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So gelingt Ihr (Schreib-)Seminar Teil 1

Federwelt
Michael Rossié
Bild zum zweiteiligen Beitrag von Michael Rossié zum Thema "So gelingt Ihr (Schreib-)Seminar)"

Teil 1: Ankündigung, Beginn und Ablauf – Trainer und Speaker Michael Rossié erklärt, wie Seminare und Vorträge gelingen.

Viele AutorInnen sind literarische Gemischtwarenläden. Sie geben Seminare und schreiben ein Sachbuch dazu. Oder sie schreiben mit Erfolg Romane, merken, dass sie anderen gern beim Schreiben weiterhelfen und bieten dann Seminare zum Handwerk. Oder sie haben beim Selfpublishing originelle Marketingstrategien ausprobiert und wollen dazu nun Vorträge halten. Wie solche Seminare und Vorträge gelingen, weiß Trainer und Speaker Michael Rossié.

Wie kann ich herausfinden, ob der Beruf des Seminarleiters etwas für mich ist?
Michael Rossié: Wer Seminare gibt, der sollte Menschen mögen. Und zwar auch dann, wenn sie blöde Fragen stellen, ausschließlich gelobt werden wollen oder eher unattraktiv sind. Dann und nur dann sollte man in Erwägung ziehen, Seminare zu geben.

Ich gebe seit 1982 Seminare, mindestens eines in der Woche, komme also im Jahr auf etwa 70 ein- und zweitägige Seminare. Es sollten also inzwischen weit über 2000 Seminare sein. Und die Erfahrungen aus diesen vielen Seminaren habe ich in diesem Artikel zusammengefasst. Es sind keine Regeln, es sind ein paar Tipps, die Ihnen helfen können, wenn Sie Seminare geben oder geben wollen.

Vieles von dem, was ich hier schreibe, habe ich selbst schmerzhaft lernen müssen. Es gibt zum Beispiel einen direkten Zusammenhang zwischen der Begeisterung für den Trainer und den Noten im Bewertungsbogen. Wenn die TeilnehmerInnen den Seminarleiter bewundern und supertoll finden, sind die Bewertungen schlechter. Die SeminarteilnehmerInnen fühlen sich ohnmächtig, wenn sie so einen tollen Kursleiter haben, der alles kann. In einem guten Seminar sind die TeilnehmerInnen von ihrer eigenen Leistung begeistert. Nur wenn diese den Erfolg des Seminars selbst spüren, gehen sie begeistert nach Hause.

Ankündigung

Jedes Seminar braucht aus Sicht der TeilnehmerInnen eine feste Struktur. Sie wollen wissen, was genau auf sie zukommt und lernen leichter, wenn sie den didaktischen Aufbau erkennen. Im günstigsten Fall bekommen sie also schon mit der Anmeldung eine Übersicht zum groben Ablauf. Noch besser ist es, wenn der Ablauf schon Teil der Ankündigung ist.

Mit der Ankündigung eines Seminares mache ich mir viel Arbeit. Davon kann einiges abhängen. Ist die Ankündigung gut, und es melden sich eine Menge Leute an, kann man mit diesem Seminar im Laufe der Zeit sehr viel Geld verdienen. Aber dazu muss das Seminar „voll“ sein. Melden sich zu wenig Interessenten, wird der Veranstalter das nächste Mal vorsichtiger. Manchmal hat man eben nur einen Wurf. Und wenn man Spaß daran hat, Seminare zu geben, dann kann man eine gute Ankündigung auch in verschiedenen Städten, für verschiedene Zielgruppen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten entwickeln. Mein bestes Marketing sind zufriedene TeilnehmerInnen. Trotzdem werden noch genügend Seminare abgesagt, weil die Seminarbeschreibung unklar oder fehlerhaft ist, weil die Zielgruppe gerade das Thema überhaupt nicht braucht oder die Ziele des Seminars missversteht.

Sehr oft werden Seminare schwierig, weil die TeilnehmerInnen sich etwas ganz anderes darunter vorgestellt haben. Und dafür können Sie als SeminarleiterIn manchmal gar nichts. Die TeilnehmerInnen haben in Ihre klare Ankündigung etwas interpretiert, was nicht drin war. Deswegen überlegen Sie sich die Seminarbeschreibung gut. Untersuchen Sie sie auf mögliche Missverständnisse und machen Sie glasklar, was Sie mit dem Seminar wollen. Überlassen Sie Ausschreibung und Formulierung nicht dem Veranstalter. Der kann nur ahnen, was Sie machen. Auch wenn die Stimmung im Seminar toll war: Wenn die Erwartungen der TeilnehmerInnen nicht erfüllt werden, gibt es schlechte Bewertungen.

