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Vor leeren Seiten: die Depression und das Schreiben

Federwelt
Barbara Weiß
Mensch hinter Milchglas

Leidet, wer künstlerisch arbeitet, häufiger an psychischen Erkrankungen? Wie erkennt man eine Depression? Wie damit umgehen, wenn man scheinbar hilflos vor einer leeren Seite sitzt? Barbara Weiß hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Ernest Hemingway, Virginia Woolf, Edgar Allan Poe, Joanne K. Rowling, Matthew Johnstone – sie haben alle etwas gemeinsam: Depressionen.
J.K. Rowling erfand die Dementoren als Sinnbild für ihre Krankheit, Autoren wie Matt Haig, Tobi Katze oder Uwe Hauck schreiben unverblümt über ihre Erfahrungen. Während die Gesellschaft gerne über dieses Thema schweigt, obwohl jeder fünfte Mensch in seinem Leben eine depressive Episode erlebt, findet man in der Kunst – egal ob Büchern, Filmen oder anderen Medien – zahlreiche Beiträge zu psychischen Erkrankungen.

Heißt das alles: Künstler*innen sind häufiger depressiv? Oder wenden sich depressive Personen häufiger künstlerischen Tätigkeiten zu?
Das und mehr habe ich Jana Nink, Psychotherapeutin in Ausbildung (VT) und Akademische Rätin an der Uni Bamberg, gefragt. Ihre Antwort auf die erste Frage:
Aus meiner persönlichen Erfahrung sowie der psychotherapeutischen Arbeit mit Klient*innen kann ich sagen: Für viele Menschen in persönlichen Krisen können künstlerische Tätigkeiten eine wichtige Ressource und eine Form des Ausdrucks sein. So pauschal lässt sich die Frage daher nicht beantworten. Manche Menschen ziehen Inspiration aus extremen emotionalen Zuständen oder Krisen, andere können erst neue Inspiration finden und die Freude am künstlerischen Schaffen zurückgewinnen, wenn es ihnen besser geht.

Welche Schreibübung könnte helfen, aus einer negativen Denkschleife herauszukommen?

Wenn Sie bemerken, dass Sie ins Grübeln geraten, denken oder sagen Sie laut STOPP und wenden sich dann sofort und gezielt einem anderen Thema zu. Dies können Sie auch schriftlich tun, indem Sie alles, was Sie um sich herum sehen, hören und spüren können beschreiben, um den Fokus von Innen (dem Denken) nach Außen (in die Außenwelt) zu lenken.
Sie können auch versuchen, aus einer positiveren, für Sie hilfreichen Perspektive über Ihr Grübelthema zu schreiben. Etwa aus der Perspektive Ihres zukünftigen Ich’s, darüber wie Sie eine Lösung für Ihr Problem gefunden haben.

Was tun, wenn ich erkenne: Was ich gerade schreibe, treibt mich in eine depressive Stimmung oder Phase?

Das zu bemerken ist wieder der erste wichtige Schritt. Wenn Sie längere Zeit über gefühlsmäßig anstrengende Themen schreiben, ist es wichtig, eine gute Struktur zu schaffen und klare Pausen einzuplanen. Schreiben Sie beispielsweise 15 Minuten lang. Danach fragen Sie sich: „Wie geht es mir? Wie kann ich gut für mich sorgen? Wie kann ich mich von der Schwere distanzieren? Was brauche ich jetzt, um mich leichter und gelöster zu fühlen?“ Diese Fragen können Sie im Kopf oder schriftlich beantworten und sich dann überlegen, was Sie für sich tun können, um gut weiterarbeiten zu können. Sie sind als Autor*in Ihr wichtigstes Werkzeug und dürfen gut auf sich achten. Sich eine solche Erlaubnis explizit selbst zu geben, kann auch schon sehr hilfreich sein. Vielleich finden Sie ein kleines Symbol, die Sie daran erinnert, auch beim Schreiben schwieriger Inhalte freundlich und fürsorglich mit sich umzugehen.
Möglicherweise könnte Ihnen die Methode des selbstmitfühlenden Briefs nach Dr. Kristin Neff helfen. Es geht darum, einen Brief an sich selbst zu schreiben – und zwar aus der wohlwollenden, mitfühlenden Perspektive einer imaginären Freundin. Und darin darf es auch um all das gehen, was gerade belastend für Sie ist. Was würde nun dieser wohlwollende Freund, diese Freundin zu Ihnen sagen oder Ihnen raten?
Nach dem Schreiben können Sie den Brief gleich oder später noch einmal lesen und auf sich wirken lassen.

