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Federwelt
Susanne Berg

Netzwerke – was bringen sie AutorInnen?
Von Susanne Berg
Menschen treffen, vom Schreibtisch wegkommen und im besten Fall den heißen Tipp für einen Auftrag – das alles verspricht das Pflegen von Netzwerken. Doch wie netzwerken AutorInnen erfolgreich? Was müssen sie einbringen, was beachten? Und: Ist diese Form des Kontaktpflegens wirklich so wichtig?

„Ein Netzwerk ist heutzutage die einzige Lebensversicherung“, meint die Münchner Netzwerk-Expertin Monika Scheddin. Sie sagt auch: „Sie werden an Ihren Kontakten gemessen.“ Die Trainerin, Rednerin und Unternehmerin gründete 1995 die WOMAN’s Business Akademie GmbH und 1996 den WOMANS’s Business Club. In der mittlerweile sechsten Auflage ihres Ratgebers Erfolgsstrategie Networking erzählt sie unter anderem, wie Netzwerken funktioniert, wie man attraktiv für Netzwerke wird oder ein professionelles Netzwerk gründet und stabilisiert. Was einem die Mitgliedschaft bringt, beschreibt sie auf den Seiten 22 und 23:

„In einem Netzwerk können Sie

  • Ihr Image aufwerten [...],
  • Marktinfos austauschen,
  • Tipps, Strategien und Erfolgskonzepte aus erster Hand erfahren und von anderen Teilnehmern lernen,
  • Interessengemeinschaften und strategische Allianzen bilden,
  • andere motivieren und sich selbst motivieren lassen,
  • öffentliche Auftritte proben [...],
  • Zeit sparen
  • und nicht zuletzt eine Menge Spaß haben.“

Scheddin rät, mit zwei Treffen im Monat anzufangen, um sich in Netzwerke zu integrieren. Im Schnitt dauere es zwei Jahre oder sieben Kontakte, bis sich ein Netzwerk auszahle. Dabei sei es wichtig, ein Ziel zu haben. (Wo will ich hin und wer kann mich dabei unterstützen?) Spreche man mit einem Menschen, müsse man das eigene Ziel allerdings zur Seite schieben, um wirklich offen für den anderen zu sein.

Ihr persönlicher Tipp für die Federwelt-LeserInnen: „Listen Sie etwa vier Personen auf, die bereits da sind, wo Sie noch hin wollen. Verabreden Sie sich mit diesen Personen und stellen Sie jeweils mindestens fünf Fragen, die Sie brennend interessieren. – Geben Sie den Personen einen guten Grund „Ja!“ zu einem Treffen zu sagen (tolles Feedback, Amazon-Rezension, Einladung in eine originelle Location ...).“ Auf die Frage „Warum?“ erwidert Scheddin: „Sie werden Dinge lernen, die Sie nirgends lesen können. Sie ersparen sich den einen oder anderen Fehler. Sie erweitern Ihr Qualitätsnetzwerk. – Und keine Sorge: Es ist normal, dass es nicht beim ersten Mal klappt.“

„Essen Sie keinen Salat!“

Ganz praktisch sind auch die Tipps, die Monika Scheddin und Christiane Wolff auf cio.de (1) parat haben. Wolff, Expertin für PR und Öffentlichkeitsarbeit, gründete 2001 ihr eigenes Netzwerk Nettwerk für Frauen „in der Medien und Kommunikationsbranche“. Beide Frauen raten, rechtzeitig zu Treffen zu kommen und Redezeit auch nach dem eigentlichen Termin einzuplanen. Und lieber keinen Salat zu essen, den kaue man zu lang, dabei ließe sich schlecht reden. Wichtig sei die innere Haltung: „Gibt es irgendetwas, das ich für Sie tun kann?“

Neu geknüpfte Kontakte sollte man immer nachbereiten, etwa indem man sie auf Facebook oder XING bestätigt und sich auf das jeweilige Event bezieht.

Und wie macht man bei Treffen einen guten Eindruck und kommt nicht als Angeberin oder Angeber rüber? Scheddin rät, sich zu öffnen und auch persönlich etwas von sich preiszugeben. Wolff betont: „Freude ist der beste Weg zur Positionierung.“

Auch interessant: Die besten Kontakte, so Scheddin, habe sie beim Bitten um Unterstützung geknüpft.