Beginn des Seminars

Wenn es irgend geht, begrüße ich alle TeilnehmerInnen einzeln. Ich halte mich also zu Seminarbeginn in der Nähe des Eingangs auf und fange jeden ab, der den Raum betritt. Es gibt meist einiges zu erklären (Wo sind Garderobe, Namensschilder, Getränke et cetera?), was mir die Gelegenheit gibt, jedem persönlich die Hand zu geben. Außerdem ergibt sich ein bisschen Smalltalk mit den „Zufrühkommern“, und ich baue möglicherweise erste Ängste ab.

Jemand, der zu spät kommt, sollte nicht vorgeführt werden. Und dabei ist es egal, warum er zu spät kommt. Trainer, die sich über andere lustig machen, Witze auf Kosten schwächerer machen oder Diskussionen über mangelnde Seminardisziplin anfangen, haben es anschließend mit der Gruppe bedeutend schwerer. Nehmen Sie einfach an, dass der „Zuspätkommer“ sich nicht von seinen Kindern trennen konnte, und jetzt verzeihen Sie ihm alles. Mit Ihnen hat das überhaupt nichts zu tun.
Inhalt und Ablauf bespreche ich jetzt nicht mehr. Drei Sätze zu dem, was kommt, sind okay. Aber nichts ist schlimmer als wenn ein Seminar damit beginnt, dass Sie 20 Minuten erklären, was Sie gleich machen werden. Da ist die Spannung direkt auf dem Nullpunkt.

Die erste Regel in meinen Seminaren lautet, dass die TeilnehmerInnen bitte nicht das machen sollen, was ich Ihnen sage. Ich bitte sie, von dem was ich sage, das auszuwählen, was ihnen gefällt, was sie anwenden mögen, und alles andere zu vergessen. Oft entspannen sich die TeilnehmerInnen dann ein wenig. Denn auch wenn man sich freiwillig für ein Seminar angemeldet hat: Eine gewisse Spannung ist dabei, denn jetzt wird man mit Dingen konfrontiert, die man nicht kann. Und das erzeugt Stress.
Ich sage also deutlich, dass jede Übung freiwillig ist. Ich lerne auch nur etwas, wenn ich mich bewusst dazu entscheide. Das hat in meinen Seminaren bisher immer zu einer höheren Mitmach-Motivation geführt. Wenn ich das Recht habe, nein zu sagen, mache ich von diesem Recht deutlich weniger Gebrauch.

Außerdem werden bei mir die Handys nicht aus-, sondern auf Vibrationsalarm umgestellt. Wenn jemand ein wichtiges Telefonat erwartet, ist es mir viel lieber, er geht kurz raus, telefoniert und kommt entspannt wieder. Die TeilnehmerInnen haben in der Regel bezahlt. Und wenn sie in Kauf nehmen, immer wieder aus dem Seminar gerissen zu werden, dann ist das ihre Entscheidung. Mit mir hat das nichts zu tun. Deswegen gebe ich auch keine Fahndung durch, wenn jemand nach der Pause nicht da ist. Der wird schon kommen, ich jedenfalls fange dann wieder pünktlich an. Das entlastet mich und erspart mir viel Ärger mit mir selbst.

Die ersten Minuten nutze ich, um die TeilnehmerInnen neugierig zu machen. Ich stelle Behauptungen auf, die strittig sind, ich stelle Untersuchungsergebnisse vor und spreche über Situationen, bei denen Fehler auftreten. Oder ich stelle Aufgaben oder Fragen, von denen ich weiß, dass die TeilnehmerInnen sie falsch beantworten werden. Nichts motiviert eine Gruppe mehr, als der Ansporn, einen gerade begangenen Fehler nie wieder zu machen.

Dann frage ich meist ab, was die TeilnehmerInnen wollen und notiere es als Liste auf einem Flipchart-Papier. Sollte ich zwei Flipcharts haben, bleibt die Liste mit den Wünschen den ganzen Tag über an der Seite stehen, und in den Pausen streiche ich durch, was wir bereits besprochen haben. Es ist eine Form der Wertschätzung für die TeilnehmerInnen, wenn ihre Wünsche gut sichtbar „im Raum stehen“ und sie nachprüfen können, ob sie berücksichtigt wurden.

Eine Feinstruktur dessen, was ich machen will, gebe ich nicht heraus. Das engt mich zu sehr ein. Ich möchte in jeder Pause entscheiden, wie es anschließend weitergeht. Auch die Zeit, die ich mir für die einzelnen Schritte des Seminars lasse, ist sehr unterschiedlich. Deswegen enden Seminare auch an ganz verschiedenen Stellen. Da die TeilnehmerInnen das nicht wissen, ist das kein Problem. Wenn ich allerdings am Ende zugeben muss, zwei wichtige Punkte nicht behandelt zu haben, ärgere ich sie.
Die Verantwortung für die Bewältigung des Stoffes hat immer die Kursleiterin oder der Kursleiter.