Was könnte helfen, wenn ich als Verlagsautor*in eine Deadline habe, dieser Termin auch nicht weiter verschoben werden kann und mich ein depressiver Schub in der letzten Phase erwischt?

Wichtig ist, im Blick zu behalten, dass es legitim und kein Zeichen von Schwäche ist (sondern vielleicht auch von Mut und Selbstfürsorge), sich in solchen Fällen professionelle Hilfe oder therapeutische Unterstützung zu suchen, um zu lernen, in Zukunft Niedergeschlagenheit für sich rechtzeitig zu bemerken und Methoden zu finden, damit umzugehen.
Konkret können Sie zunächst versuchen, verständnisvoll mit sich selbst zu bleiben, sich vermehrt Pausen und frische Luft sowie Tageslicht zu gönnen und in kürzeren Zeitintervallen zu schreiben. Auch einige der oben genannten Schreibtechniken, könnten für Sie hilfreich sein. 

Oder fragen Sie sich: Was hat mir in ähnlichen Situationen geholfen, eine Arbeit noch abschließen zu können? Wie kann ich freundlich mit mir umgehen, während ich dieses Projekt noch zu Ende bringe? Wie kann ich mein nächstes Schreibprojekt so planen, dass ich am Ende noch etwas Puffer habe, falls es mir mal nicht so gut geht? Sammeln Sie die Antworten auf diese Fragen und versuchen Sie, eine individuelle Struktur für die letzte Arbeitsphase zu finden, die die letzten Schritte bewältigbar und überschaubarer macht.
Vielleicht hilft es auch schon etwas, das Wort „Deadline“ zu hinterfragen. In den meisten Fällen geht es nicht um Leben und Tod bei der Abgabe eines Textes. Diese drastische Formulierung könnte die Lähmung im Schreibprozess eher verstärken. Abgabetermin klingt schon wesentlich weniger dramatisch und möglicherweise finden sich sogar noch hilfreichere Bezeichnungen, wie der „Gut genug“-Zeitpunkt.

Woran erkenne ich eine Depression?

Symptome für Depressionen sind:

  • Gedankenkreisen, Grübeln, Selbstzweifel
  • Antriebslosigkeit
  • Verlust von Freude an Dingen, die sonst eigentlich Spaß machen
  • Betrübte, hoffnungslose Stimmung und Schwarz-Weiß-Denken
  • Ständige Erschöpfung, erhöhte Ermüdbarkeit und Reizbarkeit
  • Sozialer Rückzug
  • Todessehnsucht oder der Wunsch, dass alles aufhört
  • Eine Veränderung des Ess- und Schlafverhaltens (viel weniger oder viel mehr)
  • Verminderung des sexuellen Interesses

Ein Symptom allein macht noch keine Depression. Manchmal schleichen sich Depressionen langsam ein: Die Denkweise wird negativer, selbstkritischer, die Energie weniger und man nimmt keine Rücksicht mehr auf seine Gefühle oder Bedürfnisse, um weiterhin im Alltag zu funktionieren.

An wen wende ich mich?
Zuerst an den Hausarzt. In einem kurzen Gespräch werden die Symptome und das weitere Vorgehen abgeklärt. In der Regel erhält man dann eine Überweisung zur Neurologin, Psychologin oder zu einem Psychiater.

Was kann ich noch tun, um gesund zu bleiben? Oder, um als betroffene Vollzeitautorin, als betroffener Selfpublisher meine psychische Gesundheit zu verbessern?

Arbeit und Freizeit klar trennen (auch räumlich!)

Das Schöne am Schreiben ist auch das Arbeiten zu Hause, unterwegs und überall, wo es Strom für den Laptop gibt. Dadurch kommt es allerdings oft zu einer ungesunden Arbeits-Freizeit-Balance. Eigentlich wollte man ins Bett gehen, aber es kommt noch eine E-Mail rein. Und schon arbeitet man weiter. So summieren sich häufig mehr als neun Stunden Arbeit täglich.
Meine Empfehlung deswegen: sich Anfangs- und Feierabendgrenzen setzen und die Pausen auch uneingeschränkt als Pausen nutzen. Idealerweise trennt man Privat- und Arbeitshandy, damit man in seiner Freizeit nicht ständig in Versuchung gerät, doch noch diese eine Mail zu beantworten.
Wer an Schlafproblemen leidet, sollte außerdem versuchen, alle ...

Linktipps:

Sofort mit jemandem reden?
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr zu erreichen: 0800 – 111 0 111 oder per Mail- und Chat unter www.telefonseelsorge.de

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Autorin: Barbara Weiß | https://bluesiren.de | [email protected]
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 144, Oktober 2020
Blogbild: Stefano Pollio auf Unsplash

 

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Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 144, Oktober 2020: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-52020
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