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Wirkungsvollere Szenen schreiben durch Emotionsfokussierung

Federwelt
F. A. Peters
Ausschnitt von einer Illustration von Édouard Manet für eine französische Übersetzung von Stéphane Mallarmé von Edgar Allan Poes „The Raven“

Wirkungsvollere Szenen schreiben durch Emotionsfokussierung

Von F. A. Peters

Unser Autor, F. A. Peters, hat Edgar Allan Poes Essay „Die Methode der Komposition“ gelesen. Darin beschreibt Poe, dass er sich beim Schreiben zunächst überlegt, was er seine LeserInnen fühlen lassen will, welche „emotionale Wirkung“ seines Werkes er anstrebt und wie er es so gestalten kann, dass dieses Gefühl „allgemein“ spürbar oder verständlich wird.

Poe schildert dann anhand seines Gedichtes „The Raven“, wie er dieses Ziel auf allen Ebenen verfolgt – vom Ton über die Motive bis zur Charakterentwicklung. Von der „Einheit des Effekts“ („unity of effect“) spricht Poe in diesem Zusammenhang, was Peters dazu inspiriert hat, die Szenen in seinen Romanmanuskripten nach „Plan“ zu überarbeiten oder aufzubauen, indem er sich von je einem Grundgefühl leiten lässt. Wie das funktioniert? Lesen Sie hier.

Meine LeserInnen sollen interessante Charaktere kennenlernen, durch die Handlung gefesselt, an exotische Schauplätze versetzt werden und ... – Da war doch noch was? Ach ja! Emotionen! Vor allem geht es in Geschichten um Emotionen, die ich als Autor bei den LeserInnen erzeugen möchte. Warum aber wirkt zum Beispiel die Eröffnungsszene meines Romans auf die ProbeleserInnen lustig, obwohl ich sie doch als traurige Szene geplant hatte? Um mit der Szene (doch noch) die beabsichtigte Wirkung zu erzielen, wende ich die Methode der Emotionsfokussierung an.

Das Werkzeug Emotionsfokussierung

Mit der Methode der Emotionsfokussierung kann ich eine Szene nach einer der sechs Grundemotionen – Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel und Überraschung – ausrichten. Durch die Festlegung auf genau eine Emotion gewinnt die Szene an Intensität und Klarheit.

Schritt 1: Festlegung auf eine Grundemotion

Wie soll die Eröffnungsszene meines Romans auf die LeserInnen wirken? Welche Grundstimmung soll sie vermitteln? Wie sollen meine LeserInnen sich nach dem Lesen der Szene fühlen? – Ich entscheide mich bei der Eröffnungsszene für die Grundemotion Traurigkeit.

Schritt 2: streichen, streichen, streichen!

Entsprechend gehe ich die Szene Wort für Wort, Satz für Satz, Abschnitt für Abschnitt durch und streiche alles heraus, was gegen eine traurige Stimmung arbeitet.

Die Hauptfigur, die ich gerade eingeführt habe, soll in gedrückter Stimmung sein, aber gleichzeitig beschreibe ich einen farbenprächtigen Sonnenaufgang? Raus damit! Ich streiche die Farben und lasse stattdessen dunkle Wolken am Horizont aufziehen. Nach diesem ersten Überarbeitungsschritt sollte der Text nur noch traurige Elemente enthalten Aber reicht das?

Schritt 3: Intensivierung durch Ergänzung

Im dritten Schritt suche ich nach Ausdrücken, Gegenständen, Wetterlagen, Charakteren, Handlungen ..., die zur traurigen Stimmung passen und das von mir bisher Geschriebene noch ergänzen und unterstützen können. Dazu nehme ich ein Blatt Papier und schreibe ins Zentrum zunächst das Wort „traurig“. Dann gehe ich in mich. Was könnte noch alles in der Szene vorkommen, das zu dieser Stimmung passt? Warum ist mein Protagonist überhaupt traurig? Ist er einsam? Eine Idee wäre, dass ich seine Einsamkeit durch ein leeres E-Mail-Postfach zeige. Ich schreibe also auf: Sein E-Mail-Postfach zeigt „Keine neuen E-Mails“ an. Hat mein Protagonist eine schwere Krankheit? Wie wäre es mit: Medikamentenpackung liegt auf Nachttisch?

Ich platziere mehrere Ideen um den Begriff „traurig“ herum und komme so nach und nach auf immer neue Einfälle, wie ich diese Grundstimmung in der Eröffnungsszene zeigen kann. Die zwei oder drei besten Ideen, die auf dem Zettel stehen, arbeite ich in die Szene ein.

Letzter Schritt: Hervorhebung durch Kontrastierung

Ich lese mir die überarbeitete Szene durch und stelle fest: „Hm, das wirkt jetzt alles irgendwie zu traurig auf mich!“ oder „Ich sehe den Wald vor lauter Traurigkeit nicht mehr!“ Ein Grund hierfür könnte sein, dass es an Kontrasten mangelt. Folgendes Zitat von Drehbuchautor Joss Whedon bringt diese Situation auf den Punkt: Make it dark, make it grim, make it tough, but then, for the love of god, tell a joke!

Durch das Stilmittel der Juxtaposition lassen sich kontrastierende Elemente miteinander kombinieren, sodass ein Verstärkungseffekt eintritt. Die Traurigkeit meines Protagonisten kann ich deutlicher hervorheben, indem ich zum Beispiel schreibe, wie er im Hausflur von einer Witze reißenden Nachbarin aufgehalten wird. Ich lasse die Nachbarin einen Witz erzählen, der ironischerweise genau das Problem des Protagonisten beschreibt. Durch Kontraste arbeite ich die traurigen Elemente der Szene besser heraus. Aber übertreiben darf ich es damit nicht! Nicht dass ich meine ProbeleserInnen wieder zum Lachen bringe ...

Spezialfälle

Was ist nun aber, wenn in der Szene die Stimmung wechseln soll? In diesem Fall markiere ich in etwa die Stelle, ab der sich die Stimmung ändert. Die beiden Teile der Szene arbeite ich nun einzeln durch. Ich spitze die Teilszenen auf die jeweils gewünschte Grundemotion zu. Den Übergangsbereich zwischen den beiden Teilen beziehungsweise Emotionen muss ich sorgfältig gestalten. Möchte ich eine sprunghafte Änderung oder lieber einen fließenden Übergang? Was passt besser zum Charakter meines Protagonisten und zu meiner Geschichte?“

Mit der Emotionsfokussierung kann ich auch arbeiten, bevor ich eine Szene schreibe, indem ich gleich mit dem Brainstorming zur Grundemotion aus Schritt drei beginne.

 

Autor: F.A. Peters | www.fa-peters.de
In: Federwelt, Heft 116, Februar 2016
Illustration:Ausschnitt aus einer Illustration von Édouard Manet für eine französische Übersetzung von Stéphane Mallarmé von Edgar Allan Poes „The Raven“
 

 

Zum Weiterlesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Methode_der_Komposition

https://en.wikisource.org/wiki/The_Philosophy_of_Composition

Dwight V. Swain: Techniques of the Selling Writer. University of Oklahoma Press (Swain: „What should you as a fiction writer communicate? Feelings.)