(1) www.cio.de/g/netzwerk-tipps-fuer-manager,11765,3 und www.cio.de/a/sie-werden-an-ihren-kontakten-gemessen,3249628

Wie Introvertierte punkten können

Der Personalberater Christoph Thoma und die Kommunikationstrainerin Sylvia Löhken raten „Sozialallergikern“, auf „Klasse statt Masse“ zu setzen. Eine Person, die man interessant finde, zu einem Essen einzuladen, könne bei guter Vorbereitung sehr effektiv sein. Löhkens Praxistipp für große Veranstaltungen: eine „kleine Aufgabe“ wie das Austeilen von Namensschildern zu übernehmen. So sei die eigene Rolle klar definiert und es gebe einen konkreten Gesprächsanlass. (Quelle: Constantin Gillies auf www.cio.de/a/networking-fuer-introvertierte,2676305)

Eine Autorin: „Der größte Nutzen ist, dass ich mich weiterentwickeln konnte.“

Gitta Edelmann schreibt Kinderbücher, Kurzgeschichten, Kriminalromane und nun auch einen historischen Roman. Sie hält Seminare und ist Mitglied im SYNDIKAT, bei den Mörderischen Schwestern, im Bödecker-Kreis und in der KOGGE. Zudem ist sie stellvertretende Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in NRW.

In welchem Netzwerk sind Sie am längsten Mitglied und warum?

Am längsten – seit 2004 – bin ich bei den Mörderischen Schwestern, zunächst nur als interessierte Krimileserin, kurz nachdem ich angefangen hatte, beruflich zu schreiben, denn ich habe mich immer auch für Krimis interessiert. Meine ersten Veröffentlichungen waren jedoch Kindergeschichten. Bei den Mörderischen Schwestern haben wir viel über Kurzkrimis gesprochen, die damals erst aufkamen. Zu der Zeit gab es nur sehr wenige Kurzkrimianthologien. Mich hat diese kleine Form fasziniert und ich habe dann auf eine Ausschreibung hin einen Kurzkrimi geschrieben. Der ist aufgenommen worden und 2005 erschienen. Das war ein direkter Effekt dieser Mitgliedschaft.

Haben Sie Ihre Netzwerkbeteiligungen systematisch geplant oder hat sich das so ergeben?

Vieles hat sich durch mein „Genrehopping“ ergeben. Da schaut man, wen man jeweils kennt und was für Organisationen es gibt. Teilweise bin ich auch systematisch vorgegangen. Mein zweites Netzwerk war der VS, weil ich einfach noch mehr Kontakte haben wollte und ein Netzwerk gesucht habe, das auch politisch ist und wo man als Autorin zum Beispiel eine Rechtsberatung bekommen kann. Wo man eine Lobby in Form eines großen Verbandes hinter sich hat, die sich – wie jetzt – für Urheberrechte und gerechte Vertragsbedingungen einsetzt. Als kleine Autorin kann man nichts ausrichten. Manchmal erklären die Veranstalter: „Die Frau XY liest aber umsonst.“ Wenn man Schreiben als Beruf sieht und versucht, davon zu leben, kann man aber nicht sagen: „Ich mache die Lesung nur zum Spaß.“ Da kann ein Hinweis auf den VS helfen.

Tja, und dann haben viele von den Krimiautorinnen gesagt: „Komm doch auch ins SYNDIKAT ...

Konnten Sie dort gleich Mitglied werden?

Da musste ich warten, bis ich einen Kriminalroman veröffentlicht hatte; 2010 bin ich mit meinem ersten Kinderkrimi dort Mitglied geworden. Meine neueste Mitgliedschaft ist die in der europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE – seit Herbst 2014. Darauf bin ich durch einen Hinweis von einer Freundin und Kollegin gestoßen. Da hineinzukommen ist etwas schwer, man muss von einem Mitglied vorgeschlagen werden. Auf der jährlichen Versammlung wird dann abgestimmt, ob man hineingewählt wird – nachdem man Unterlagen wie Leseproben, Lebenslauf und ein persönliches Bewerbungsschreiben eingeschickt hat. Im September 2016 werde ich das erste Mal die Vollversammlung besuchen, letztes Jahr hat es terminlich nicht gepasst. Das ist eher ein kleiner Kreis, ich stell mir das sehr nett vor. Es werden ganz unterschiedliche Autoren aus allen Genres dabei sein. Da bin ich dann mit meinen Kinderbüchern noch besser vertreten.

