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Stipendien für Autoren

Federwelt
Jan Decker
Stipendien für Autoren

Wie man Stipendien gewinnt, was sie einem wirklich bringen und wie viel sie kosten.

Eine edel eingerichtete Zweizimmerwohnung mit einer schicken Designerküche, zwei Schreibtischen, einem komfortablen Bett, einem weitläufigen Balkon mit Blick auf schneebedeckte Berge und so nützlichen Dingen wie Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner: Was nach einer heiß begehrten Wohnung in Innenstadtlage klingt, ist auch eine. Nur dass sie nicht vermietet wird. Die Wohnung ist fester Bestandteil der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte in Meran. Auch wenn man bei diesem Stipendium alle Kosten außer der Miete selbst übernehmen muss, ist das Südtiroler Aufenthaltsstipendium gerade sehr gefragt, der Belegungsplan der Wohnung im Internet beweist es.

Aufenthalts- versus Arbeitsstipendium
Willkommen in der Welt der Stipendien! Die sich, um im Bild zu bleiben, in zwei Halbkugeln aufteilt. Da gibt es die Aufenthaltsstipendien, siehe Meran: Autor oder Autorin tauscht den eigenen Wohnraum für mehrere Wochen bis Monate gegen eine Schreibwohnung oder ein Schreibzimmer an einem fremden Ort – und erhält obendrein (fast immer) ein monatliches Honorar, mit dem sich in dieser Zeit zwar nicht immer fürstlich, doch zumindest sorgenfrei leben lässt. Und zum anderen gibt es die Arbeitsstipendien, die viel simpler funktionieren: Hier kriegt Autor oder Autorin „einfach nur“ ein monatliches Honorar für das Schreiben zu Hause. Für beide gilt: Stipendien kosten einen zunächst nur das Porto für die Bewerbungsunterlagen, und was sie einem zuallererst bringen, ist klar: das, was Geld immer bringt, also Anerkennung und einen wenigstens zeitweise gesicherten Lebensunterhalt. Das monatliche Honorar fällt ganz unterschiedlich aus, liegt aber üblicherweise bei 750 Euro aufwärts. Da schmerzt es auch nicht besonders, dass nicht obligatorisch die teils anfallenden Reisekosten zum Stipendienort ersetzt werden, erst recht nicht, wenn man wenige Heimaufenthalte zwischendurch einlegen möchte. Das empfiehlt sich manchmal auch deshalb, weil Stipendienorte gern „weit vom Schuss“ liegen, was für die Schreibruhe ja goldrichtig ist. Die nicht immer optimale Verkehrsanbindung von Stipendienorten muss aber nicht die Regel sein; zum einen gibt es ja Stadtstipendien wie in Meran, zum anderen besitzen die meisten Stipendienstätten irgendein Gefährt für alle Stipendiaten – klassischerweise ein Fahrrad, auf dem Künstlerhof Schreyahn war es lange sogar ein Auto –, mit dem man einigermaßen rasch zum nächsten Verkehrsknotenpunkt kommt.

Wie ein Stipendium kriegen?
Ja, wie kriegt man eines dieser heiß begehrten Stipendien – allen voran ein Arbeitsstipendium?
Man bewirbt sich für beide Stipendienarten meistens mit einem aktuellen Arbeitsprojekt mittleren bis größeren Umfangs, das während des Stipendiums ausgeführt werden soll. Idealerweise ein Romanprojekt oder das Projekt für ein Theaterstück, ein Hörspiel oder einen Gedichtband – jeweils gegliedert in ein kurzes Exposé und eine mehrseitige Leseprobe aus dem Manuskript. Also nicht mit einer Kurzgeschichte oder drei blendenden Aphorismen bewerben, mit Stipendien sollen dickere Bretter gebohrt werden!
Wichtig ist: Das Arbeitsprojekt sollte aktuell sein, kein angestaubtes Projekt, an das man vielleicht selbst nicht mehr glaubt. Die Stipendiengeber wollen ja einen Einblick in das aktuelle Schreiben der Bewerberin oder des Bewerbers bekommen. Vor Ort nimmt man es dann oft nicht mehr so genau: Wer die Zusage für ein Stipendium in der Tasche hat, ist während der Stipendienzeit nicht unbedingt an das Projekt aus der Bewerbung gebunden. Kann sein, dass es bis dahin Spannenderes gibt – oder dass ich das Arbeitsprojekt schlichtweg schon umgesetzt habe. Diese Toleranz gilt bei Arbeitsstipendien in engeren Grenzen, da hier meistens nachgewiesen werden muss, dass es konkrete Fortschritte am Arbeitsprojekt gab. Was die Bewerbung betrifft, gleichen sich beide Stipendienarten aber, und sie gleichen in dieser Hinsicht den allermeisten Literaturwettbewerben: Man schickt ein – und gewinnt im besten Fall.

