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Großbritanniens AutorInnen verdienen immer weniger

Branchen-News
Sandra Uschtrin
Großbritannien

Britische Autoren schlagen Alarm: Die meisten verdienen immer weniger.

Die britischen BestsellerautorInnen Philip Pullman, Antony Beevor and Sally Gardner rufen dazu auf, AutorInnen fairer an den Gewinnen aus Buchverkäufen zu beteiligen. Eine Umfrage unter 5.500 britischen BerufsautorInnen belegt, dass viele unter dem Mindestlohn verdienen und immer weniger von ihrer Arbeit leben können.

Der neueste Bericht der Authors' Licensing and Collecting Society (ALCS) – die ALCS ist eine britische Verwertungsgesellschaft, an der ausschließlich AutorInnen beteiligt sind – zeigt, dass das Durchschnittseinkommen für professionelle AutorInnen seit 2005 um 42 Prozent auf unter 10.500 Pfund (11.916 Euro) pro Jahr gesunken ist und damit deutlich unter dem von der Joseph-Rowntree-Foundation empfohlenen Mindesteinkommen von 17,900 Pfund (20.315 Euro) liegt.

Frauen gehen es der Umfrage zufolge noch schlechter: Sie verdienen 75 Prozent von dem, was ihre männlichen Kollegen verdienen. Das ist in Deutschland auch so.

Basierend auf einer 35-Stunden-Woche verdient der durchschnittliche Vollzeit-Autor nur 5,73 Pfund (6,50 Euro) pro Stunde, das sind 2 Pfund weniger als der britische Mindestlohn für Personen über 25 Jahre. Infolgedessen ist die Zahl der professionellen AutorInnen, deren Einkommen ausschließlich aus dem Schreiben stammt, von 40 Prozent im Jahr 2005 auf nur noch 13 Prozent gesunken.

Das Durchschnittseinkommen der befragten AutorInnen – einschließlich Teilzeit- und Gelegenheitsautoren – ist real auf 3.000 Pfund (3.400 Euro) pro Jahr gesunken, 33 Prozent seit der letzten Umfrage im Jahr 2013 und 49 Prozent seit dem ersten ALCS-Bericht im Jahr 2005. Als professionelle AutorInnen galten bei dieser Umfrage diejenigen, die mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit dem Schreiben widmen.

Pullman, Beevor und Gardner sehen die Vielfalt und Qualität der literarischen Kultur in Großbritannien gefährdet. Die Schuld liegt ihrer Meinung nach bei den Verlagen und Online-Buchhandlungen, die ihre Gewinne mit den AutorInnen gerechter hätten teilen müssen.

Im Jahr 2016 stieg der Umsatz der britischen Verlage mit Büchern und Zeitschriften um 7 Prozent auf 4,8 Milliarden Pfund, ein Trend, der sich im Jahr 2017 wiederholte, als allein die britischen Buchverkäufe die Marke von 2 Milliarden Pfund überschritten. Seit 2005 ist der weltweite Umsatz von Amazon von 8,49 Milliarden Dollar (7,34 Mrd. Euro) auf 177,87 Milliarden Dollar (153,86 Mrd. Euro) gestiegen.

»Das Wort Ausbeutung kommt mir in den Sinn«, sagt Philip Pullman, Bestsellerautor und Präsident der Society of Authors. »Viele von uns werden schlecht behandelt, weil einige von denen, die unsere Bücher an die Öffentlichkeit bringen, gewissenlos handeln und keine Rücksicht auf uns und die Zukunft des Handels nehmen.«

Antony Beevor, Autor des Bestsellers »Stalingrad«, fügt hinzu, dass Sachbuchautoren vor einem besonderen Problem stünden, wenn sie wenig Geld haben, um ihre Recherchen zu finanzieren. Für sein Buch »Stalingrad« brauchte er vier Jahre, was durch Verlagsgeschäfte im Inland und Ausland finanziert wurde. »Ich habe versucht, abends in Teilzeit zu schreiben, aber du bist am Ende des Tages zu kaputt und ich konnte es nicht.« Und weiter: »Wir brauchen professionelle Autoren, weil sonst nur die mit anderen Einkommensquellen schreiben können.«

Nicola Solomon, Geschäftsführerin der Society of Authors, kritisiert Verlage und Amazon dafür, dass sie einen größeren Prozentsatz ihrer boomenden Gewinne nicht mit den Menschen teilen, die das Rohmaterial liefern. »Was uns beunruhigt, ist, dass im gleichen Zeitraum, in dem die Einnahmen der Autoren sinken, die großen Verlage ihre Verkäufe in die Höhe schnellen lassen«, sagt sie.

