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Vom Herzensprojekt zum Roman

Storytelling
Iris Klockmann
Vom Herzensprojekt zum Roman

Eine Entwicklungsgeschichte von Iris Klockmann alias Mina Baites (oder Anna Levin).

 

Warum ausgerechnet die jüdische Geschichte?
Diese Frage stelle ich mir auch heute noch. Ich glaube ja, wir Autorinnen und Autoren haben alle unsere bestimmten Themen. Manchmal schwingen sie nur nebulös in unseren Geschichten mit, manchmal sprechen wir sie offen an. Oftmals sind sie uns lange Zeit überhaupt nicht bewusst oder wir schieben sie beiseite. So war es bei mir.
Meine erste Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte geht in die Zeit zurück, als ich ungefähr sechs oder sieben Jahre alt war. Meine Familie sah sich einen Fernsehfilm an. Ein Mädchen in meinem Alter hielt die Hand seiner Mutter umklammert. Sie standen in einer langen Schlange Wartender vor einem schmucklosen Gebäude, aus dem niemand wieder herauskam. Sie waren nackt und schämten sich ihrer Blöße. Meine Eltern erklärten mir mit kindgerechten Worten, diese Menschen seien Juden, die man im letzten Weltkrieg umgebracht habe. Ich wusste nichts von dem fremden Glauben, entsinne mich aber, dass ich aus dem Wohnzimmer lief, weil ich das Bild nicht ertrug. Ich weinte und schwor mir, nie wieder so einen doofen Film anzusehen. Warum musste das Mädchen sterben? Und warum darf ich leben?, fragte ich mich. Hatte sie etwas Schlimmes getan? Das Übelste, das ich mir damals vorstellen konnte, war, beim Bäcker einen Lutscher zu klauen oder von jemandem beim Schwindeln erwischt zu werden. Was konnte ein Kind schon anstellen, dass es den Tod verdient? Aber so sehr mich die Filmszene auch beschäftigte, meine bevorstehende Einschulung war letztlich spannender und meine Fragen bald vergessen.

Wenn uns das Schicksal auf die Schulter klopft
Einige Jahre später, im Konfirmandenunterricht, wurde von den Juden berichtet, die unter Moses’ Führung aus Ägypten ausgezogen waren. Ich war verwirrt, hatte ich doch regelmäßig von Prozessen gehört, in denen sich die ehemaligen Drahtzieher der Judenvernichtung im Nationalsozialismus verantworten mussten. Obwohl ich nie gläubiger als die meisten von uns war, verstand ich das nicht. Die Bibel berichtet vom Juden Jesus. Der christliche und der jüdische Glaube haben also denselben Ursprung. Warum bekämpfen die Christen sie, wenn wir doch eigentlich zusammengehören? Meine Eltern konnten mir das auch nicht befriedigend beantworten.
Je älter ich wurde, umso vehementer schob ich das Thema beiseite. Was hatte ich überhaupt mit der Sache zu tun? Ich konnte doch nichts dafür, schließlich war alles lange vor meiner Geburt geschehen.
Heute weiß ich, mein Interesse war und ist exemplarisch für Menschen, die aufgrund ihrer Andersartigkeit gemieden oder verfolgt wurden.
Vehement schob sich das Bild des Mädchens mit seiner Mutter in mein Gedächtnis zurück. Als im Geschichtsunterricht über die Nazizeit gesprochen wurde, hörte ich kaum zu.
Bald darauf fuhr ich als Austauschschülerin nach England. An meinem ersten Schultag dort wurde ich von einem Mitschüler mit dem Hitlergruß empfangen. Können Sie sich mein Entsetzen vorstellen? Es genügte, eine Deutsche zu sein, um abgestempelt zu werden. Und plötzlich empfand ich für einen winzigen Augenblick wohl dasselbe wie die Juden am Anfang ihrer Verfolgung.
Es lag nahe, meine Großeltern über die Zeit auszufragen. Sie reagierten ungewöhnlich einsilbig.
„Die mochte man nicht“, sagte mein Opa über die Juden. „Die waren irgendwie komisch.“
Oma nickte. „Die Deutschen waren aber auch neidisch auf sie, weil sie zu erfolgreich und einflussreich wurden.“
Stille.
„Ihr müsst doch bemerkt haben, was man ihnen angetan hat“, hakte ich nach.
„Ach, wir kannten kaum Juden. Wir dachten, man bringt sie in Arbeitslager.“
Ich war fassungslos. Wahrscheinlich hat sich das die Generation der Zeitzeugen so lange eingeredet, bis sie es selbst glaubte. Die Realität war offenbar zu grausam, um sich ihr zu stellen.

