Sie sind hier

Suchformular

Lektorat - ein Muss

der selfpublisher
Friederike Schmitz

Lektorat – ein Muss

Es käme wohl kein Verleger auf die Idee, ein Buch zu publizieren, das nicht vorher ein Lektorat durchlaufen hat. Nun bedeutet „Selfpublisher“ nichts anderes als „Selbstverleger“. Das heißt: Sie müssen sich um die klassischen Verlagsaufgaben kümmern beziehungsweise diese delegieren, wenn Sie Erfolg am Markt haben wollen.

Ein professionelles Lektorat gehört dazu. Fehlerhafte Texte liest niemand gern, die Konzentration auf den Inhalt wird gestört, Ärger macht sich breit. Ein Buch mit Rechtschreib- und Kommafehlern sei der Killer jeder Schriftstellerkarriere, bevor diese überhaupt begonnen habe, sagt der E-Book-Promoter Johannes Zum Winkel. Denn das Netz vergisst nicht – hat man einmal das Etikett Sprachbanause verpasst bekommen, wird man es kaum wieder los.

Wo und wie findet man eine Lektorin, einen Lektor?

Hier ein paar hilfreiche Adressen:

> www.autorenwelt.de/verzeichnis/menschen (nach „LektorIn“ filtern)

> www.vfll.de/lektor-in-finden/datenbank/

> www.vfll.de/lektor-in-finden/auftragsanfrage/

> www.lektorat.de

> www.lektoren.de

Viele Selfpublishing-Plattformen wie BoD, epubli oder tredition haben einen Pool von Lektorinnen, Layoutern und E-Book-Spezialisten, mit denen Sie Verbindung aufnehmen können.

Wie kann ich wissen, ob die Lektorin oder der Lektor wirklich gut ist?

Schauen Sie sich verschiedene Websites an – welche sprechen Sie an? Gibt es Gründe, warum Sie eher dieser als jener Person Ihr „Baby“ anvertrauen möchten? Treffen Sie eine Vorauswahl. Und dann: Telefonieren Sie. Stimmt die Chemie? Haben Sie den Eindruck, Sie könnten gut miteinander? Wenn ja, bitten Sie um ein Angebot und/oder ein Probelektorat, vielleicht auch um Referenzen.

Was halten Sie von einem Probelektorat?

Ein Probelektorat – auch wenn es vielleicht etwas kostet – ist aus meiner Sicht eine sinnvolle Sache. Sie als AutorIn sehen, warum und wie ich Ihren Text bearbeiten würde, ich als Lektorin bekomme einen ersten Eindruck, kann den nötigen Arbeitsaufwand ungefähr einschätzen und Ihnen ein fundiertes Angebot machen.

Ihr Exposé hat mir einen Ein- und Überblick gegeben, ich weiß, worum es geht. Aus dem mir zugesandten Text wähle ich zwei, drei Seiten aus und mache mich an die Arbeit: korrigiere, streiche, ersetze Wortwiederholungen, stelle Fragen im Kommentarfenster. Wenn meine Arbeit Sie überzeugt („Sie haben genau das angemerkt, wobei ich ein ungutes Gefühl hatte!“ – „Sie haben ja recht, warum hat mir das bisher denn niemand gesagt?“), besprechen wir, ob ein Korrektorat oder ein Lektorat durchgeführt wird, ob der Text gründlich redigiert werden und ob während des Schreibprozesses ein Coaching stattfinden soll.

Welche Dienstleistungen bieten LektorInnen an?

a) Korrektorat, also die Beseitigung der Rechtschreib-, Interpunktions- und Grammatikfehler. Weder inhaltlich noch bei den Formulierungen greife ich ein. Ein solches reines Korrektorat mache ich möglichst nur für Profi-Schreiber – ich halte es einfach nicht aus, schiefe Konstruktionen, unschöne Formulierungen, Wortwiederholungen, Füllwörter und Floskeln stehen zu lassen.

b) Bei einem Lektorat geht es natürlich ebenfalls um Rechtschreibung, Interpunktion (Kommas sowie Kann-Kommas) und Grammatik. Darüber hinaus richten LektorInnen ihr Augenmerk auf Wort- und Wortstammwiederholungen, schiefe Redewendungen, falsche Anschlüsse und Bezüge, auf die Satzmelodie, auf mögliche Längen im Text, auf die Richtigkeit einzelner Aussagen und die Folgerichtigkeit der Handlung. Und auf das treffende Wort. Denn: „Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe wie der zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen.“ (Mark Twain) Kürzlich las ich in einem Manuskript von einem Ort, an dem Fuchs und Hase sich Guten Tag sagten. – Das schaurig-schöne Beispiel von Bastian Sick: „Da sollten Sie mal ein Auge drüber werfen!“

c) Manchmal ist die Hauptaussage eines Sachbuches nicht deutlich herausgearbeitet, sondern irgendwo im Buch versteckt; manchmal stimmen Aufbau und Argumentationsführung nicht. Dann ist eine redaktionelle Bearbeitung hilfreich.