Haben Sie bei Ihren Netzwerken konkrete Ziele verfolgt?

Bei den Mörderischen Schwestern wollte ich andere Schreibende kennenlernen. Ich fand es sehr schön, dass man nicht erst nach einer Veröffentlichung eintreten kann, sondern schon, wenn man sich als Leserin für Krimis interessiert. Dadurch hat sich vieles ergeben, weil ich sehr gute Erfahrungen mit diesen Kolleginnen gemacht habe. Jetzt ist das Netzwerk deutlich größer geworden, es hat sich viel verändert. Es gibt jedes Jahr ein Treffen; von Fortbildungen im Bereich des Krimischreibens bis zu fröhlichem Austausch ist alles dabei. Ich habe dort auch sehr gute Freundinnen gefunden.

Gab es schon mal Netzwerke, die Sie wieder verlassen haben?

Nein. Deswegen werden es immer mehr (lacht). Ich bin auch in inoffiziellen Netzwerken: seit sechs bis acht Jahren in einem privaten geschlossenen Kinderbuchautorenforum, wofür wir nicht groß Reklame machen.

Warum sind Sie auch noch in den Friedrich-Bödecker-Kreis eingetreten?

Weil ich als Kinderbuchautorin, genau wie der Bödecker-Kreis, Leseförderung betreibe und das gerne mit meinem Mitgliedsbeitrag unterstütze. Und ich bekomme über ihn ab und an eine Anfrage für eine Lesung in einer Schule.

Welchen konkreten Nutzen haben Sie aus den Netzwerken gezogen?

Der größte Nutzen ist, dass ich mich weiterentwickeln konnte. Bei den Mörderischen Schwestern oder auf der Criminale, dem Krimifest des SYNDIKATS, kann man bei Fachleuten günstig etwas lernen: über Schreibtechniken, das Plotten, das Schreiben von Exposés ... Oder wir machen eine Führung durchs Polizeipräsidium, ein Gerichtsmediziner hält einen Vortrag über Todesarten et cetera. So wird man fachlich deutlich kompetenter. – Und Kontakte sind das Wichtigste, denn es sind nicht einfach nur Kontakte, mit denen man sich nett unterhalten kann. Da gab es auch die Verlegerin, die mich ansprach: „Du hast doch mal längere Zeit in Großbritannien gelebt, ich suche noch eine Autorin, die einen Krimi schreibt, der dort spielt.“ Ich habe mir zu dem Thema etwas überlegt und mittlerweile schon den dritten Teil meiner Canterbury-Krimireihe dafür geschrieben, es werden insgesamt fünf Bände. Ohne den persönlichen Kontakt wäre das wahrscheinlich nie zustande gekommen.

Was investieren Sie in diese vielen Netzwerke?

Zum einen natürlich die Mitgliedsbeiträge. Das sind je nach Netzwerk so 30 bis 120 Euro im Jahr.

Und ich fahre normalerweise, wenn es zeitlich klappt, drei bis vier Mal im Jahr zu Autorenbegegnungen, meist für ein verlängertes Wochenende. Das sind die Vollversammlungen vom VS in NRW, den Mörderischen Schwestern und dem SYNDIKAT. Außerdem habe ich einige Ehrenämter inne. Ich war zwei Jahre Regionalsprecherin bei den Mörderischen Schwestern hier in NRW und ich habe mal die Homepage mit bearbeitet. Für das SYNDIKAT sitze ich das zweite Mal in der Jury für den Friedrich-Glauser-Preis beziehungsweise den Hansjörg-Martin-Preis. In diesem Jahr leite ich die Kinderjury, das heißt, ich begleite fünf junge Menschen beim Lesen. Das kostet schon Zeit, ist aber auch sehr schön. Als stellvertretende Vorsitzende des VS im Landesverband NRW bin ich auch zur Landesmedienkommission von NRW gekommen. Das kostet die meiste Zeit: ein bis zwei Tage im Monat für die Sitzungen.

