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Speeddating - Als Romanautor beim Verleger

Federwelt
Nils Dorenbeck

Als Romanautor beim Verleger-Speeddating. Ein Bericht über zehn rasante Stelldicheins
Von Nils Dorenbeck

Ich bin eben doch ein Charmeur! Alle hab ich sie angequatscht: beim literarischen Speeddating auf der „text & talk“, der Messe für unabhängige Verlage aus NRW im Düsseldorfer Goethe-Museum. Und es hat sich gelohnt ...

Dabei war am Anfang bloß der Zufall. Ich traf meine Freundin Mecki in der Buchhandlung, erwähnte meinen Roman, und sie war Feuer und Flamme: „Auf der ‚text & talk‘ gibt es ein Speeddating für Autoren. Nils, da musst du hin!“ Das fand ich auch, eilte nach Hause, meldete mich beim Literaturbüro NRW und ergatterte den letzten von zehn Plätzen.

Ein bisschen aufgeregt war ich jetzt schon, aber bis September war ja noch viel Zeit, und ein Exposé zu meinem Buch hatte ich schon. Sollte ich es auswendig lernen? Ich merkte schnell: Nein, so geht’s nicht. Das war ein „Schrift-Text“, kein lebendiger Vortrag. Und so taperte ich zu Hause auf und ab, mein Exposé laut memorierend und verändernd. Ich klärte Aussagen, knetete Gedanken und schloss Informationslücken – und fühlte mich immer sicherer. Der Tag des Datings konnte kommen.

Und er kam. Die Stelldicheins sollten in einem Saal im Goethe-Museum stattfinden. Eine Stunde vor Beginn war ich da und beobachtete, wie die anderen Teilnehmer eintrudelten. Bald ging es los. Maren Jungclaus vom Literaturbüro NRW erläuterte das Prozedere: In gebührenden Abständen voneinander würden die zehn Verlagsmenschen jetzt in den Stuhlreihen Platz nehmen und die zehn Autorinnen und Autoren würden sich zu je einem von ihnen setzen und ihr Projekt vorstellen. Nach fünf Minuten würde Frau Jungclaus in die Hände klatschen und alle würden weiterrücken. Zum nächsten Lektor.

„Seien Sie doch still, verdammt!“

Ich schritt auf den ersten Verleger zu. Wie hieß er noch gleich? Ich weiß es nicht mehr. Ein Cordjackett trug er, wie in Literaturkreisen üblich. Verdammt, warum hatte ich meines nicht an? Ich trug ein blaues T-Shirt. War das auch okay? Für solche Fragen war es jetzt zu spät. Ich begann meinen Vortrag: Einen psychologischen Roman hätte ich geschrieben, der von einem Dozenten für Kreatives Schreiben handle, und ... – Wie bitte? Nein, nicht autobiografisch. – Und dieser Dozent, also, der erleide einen leichten Schlaganfall und trage das Syndrom der anarchistischen Hand davon, also, eine seiner Hände bewege sich, als hätte sie einen eigenen Willen, und ... – Wie bitte? Ja, das gebe es wirklich. – Also, jedenfalls habe er dieses Syndrom, und ... – Bitte? Ja, so ähnlich wie Tourette, nur halt mit der Hand statt mit der Zunge. – Also, die verrückte Hand begehe jedenfalls eine Straftat, und so lande der Dozent in Untersuchungshaft, und ... – Nein, kein Krimi.
„Jetzt seien Sie doch still, verdammt, ich hab nur fünf Minuten!“, schrie ich im Geiste, sagte aber nichts.

Daran hatte ich nicht gedacht: Die Leute stellten Zwischenfragen. Mein Vortrag geriet durcheinander. Es gab nur noch eines: auf meinen Stoff vertrauen. Ich kannte ihn doch wie eine Spinne ihr Netz. Von jeder Ecke fand ich sicher in die Mitte, und von dort konnte ich überallhin: Also, der arme Kerl – so spann ich quasselnd meine Erzählfäden –, der arme Kerl habe Angst, verrückt geworden zu sein, deshalb spreche er erst nicht über diese Hand, und deshalb bringe die Anwältin ihm Stift und Papier mit in die Zelle, und dann beginne die Hand zu schreiben.