d) Autor oder Autorin planen, ein Buch zu schreiben. Sie wissen oder ahnen, welch riesiges Unterfangen das ist, und suchen einen Profi, der sie dabei begleitet – sie suchen ein Coaching. Zu klären ist dann: Warum will/sollte ich dieses Buch schreiben? Wie lautet seine Botschaft? Für welche Zielgruppe schreibe ich? Welchen Umfang sollte es haben? Welcher Schreibstil ist für dieses Genre angemessen? – Ein solches Coaching findet sinnvollerweise bei einem Arbeitstreffen statt.

e) Die Autorenberatung ist eine weitere Dienstleistung, die viele freie LektorInnen anbieten. Sie haben den sich rasant verändernden Buch- und Selfpublishing-Markt im Blick, und gemeinsam mit dem Autor/der Autorin überlegen sie: Was soll mit dem Manuskript geschehen, wenn es lektoriert vorliegt? Ist es möglicherweise für ein bestimmtes Verlagsprogramm geeignet? Gibt es Agenturen, die diese Art Text vermitteln? Passt eine der diversen Selfpublishing-Plattformen besser als andere? Denn auch hier gibt es eine zunehmende Ausdifferenzierung, welche Adresse für welches Manuskript infrage kommt und welche eher nicht. Wie wichtig sind Cover und Rückentext? Wer kann wie beim Marketing helfen?

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen AutorIn und LektorIn?

Wenn ein neues Manuskript auf meinem Schreibtisch – nun ja, Desktop – liegt, kommt mir regelmäßig Bert Brechts Gedicht „O Lust des Beginnens!“ in den Sinn. Eine neue Gedankenwelt, ein neues Anliegen, der neue Aspekt eines Themas, eine neue geistige, seelische oder reale Landschaft – schön!

Die Zusammenarbeit von Autor und Lektorin ist mit verschiedenen Schreibprogrammen möglich (Word, Papyrus, Scrivener, Pages). Ich selbst arbeite vorwiegend mit Word, und zwar im Änderungen-nachverfolgen-Modus; jeder Eingriff ist nachvollziehbar und kann angenommen oder verworfen werden. Meine Fragen und Anmerkungen klären wir in einer Arbeitssitzung oder am Telefon. Das macht beiden Seiten übrigens viel Freude! Es ist belebend, anregend und bringt Text und Schreibende weiter.

Immer wieder stellen wir fest: „Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken.“ (Friedrich Dürrenmatt) Oft habe ich beim besten Willen nicht verstehen können, was der Autor, die Autorin gemeint hat – die Formulierung war verwirrend. Mein Nachfragen bringt Klarheit, was eigentlich gesagt werden sollte. Das nenne ich die Hebammentätigkeit der Lektorin.

Wie teuer ist ein Lektorat?

Das Überarbeiten eines Textes braucht Zeit, das wissen diejenigen am besten, die ihren Text wieder und wieder durchgegangen sind. Und auch die geübteste und erfahrenste Lektorin (mit Germanistikstudium, mit regelmäßigen Fortbildungen rund ums Lektorat und viel Erfahrung) braucht Zeit, die in der Regel mit fünfunddreißig, vierzig, fünfzig, sechzig ... Euro je Stunde (eventuell zuzüglich Mehrwertsteuer) vergütet wird. Damit die Angelegenheit überschaubar und kalkulierbar bleibt, wird oft nach Normseiten abgerechnet

Rechnen Sie mit drei bis sechs Euro für das Korrektorat einer Normseite (zweimaliges sorgfältiges Lesen/Korrigieren) und mit fünf bis zehn (und mehr) Euro für das Lektorat, eventuell zuzüglich Mehrwertsteuer. Diese großen Spannen erklären sich durch die sehr unterschiedliche Ausgangsqualität der Texte und die jeweils vereinbarte Bearbeitungstiefe: Wenn ich pro Seite fünfzehn Mal und öfter eingreifen und umformulieren muss, brauche ich deutlich länger, als wenn pro Seite nur drei, vier, fünf Dinge zu korrigieren sind.