Aber über Ehrenämter kann man zurückgeben, was man vorher bekommen hat. Es ist immer eine Mischung aus beruflicher Sache und viel Spaß. Man lernt auch unheimlich viel über die Verlagswelt, über die Arbeitsbedingungen in allen möglichen Bereichen. Illusionen über den Buchmarkt hat man dann nicht mehr.

Sind Sie in den Netzwerken schon einmal auf Schwierigkeiten gestoßen, auf Personen etwa, die sich besonders wichtig nehmen?

Das gibt es durchaus, aber nicht bei allen. Bei den Mörderischen Schwestern habe ich das noch nie so empfunden, die Dynamik unter Frauen ist einfach anders. Und die Netzwerke sind alle so groß, dass ich mir die Leute aussuchen kann, mit denen ich etwas zu tun haben möchte.

Und wenn Probleme von der Spitze einer Organisation kommen?

Bei den Netzwerken wählen wir unsere Spitze ja selbst. Auf den jährlichen Treffen und Vollversammlungen können wir Dinge hinterfragen, einen Antrag stellen. Wenn es nötig ist, haben wir die Machtbefugnis, etwas zu ändern, das nicht passt. Zudem ist ja niemand im Vorstand, weil er damit Geld verdienen will. Das sind alles Ehrenämter und die länger als zwei bis drei Jahre zu besetzen ist schwierig. Denn in der Zeit, wo man viel anderes machen muss, fehlt einem die Zeit zum Schreiben.

Welche Fragen sollte man sich als AutorIn stellen, bevor man sich für ein Netzwerk entscheidet?

Man sollte zunächst schauen, ob es vom Genre her passt. Dann würde ich Kontakt aufnehmen und nachfragen. Bei manchen – wie den Mörderischen Schwestern – kann man einfach mal zum Schnuppern beim Stammtisch vorbeikommen. In Köln/Bonn treffen wir uns immer am 13. jedes Monats. Dann lässt sich schauen, ob es einem fachlich passt und ob einem die Leute sympathisch sind.

Wie oft sollte man bei Treffen dabei sein?

Das ist etwas davon abhängig, welche Kontakte man sonst hat. Wir haben teilweise auch Gruppen vom SYNDIKAT oder den Mörderischen Schwestern auf Facebook. Oder wenn man ein Forum hat, dann hält man Kontakt, auch ohne dass man immer anwesend sein muss.

Wirklich sehr nützlich ist es, die Vollversammlungen zu besuchen, denn meistens gibt es ein Fortbildungsangebot oder Lesungen, wo man sich anders kennenlernen kann als übers Internet. Wir haben auch Mailinglisten, über die wir uns austauschen.

Ist es gut, wenn man ein Thema bei den Treffen hat oder genügt das bloße Zusammensitzen?

Das wird unterschiedlich gehandhabt. Bei den Mörderischen Schwestern bieten wir viele Fortbildungen und laden ReferentInnen ein, die mit dem Schreiben oder dem Krimi zu tun haben. Mit dem Stammtisch vom SYNDIKAT in Bonn wiederum treffen wir uns einmal im Monat zum Reden und Essen. Beides ist gut und sinnvoll. Wenn man einen Vortrag hört, hat man oft das Bedürfnis, hinterher darüber zu reden. Wenn man nur redet, kommen Fragen auf, die man dann mit jemandem vom Fach gerne klären möchte. Deshalb ist eine Mischung aus beidem gut. Möchte eine Gruppe mehr als Essen und Reden, lässt sich das organisieren. Aber es muss aus der Gruppe selbst kommen.

Sollte es dabei die Stammkneipe sein oder sind Ortswechsel sinnvoller?

Wenn man ReferentInnen eingeladen hat, muss es ein ruhiger Raum sein wie ein Nebenzimmer im Restaurant. Wir haben gemerkt, dass laute Orte auch für Gespräche allein nicht so gut sind. Manchmal ist das schwierig. In keinem Netzwerk haben wir da bisher die Ideallösung gefunden und nutzen wechselnde Orte. Wir hatten für die Mörderischen Schwestern in Köln eine Zeitlang einen festen Raum. Das wurde aber unpraktisch, weil er nicht für alle gleich gut erreichbar war. Wichtig ist eine gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel.