Leseprobe (Auszug) ...
... mit der Jan Decker sich beworben hat – für den Aufenthalt in der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte in Meran:

Jan Decker
Der Bergfex
Luis Trenker ungeschminkt
Hörspiel

Personen
LUIS TRENKER
EUGEN HADAMOVSKY, Reichssendeleiter im deutschen Rundfunk
HILDA VON BLEICHERT, Trenkers Ehefrau
MARIA, Muttergottes
JOSEPH GOEBBELS, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda
PAUL KOHNER, Filmproduzent

1
O-TON 1* MARIAN MARSH UND LUIS TRENKER in Trenkers Film „Der verlorene Sohn“ (1934): Ich kann gar nicht begreifen, dass wir noch leben. – Wir leben, ja. Aber der Jörg, der arme Teufel ... Der hat dran glauben müssen. Herrgott, gehen wir. Ich mag die verfluchten Berge nicht mehr. Die folgende Filmmusik, die die berühmte Überblende von den Bergen der Dolomiten zur Skyline New Yorks begleitet, bleibt als Atmo stehen.

LUIS TRENKER erzählt 1934 im Reichsrundfunk: Der Holzfäller Tonio Feuersinger lebt in den Bergen. Seine Zeit verbringt er mit der liebreizenden Barbl auf dem Feld oder beim Holzhacken. Der zufriedene Bursche träumt davon, in einer Großstadt wie New York zu leben. Und da bekommt er Besuch aus Amerika und entscheidet sich, die bergbegeisterte Lilian auf eine Klettertour mitzunehmen. Unterwegs werden die beiden und Tonios Freund Jörg von einer Lawine überrascht. Dabei verliert Jörg sein Leben. „Ich mag die verfluchten Berge nicht mehr“, verkündet Tonio – und er zieht nach New York.
Schnitt
EUGEN HADAMOVSKY sagt 1934 in einem Studio im Haus des Rundfunks an der Berliner Masurenallee: Also, Herr Trenker! Es war nicht ausgemacht, dass Sie im Reichsrundfunk Werbung für Ihren neuen Kinofilm machen.
TRENKER Ja aber Sie haben doch selbst gesagt: „Bergsteiger, Filmschauspieler, Regisseur und Produzent in einer Person. In Amerika der größte deutsche Star neben Marlene Dietrich. Und seinen Film ,Der Rebell‘ soll sich Adolf Hitler viermal angesehen haben.“
HADAMOVSKY Schön und gut, Trenker. Was aber fehlt, ist eine Art Exposition. Wir erwarten von Ihnen zuerst ein klares Bekenntnis zu Volk, Führer und Vaterland. Das ist die Eintrittskarte zu diesem Mikrofon. Aufnahme läuft!
TRENKER steht neben Hadamovsky vor einem Mikrofon und atmet mehrere Sekunden lang ein und aus. Dann sagt er: Ja grüß Gott! Grüß Gott, liebe Hörer. Hier spricht der Luis Trenker. Er atmet mehrere Sekunden lang ein und aus.
Schnitt
HADAMOVSKY Ja, so wird das dann wohl nichts! Er moderiert im Reichsrundfunk und ist aus einem Radiogerät zu hören: Meine Damen und Herren, es folgt ...
HILDA VON BLEICHERT Der Bergfex. Luis Trenker ungeschminkt. Hörspiel von Jan Decker.