Fortuna winkte mir. Aber was fing ich mit ihr an?
Das Blatt wendete sich, als ich eine eigene Familie hatte, meine ersten Kurzgeschichten veröffentlichte und meinen Co-Autor Peter Hoeft kennenlernte. Ich durfte endlich meinen Traum leben und schreiben. Unser erster gemeinsamer Roman sollte die Lebensgeschichte einer jungen Jüdin zur Zeit Jesu erzählen. Zufall, Schicksal? Wir wissen es bis heute nicht. Ob Sie es glauben oder nicht, wir hatten tatsächlich ein ähnliches Thema im Kopf, obwohl wir uns vorher gar nicht kannten. Peter und ich konnten unser Glück kaum fassen, als unser Roman 2009 in einem renommierten Verlag veröffentlicht wurde.
Es war, als wäre ein Damm in mir gebrochen, von dessen Existenz ich bis dahin nichts geahnt hatte. Peter und ich schrieben erfolgreich historische Romane. Später kamen bei mir – unter dem Pseudonym Anna Levin – noch einige Love&Landscape-Romane hinzu, beide für unseren Hausverlag, blanvalet. Natur- und Tierschutz waren Themen, die ich endlich in meinen Romanen aufgreifen konnte.

Warum hatte sich ausgerechnet diese Idee in meinen Kopf gebrannt?
Trotzdem schwebte mir noch etwas Anderes, etwas Besonderes vor. Seit Jahren wollte ich unbedingt die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie während des Nationalsozialismus schreiben. Irgendwann, wenn der richtige Moment gekommen ist, sagte ich mir. Doch zu jener Zeit war das Thema verpönt. Man schüttelte entsetzt den Kopf. Bloß nicht die ollen Kamellen berühren. Auch die Verlage interessierten sich damals nicht für Bücher zu unserer jüngsten Vergangenheit. Zu wenig Mainstream. Sah man Hitlers Gesicht im TV, verdrehte jeder die Augen und schaltete um.
Bei einem Gespräch mit meiner Familie erfuhr ich, was längst in Vergessenheit geraten war: Meine Urgroßmutter war Halbjüdin. Da ich bei ihrem Tod erst drei oder vier Jahre alt war, hatte ich nur bruchstückhafte Erinnerungen an eine Frau in einer hochgeschlossenen Bluse, die ihre Haare stets hochgeknotet trug und mit einem Netz bedeckte.
Ich habe also selbst jüdische Wurzeln.
Ist das vielleicht der Schlüssel zu meiner lebenslangen Affinität?

Eine lang verschlossene Tür öffnet sich
2016 arbeitete ich für verschiedene Verlage und beobachtete aufmerksam, wie immer mehr Bücher und sogar Sketche über Hitler auf den Markt kamen. Es schien, als weichte das Tabu auf. Ich sah Dokumentationen über die Nazizeit, erfuhr von Überlebenden des Holocausts, die in Schulen Vorträge hielten. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin nahmen die Figuren „meines“ Romans Gestalt an und flüsterten mir ihre Lebensgeschichte zu. Die Zeit war reif.
Eins stand allerdings für mich fest: Ich wollte meine Story nicht aus sicherer Distanz erzählen, gleich einem Bericht, wie es sie zu Tausenden gibt. Ich wollte die Mauer einreißen, die ich in mir zu dem Thema errichtet hatte, ohne Effekthascherei und aus einer Perspektive, als stünde ich neben meinen Protagonisten. Das war der Moment, in dem ich zu schreiben begann.