Welche Faktoren insgesamt tragen zu einem guten Netzwerk bei?

Die Persönlichkeit der Leute, die sich einem Netzwerk anschließen, ist schon eine andere, als die derjenigen, die nur für sich zu Hause schreiben oder glauben, sich nicht fortbilden zu müssen. Ich gebe auch Kurse in Kreativem Schreiben, da treffe ich manchmal eher beratungsresistente Leute. Die Mitglieder in den Netzwerken sind sehr offen und darauf aus, sich weiterzuentwickeln. Es gibt dort viel hilfreiches Feedback.

Wichtig ist, dass die Leute auch bereit sind, etwas für das Netzwerk zu tun. Es gibt leider auch welche, die nur kommen und fragen: „Was kriege ich hier?“ Die bleiben meist nicht lange. Man sollte bereit sein, etwas einzubringen, ein kleines Amt zu übernehmen wie die Neuerscheinungen auf der Homepage einzutragen. Da braucht man nicht viele Fachkenntnisse und auch nicht viel Zeit. Wenn jede sich beteiligt, hilft es allen.

Ein Autor: „Unser Netzwerk verbindet über alte Landesgrenzen hinweg.“

Roland Spranger ist Autor von Romanen, Kurzgeschichten und Theaterstücken. In seinem Wohnort Hof in Oberfranken ist er außerdem Gastgeber der Talkshow „Nachtgebiete – Gwaaf zer Nacht“. Für seinen 2012 erschienen Thriller „Kriegsgebiete“ erhielt er den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Bester Roman“. Roland Spranger ist Mitglied im VS Bayern und im SYNDIKAT.

In welchem Netzwerk sind Sie am längsten Mitglied und warum?

Zuerst bin ich ins SYNDIKAT eingetreten, 2012, nachdem mein Thrillerdebüt erschienen ist. Vorher hatte ich überwiegend Theaterstücke geschrieben und einen anderen Roman. Meine Lektorin sagte mir: „Schau dir das mal an!“ Um Kollegen aus der Gegend kennenzulernen, bin ich zuerst zum fränkischen Stammtisch gegangen, den vogtländischen gab es da noch gar nicht. Der hat sich erst etwa 2013 entwickelt, nachdem es dort eine Veranstaltungsreihe gegeben hatte, die in Sachsen sehr gut angenommen wurde: die vogtländischen KrimiLiteraturTage.

Konnten Sie dort gleich Mitglied werden?

Um beim SYNDIKAT Mitglied zu werden, gibt es klare Regeln. Man muss mindestens einen Krimi im Print veröffentlicht haben in einem richtigen Verlag, also nicht als Selfpublisher. Die Richtlinien, wer sich bewerben kann, sind manchmal umstritten. Was auch mit der Preisvergabe zusammenhängt, das SYNDIKAT vergibt ja auch Literaturpreise. Oft gibt es Diskussionen, wer Mitglied werden darf und wer nicht. Mittlerweile ist der Personenkreis um E-Book-Autoren erweitert worden. Die müssen ihre E-Books allerdings bei Verlagen veröffentlicht haben, die auf einer weißen Liste stehen. Druckkostenzuschussverlage zählen also nicht dazu.

Haben Sie Ihre Netzwerkbeteiligungen systematisch geplant?

Nein. Ich glaube, das könnte ein entscheidender Unterschied zwischen Männern und Frauen sein. Frauen gehen das systematischer an, Männer sind da eher ungeplanter.

Passenderweise ging die Initiative zum vogtländischen Krimi-Stammtisch von einer Frau aus, von Petra Steps, die die KrimiLiteraturTage maßgeblich mit organisiert. Mittlerweile fühlt sich jeder angesprochen, eine Einladung auszusprechen oder was zu organisieren.

Haben Sie bei Ihren Netzwerken konkrete Ziele verfolgt?

Jein. Ich wollte neue Menschen kennenlernen. Die Ziele und Projekte haben sich dann oft mit den Autoren ergeben, die ich dort getroffen habe.