2
BLEICHERT 1934.
TRENKER kniet 1934 in seinem Haus in der Berliner Dernburgstraße vor einer Muttergottesfigur aus dem Grödnertal und betet: Heilige Muttergottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. Muttergottes, ich bitte dich, mache, dass alles wieder gut wird. Dass ich wieder in die USA kann zum Filme drehen. Dass der Hitlerspuk bald ein Ende hat. Dass ich mit meiner Familie nach Südtirol zurückziehen kann, weg aus dem flachen Berlin. Und dass ich wieder einen Bergfilm machen kann. Und dass ich nie wieder im Reichsrundfunk vor dem Mikrofon stehen muss und einfach nur zittere, weil ich irgendeinen Schmarrn daherreden soll.
MARIA Was klagst du, Luis? Dir stehen alle Türen offen. Du bist es selbst, der dir im Weg steht.
TRENKER Ich soll weiter Filme in Deutschland drehen, Muttergottes? Bei den Nationalsozialisten?
MARIA Du musst dein Glück in der Gnade Gottes finden.
TRENKER Aber als Frau, was rätst du mir da? Zur Vernunft oder zur Intuition?
MARIA Was sagt dir deine Intuition, Luis?
TRENKER Dass ich Filme bei den Nazis drehen kann. Und in Hollywood. Und in Italien beim Mussolini.
MARIA Dann folge der Stimme deiner Vernunft.
TRENKER Und morgen im Reichsrundfunk: Was soll ich da sagen? Dem Führer huldigen? Das ist doch gegen den Willen Gottes. Nicht wahr, Muttergottes? So sage doch etwas!
MARIA Wie wäre eine Welt ohne mich, Luis?
TRENKER Eine Welt ohne dich? Das wäre wie ein Himmel ohne Sonne, eine Welt ohne Licht und Wärme. Gar nicht auszudenken!
MARIA Du musst lernen, ohne meine göttliche Weisheit zu bestehen. Und trotzdem ein aufrechter Mensch zu sein. Hörst du? [...]

(Das Hörspiel „Der Bergfex“ wurde 2017 vom rbb produziert und urgesendet. Reinhören? Geht bis 29.05.2018 hier: http://mediathek.rbb-online.de/radio/H%C3%B6rspiel/Der-Bergfex/kulturradio/Audio?bcastId=9839158&documentId=43138328.)

((* Anmerkung der Redaktion: Originaltöne werden fortlaufend gezählt, im Hörspiel folgt demnächst ein O-Ton 2, danach schreibt man immer – ohne irgendwelche anderen Zeichen dazwischen – die Figurennamen, die zeigen, wer da spricht.))

Das richtige Aufenthaltsstipendium wählen
Ich konzentriere mich im Folgenden auf die Aufenthaltsstipendien, die in ihrer schieren Vielfalt das Bild vom irgendwie unübersichtlichen Stipendiendschungel geprägt haben und die in vielerlei Hinsicht erklärungsbedürftig sind. „Biete Wohnraum zum Schreiben!“ Das ist wie gesagt das einfache Prinzip von Aufenthaltsstipendien. Den Wohnraum sollte es stets gratis geben, sonst dürfte es kein Stipendium sein, sondern Nepp. Allerdings wird dieser Wohnraum für höchst unterschiedliche Zeitfenster vergeben: von wenigen Tagen (wie in Meran, dort gehen aber auch bis zu acht Wochen) bis zu einem Jahr (wie in der Villa Massimo in Rom).
Es gibt leider keine wie auch immer geartete Checkliste, an der man ablesen könnte, welche Aufenthaltsstipendien sich lohnen und welche nicht. Dazu ist die Stipendienlandschaft viel zu bunt – und dazu sind die Stipendien-Erfahrungen viel zu unterschiedlich.
Für mich selbst prüfe ich:

  1. Wie hoch sind die Hürden für die Bewerbung gelegt? – Je höher die Hürden, desto besser dürfte das Stipendium ausgestattet und honoriert sein.
  2. Gibt es begleitend zum Aufenthalt ein monatliches Honorar, ein an keine weiteren Bedingungen geknüpftes Stipendiengeld also? Und wie hoch ist es?
  3. Wie präsentiert sich die Stipendienstätte im Internet und in der Kommunikation mit mir? Eine schäbige Webseite und unfreundliche Ansprechpartnerinnen oder -partner am Telefon sind ein guter Hinweis darauf, dass ich mir dieses Stipendium besser ersparen sollte.
  4. Steht mir während des Aufenthaltsstipendiums eine eigene Wohnung zur Verfügung, oder teile ich mir diese mit anderen? Wer sind diese anderen? Und wie ist die Wohnung ausgestattet?
  5. Wie waren die Erfahrungen anderer mit diesem Stipendium? Ruhig vor der Bewerbung mal bei den Kolleginnen und Kollegen nachfragen, hier schlummert ein riesiger Erfahrungsschatz, der viel zu selten abgerufen wird.

Alle meine Aufenthaltsstipendien haben mich bisher an sehr malerische Orte geführt: unter anderem nach Eckernförde an der Ostsee, in die ungarische Stadt Pécs, das Rundlingsdorf Schreyahn im Wendland, den Spreewald, Islands Hauptstadt Reykjavík – und jetzt eben nach Meran, wo schon Kaiserin Sissi zur Kur weilte. Fast immer sind Aufenthaltsstipendien also ein spektakulärer Schreibaufenthalt in einer inspirierenden Kulisse.