Endlich war er raus, der Clou meiner Geschichte: die ironische Erzählperspektive, die Kunstfigur einer Hand als Erzähler eines philosophischen Schelmenromans! Man nickte, strahlte oder schaute undurchschaubar. Das sei ja interessant, entfuhr es einem Lektor, und er rieb sich die Nase und dachte vielleicht an Gogol dabei. Gesagt hat seine Nase aber nichts. War es der nette runde Herr? Der Graumähnige? Die blonde Verlegerin? Ich weiß es nicht mehr. In meiner Erinnerung verschwimmen sie alle zu einem einzigen Wesen. Mit zehn Köpfen. Und zwanzig riesigen, lauschenden Ohren. Denn tatsächlich, sie hörten mir zu! Schon das war ein kleiner Erfolg, fand ich.

Fünf Minuten für eine Geschichte

Die andere schöne Erfahrung: Ja, es ist möglich, eine komplexe Geschichte in nur fünf Minuten zu erzählen. Nur für Nachfragen bleibt keine Zeit. Fünf Minuten sind schnell um. Meine Hände schwirrten wie Wespen vor mir her, und Sätze sprudelten aus meinem Mund. Ich erkannte sie wieder: Aus meinem Exposé stammten sie. Aber plötzlich war mehr Leben drin. Auch ohne Zwischenfragen baute ich jetzt Variationen ein. Dennoch blieb es unterm Strich dieselbe Geschichte – von dem Schreibdozenten Heymann, dessen anarchistische Hand erst seine Freundin würgt und ihm dann im Gefängnis seine Kindheit als verheimlichter Priestersohn von der Seele schreibt, weil die Tat der Hand sein Kindheitstrauma aktualisierte: Als Zehnjähriger fand er seine Mutter erhängt am Strick. War sie depressiv gewesen und hatte sich das Leben genommen, wie die Polizei meinte? Oder hatte sein Vater sie erwürgt? Dieser Verdacht keimt in Heymann seit seiner Jugend – wegen eines Streits der Eltern, den er als Kind belauscht hat. Denn die Mutter erwartete ein zweites Kind. Ist also Heymann wie sein Vater? Verrät die Tat der Hand seinen unbewussten Willen? Was ist überhaupt der Wille? Sind wir frei oder determiniert? Erzählend greift die Hand so auf, was ihr Dasein symbolisiert: Ist „leben“ etwas, das wir tun, oder etwas, das uns zustößt – und damit dasselbe wie der Tod?

Große Fragen – zu groß für fünf Minuten. Zum zehnten Mal klatschte Frau Jungclaus in die Hände. Vorbei! Ich war erschöpft und froh. Niemand hatte mich ausgelacht und mancher mir versichert, die Story klinge interessant. Verlegen wollte sie trotzdem keiner. Das macht aber nichts, denn Verlage gibt es noch mehr als jene zehn, und es war eine gute Übung: Ich weiß jetzt, ich kann mein Buch präsentieren. Und vor allem weiß ich: Verlegerinnen und Verleger sind auch nur Menschen.

Dorenbecks Tipps fürs Speeddating

Die Woche vorher
•    Entwerfen Sie ein Fünf-Minuten-Exposé für den mündlichen Vortrag: in kurzen Sätzen!
•    Ihr Redetext ist fertig? Nun üben Sie, ihn frei vorzutragen. Erste Übung: Lesen Sie Ihren Text laut und blicken Sie dabei auf – zum Zuhörer/zur Zuhörerin. Zweite Übung: Lesen Sie jeden Abschnitt erst vor, dann geben Sie ihn frei wieder. Dritte Übung: Reduzieren Sie den Text auf ein Stichwortkonzept, schreiben Sie es auf Karten und tragen Sie den Text mehrmals frei vor, die Karten in der Hand. Dabei erkunden Sie Ihren Text wie eine Stadt: Man kann so oder so herumgehen und kommt doch immer ans Ziel.
•    Bei allem gilt: Langsam sprechen! Gerade sitzen! Ruhig und tief atmen!
•    Bringen Sie Melodie in Ihre Stimme. Künsteln Sie dabei aber nicht, sondern lassen Sie die Melodie aus dem Gefühl entstehen, das Sie für die Geschichte und Ihre Figuren haben.
•    Stellen Sie sich ein Gegenüber vor oder bitten Sie jemanden, als Publikum zu fungieren.
•    Am Vorabend: Hören Sie auf zu üben! Und drucken Sie genügend Exemplare Ihres Exposés aus – mit Ihren Kontaktdaten darauf.