Ist ein Thema bei den Treffen sinnvoll oder genügt schon das bloße Zusammensitzen?

Das bloße Zusammensitzen ist immer nützlich und bringt viel. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, über Facebook oder ähnliches zu kommunizieren, aber der direkte Austausch ist Gold wert.

Trotzdem ist ein Thema wichtig, wenn es in der Luft liegt. Zum Beispiel, wie viel man als Autor für eine Lesung verlangen kann, welche Erfahrungen es da gibt. Das für eine Region abzusprechen, ist nicht verkehrt. Autoren sind ja oft ganz schlechte Geschäftsleute. Und es gibt Situationen, wo man über den Tisch gezogen wird. Man ist ja immer gesprächsbereit und kann seinen eigenen Marktwert manchmal nicht so einschätzen. Vom VS gibt es die Empfehlung, für eine Lesung mindestens 300 Euro zu verlangen. Da sagen viele Kollegen: „Das krieg ich ja nie!“ Dann kommen Angebote wie: „Du liest bei mir und kriegst 50 Euro, XY hat auch dafür gelesen.“ Das in der Gemeinschaft zu überprüfen, sich mit Selbstbewusstsein aufzustellen und zu überlegen, was ist meine Arbeit wert, nicht unter dem Aspekt der Gewinnmaximierung, sondern eher unter dem der Solidarität, dafür finde ich diese Zusammentreffen sehr wichtig.

Da haben Sie also schon einen Nutzen aus den Netzwerken gezogen?

Ja, oder auch gemeinsam Projekte anzugehen: Wir haben schon eine Anthologie zusammen herausgebracht.

Da man beim Schreiben viel allein ist und sich sehr intensiv damit auseinandersetzt, finde ich den Mehrwert des Netzwerks auch darin, sich konkret über Texte auszutauschen, indem man jemandem etwas zu Lesen gibt mit der Bitte, sich das mal anzuschauen, oder etwas zum Lesen bekommt. Ich kann ja nicht nur meine Freunde und Familie mit meiner Literatur „belästigen“.

Erleben Sie beim Netzwerken Schwierigkeiten oder Unterschiede zwischen den Genres?

Ich erlebe es so, dass Kriminalautoren allgemein offen miteinander umgehen und es unter uns ein Wohlwollen gibt und wenig Konkurrenzdenken. Bei den Theaterautoren ist es viel schwieriger mit Netzwerken. Da erlebe ich Zurückhaltung, es scheint mir eher Konkurrenzdenken zu herrschen. Aber vielleicht sind die Netzwerke von Theaterautoren einfach noch nicht so ausgereift? Es gibt zum Beispiel Versuche, eine Facebook-Gruppe zu gründen, und ich bin auch mit Berliner Theaterautoren vernetzt, aber da erlebe ich nicht diese Stetigkeit oder strukturierte gezielte Vorgehensweise wie beim SYNDIKAT.

Hängt eine Professionalisierung vielleicht auch von einer kritischen Masse oder Historie ab?

Das kann sein. Beim SYNDIKAT sind mittlerweile 750 Autorinnen und Autoren aktiv. Da gibt es eine Geschäftsstelle, eine Mailingliste, wenn man den Zugangscode hat, es gibt die jährliche Criminale, Branchentreff und Krimifestival in einem, die sehr professionell mit Tagungs- und Fortbildungsprogramm aufgezogen wird. Dieses Jahr habe ich beispielsweise ein Nahkampftraining mitgemacht. Da gibt es Leute, die sehr aktiv sind und das mittlerweile in Teilzeit beruflich machen können. Das ist natürlich was anderes, als wenn eine Handvoll Autoren versucht, ein Netzwerk zu gründen. Wobei das SYNDIKAT genauso klein angefangen, aber vom Boom der Kriminalliteratur profitiert hat.

Was investieren Sie in Ihre Netzwerke?