Die Tücken liegen im Detail ...
Die Gretchenfrage ist für mich: Mit welchen Menschen habe ich es vor Ort zu tun? Denn anders als bei einem Hotelaufenthalt ist meine Privatsphäre bei Aufenthaltsstipendien nur bedingt geschützt. Es kann etwa überehrgeizige Stipendienväter oder -mütter geben, die mich zwar herzlich empfangen, aber auch einfach nicht mehr in Ruhe lassen. Smalltalk kann schön sein, aber nur weil ich Autor bin, heißt das noch nicht, dass ich den ganzen Tag Zeit habe. Oder sie lassen mich in Ruhe, beachten mich aber auch gar nicht, weil ich in ihren betriebsverwöhnten Augen nicht die nötige Prominenz für den Stipendienort mitbringe. Dann fühlt man sich auch nicht unbedingt inspiriert. – „Äh, wo war hier noch mal der Lichtschalter?“ – Stets fügt man sich als Stipendiat ja in eine lange Reihe von Autoren ein, die bereits vor einem vor Ort waren. Das kann anregen und unterhalten (unbedingt die Gästebücher durchlesen!), aber eben auch – wenn es blöd läuft – bremsen.
Ja und dann gibt es noch die lieben Mitstipendiaten! Meistens sind sie in einer separaten Wohnung untergebracht; in Rostock war mein Mitstipendiat aber auch mein WG-Mitbewohner, und das kann (muss natürlich nicht!) puren Stress bedeuten. Die Mitstipendiaten können den Aufenthalt enorm bereichern, etwa was den Austausch über Texte oder gemeinsame Freizeitaktivitäten angeht. Sie können aber auch nerven. Denn wer leugnet, dass Autoren oder Autorinnen nicht zum allereinfachsten Menschenschlag gehören? Man kann das Ganze auch humorvoll als ein „Dschungelcamp“ für Autoren betrachten, eine gut honorierte Grenzerfahrung, an der man nur wachsen kann. Dann passt alles!
Vorsicht, jetzt wird es noch trivialer! Ein Aufenthaltsstipendium hängt, so habe ich es erlebt, von denselben Kriterien ab, von denen auch die Wohnungssuche auf dem freien Mietmarkt abhängt. Nur dass man sich hier nichts aussuchen kann! Zu überlegen wäre zum Beispiel: Stört mich das klappernde Mühlrad in der Soltauer Künstlerwohnung – oder finde ich es romantisch? Komme ich mit dem dunklen Januar auf Island zurecht – oder sollte ich doch lieber erst im Sommer „einziehen“? Sind die Wände auch dick genug wie in der Meraner Franz-Edelmaier-Residenz – oder dringen alle möglichen Geräusche aus der Nebenwohnung zu mir? Komme ich trotzdem mit der lauten Straße zurecht, die vor meinem Arbeitszimmer in Meran verläuft?
Hier schon, weil die Fenster schön dick sind.
Ist die Wohnung auch gut ausgestattet und ansprechend eingerichtet – oder bereits ziemlich heruntergewohnt und so spartanisch wie eine Knastzelle eingerichtet?
Wenn es am Stipendienort nicht passt, sollte ich mich nicht scheuen, vorzeitig die Koffer zu packen. Damit ist aber leider fast immer auch das schöne Stipendiengeld futsch.
Auch das Verwaltungspersonal vor Ort – Hausmeister, Putzkräfte – kann gewöhnungsbedürftig sein. Es gab auch schon das: fremdenfeindliche Sprüche zum Morgenkaffee auf der Sonnenterrasse. Und man hat mit diesen „guten Seelen“ durchaus viel zu tun, ist man doch die meiste Zeit auf dem Stipendiengelände – und sie sind es auch! Bei jedem Aufenthaltsstipendium gibt es also ein wie auch immer geartetes Spannungsfeld, in das ich hineingerate und das ich vorher nicht kenne. Man muss als Aufenthaltsstipendiat generell sehr offen für neue Erfahrungen sein. Ja, vieles muss einfach passen, damit man – wie in Meran – mit einem wirklich guten Gefühl zurückfährt. Der Schlüssel ist hier der Erfahrungsschatz der Kolleginnen und Kollegen: Wenn man vorher herumhört, wie ein Aufenthaltsstipendium von ihnen erlebt wurde, hat man meist den besten Reiseführer in der Hand. Und noch ein ganz privater Tipp: Wer sich zu Hause vom Partner oder von der Partnerin bekochen lässt, sollte spätestens während eines Aufenthaltsstipendiums die Köchin oder den Koch in sich entdecken. Es sollen schon so manche Aufenthaltsstipendien in eine Schreibkrise geführt haben, allein weil sich die Autorin oder der Autor ausschließlich von Kaffee oder Fertigpizzen ernährt haben!

Es geht auch um Geld!
Geht es nur um das hemmungslose Schreiben an einem ungestörten Ort?
Nein, es geht auch um Geld. Aufenthaltsstipendien sind eine der nicht eben zahlreichen Möglichkeiten, Geld mit meinem Schreiben zu verdienen. Nicht immer klappt es gleich mit dem großen Erfolg, und dann kann das Stipendienhonorar, das mit einem Aufenthaltsstipendium verbunden ist, eine gewisse Durststrecke überwinden. – Ist das wirklich ein Verdienstmodell für Schreibende?
Für wenige schon, vor allem für solche, die in künstlerischen Nischen unterwegs sind. Generell rate ich aber davon ab, Stipendien zu „sammeln“ und als Überlebensmodell zu verwenden. Auch in der Vita wirken sie meistens weniger ruhmreich, als sie zunächst klingen. Ein gewonnener Literaturpreis wiegt da zehnmal mehr.