So fand ich meine heimliche Hauptprotagonistin
Gleich am Anfang des Entstehungsprozesses wurde mir bewusst, dass ich für meinen Roman ein verbindendes Element brauchte, das innerhalb der Familie weitergegeben wird. Mir schwebte etwas Schönes vor, nur durfte es weder groß noch schwer sein. Und ich brauchte etwas, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen lieben konnten. So kam ich auf eine silberne Spieldose.
Beim Googeln fand ich die Sendung Kunst + Krempel vom Bayerischen Rundfunk, in der eine silberne Spieldose vorgestellt wurde. Ich war auf der Stelle fasziniert und verliebte mich in das Schmuckstück, das zwischen 1915–1920 in Deutschland hergestellt worden war. Auf der Oberseite war ein Junge mit einem Buch auf dem Schoß zu erkennen. Er schwang einen Taktstock und brachte den Vögeln, die ihn umkreisten, offenbar ein Lied bei. Bediente man einen Zugmechanismus, öffnete sich der Deckel, ein Vögelchen sprang raus, zwitscherte laut und brachte mich zum Lachen.
Also beschloss ich, meine Spieldose genauso aussehen zu lassen.

Wie den Wert eines Andenkens beziffern?
Ich grübelte. Wie sollte das silberne Spielgerät in die Hände meiner Familie Blumenthal geraten? Ich fragte mich, was seinen Wert derart steigern würde, dass es sie über Generationen hinweg begleiten konnte. Wir kennen das doch alle: Mit Erbstücken verbinden wir liebgewonnene Erinnerungen, die Jahre später allmählich an Bedeutung verlieren. Eines Tages landen die Andenken im Regal oder in einem Karton auf dem Speicher und verstauben. Spätestens unsere Enkel oder Urenkel verkaufen sie auf dem Flohmarkt oder werfen sie in den Müll.
Die Idee kam blitzartig: Was, wenn die Spieldose von einem Familienmitglied selbst hergestellt würde? So wurde mein erster Protagonist Johann kurzerhand ein Silberschmied-Künstler. Da die Herstellung meines Objektes ziemlich genau auf den Beginn des Ersten Weltkrieges fiel, drängte sich die Frage auf: Was, wenn er 1914 freiwillig in den Krieg zöge und die Spieldose seinem kleinen Sohn zum Abschied schenkte? Ich las einen gefühlten Meter von Büchern über das Thema, um herauszufinden, ob das überhaupt möglich gewesen wäre.

Der Anfang einer unendlichen Recherche
Bestürzt erfuhr ich von Tausenden jüdischen Deutschen, die sich freiwillig zum Dienst an der Waffe gemeldet hatten, weil es ihnen ein Bedürfnis war, ihre Liebe und Verbundenheit für die Heimat unter Beweis zu stellen. Sie hofften, damit endgültig als vollwertige Staatsbürger anerkannt zu werden. Die Informationen nahmen mich gefangen, die Vorstellung, wie christliche und jüdische Deutsche Seite an Seite gekämpft hatten, berührte mich.
In mir reifte der Gedanke, meine Geschichte international anzulegen. Meine vier Protagonisten sollten möglichst auf verschiedenen Kontinenten agieren. Ich machte mich auf Spurensuche, durchforstete Archive, besuchte Museen und Ausstellungen, las die Tagebücher von Zeitzeugen. Besonders die Einzelschicksale, die sich hinter den Lübecker und Hamburger Stolpersteinen verbargen, hinterließen einen tiefen Eindruck in mir. So entschied ich mich für die Handlungsorte Hamburg, Lübeck, Kapstadt und London.
Meine Charaktere sollten alle einzigartig und dennoch sympathisch sein, Menschen mit Ecken und Kanten. Sie zu entwickeln, fiel mir leicht, spukten sie ohnehin schon jahrelang in meinem Kopf herum. Dabei beschäftigte mich die Frage, inwieweit sich Charaktere durch die geschichtlichen Ereignisse zwischen den beiden Weltkriegen wohl verändern würden. Und erkannte: Aus einem strahlenden Helden konnte ein gebrochener Mensch werden, ein zurückhaltender Charakter über sich hinauswachsen. Weil er im Angesicht von Vernichtung und dem Verlust der eigenen Identität ungeahnte Stärke in sich entdeckte. Andere verdrängten die Tatsachen vielleicht oder redeten sie schön und standen eines Tages der bitteren Realität gegenüber. Für mich stand fest: Das Leid musste sie prägen und für immer verändern.

Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?
Als würde sich ein Vorhang unvermittelt lüften, stand mir die Geschichte ganz deutlich vor Augen. Wenig später hatte ich ein Exposé angefertigt. Mein Hausverlag winkte ab, es sei kein zusätzlicher Programmplatz frei. Meine Agentin Lianne Kolf war von meinem Projekt hingerissen, und tatsächlich fanden sich ein paar Tage später gleich vier interessierte Verlage, die eine Leseprobe anforderten.
Kurz nachdem ich diese an meine Agentur geschickte hatte, geschah, was ich nicht für möglich gehalten hatte: Drei Verlage unterbreiteten mir Angebote. Ein kleinerer äußerte sich begeistert. Da ich dessen Cheflektorin sehr gut kenne, gefiel mir die Vorstellung, mit ihr an meinem Text zu arbeiten. Das zweite und bis dato beste Angebot kam von einem großen Publikumsverlag. Nummer drei war Amazon Publishing, der Verlag von Amazon also. Ich durchlebte schlaflose Nächte, denn die Konditionen waren so unterschiedlich, dass mir beim Grübeln, für welchen ich mich entscheiden sollte, bald der Kopf rauchte.
Meine Geschichte dem Kleinverlag zu geben, machte mir Bauchschmerzen, obwohl mir das viel Spaß gemacht hätte. Ich weiß, sie wären mit ganzem Herzen dabei gewesen, aber das Angebot war einfach zu niedrig. Immerhin schreibe ich hauptberuflich. Gleichzeitig lockte mich die Vorstellung, bei einem der ganz Großen zu veröffentlichen. Differenziert betrachtet, enttäuschten mich jedoch deren Vertragsdetails. Sie fragten, ob es möglich sei, das Manuskript um zweihundert Seiten zu verlängern – zu denselben Konditionen? Außerdem wäre mein Roman voraussichtlich erst in zwei Jahren veröffentlicht worden, und dem Vorschuss nach zu urteilen hätte es sich um einen Nullachtfünfzehn-Programmplatz gehandelt.
Aber wollte ich das? Konnte und durfte ich das Angebot abweisen? Was, wenn danach kein anderer Verlag ein konkretes Interesse an meiner Geschichte zeigte?
Meine Agentin handelte bei dem Großen einen höheren Vorschuss aus. Dennoch blieb bei mir ein fader Geschmack zurück. Meine Geschichte verdiente das Beste. In einem Verlagsteam, das meinen Roman ebenso liebte wie ich und es gut vermarktete.
Amazon Publishing hakte nach, aber ich zweifelte. Auf meine Nachfragen hin äußerten sich einige Kollegen sehr zufrieden: der Verlag sei engagiert und verfüge über gute Werbeplattformen. Das klang wunderbar, nur würde mein Roman dann nicht im stationären Buchhandel ausliegen. Ich wog das Für und Wider ab, mein Herz hatte immer für den Buchhandel geschlagen ...
Schließlich entschied ich nach meinem Bauchgefühl. Die silberne Spieldose bediente ohnehin keins der Genres, in denen ich normalerweise unterwegs war.
Schon am folgenden Tag erhielt ich eine Mail von Amazon Publishing. Sie freuten sich sehr über meinen Entschluss, und die Kollegen aus den USA hätten bereits entschieden, meinen Roman für den amerikanischen Markt übersetzen zu lassen.
Mein Puls erreichte eine neue Dimension. Mir kam diese Nachricht wie eine Bestätigung der Entscheidung vor, mit der ich mich so schwergetan hatte.