Das ist schwer abzuschätzen und sehr unterschiedlich, je nachdem, was gerade anliegt. Ich kann das auch nicht immer bedienen. So konnte ich leider den letzten fränkischen Stammtisch nicht wahrnehmen. Manchmal würde ich gern mehr Zeit investieren. Auf der anderen Seite habe ich diese Woche erst eine Schullesung gehabt. Die ist aus diesem Netzwerk entstanden, weil eine Kollegin gesagt hat: „Mensch deine Jugendfußballkrimigeschichten kann man doch in zwei achten Klassen lesen.“ Das sind Sachen, die eher nebenbei passieren – beim Telefonieren oder Chatten. Sie merken, ich bin eher der unstrukturierte Netzwerker.

Sind Sie in den Netzwerken schon einmal auf Schwierigkeiten gestoßen, etwa auf Personen, die sich besonders wichtig nehmen?

Ich persönlich hatte noch keine Schwierigkeiten. Aber in einem Netzwerk habe ich tatsächlich einmal erlebt, dass sich ein Autor in den Vordergrund gedrängt und unkollegiales Verhalten gezeigt hatte. Das war eine extreme Ausnahme, ein Neueinsteiger, der etwas daneben gelangt hat. Er ist natürlich damit konfrontiert worden. Da gab es schon Streit.

Welche Fragen sollte man sich als AutorIn Ihrer Erfahrung nach stellen, bevor man sich für ein Netzwerk entscheidet?

Da würde ich gar keine großen Fragen stellen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich für ein Netzwerk zu entscheiden, wenn eins vorhanden ist. Ich bin da immer sehr herzlich aufgenommen worden: Man ist auf mich zugegangen, hat mir gleich Interesse entgegengebracht. Klar ist man an Anfang schüchtern, wenn man auf eine Masse Leute trifft, die sich schon kennen. – Ich habe von den Netzwerken nur profitiert. Aber als das SYNDIKAT letztes Jahr seinen Mitgliedsbeitrag erhöhte, sind ein paar Kollegen ausgetreten, weil sie – wie sie sagten – sich das nicht mehr leisten konnten.

Wie oft sollte man sich Ihrer Meinung nach mindestens blicken lassen bei den Treffen?

Wer zur Karteileiche wird, wird nicht mehr wahrgenommen. Aber die Treffen vom fränkischen Krimistammtisch finden oft in Nürnberg oder Bamberg statt. Ich muss von Hof aus hinfahren, Kollegen kommen von Aschaffenburg, da zieht sich Franken ganz schön. Die überwiegende Zahl der Autoren hat nebenher noch einen anderen Beruf. Dass man das allein von der Anreise her nicht immer machen kann, dafür haben alle Verständnis.

Stammkneipe oder Ortswechsel: Was ist sinnvoller?

Wir haben wechselnde Treffpunkte. Im Vogtland wechseln wir zwischen Plauen, Treuen und Hof. So schnuppert jeder in die Welt vom anderen. Denn es gibt durchaus abweichende Voraussetzungen im nächsten Bundesland. Alle vom Vogtlandstammtisch sind entweder in der DDR oder der BRD sozialisiert. Dieser Austausch ist toll.

Sie haben also Grenzen verbunden?

Ich habe versucht, die Organisatoren aus Sachsen dahingehend zu unterstützen, dass es bei uns Veranstaltungsorte gibt, um Künstler von dort auch nach Hof zu holen. Umgekehrt hat sich über das Netzwerk etwas Tolles ergeben: Es gibt da dieses wunderschöne Kulturgewächshaus in Glauchau, eine Stunde von Hof entfernt. Nach einer herrlichen Lesung mit Musik, die ich dort hatte, sagte mir der Veranstalter: „Sie waren unser erster Künstler aus dem Westen!“ Das war 2014 und nicht 1993! Die ehemalige Mauer war bei den Veranstaltern noch lange existent, die haben wir ein bisschen durchlässiger gemacht.

Die wichtigsten Faktoren für ein gutes Netzwerk?

Wichtig ist, dass man solidarisch miteinander umgeht. Ein Netzwerk funktioniert nur, wenn es keine Einbahnstraße ist. Niemand möchte nur „benutzt“ werden. Die Mitglieder müssen sich auf Augenhöhe begegnen, am besten in zwanglosem Umfeld.

