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Typische Klischees über Autoren und ihre Arbeit

Federwelt
Clara Weißberg
Typische Klischees über Autoren und ihre Arbeit

„Willst du nicht auch mal richtig arbeiten?“ Was andere über Autoren oder Autorinnen denken und wie diese damit umgehen.

Erklären, was ich mache
Vorletzten Herbst auf einer Party. Eine Bekannte: „Und, schreibst du noch Geschichten?“
Ich, stolz: „Ich schreibe Bücher!“ In meinen Augen war das ein Riesenfortschritt. Keine komplizierten Geschichten mehr in unbekannten literarischen Zeitschriften und Anthologien. Nein, Frauenunterhaltung in einem großen Verlag, ein Roman war bereits erschienen, der zweite angekündigt, das Manuskript hatte ich ein paar Tage zuvor abgegeben. Also etwas ganz „Normales“, etwas, das alle kennen. Dachte ich. Denn dann ging es los: „Was für Bücher?“
„Romane. Frauenunterhaltung.“
Frauenunterhaltung! Was das denn, bitte schön, sein solle?!
Ein Partygast, männlich, kriegte sich gar nicht mehr ein. Ein anderer erkundigte sich bei meinem ebenfalls anwesenden Ehemann mit gedämpfter Stimme beiläufig nach der Auflagenhöhe. Den Rest der Unterhaltung habe ich vergessen, übrig blieb nur die Erinnerung, wie unvorbereitet mich dieses Partygespräch erwischt hatte.
Mir fielen andere Situationen ein, in denen ich das Gefühl gehabt hatte, in Erklärungsnotstand geraten zu sein, was mein Schreiben betrifft. Das schwierige Gespräch mit meiner Mutter zum Beispiel, in dem ich sie bat, mich vormittags am besten nicht mehr anzurufen, weil ich dann am Schreibtisch säße. – Sie rief dann erstmal überhaupt nicht mehr an. Ich dachte an das schlechte Gewissen mir selbst gegenüber, wenn ich Ausnahmen von dieser Regel machte und vormittags Freundinnen traf, die sich nachmittags nicht verabreden wollten, weil dann ihre Kinder zu Hause waren.
Ich plante dann immer, mein Schreibpensum nachmittags irgendwie nachzuholen. Was mir nie gelang – wegen meiner drei Kinder.

Richtig arbeiten?
Als im selben Zeitraum eine Freundin, von Beruf Pastorin, in einem Gespräch feststellte: „Du willst doch bestimmt auch mal richtig arbeiten, ich meine, sozialversicherungspflichtig und so“, war ich zunächst sprachlos. Dann hielt ich ihr einen Vortrag über die Künstlersozialkasse – völlig überzogen, denke ich heute. Später ergriffen mich tatsächlich Zweifel, ob ich mich nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, schließlich konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, wie es weitergehen würde mit mir als Autorin. Würde ich überhaupt einen weiteren Verlagsvertrag erhalten? Ab da war jedenfalls klar: Das Bild, das andere von „normaler“ Arbeit haben, deckt sich nicht mit meiner Tätigkeit.

Das Bild vom Schriftsteller
Dass Autor oder Schriftstellerin keine geschützte Berufsbezeichnung ist, ist sicher einer der Gründe dafür. Sagt jemand „Ich schreibe Romane“, können damit sowohl auflagenstarke Bestseller als auch Eigenpublikationen gemeint sein, für die sich außer der eigenen Verwandtschaft niemand interessiert. Die Grenze zum Hobby ist fließend, es gibt schließlich viele, die kreativ schreiben, ohne damit Geld zu verdienen, und auch ohne die Absicht, das jemals zu tun.
Dann sind da die Bestsellerautoren, die jedeR kennt. Nele Neuhaus oder Sebastian Fitzek etwa. Den wenigsten ist bewusst, dass es daneben eine ganze Reihe professioneller Autorinnen wie Autoren gibt, die saisonal wechselnd die Regale der Buchhandlungen bestücken und sich, teils mit mehreren Pseudonymen und in verschiedenen Genres arbeitend, einen soliden Neben- oder Hauptverdienst aufgebaut haben. Dass so jemand nebenan wohnt, dass man ihn als ganz normalen Menschen kennt, passt offenbar nicht zum Bild, welches man vom Schriftsteller oder der Autorin hat.
Dieses Bild ist erstaunlich oft mit der Vorstellung vom „genialen Einfall“ verbunden. Von etwas, das „dann mal so kommt“ und mit geregelten Arbeitszeiten nichts zu tun hat. Dass ein Roman vor allem das Ergebnis fortlaufender disziplinierter Arbeit ist, weiß kaum jemand. Erst recht nicht, dass man dazu über ein solides Wissen verfügen muss: über Handlungsführung, Figurenzeichnung, Spannungsaufbau zum Beispiel.

Die Außenwahrnehmung
Man sieht mich zu Zeiten im Haus, in denen andere „auf Arbeit“ sind. Ohne wahrnehmbare soziale Aktivitäten. Tatsächlich aber tausche ich mich in Foren, per E-Mail oder Skype aus – mit einem immer größer werdenden Netzwerk an KollegInnen, die in ganz Deutschland verteilt sind; ebenso mit meinem Verlag, der in Berlin sitzt. – Und man sieht mich ohne erkennbaren Output wie saubere Fenster oder geharkte Beete, sogar ohne Hund. Dafür sind ein paar Seiten der nächsten Geschichte im Rechner, habe ich ein telefonisches Interview zu Recherchezwecken geführt, Textpassagen für eine Lesung gekürzt.
Relativ gut verstehen einen Journalisten oder andere Künstlerinnen. Die können einschätzen, was es heißt, einige hundert zusammenhängende Seiten zu schreiben, mit Abgabefrist, und dafür bezahlt zu werden. Sie haben auch eine Vorstellung davon, wie schwer es ist, einen seriösen Verlag zu finden und sich auf dem Markt zu behaupten. Ein paar anerkennende Worte nicht für mein erstes Buch, sondern allein für die Tatsache, dass es bei einem großen Publikumsverlag veröffentlicht wurde, fand ein Zeitungsredakteur in meiner Straße. Und sofort in den Buchladen, um das Buch zu kaufen, ging eine Freundin, Musikerin, obwohl ich anbot, es ihr zu schenken. Sie wusste, wie wichtig dies als symbolische Geste war.

Veränderungen und Hilfreiches
Inzwischen habe ich festgestellt, dass es Schlüsselwörter gibt, die helfen zu erklären, was ich tue. „Freiberuflich“ ist so eines. „Romane schreiben“ ein anderes. „Frauenunterhaltung“ funktioniert nicht. „Liebesromane“ oder „Urlaubsromane“ schon eher.
Die Frage nach der Auflagenhöhe (meist gestellt von Männern, es gibt offenbar ein Bedürfnis, das Erreichte zu messen) beantworte ich nicht mehr. Weil ich gemerkt habe, dass sie zum Verständnis meiner Tätigkeit wenig beiträgt. Froh bin ich, wenn ich ein Wort wie „Vertrag“ oder, noch besser, „Abgabefrist“ in den Mund nehmen kann. Das gibt dem Ganzen einen professionellen Rahmen.
Als von einer ehemaligen Kollegin die gut gelaunte Frage kam: „Und du bekommst dafür jetzt richtig viel Geld?“, erwiderte ich: „Richtig viel ist relativ, aber ...

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Autor: Clara Weißberg | www.claraweissberg.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 129, April 2018
Blogbild: Photo by Jeshoots.com on Unsplash

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