Eine solche Summe können Sie einfach nicht aufbringen? Vielleicht findet sich eine Berufsanfängerin, die Erfahrung sammeln und erst einmal Fuß fassen möchte im Markt. Oder Sie einigen sich mit dem Lektor Ihrer Wahl darauf, dass er Ihnen bei einem der drei Kriterien Preis, Qualität, Termin entgegenkommt – oder Sie ihm. Ich habe zu Beginn meines Lektorinnendaseins manches Mal verabredet, zu einem besonders günstigen Preis zu arbeiten. Wenn ein regulär bezahlter Auftrag hereinkam, habe ich diesen eingeschoben, das heißt zeitlich vorgezogen. Das war eine gute Abmachung für den Autor (günstiger Preis) und für mich (kein Leerlauf); sie funktionierte auf der Basis von Vertrauen.

Sie können den Lektoratsaufwand in Bezug auf Inhalt, Stil und Rechtschreibung auch im Vorfeld verringern. Beim Plotten helfen die Software Scrivener oder das Schreibprogramm Papyrus. Letzteres verfügt über eine Stilkontrolle, die Wiederholungen und die Adjektivlastigkeit von Texten anmerkt. – Installieren Sie den Duden-Korrektor, er ist der Word-Korrektur weit überlegen. (Mitdenken müssen Sie in jedem Fall.)

In Diskussionsforen (etwa bei lovelybooks.de, neobooks.de, vorablesen.de, whatchareadin.de) tauschen AutorInnen sich aus und geben einander Tipps. Schon beim Mitlesen und aus den Fehlern der anderen können Sie lernen! Allerdings: Auch strenge TestleserInnen sind keine Profi-LektorInnen.

Sehen Sie alle Investitionen, die Sie in Ihr Buch stecken, nicht vorwiegend unter dem finanziellen Aspekt. Es ist nicht sicher, dass Sie das investierte Geld über den Verkauf der Bücher zurückbekommen. Der Gewinn liegt zunächst einmal in der Verbesserung Ihres Schreibens und der Erweiterung Ihres Know-hows rund um den Buchmarkt und das Selfpublishing – und nur möglicherweise im finanziellen Bereich.

Was tun, wenn das bereits veröffentlichte Buch/E-Book noch Fehler enthält?

Oje! Atmen Sie erst einmal tief durch! Dann klären Sie, ob die Fehler wirklich Fehler sind, denn seit der Rechtschreibreform gibt es vieles, was so und auch anders erlaubt ist. Beispielsweise „Selfpublisher“ und „Self-Publisher“, „stehen lassen“ und „stehenlassen“, „alleinerziehend“ und „allein erziehend“, „sodass“ und „so dass“, „Hunderte“ und „hunderte“ – und so weiter; irritierend sind vor allem die „Kann-Komma“-Regelungen.

Sprechen Sie mit Ihrer Lektorin! Sie stellen beide fest, dass da wirklich viele peinliche Fehler stehen geblieben sind? Fordern Sie höflich Nachbesserung. – Ist im Vorfeld angesprochen worden, dass es bei einem Text, an dem tausend und Tausende Änderungen vorgenommen wurden, kaum zu vermeiden ist, dass noch Fehler stehen bleiben – und ein Korrektorat von einem anderen Lektor/Korrektor höchst sinnvoll wäre (Vier-Augen-Prinzip)? Stimmt, das ist wieder eine Kostenfrage. Marah Woolf, die Amazon-Erfolgsautorin, hat in einem Interview freimütig geäußert, dass sie ihre Romane selbst layoutet, aber für Cover, Lektorat und Korrektorat eines 300-Seiten-Romans ungefähr 4.000 Euro ausgibt (http://schreiben-als-beruf.de/romane-schreiben-und-selfpublishing-marah-woolf/).

Vor Ihnen hingegen liegt Ihr Buch, in dem Leser und Leserinnen noch viele Fehler gefunden haben. Schon wahr: You never get a second chance to make the first impression. Aber das hilft nun nichts, Sie müssen den Schaden begrenzen und den Titel noch einmal in korrigierter Form publizieren. Das ist in Zeiten von Print-on-Demand und E-Books nicht mehr ein so großes Unglück, als wenn 2.000 gedruckte Exemplare auf Halde lägen. Vielleicht schreiben Sie „zweite, korrigierte Auflage“ auf das Cover, zumindest ins Impressum. Sie könnten auf den besonders kritischen Online-Rezensionsportalen eine entsprechende Info einstellen.

Meiner Erfahrung nach erlebt ein Desaster aber nur jemand, der seinen Text blauäugig veröffentlicht hat, ohne professionelle Hilfe in Anspruch genommen zu haben.

Autorin: Friederike M. Schmitz | www.prolitera.de
In: der selfpublisher, Heft 2, Juni 2016