Eine Organisatorin: „Als ich einen Posten übernommen hatte, ging es richtig bergauf!“

Jasmin Zipperling ist Bloggerin, schreibt Kinderbücher und Artikel für Fachmagazine. Fast zwei Jahre lang war sie außerdem Regionalkoordinatorin des Bundesverbandes junger Autoren und Autorinnen e. V. (BVjA).

Was sind deine Netzwerkziele?

Ich möchte mich aktiv zeigen, mich mit anderen verbinden, um von ihnen zu lernen. Aber ich möchte mein Wissen auch an Anfänger weitergeben, damit sie sich beim Einstieg nicht so schwertun wie ich damals. In den sozialen Netzwerken teile ich auch Privates mit, um mich als Mensch mit Stärken und Schwächen zu präsentieren. Und um zu zeigen, dass ich nicht unnahbar bin. Social Media ersetzt natürlich nicht den persönlichen Kontakt. Ich möchte Leute umarmen können – auf Buchmessen oder dem Self-Publishing-Day.

Wann warst du Regionalkoordinatorin und warum hast du den Job wieder abgegeben?

Regionalkoordinatorin für den BVjA war ich von Oktober 2014 bis Juni 2016. Das war toll, aber ich wollte wieder mehr Zeit zum Schreiben haben.

Wie geht man damit um, wenn Mitglieder einen angreifen?

Am besten ist es, nicht sofort zu antworten, sondern sich erst einmal zu beruhigen. Ich reagiere natürlich auch emotional. Aber es kann immer ein Missverständnis sein oder der andere hatte einen schlechten Tag. Hilfreich ist, freundlich zu antworten: „Das Thema scheint dich aufzuregen, wollen wir darüber reden?“ Man muss das Tempo rausnehmen, Verständnis für die andere Seite zeigen. Ich sage immer: „Jeder Jeck ist anders.“ Meistens sind die Wogen schnell wieder geglättet.

Wie ist es mit Konkurrenz unter den AutorInnen?

Ich habe kein Konkurrenzdenken erlebt. Vor allem Selfpublisher sind oft Teamworker, die bewerben sich gegenseitig in den Netzwerken. Auch bei den 42erAutoren (Anmerkung der Redaktion: eine Schriftstellervereinigung von etwa 70 Autorinnen und Autoren) kenne ich mindestens zwei, die etwas zusammen geschrieben haben.

Was hat sich für dich als Autorin verändert durch den Posten?

Seit dieser Amtsübernahme ging es richtig bergauf für mich. Ich habe viele Leute kennengelernt, mein Name sprach sich herum und so bin ich auf Messen bald von anderen angesprochen worden, auch von einer Verlagslektorin. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass man in den allermeisten Fällen Hilfe bekommt, wenn man sie braucht. Deshalb kann ich nur sagen: Wenn man einen Fuß in die Branche hineinbekommen will, sollte man sich engagieren!

Was machen eher schüchterne Menschen?

Ist ihr Buch gut, hat das Multiplikatorwirkung, frei nach dem Motto: Begeistere selbst, dann sind die Leute von dir begeistert! Qualität setzt sich durch. Schüchterne könnten sich auch mit jemandem zusammentun, der kontaktfreudiger ist.

Wie verlässt man ein Netzwerk wieder – auf elegante Weise?

Man sollte sich immer bedanken! Für die Einblicke, die tolle Zeit, die Bereicherungen, auch dafür, dass man die Möglichkeit hatte festzustellen, dass man nun etwas anderes machen möchte. Und man sollte alles Gute für die Zukunft wünschen.

Was ist dein Tipp für Netzwerk-Neulinge?

Sich aktiv einzubringen und mitzugestalten ist besser als sich zurückzulehnen. Der BVjA-Autorenstammtisch in Hamburg, da unterstützen sich alle gegenseitig, die überlegen vor jedem Treffen, über welches Thema sie reden wollen. Dann erstellen sie sogar jedes Mal ein Protokoll und Handouts, die sie per Mail an die Mitglieder schicken, damit die, die nicht da waren, auch davon profitieren können. Nach meiner Wahrnehmung kommen diese AutorInnen schneller weiter.

 

Autorin: Susanne Berg | www.susanneberg-portraettexte.de
In: Federwelt, Heft 119, August 2016