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Schreibkurse und Ihre Orte - Auf dem Flusskreuzfahrtschiff

Federwelt
Brina Stein
Foto von Brina Stein, Quelle Privat

Schreibkurse und ihre Orte
Dieses Mal: Kreatives Schreiben und Lesungen auf dem Flusskreuzfahrtschiff

Von Brina Stein

 

„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“

(Augustus Aurelius)

 

 

Die TUI Melodia gleitet über die Donau, die heute Morgen durch die Sonne wirklich so „schön“ und „blau“ ist wie in dem gleichnamigen Lied. Eine Durchsage ertönt über den Lautsprecher, und die Stimme der netten Gästebetreuerin dringt in alle Kabinen und öffentlichen Bereiche: „Guten Morgen, liebe Gäste! In fünf Minuten, also genau um zehn Uhr, laden wir Sie in das WienerCafé zum Kreativen Schreiben mit Autorin Brina Stein ein.“

Ich sitze bereits im besagten Café und mit mir einige Passagiere, die dieses Angebot der offiziellen TUI LiteraTour schon im Programmheft gelesen haben. Ich plaudere noch ein wenig mit den Gästen, erfreulicherweise kommen trotz des herrlichen Sonnenscheins noch ein paar weitere dazu. Pünktlich um zehn beginne ich meinen Schreibkurs. Die Passage von Esztergom, der ältesten Stadt Ungarns, ist für kurz vor zwölf geplant. Die Stimmung unter den TeilnehmerInnen ist noch angespannt. Schweigend sitzen sie da und beobachten sich gegenseitig. Einige von ihnen habe ich gestern Abend schon bei meiner Premierenlesung in der Lounge gesehen. Dennoch stelle ich mich für alle erst einmal vor und berichte über meine Arbeit als Autorin. Die Gäste wirken interessiert und stellen Fragen. Sie wollen wissen, ob ich jeden Tag zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort schreibe. Ein paar hatten doch tatsächlich beobachtet, dass ich gestern Abend nach der Lesung noch schreibend in der Lounge saß. Lächelnd erkläre ich, dass ich von der LiteraTour im Internet berichte: über einen Live-Blog auf meiner Reiseseite. Ich werde nach der Adresse gefragt und die Stimmung wird lockerer. Zur weiteren Einstimmung lese ich den Gästen eine Geschichte vor, die auch auf einem Flusskreuzfahrtschiff spielt. Ich höre erste Lacher – das Eis ist gebrochen.

Die TeilnehmerInnen sind zwischen 30 und 70 Jahre jung. Eine Frau erzählt mir, dass sie auch schreibt, aber mehr für sich selbst. Ich nicke ihr aufmunternd zu und erzähle, dass es bei mir auch so begonnen hat. Die Gästebetreuerin kommt vorbei, schießt ein paar Fotos und nimmt sich einen Stuhl. Jetzt kündige ich die Schreibübung des Tages an, verteile Papier und Kugelschreiber, ein Geschenk der TUI. Ich gebe den Passagieren fünf Wörter vor, aus denen sie eine Geschichte spinnen sollen. Die Worte lauten: TUI Melodia – Kapitän – Donau – Hammer – Beiboot. Ich selbst plane auch mitzuschreiben, schaue aber erst mal, ob die Teilnehmer beginnen. Einige schreiben sofort drauflos, andere schauen hilflos auf ihr leeres Blatt. Diesen gebe ich Hilfestellung, ermuntere sie, die fünf Wörter erst mal zu notieren, und zeige ihnen, wie sie mit einer Mindmap ihre Gedanken zum Fließen bringen können. Nach kurzer Zeit arbeiten alle hoch konzentriert. Die Gästebetreuerin lächelt mir zu und verschwindet. Ich schaue aus dem großen Panoramafenster auf die wunderschöne Landschaft. Kleine malerische Orte wechseln sich mit grünen Weinbergen ab, hier und da tauchen Burgen und Schlösser auf. Ich denke, dass es doch keinen schöneren Arbeitsplatz als diesen gibt.

Die ersten Texte sind fertig

Nach einer halben Stunde schauen mich alle KursteilnehmerInnen erwartungsvoll an. Sie sind fertig. Ich frage sie, wie sie sich beim Schreiben gefühlt haben. Diese Frage scheint niemand erwartet zu haben. Aus einigen sprudelt es nur so heraus, und sie bitten von selbst darum, ihren Text vorlesen zu dürfen. Genau das hatte ich mit meiner Frage bezweckt. Hätte ich direkt gefragt, wer sein Geschriebenes vortragen möchte, dann wäre ich sicher auf Schweigen gestoßen.

Die Ergebnisse sind ganz unterschiedlich und reichen von Gedichten über Kurzgeschichten bis hin zu Texten, die der Anfang eines Romans sein könnten. Ich bin begeistert und verteile viel Lob, aber auch ein paar Empfehlungen, die sofort notiert werden. Einige TeilnehmerInnen waren so eifrig, die vorgegebenen Worte unterzubringen, dass Bandwurmsätze entstanden sind. Hier gebe ich den Rat, diese in kürzere Sätze umzuwandeln, und zeige, wie dadurch mehr Spannung in den Text kommen kann. Andere haben klassische „Füllwörter“ wie „eigentlich“ benutzt. Ich lese ihnen den Text ohne Füllwörter vor, und sie merken, dass es den Sinn ihrer Geschichte nicht verändert und man diese ohne Probleme weglassen kann. Schließlich bitten sie mich, dass ich auch meinen Text vorlese. Das freut mich und als ich ende, klatschen sie.

