbekannt sei, es in ca 50% der Fälle jedoch wirken würde. Das hat mein Vetrauen in dieses Präparat nicht bestärkt. Die ellenlange Liste der Nebenwirkungen hat mich dann zu der Überzeugung gebracht, es erst einmal auf natürlichere Weise zu probieren. Bei mir hat es in Absprache mit der Ärztin meines Vertrauens (die auch Chemie verordnet, wo sie sinnvoll und notwendig ist) dann mit vollkommen harmlosen, Nebenwirkungsfreien Präparaten funktioniert, die gewünschte antidepressive Wirkung zu erzielen. Einen sehr nervigen, leider auch schmerzhaften "Tick", den mein Unterbewusstsein als Maßnahme gegen damals häufige Panikattacken entwickelt hatte, wurde ich durch eine Hypnosesitzung los. 

        Nach den drei Monaten bin ich dennoch zum Termin bei der Psychologin/Psychotherapeutin gegangen. Ich hatte auf so etwas wie eine Gesprächstherapie gehofft. Aber Fehlanzeige, sie wollte mich nur weiterbehandeln, wenn ich Ihre Pillen nehmen würde. Das habe ich abgelehnt, weil es schlicht unnötig war/ist. Die andere Patientin war am gleichen Tag auch wieder da. Ihr ging es ziemlich dreckig, sie hatte ein regelrecht aufgedunsenes Gesicht und besser ging es ihr nicht. Sie gab dafür an, immer Müde zu sein.

        Nochmal: Ich bin nicht gegen medikamentöse Therapien, wo sie sinnvoll und/oder "alternativlos" sind. In vielen Fällen gibt es aber sanfte, natürliche Alternativen. Da wo es sie nicht gibt oder sie nicht greifen, sollen die Menschen natürlich ihren Ärzten vertrauen. Das mache ich ja auch, weshalb ich, wo angebracht, auf die "Kräuter" meiner Hausärztin zurückgreife. Fast immer mit großem Erfolg.

        So, damit denke ich, kann dieses Thema beendet werden, hier soll es ja ums Schreiben gehen. Ich hatte es auch nur gut gemeint.

        Liebe Grüße
        Dirk

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          Beigetreten: 26.01.2018
          RE: Depressionen durch das Schreiben.
          So, 28.01.2018 12:34

          Nein - ich leide nicht körperlich mit meinen Buchhelden mit. Natürlich passiert es, dass ich beim Lesen lachen oder gar weinen muss, obwohl ich die Szene schließlich selbst schrieb. Doch ich erzähle vor allem die Geschichte, die so und nicht anders verlaufen soll. Allerdings lassen mich unfertige Geschichten schlecht schlafen, weil sie oft stundenlang durch meinen Kopf geistern.

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            Beigetreten: 27.07.2016
            RE: Depressionen durch das Schreiben.
            Mi, 31.01.2018 21:55

            Lieber Karel,

            wenn ich eine/n meiner Protagonis/innen in ein Verlies stecken und ihn oder sie Höllenqualen, Folter oder einen grausamen Tod erleben lassen würde, dann würde mich das genau so mitnehmen wie Dich, da bin ich sicher. Vor einiger Zeit hatte ich mal ein Buch von Cody McFadyen in der Hand, das ich nach den ersten Seiten weglegen musste, weil ich bereits das Lesen unerträglich fand, und ich habe mich gefragt, wie er es aushält, diese Szenen zu schreiben.

            Anders gesagt: eigentlich beruhigt es mich eher, dass Dir das Schreiben von grausamen Szenen so nahe geht, und ich würde es eher als Zeichen von Mitgefühl werten: auch, wenn Deine Protagonist/innen natürlich nur ausgedacht sind.  

            Ist es denn wirklich notwendig, Bücher zu schreiben, in denen Deine Protagonist/innen in Verliesen Höllenqualen durchleiden, wenn Dir das so viel ausmacht? Was Du schreibst, kannst Du Dir doch aussuchen, und zwischen Höllenqualen und rosarotem Liebesroman ist die Bandbreite doch wirklich unendlich groß.

            Liebe Grüße
            Ryka

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              Beigetreten: 01.01.2018
              RE: Depressionen durch das Schreiben.
              So, 04.02.2018 20:49

              Ich möchte mich zu allererst bei euch bedanken. So viele Reaktionen habe ich nicht erwartet.

              Ich bin mir bewusst, so wie Ryka geschrieben hat, dass ich eine Wahl habe. Ich könnte etwas anderes schreiben, die Szenen emotional abschwächen, weniger Tote im Krimi haben oder gar das Genre wechseln. Aber ich habe mich dafür entschieden. Es macht die meiste Zeit Spaß, ich habe noch reichlich Geschichten im Kopf.

              Meine Art, ein Buch zu verwirklichen, ist wahrscheinlich der Grund für meine zeitweisen depressiven Anfälle. Wie alle Autoren - zumindest gehe ich davon aus - habe ich einen roten Faden, der zu Beginn über meiner Geschichte schwebt. Nicht starr, wie mit einem Lineal gezogen, er ist beweglich. Nach jedem Kapitel rede ich mit den Figuren, frage sie, wie ein Psychiater, warum sie das oder das getan haben oder was ihre Intension war, es nicht zu tun. So erfahre ich mehr, fühle mehr, begreife das Warum.

              Bei jedem Buch füllen sich so bis zu 150 Seiten, auf denen meine Figuren auf der Couch liegen, während ich, wie Freud, in meinem Ohrensessel Notizen mache. Ich lerne sie ständig besser kennen, helfe ihnen zu wachsen, sich weiterzuentwickeln. Finde die wahren Hintergründe, an die ich beim Plot nicht gedacht habe. Ich lerne sie zu lieben, knüpfe Freundschaften, entwickle eine Abneigung gegen unfreundliche Charaktere. Ich erkenne, warum meine Lieblingsfigur jemanden sympathisch findet oder eher als unangenehm betrachtet. Sehe durch ihre Augen. Empfinde wie sie. Das mache ich mit allen wichtigen Personen. Nach großen Szenenwechseln.

              Das setzt mir oft zu, weil ich sie inzwischen so gut kenne, besser als meine Nachbarn, in seltenen Momenten genauer als meine erwachsenen Kinder. Ich habe vor einer Woche mein aktuelles Projekt fertiggestellt. Mein fünftes Buch ist jetzt zur Korrektur. Heute ist der erste Tag, an dem ich mich zum Schreiben aufraffen konnte. Zu meiner Antwort und meinen Dank an euch. Ich werde mir den Rat, etwas körperliches zu tun, zu Herzen nehmen. Von Psychopharmaka bin ich noch weit entfernt, auch mögen sie homöopathisch sein. Aber ich sehe es ein, sieben Tage, um auf Null zu kommen, ist eindeutig zu viel.

              Liebe Grüße
              Karel

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              Beigetreten: 12.03.2014
              RE: Depressionen durch das Schreiben.
              Mo, 05.02.2018 15:02

              Lieber Karel,

              danke für die Rückmeldung und dein Update! Viel Erfolg für dein fünftes Werk. Erhole dich ein bisschen, geh Spazieren, Joggen, Walken oder was dir sonst an Aktivitäten einfällt, und dann frisch ans sechste Buch!

              Liebe Grüße
              Dirk