Was bringen mir Stipendien also wirklich?
Viel Schreibzeit: Das bieten Aufenthaltsstipendien immer, auch in Gesellschaft mit anderen Autorinnen und Autoren. Denn der Tag ist lang am fremden Ort. Man hat Zeit: Zeit, sich zu inspirieren, Neues auszuprobieren, sich dann auch zu regenerieren. Aber dieser Überfluss an Zeit kann auch seine Tücken haben. Hilfreich ist, sich darauf einzustellen, dass man den heimischen Arbeitsmodus nicht eins zu eins übernehmen wird.
Das heißt? Ich schreibe zu Hause selten länger als fünf Stunden am Tag, und wenn ich es bei einem Stipendienaufenthalt dann täglich auf durchschnittlich acht bis zehn Stunden bringe, ist das für meine Texte nicht nur gut. Was macht außerdem jemand wie ich, der anhand von Papierausdrucken arbeitet, der also seine Texte einfach nicht am Bildschirm überarbeiten kann? Entweder ist dann ein Drucker vor Ort (die absolute Ausnahme), oder ich schleppe meinen eigenen Drucker mit, was nervt, aber wann immer ich das gemacht habe, waren meine Stipendien besser. Es lohnt sich auf jeden Fall, vorher einige Gedanken darauf zu verwenden, was man bei einem Stipendienaufenthalt erreichen will und wie man das umsetzen wird – auch im Hinblick auf den gewohnten Schreibrhythmus.

Sind Aufenthaltsstipendien für jede Autorin und jeden Autor etwas?
Es ist eine Typfrage. Oder besser: eine Beziehungsfrage. Singles haben es hier deutlich einfacher, finde ich. Denn für Leute in Beziehungen sieht es so aus: Der Partner oder die Partnerin zu Hause kann es schön finden, mal eine Weile für sich zu sein. Es kann aber auch Eifersucht aufkommen, wenn man wochenlang in Meran weilt und die Partnerin einen grauen Büroalltag in der Stadt schiebt. Und Autoren mit Kindern? Wenn die Kinder noch nicht in der Schule sind, sollte man von längeren Aufenthaltsstipendien die Finger lassen, ist meine Erfahrung. Das gerät zum familiären Stresstest, vor allem für den, der zu Hause bleibt. Wenn ein Schreibaufenthalt trotzdem sein muss, wegen des Geldes etwa oder weil man inmitten von Kindergeschrei einfach nicht schreiben kann, dann sollten regelmäßige Heimatbesuche eingeplant werden. Besuche der Familie am Stipendienort sind immer etwas problematisch und manchmal schlichtweg untersagt. Hier sind ja stets auch andere am Arbeiten, die genauso Stille als Schreib-Elixier brauchen, und die sollte immer Vorfahrt vor familiären Bedürfnissen haben.
Im besten Fall kosten Aufenthaltsstipendien also nichts. Und sie bringen mir ein angenehmes Aufbrechen der täglichen Routine, verbunden mit einem anregenden Ortswechsel und einem Plus an Schreibzeit und Schreibintensität – nebst Geld. Was sie einem literarisch bringen, bleibt der Arbeit selbst überlassen. Die Chancen stehen aber gut, hier wirklich zu großer Form aufzulaufen.

Würde ich es wieder tun?
Arbeitsstipendien jederzeit, gern. Schreiben zu Hause gegen Geld, das mache ich ja sowieso. Aufenthaltsstipendien?
Da bin ich mittlerweile wählerischer geworden. Der knackige Kurzaufenthalt im Ausland gibt mir inzwischen mehr als der Stipendienmarathon, ebenso meinen Texten – und meiner Familie auch. Also keine sechs Monate lang regelmäßig 1100 Euro Stipendiengehalt, dafür wie jetzt im Oktober drei Wochen Ferrara mit der Traumstadt Venedig gleich vor der Haustür. Das „große Geld“ muss dann halt anderswo herkommen, zum Beispiel von meinen Lehraufträgen an verschiedenen Universitäten, meinen Hörspielworkshops an Schulen oder den „klassischen“ Romanlesungen. Ein Gemischtwarenladen an Einnahmen also, der meinen „Traumurlaub für Schriftsteller“ – das kurze, knackige Aufenthaltsstipendium – solide gegenfinanziert!

Autorin: Jan Decker | www.decker-jan.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 127, Dezember 2017
Blogbild: Trust-Tru-Katsande on Unsplash

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