Nicola Solomon schätzt, dass die Bezahlung der Autoren im Jahr 2016 nur 3 Prozent des Verlagsumsatzes ausmachte. »Die Industrie bezahlt so wenig für den Rohstoff. Verlage sprechen über Vielfalt und geben dann Lippenbekenntnisse ab, um die Karriere von Schriftstellern zu unterstützen. Sie sind dafür verantwortlich, dass die Autoren angemessen bezahlt werden und ihre Einnahmen nicht sinken«, fügt sie hinzu.

»Als ich anfing, konnte man noch gut vom Schreiben leben. Das geht jetzt nicht«, sagt Bestsellerautorin Sally Gardner. Dadurch sei die Fähigkeit der Autoren, ihre Ideen über Jahre hinweg zu entwickeln und Bücher zu schreiben, die sich mit wichtigen Fragen beschäftigen, ernsthaft untergraben worden. »Jetzt will der Verlag Bestseller-Romane um jeden Preis, aber um Talent und gutes Schreiben zu entwickeln, braucht man Geduld, Ermutigung und finanzielle Unterstützung«, erklärt sie.

Die Risikoscheu der Verleger habe dazu geführt, dass prominente Autoren andere, die weniger verdienen, im Wettbewerb abhängen, meint Gardner. Die Folge sei, dass es für Autoren schwerer sei, Romane zu veröffentlichen, die sich mit den großen Menschheitsfragen beschäftigen.

Tony Bradman, Kinderbuchautor und Vorsitzender der ALCS, glaubt, dass es langfristige Konsequenzen für die Unterfinanzierung von Schriftstellern geben wird. »Es ist geschäftlich kurzsichtig zu sagen, dass es keine Rolle spielt (wenn wir nur wenige professionelle Autoren haben), einfach Geld auf die großen Namen zu werfen und es wird funktionieren. Wenn es nicht funktioniert, wo sind dann die Autoren, um sie zu ersetzen?«

»Autoren sind kein Sonderfall, der mehr Sympathie verdient als viele andere Gruppen«, erklärt Philip Pullman. »Wir sind ein besonderer Fall einer allgemeinen Verschlechterung der Lebensqualität und wir werden nicht aufhören, darauf hinzuweisen, weil wir auch für viele andere Gruppen sprechen.«

In Deutschland ist die wirtschaftliche Lage der AutorInnen kaum besser. Ein Lichtblick: Um es AutorInnen zu erleichtern, vom Schreiben zu leben, hat die Autorenwelt eine Onlinebuchhandlung entwickelt. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Von den Büchern, die dort verkauft werden, erhalten die AutorInnen 7 Prozent vom (Brutto-)Ladenpreis (zusätzlich zu ihren Verlagstantiemen). Voraussetzung ist lediglich die Anmeldung beim Autorenprogramm. Dieses Programm ordnet die Buchkäufe den betreffenden AutorInnen zu. Im Autorenwelt-Shop gibt es rund 3 Millionen Bücher. Derzeit nehmen bereits 550 AutorInnen am kostenlosen Autorenprogramm teil. Den Autorenwelt-Shop gibt es in seiner jetzigen Form seit November 2017. Als Start-up, das aus dem Uschtrin Verlag hervorgegangen ist, präsentierte es sich erstmals im Frühjahr 2018 auf der Leipziger Buchmesse.

Dieser Blogeintrag basiert in weiten Teilen auf einer Übersetzung dieses Artikels: https://www.theguardian.com/books/2018/jun/27/publishers-pay-writers-pittance-philip-pullman-antony-beevor-sally-gardner

Links

> https://societyofauthors.org/News/News/2018/June/42-real-terms-fall-in-UK-author-earnings-since-20
> https://www.alcs.co.uk/
> https://www.alcs.co.uk/research
> https://societyofauthors.org/
> https://shop.autorenwelt.de/