Der Morgen des großen Tages
•    Kontrollieren Sie Ihr Gepäck: Haben Sie die Exposés und Ihre Stichwortkarten dabei?
•    Stecken Sie ein Taschentuch ein. Vielleicht schwitzen Sie vor Aufregung.
•    Essen Sie vorher nicht so viel. Sonst sind Sie müde, wenn Sie lossprudeln sollen. Knurren soll der Magen aber auch nicht.
•    Haben Sie was zu trinken dabei. Aber ohne Kohlensäure.
•    Seien Sie frühzeitig da, dann können Sie sich mit dem Ort vertraut machen.

Es geht los!
•    Aufgeregt? Zur Not sprechen Sie es an. Ansonsten: beide Füße fest auf den Boden stellen – und tief durchatmen. Sitzen Sie gerade, atmen Sie tief in den Bauch hinein. Das klärt die Gedanken und stärkt die Konzentration.
•    Sprechen Sie langsam, lassen Sie Gesten eine Weile stehen, fuchteln Sie nicht herum.
•    Faden verloren? Formulieren Sie neu: „Oder, um es anders zu sagen: ...“ Hilft das nicht, springen Sie drei Sätze zurück: „Um das zuletzt Gesagte nochmal zu betonen ...“ Im schlimmsten Fall können Sie immer noch sagen: „Entschuldigung, ich habe den Faden verloren.“ Kleben Sie nicht an dem vergessenen Wort! Es kommt erst zurück, wenn Sie nicht mehr nach ihm suchen.
•    Denken Sie immer daran: Sie sind die weltweit beste Expertin, der weltweit beste Experte für Ihr Buchprojekt!
 

Stimmen zum Speeddating im Rahmen der NRW-Messe "text&talk"

Maren Jungclaus vom Literaturbüro NRW, Organisatorin des Speeddatings:
„Was für mich erst ein kleiner Werbegag war, wurde schnell zu einer sehr ernsthaften Möglichkeit für Autorinnen und Autoren, mit VerlegerInnen ins Gespräch zu kommen: Ich war erstaunt und erfreut, wie ernst das Konzept genommen wurde! Die angefragten Verlage haben sich zum Teil lange Gedanken gemacht, ob sie überhaupt guten Gewissens teilnehmen können, da niemand falsche Hoffnungen wecken wollte. Von AutorInnenseite gab es eine unglaublich große Nachfrage, und kurz nach Bekanntgabe waren alle zehn Plätze besetzt. Die Gespräche verliefen ungeheuer konzentriert, nach der Veranstaltung sah ich viele vor Eifer ganz rote Gesichter. Und die Anstrengungen des Redens und des Zuhörens haben sich offensichtlich gelohnt: Schon bald bekam ich die Rückmeldung, dass einige der Gespräche in ruhigerer Atmosphäre fortgeführt wurden, und heute weiß ich von zwei literarischen Projekten, die als Folge des Speeddatings tatsächlich realisiert wurden.“

Ulrich Straeter vom ARKA-Verlag in Essen:
„Zunächst hielt ich das Speeddating für ein Spiel. Hatte auch leichte Aversionen gegen den englischen Ausdruck. – Muss das denn alles in Englisch sein? – Doch damit oute ich mich nur als älteres Semester, sozusagen als Fossil im literarischen Betrieb. – Dann dachte ich: Zu mir kommt doch keiner. Denkste! Einer nach dem anderen setzte sich mir gegenüber, die Gespräche waren spannend und die Zeit verging im Nu. Die „anarchistische Hand“ habe ich noch als ein interessantes Thema im Gedächtnis, erinnert mich der Titel doch an einen Roman von José Saramago (Das Todesjahr des Ricardo Reis), in dem der linke Arm einer Frau gelähmt ist (also das Gegenteil einer anarchistischen Hand) und die politische Situation des portugiesischen Volkes symbolisieren soll. Es gab noch andere interessante Themen, Liebes- und Fantasy-Geschichten etwa. Leider passte keines dieser Projekte in meinen Verlag, aber inzwischen kann ich mir gut vorstellen, dass solche Veranstaltungen für beide Seiten – Verleger wie Autoren – gewinnbringend sein können.“

 

Autor: Nils Dorenbeck
In: FEDERWELT, Heft 116, Februar 2016
Foto: Svenja Klein