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Zu Besuch bei Dr. Rainer Moritz, dem Chef des Hamburger Literaturhauses

Federwelt
anja goerz
Dr. Rainer Moritz an seinem Schreibtisch

Was für ein Typ ist er, der Chef des Hamburger Literaturhauses? Über welche Themen schreibt er selbst? Was gehört alles zu seiner Arbeit im Literaturhaus? Liest er Kritiken zu seinen Büchern? Wie sieht er die Stellung der Frauen im Literaturbetrieb? Was braucht es, um 2020 auf dem Buchmarkt erfolgreich zu sein? Und was muss ein Buch haben, damit er es empfiehlt?

Nach eigener Auskunft arbeitet Dr. Rainer Moritz nicht, sondern geht seinen Leidenschaften nach. Als Autor, Buchempfehler, Podcaster, Übersetzer, Moderator, Radiokolumnist und – seit 2005 – als Chef des Literaturhauses Hamburg. „Ich habe großes Glück gehabt, dass ich das, was ich liebe, zu meinem Beruf machen konnte. Natürlich hat man eigentlich nie Feierabend. Wenn man privat ein Buch liest, dann ist es ja auch immer irgendwie Arbeit. Aber man sollte das Jammern unterlassen, wenn man einen Beruf hat, der einen glücklich macht.“
Spricht man den Literaturwissenschaftler auf seine schwäbische Heimat an, kommt unweigerlich die Frage, ob man De Enteklemma von Thaddäus Troll kennt, die schwäbische Fassung von Molières Der Geizige. Aber seinen Heimatsound legt er ab, wenn es ins Gespräch um seinen Lebenslauf geht.
Moritz, geboren 1958, arbeitete als Programmchef und Cheflektor bei Reclam und als Programmgeschäftsführer für Hoffmann und Campe kam er nach Hamburg.
Mit anderen über Bücher zu sprechen, kann ihm Freunde bringen oder Bekanntschaften verhindern. „Wenn jemand, den ich noch nicht so lange kenne, erzählt, dass Das Buch der Unruhe... von Fernando Pessoa sein Lieblingsbuch ist, dann erkenne ich da natürlich jemanden, der meinen Geschmack teilt. Mit jemandem befreundet zu sein, dessen Bücher ich nicht mag, wäre wohl nicht ganz einfach für mich. Wenn man über Bücher spricht oder streitet ist das gut und wichtig, aber es wäre eine große Herausforderung, wenn ich in diesem Bereich mit jemandem geschmacklich weit auseinanderliege.“

Die Themen des Dr. Rainer Moritz
Geschrieben hat er schon immer. Anfangs Literaturkritiken, dann Bücher, inzwischen sind es mehr als vierzig. Über alles, was ihn interessiert: Schlager, Fußball oder die schlechtesten Zeilen über Sex, die er in Romanen gesammelt hat und im Matratzendesaster analysiert. „Themen, die einem auf der Seele lasten, wäre vielleicht etwas zu hochtrabend gesagt, aber Dinge, die mich beschäftigen, darüber schreibe ich. Mal eher sachlich, mal als Roman.“ Aus dem Matratzendesaster können seiner Ansicht nach auch Autor*innen etwas lernen. „Immer den Satz Ich komme zu schreiben, ist, glaube ich, wenig überzeugend.“
Er übersetzt aus dem Französischen und auch Romane hat er schon in Frankreich spielen lassen, weil er seit der Schulzeit eine Leidenschaft für die Sprache hat.
In seinem Buch Mein Vater, die Dinge und der Tod setzt er sich auf liebevolle, humorvolle und manchmal auch traurige Art mit dem auseinander, was ihm von seinem verstorbenen Vater geblieben ist. „Ich bin durch die Wohnung gegangen und habe dort Erinnerungsstücke gesehen und Möbel, die ich mit Geschichten um meinen Vater verbinde. Es sollte ein Buch sein, das auch die Atmosphäre der 60er-, 70er-Jahre beschreibt. Ich habe mich sehr gefreut über Leser, die mir geschrieben haben, dass sie ganz ähnliche Dinge erlebt haben wie ich. Zum Beispiel mit einem Drehaschenbecher mit Fuß, der seinen Platz bei uns zwischen anderen Wohnaccessoires finden musste.“

Sorgen versus Leidenschaft
Als Leiter des Literaturhauses hat er vor der ersten Romanveröffentlichung überlegt, ob er sich damit nicht möglicherweise in ein Wespennest setzt. „Man ahnt ja, was die Kollegen da so Lästerliches zu sagen haben: ‚Jetzt schreibt er auch noch Romane, das hat uns gerade noch gefehlt.‘“ Letztendlich war der Wunsch zu schreiben, dann aber doch größer als jede Sorge über mögliche Kritik.
Auch für Dr. Rainer Moritz unterliegt der Literaturbetrieb vor allem dem Tempo der heutigen Zeit. Mehr Titel bei gleichzeitig weniger Raum für Präsentation und Werbung für das eigene Werk. „Der Versuchung, an diesem Trend mitzuwirken, erliegen selbst Literaturhäuser mitunter stärker als vor fünfzehn Jahren. Im Gegenzug haben wir die Möglichkeit, selbst Themen zu setzen und nicht nur das Karussell der Neuerscheinungen anzutreiben. Zudem sind, bei eher sinkenden Buchverkäufen, Autorinnen und Autoren stärker denn je auf Auftritte angewiesen. Das heißt, die Konkurrenz hat zugenommen, zumal auch Literaturhäuser nur eine begrenzte Zahl an Lesungsterminen zur Verfügung haben.“
Ein Buch muss „einen Kick“ haben, damit es bei Rainer Moritz landet, nicht nur vom Inhalt leben, sondern auch sprachlich etwas riskieren. „Cover und Titel spielen natürlich eine Rolle, die sollen mich neugierig machen. Und manchmal sind es natürlich auch Auftragsrezensionen, damit ich nicht im eigenen Sumpf stecken bleibe. Wenn es einem Buch nicht gelingt, mich nach zwanzig, dreißig Seiten zu packen, haben es die folgenden dreihundert Seiten nicht leicht. Und die Wichtigkeit von ersten Sätzen darf man nicht unterschätzen.“