Die Geister, die ich rief
Alle Vertragsangelegenheiten waren geregelt. Endlich durfte ich „meine“ Story in Worte kleiden und stürzte mich voller Euphorie in die Arbeit. Derart dicht an den Romanfiguren zu schreiben – das spürte ich sehr bald –, war allerdings eine weit größere emotionale Herausforderung, als ich es mir je vorgestellt hatte. Tagsüber schrieb ich, und abends sah ich mir Dokumentationen an und machte mir Notizen. Meine Figuren begleiteten mich selbst im Traum. Ich gebe zu, meine Familie war zunehmend um mich besorgt. Sie rieten mir, emotionalen Abstand zu den Blumenthals aufzubauen. Aber ich wusste, das war unmöglich. Nur wenn ich zuließ, was ihre Geschichte mit mir machte, war ich imstande, den Roman so zu schreiben, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Das musste Schicksal sein!
Nicht lange danach, mein Roman war etwa zur Hälfte fertig, erzählte mir eine Freundin aus Regensburg von ihrem Großvater August, der wie meine fiktive Figur Johann in der Schlacht an der Somme gekämpft hatte. Sie hätten sogar in derselben Division gedient. Für mich ein Wink des Schicksals, denn August war ein reales Beispiel dafür, wie ein traumatisierter Kriegsversehrter in der Not innere Stärke entwickelt, über sich hinauswächst und trotz aller Schicksalsschläge einen zufriedenen Lebensabend verbringt. Er beeindruckte mich derart, dass ich beschloss, ihm eine wichtige Nebenrolle in meinem Roman zu geben.

Wenn ein Andenken eine Seele bekommt
Je weiter ich die Fäden um die silberne Spieldose und ihre Besitzer und Besitzerinnen spann, desto klarer trat zutage: Sie war weit mehr geworden als nur ein nettes kleines Erbstück. Sie hat meine Protagonisten durch Freud und Leid begleitet. Jeder verbindet eigene Erinnerungen mit ihr. Manche hielten sie in der Not ängstlich umklammert, gaben ihr einen Ehrenplatz, damit sie sie immer betrachten konnten. Andere wiederum verschenkten sie freien Herzens an jene, die sie dringender benötigten.
Auf diese Weise entwickelte sich die silberne Spieldose für die Familie Blumenthal zu einem Symbol für Zusammenhalt, Freundschaft über alle Grenzen hinweg, und zu einem Trost in den dunkelsten Stunden.
Als ich das Wort „Ende“ unter meinen Text setzte, atmete meine Familie sicher auf, sie bekam ihre Ehefrau und Mutter zurück. Für mich war der Abschied eher bittersüß. Einerseits brauchte ich Abstand von meinen liebgewonnenen Figuren, andererseits fiel es mir schwer, sie gehen zu lassen. Denn ich hatte das Gefühl, höchstens einen Funken von dem erzählt zu haben, was sie im Laufe eines Jahrhunderts erlebt hatten.

Überraschende Erfahrungen
Die Zusammenarbeit mit Amazon Publishing nahm ihren Anfang. Ich war perplex, als man mir seitenlange Formulare zusendete, in denen ich meine Wünsche und Vorstellungen zum Ausdruck bringen sollte. Ich wurde gefragt, wie ich mir den Schriftsatz wünsche, durfte an der Covergestaltung mitwirken, meinen eigenen Klappentext schreiben und bestimmen, auf welche Kriterien die Lektoren und Lektorinnen explizit achten sollten. Wer als Autorin, als Autor tätig ist weiß, wie ungewöhnlich dieses Vorgehen ist. Ich habe meine Entscheidung keinen Augenblick bereut.