Plötzlich kommt die eindrucksvolle Kathedrale von Esztergom in Sicht. Ich beende den Kurs für heute und entlasse meine TeilnehmerInnen in die „Freiheit“. Alle versprechen, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein. Rasch packen sie ihre Sachen zusammen und stürmen die Treppe hinauf zum Oberdeck. Ich räume noch auf und folge ihnen. An Deck steht auch mein Mann. Als er mein glückliches Gesicht sieht, weiß er, dass der Part heute gut verlaufen ist. Das ist nicht selbstverständlich, es kann auch schon mal – bei Kursabweichungen des Schiffes wegen Niedrigwasser – zu kurzfristigen Änderungen wie längeren Liegezeiten kommen. Kurse finden aber nur statt, wenn gefahren wird. Manchmal verzögert sich auch die Weiterfahrt durch längere Schleusenzeiten. Dann sind alle Gäste an Deck und es ist nahezu unmöglich, ein Programm anzubieten. Ich agiere in diesen Fällen sehr flexibel, verändere den Ablauf zum Beispiel durch Kürzen, und passe mich den Gegebenheiten an Bord an. Dies gilt auch für den Fall, dass gar keine TeilnehmerInnen kommen. Auch das ist mir schon passiert und richtet sich niemals gegen die Kursplanung. Wenn die Sonne lacht und die Gäste lieber an Deck ihren Urlaub genießen, verstehe ich das. Ich bin dann trotzdem am Veranstaltungsort zu finden und nutze die Zeit für eigene Projekte.

Freizeit und Arbeit in einem

Die Reise auf der TUI Melodia war die offizielle LiteraTour 2014 und dauerte fünf Tage. Von Passau aus fuhren wir über Wien bis nach Budapest und hielten auf dem Rückweg in Bratislava und Melk. Ich hielt in dieser Zeit zwei Lesungen und gab zwei Schreibkurse an Bord. Wenn das Flussschiff im Hafen lag, hatte ich Freizeit und konnte die wunderschönen Städte mit meinem Mann erkunden. Anders als bei Schreibkursen an Land steht man als teilnehmende Autorin immer im Blickpunkt der Gäste und hat eigentlich keinen Feierabend, denn bei knapp 150 Passagieren sieht man sich immer wieder. So kam es vor, dass TeilnehmerInnen, die meinen Kurs besucht hatten, abends nach dem Essen noch Fragen an mich hatten. Andere kauften meine Bücher und begannen, noch während der Reise darin zu lesen.

Wie ich zur LiteraTour kam

Im September 2012 schifften mein Mann und ich auf der TUI Maxima ein und fuhren 17 Tage von Passau bis ins Donaudelta und wieder zurück. Das war kurz vor der Veröffentlichung meines ersten Buches. Irgendwann sprach mich die Gästebetreuerin an, sie hätte gehört, dass ich in Kürze ein Buch mit Kreuzfahrtgeschichten veröffentlichen würde, ob ich nicht Lust hätte, mal nachmittags in der Lounge daraus zu lesen. Dem Wunsch kam ich nach, denn mein Skript hatte ich natürlich dabei. Mit meinen Texten sorgte ich für viel Gesprächsstoff an Bord und erhielt die Adresse der Künstlerbetreuerin von TUI. Nach meiner Rückkehr meldete ich mich bei ihr; sie bot mir die LiteraTour 2014 an, und schließlich wurde ich sogar im offiziellen Flussreisenkatalog vorgestellt.

Ich bekam die Anreise und eine Außenkabine für zwei Personen gestellt, konnte also kostenfrei eine Begleitperson mitnehmen. Zudem hatte ich freie Verpflegung und erhielt den üblichen Künstlerrabatt von 20 Prozent auf Getränke. Ein weiteres Honorar gab es nicht.

Die Flüsse, das Meer und ich

Das Reisen mit dem Schreiben zu verbinden ist eine wunderbare Erfahrung, die sich heute in vielen meiner Bücher widerspiegelt. Mit den Gästen an Bord in einer entspannten Urlaubsatmosphäre zu schreiben begeistert mich sehr. Und wenn es sich zeitlich einrichten lässt, würde ich jederzeit wieder losfahren. Einige Anfragen von Reedereien liegen bereits vor.

Die Urlaubsform Kreuzfahrt habe ich vor über dreizehn Jahren für mich entdeckt. Im letzten Jahr erfüllten mein Mann und ich uns mit einer 115-tägigen Kreuzfahrt um die Welt einen lang ersehnten Lebenstraum. Die lange Zeit an Bord habe ich genutzt, um ein neues Buch zu schreiben, das an Land spielt und 2015 im Verlag 3.0 erschienen ist. Auf der Basis dieser einmaligen Reise ist außerdem nach der Rückkehr noch ein Roman entstanden, der Ende des Jahres erscheinen wird und auf einer Kreuzfahrt um die Welt spielt.

Wenn man so lange an Bord eines Schiffes ist, dann spricht sich natürlich auch die Autorentätigkeit herum, und so hielt ich – auf Anfrage an Tag 86, kurz vor Südafrika – eine Lesung für die deutschsprachigen Gäste. Die Bar war besetzt bis auf den letzten Platz, und hinterher haben die Passagiere mir die wenigen Bücher, die ich mitgenommen hatte, quasi aus der Hand gerissen, denn alle waren nach so langer Zeit dankbar für neue Lektüre.

Autorin: Brina Stein | www.brina-stein.de
In: Federwelt, Heft 119, August 2016
Foto: Brina Stein, Quelle privat
 

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