Schreiben an verschiedenen Orten
Rainer Moritz sitzt an seinem Schreibtisch im Hamburger Literaturhaus, über den Computerbildschirm hinweg hat er Blick auf die Alster. Ein Doppelschreibtisch, übrigens auch ausgestattet mit einem kleinen Drehaschenbecher, beladen mit Papieren, Stiften, Büchern, Blanko-Notizbüchern, einer Kaffeemaschine.
Moritz: „Ich schreibe ja an verschiedenen Orten, weil ich nicht hauptberuflich schreibe. Wenn ich weiß, was ich schreiben will, geht das aber überall. Manchmal schreibe ich hier im Büro, aber auch zum Beispiel im Zug. Was sich hier ändert, das sind die Bücher, die immer wieder neu sind und die Briefe. Zum Beispiel, wenn ich mich um die Sanierung der Toiletten im Haus kümmern muss.“ Seinen Schreibtisch zu Hause beschreibt er dagegen als „recht unbewegt“. „Auch die Annonce auf die erste Stelle, auf die ich mich 1989 beworben habe, hängt da noch an der Pinnwand neben meinem Schreibtisch. Im Gunter Narr Verlag, als Lektor in einem Wissenschaftsverlag.“
Gegenüber der Fenster zwei Sessel, an der Wand darüber ein Zeichen der zweiten großen Leidenschaft des Chefs, ein Bild aus der Serie Fußballballett des Malers Tobias Mohr in Öl auf Holz. Moritz ist eingetragenes Mitglied des TSV 1860 München und seit Kindesbeinen Anhänger dieses, wie er selbst sagt, „Chaosclubs“. Auch auf Flughäfen und Bahnhöfen, an unzähligen Hotelschreibtischen hat er bereits Teile seiner Manuskripte verfasst. Schwer gefallen ist ihm das Schreiben nie, wenn er auch bei Mein Vater, die Dinge und der Tod darüber nachgedacht hat, wie seine Mutter diese ganz persönlichen Zeilen empfinden würde. Das war aber eine Ausnahme.

Textwirkung
„Ich male mir nicht aus, wie welche Themen und Sätze auf potenzielle Leserinnen und Leser wirken mögen. Das wäre fatal, weil man sich selbst eine Schere im Kopf verordnet, die einen möglicherweise vom eigentlichen Gedanken entfernt. Gleichzeitig will ich so schreiben, dass viele meine Texte verstehen. Am schönsten ist es, wenn Leserinnen und Leser einem schreiben, wie sie sich in einem Buch ‚wiedergefunden‘ haben.
Selbst bei reiner Unterhaltungsliteratur lässt sich übrigens nicht planen, wie Leserinnen und Leser reagieren werden, zum Glück. Meiner Mutter hat das neue Buch übrigens gut gefallen.“
Schlechte Bewertungen auf Onlineportalen stören ihn wenig, weil er als nicht-hauptberuflicher Autor gar keine Zeit hat, sich damit auseinanderzusetzen, erklärt Moritz. Ein einziges Mal hat er sich wirklich geärgert, über das Urteil einer Leserin über einen seiner Paris-Romane. „Das kam von einer Literaturprofessorin, die wohl mit dem heiteren Ton nicht viel anfangen konnte. Da habe ich dann in der Fortsetzung eine unangenehme Nebenfigur eingebaut, der ich den Namen dieser Rezensentin gegeben habe. Das hat mir Freude gemacht. Grundsätzlich versuche ich aber, mich sehr, sehr kurz aufzuregen oder es gar nicht zu lesen.“
Wichtiger ist ihm das Urteil der Lektorinnen und Lektoren, mit denen er zusammenarbeitet. „Es ist schon ganz gut, wenn einem zum Beispiel mal jemand sagt, dass der Gedanke, den man selber ganz komisch fand, gar nicht so lustig ist.“

Die Arbeit im Literaturhaus
Überall stehen und liegen auf jeder freien Fläche Bücher: auch auf jedem Stuhl, auf dem Boden, an die Regale angelehnt. Neuerscheinungen und Klassiker, Coffee-Table-Books, Romane, preisgekrönte Bände neben Büchern noch unbekannter Autor*innen und Stapeln von Vorabmanuskripten und Fahnen.
„Jeder Tag ist anders und keiner ist gewöhnlich.“ Rainer Moritz schiebt einen Bücherstapel ein kleines Stückchen weiter an den Rand seines Schreibtisches. „Jeder Tag besteht aus ganz unterschiedlichen Anforderungen, zum Beispiel ...

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Autorin: Anja Goerz | https://anja-goerz.de | [email protected]
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 140, Februar 2020
Blogbild: Literaturhaus Hamburg

 

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