Hilfe, eine Veranstaltung!
Der gesamte Entstehungsprozess lag in den Händen meiner Lektorin. Das Manuskript wurde aber von einer Außenlektorin korrigiert, die auch Recherchedetails unter die Lupe nahm. Zunächst war ich überrascht von der Vorgehensweise. Doch sie hat sich bewährt, denn dadurch entwickelte sich eine engere Zusammenarbeit als üblich. Danach ging das Manuskript an einen Korrektor, der es nochmals auf Herz und Nieren prüfte. Ich freute mich ehrlich über die gründlichen Korrekturdurchgänge. Schlussendlich bekam meine Geschichte noch ein zauberhaftes Cover. Wenige Wochen vor der Veröffentlichung luden mich meine Lektorin und eine Dame von der Presseabteilung zum Presseevent von Tinte & Feder ein, ihrem neuen Imprint, was zu dem Zeitpunkt noch eine höchst geheime Information war. Meine Geschichte sollte zu diesem Anlass feierlich präsentiert und angekündigt werden.
Ich war aufgeregt wie nie. Auf einmal wurden so profane Dinge wie die Wahl der richtigen Klamotten wichtig.
Von Natur aus neugierig, recherchierte ich die Geschichte der Hamburger Stadtvilla, in der die Veranstaltung stattfinden sollte, und fand Hinweise, die ebenso erstaunlich wie bedrückend waren. Zur Nazizeit hatten Juden in diesen Mauern gelebt, geliebt und gelitten. Dazu notierte ich mir eine Liste mit ihren Namen und einigen Details ihrer Schicksale, die ich gegen Ende der Veranstaltung vorlesen wollte.
Es wurde ein wunderbarer Abend. Die Location war wie aus dem Film Die Buddenbrooks entnommen und passte perfekt zu meinem Buch. Als ich den Journalisten und Journalistinnen nach einem Interview die Schicksale der jüdischen Bewohner des Hauses vortrug, spürte ich deutlich die Betroffenheit, aber auch das Interesse unserer Gäste. Im Anschluss las der großartige Schauspieler und Hörbuchsprecher Götz Otto aus meinem Roman vor.
Bestimmt können Sie sich vorstellen, was mir diese Momente bedeuteten.

Ein Ende und ein Anfang
Am 7. März 2017 ist mein Roman erschienen.
Bereits zwei Tage später erreichte das E-Book erstmals Bestsellerstatus und ich erhielt die ersten begeisterten Lesekommentare. Ehrlich gesagt, kann ich es noch immer nicht fassen, dass die Geschichte, die mir so am Herzen liegt, nun tatsächlich veröffentlicht worden ist und offenbar von den Leserinnen und Lesern geliebt wird. (Anmerkung der Redaktion: Stand der Amazon-Rezensionen bei Redaktionsschluss: 46 Mal fünf Sterne, sieben Mal vier Sterne und ein Mal zwei und drei Sterne.)
Die Frage nach dem nächsten Titel folgte kurz darauf, man ließe mir freie Hand bei der Themenwahl. Natürlich hatte ich längst an verschiedenen Ideen gearbeitet. Wobei sich eine herauskristallisierte: Ich wünschte mir eine Fortsetzung. Nicht, dass es einfacher ist, als einen neuen Roman zu entwickeln, ganz im Gegenteil. Doch meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ein paar Figuren haben mir zugeflüstert, sie hätten noch einiges zu erzählen. Verlag wie Agentur waren vom Exposé begeistert und ich machte mich eifrig ans Werk. Es tat gut, die leeren Seiten in den Biografien meiner Protagonisten mit Leben zu füllen. Rechtzeitig vor der Leipziger Buchmesse 2018 soll die Fortsetzung erscheinen. Der Titel steht noch nicht fest, aber Sie werden bestimmt von ihm hören.
Was die Übersetzung meines Romans für den US-Markt angeht, hatte ich sogar doppelt Glück, denn die Übersetzerin verfügt über ausgezeichnete Kenntnisse über das Judentum, und ich konnte dankbar kleine Wissenslücken schließen.
Gerade erreichte mich die nächste aufregende Nachricht: The Silver Music Box erscheint am 1. Dezember 2017 als E-Book, Paperback und Audiobook bei Amazon Crossing und wird durch eine groß angelegte Werbekampagne beworben. Dadurch erreichen wir neben den Leserinnen und Lesern in den USA auch die in Australien und Großbritannien. Ich war überglücklich!
Jetzt bestätigt sich der Rat einer guten Freundin und großen Dame aus der Verlagswelt, den sie mir vor Jahren mit auf den Weg gegeben hat: „Gib nicht auf, bleib dir selbst treu und halte an deinen Träumen fest. Manchmal werden sie wahr.“

Links
•    www.presseportal.de/pm/8337/3567089
•    www.buchmarkt.de/meldungen/amazon-startet-imprint-fuer-deutschsprachige-romane/

Autorin: Iris Klockmann | www.irisklockmann.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 126, Oktober 2017
Illustration: Carola Vogt

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