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Verbrecherpersönlichkeiten auf der Spur

Federwelt
Verbrecherpersönlichkeiten auf der Spur

Interview mit Norbert Nedopil, Professor für forensische Psychiatrie über Gutachten, Figurenlogik und das Böse.

Für das SZ-Magazin ist er „Deutschlands bekanntester Gerichtsgutachter“. Für uns ist Norbert Nedopil auch ein Kollege. Im Februar 2017 erschien sein erstes Sachbuch Jeder Mensch hat seinen Abgrund – Auf Spurensuche in der Seele von Verbrechern. Was unsere Autorin Shirley Michaela Seul aus ihm herauskitzeln konnte über seine Arbeit sowie reales und fiktives Handeln von Täterinnen, lesen Sie hier:

Shirley Michaela Seul: Als forensischer Psychiater beschäftigen Sie sich seit über dreißig Jahren mit allen persönlichen und zwischenmenschlichen Aspekten, die einen Menschen in Konflikt mit dem Gesetz bringen können. Sie sind sozusagen ein Menschenkundler – und je authentischer AutorInnen ihre Figuren beschreiben, desto besser werden die Bücher.
Dazu gehört auch die Abgrenzung zwischen psychisch gesund und krank. Aber oft greifen AutorInnen aus Unwissenheit zu Etiketten. Jemand ist verrückt: Weil er eine Persönlichkeitsspaltung hat, stalkt er, leidet an Verfolgungswahn; jemand ist ein „ausgemachter“ Narzisst, Egomane, schizophren, neurotisch. – Psychologische und psychiatrische Diagnosen scheinen ein Lieblingsspielzeug mancher AutorInnen zu sein, vielleicht auch, um die zunehmende Brutalität im Genre Thriller/Krimi zu rechtfertigen. Ist es tatsächlich so, dass man einfach hopplahopp jemanden als psychisch krank klassifizieren kann?

Norbert Nedopil: Nein, das wäre auch fatal, schließlich entscheidet ein psychiatrisches Gutachten darüber, wie ein Täter bestraft wird. Ist er schuldfähig, vermindert schuldfähig oder schuldunfähig? Wird er freigesprochen? Verbüßt er seine Strafe im Gefängnis oder in der Psychiatrie? Wird er gar sicherungsverwahrt, weil die Gesellschaft vor ihm geschützt werden muss? Um eine psychische Krankheit zu erkennen – und von einer vorgespielten zu unterscheiden –, gibt es Methoden und Kriterien, die ich als Gutachter an Gerichte und Politiker weitergebe, um dazu beizutragen, dass Straftaten vermieden und die Strafen für die Täter sinnvoll ausfallen.

Wir geben Verhaltensweisen ja erst mal weiter an unsere Leser ... Vielleicht können Sie uns AutorInnen ein bisschen dabei helfen, bessere Bücher zu schreiben im Sinne einer wahrheitsgetreueren Darstellung psychisch kranker Protagonistinnen und/oder Täter?
Das glaube ich nicht. Das müssen Sie schon selbst leisten. Als AutorInnen sind Sie sicher geübt im Recherchieren, und ich denke, dass sich ein interessierter Laie durchaus einen Überblick verschaffen kann. Ein psychisch kranker Mensch reagiert nicht unlogisch, zumindest nicht seiner eigenen Meinung nach. Er folgt seiner ganz eigenen Logik, und es ist die Aufgabe eines Romanautors, diese nachvollziehbar darzustellen. Natürlich müssen Sie dazu nicht in die Tiefe gehen wie ein Wissenschaftler. Sie wollen ja kein Fachbuch verfassen. Aber die Eckpfeiler sollten stimmen. Der Unterschied zwischen Psychologe und Psychiater beispielsweise sollte klar sein.

Mit Jeder Mensch hat seinen Abgrund ... haben Sie – ein bis dahin renommierter Fachbuchautor – stellenweise fast einen Roman vorgelegt. Es ist zwar alles in Ihrem Buch wahr, wenn auch Namen und Orte verfälscht sind, aber Sie bereiten Ihre „Spurensuche in der Seele von Verbrechern“ geradezu packend auf.
Das hat mir auch Freude gemacht, einmal die Perspektive zu wechseln. Weg vom Fachleser, also meinen Studenten und Fachkollegen hin zu einem breiten Publikum, das sich für Fragen wie „Gibt es das sogenannte Böse?“ interessiert.

Und? Gibt es das Böse? Oder ist der Mensch gut?
Mir sind tatsächlich einige wenige Menschen begegnet, die ich – bei aller wissenschaftlichen Zurückhaltung – als böse bezeichnen würde. So der junge Mann, der acht Menschen erschoss. „Ich merkte, dass mir das Spaß macht“, erklärte er mir lapidar. Dies allein hätte mich noch nicht zu meiner späteren Einschätzung gebracht, einem „bösen“ Menschen gegenüberzusitzen, wenngleich die Sicherheitsvorkehrungen in der Untersuchungszelle besonders hoch waren.
Normalerweise werden die Probanden von der Polizei in mein Büro an der Universitätsklinik gebracht. Und die Begutachtung findet dort fast immer ohne Hand- und/oder Fußfesseln statt. Diesmal jedoch hatte man mich gebeten, den Probanden im Gefängnis zu begutachten. Er wurde als so hochgefährlich eingestuft, dass man ihn nicht quer durch die Stadt fahren wollte. Als ich ihn fragte, wie er während seines mehrwöchigen Einsatzes als Partisanenkämpfer in Afghanistan mit seiner Sexualität umgegangen sei, antwortete er: „Die Männer waren im Krieg. Nur die Alten und Kranken sind in den Dörfern geblieben. Die Frauen gingen allein zu den Brunnen, um Wasser zu holen. Sie waren unbewacht.“
„Wissen Sie denn“, fragte ich ihn, „was in diesem Land mit vergewaltigten Frauen geschieht?“
Er lächelte. „Sie werden gesteinigt.“
Nicht die Vergewaltigungen, die er begangen hatte, nicht die egoistische und bedenkenlose Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse auf Kosten anderer veranlassten mich zu der Einschätzung „böse“, sondern seine wissentliche Inkaufnahme eines viel größeren „Begleitschadens“, der in keiner Relation zu seiner Bedürfnisbefriedigung stand. Das war es, was ich nicht mehr mit fachlichen Begriffen fassen konnte.

Wie halten Sie so etwas aus? Sie sitzen einem solchen Menschen leibhaftig gegenüber. Wir AutorInnen denken uns unsere „bösen“ Figuren aus. Wenn wir den PC ausschalten, verschwinden sie.
Ich bezweifle, dass sie mit einem Knopfdruck verschwunden sind. Sie werden Ihnen schon noch eine Weile im Kopf herumgehen. Böse ist kein wissenschaftlicher Begriff, sondern eine normative Zuschreibung. Sie wird entsprechend der Werteorientierung des jeweiligen Umfeldes dem einzelnen zugesprochen. Ist ein Mensch unfähig, seinen Willen zu formen und zu steuern oder ...

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Autorin: Shirley Michaela Seul | www.Shirley-Michaela-Seul.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 129, April 2018
Blogbild: Photo by Peter Forster on Unsplash

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