Der Ablauf

Für mich sind vier Einheiten von 90 Minuten für ein Tagesseminar ideal. Vormittags gibt es eine Pause von 15 oder 30 Minuten und nachmittags wieder. Mittags passt eine Stunde Pause gut, wenn es ein Buffet gibt. In Restaurants dauert es manchmal länger, aber da drücke ich aufs Tempo. Ich sage dem Kellner genau, wann ich wieder raus sein will. Im Restaurant achte ich darauf, dass wir alle am selben Tisch sitzen. Ich setze mich auf einen Mittelplatz, damit die TeilnehmerInnen möglichst alle etwas von mir haben.

Die Zeit im Seminar vergeht aus Sicht des Trainers und aus Sicht der TeilnehmerInnen anders. Besonders, wenn die TeilnehmerInnen eine Übung machen, vergeht die Zeit für den Kursleiter besonders langsam. Daher mein Tipp: Unterbrechen Sie nie eine gute funktionierende Übung, bei der alle mit Feuereifer dabei sind, weil Sie das Gefühl haben, es müsse mal wieder was passieren. Ich beende eine Übung erst, wenn ich merke: Die fangen an, privat zu reden. Ich weiß, wie spannend es für die TeilnehmerInnen sein kann, untereinander und miteinander zu arbeiten. Wenn alle in ihre Arbeit vertieft sind, gebe ich sogar noch Zeit dazu.

In jedem Seminarteil sollte mindestens eine aktive Übung enthalten sein, die die TeilnehmerInnen fordert und sie dazu bringt, ihren Stuhl zu verlassen. Es ist viel leichter, lange zuzuhören, wenn man zwischendurch immer etwas tun darf. Inzwischen habe ich für jedes Seminar Übungen entwickelt, die genau zum Thema passen und trotzdem den Frontalunterricht auflockern. Sehr geholfen haben mir dabei Bücher wie die „Spielbar“. Die Übungen daraus haben mich immer angeregt, eigene Formate zu entwickeln. Das ist mal ein Fragebogen, ein Multiple-Choice-Test und mal eine Gruppenübung, während derer ein Problem zu lösen ist. Aber auch Planspiele, gruppendynamische Spiele und Rätsel sind gute Möglichkeiten. Außerdem arbeite ich gerne mit Aufgaben oder Arbeitsblättern, die Fehler enthalten, die die TeilnehmerInnen finden müssen.

Wenn ich Seminare mit Co-Trainern gebe, die nicht so sehr viel Erfahrung haben, fällt mir immer wieder auf, dass sie sich vom Seminar wegtragen lassen. Sie ändern unüberlegt die Reihenfolge oder beschäftigen sich ausführlich mit Nebenthemen, wobei sie die Zeit aus den Augen verlieren. So gut ein flexibler Zeitplan ist, so schlecht ist es, das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Deswegen liegen auf meinem Tisch immer ein grober Plan und eine Liste mit zusätzlichen Übungen. Auch Pausenzeiten schreibe ich mir auf. Wie oft habe ich das schon vergessen oder die Zeiten verwechselt. Seminare geben ist eine Sache, für die Sie höchste Konzentration brauchen. Deswegen sind kleine Checklisten und Hilfsmittel sehr wertvoll!

Tipp: Checklisten anlegen
Oft muss es schnell gehen, und deswegen habe ich die unterschiedlichsten Checklisten für jede Art von Seminar oder Vortrag. Auch in den Verpackungen meiner technischen Ausrüstungsgegenstände steckt eine Checkliste, damit ich nur ja keinen Stecker und kein Kabel vergesse. Das kann auch nach dem Seminar sehr hilfreich sein, weil ich sehr oft das Netzkabel im Seminarraum liegen lasse.

Die große Kunst in einem guten Seminar besteht darin, einen Spannungsbogen aufzubauen: Von einem Ist-Zustand, der zu Beginn des Seminars abgerufen wird, geht es über verschiedene Lernschritte zu einem Soll-Zustand. Und wenn der Soll-Zustand am Ende des Seminars aus eigener Kraft der TeilnehmerInnen erreicht ist, geht jeder mit dem guten Gefühl nach Hause, etwas Wichtiges gelernt haben. Dazu sind verschiedene Voraussetzungen nötig: Steht die entscheidende Übung, bei der alle zeigen können, was sie gelernt haben, ganz am Schluss und sie misslingt, gehen die Teilnehmer frustriert nach Hause. Das kann leicht passieren, weil am späten Nachmittag die Leistungsfähigkeit natürlich nicht am höchsten ist. Oft sind TeilnehmerInnen müde, einfach nicht mehr aufnahmefähig. Und jetzt sollen sie die alles entscheidende Übung machen.

Es nutzt nun leider nichts, ihnen zuzurufen, wie gut sie geworden sind. Sie müssen das selbst spüren. Und da sind die Möglichkeiten der Einflussnahme sehr gering. Deswegen wende ich zwei kleine Tricks an. Erstens achte ich darauf, dass die entscheidende Übung nicht ganz am Ende liegt. So kann ich für die Übung eine Zeit nutzen, in der die Gruppe viel Energie hat, und ich habe die Möglichkeit, die Übung zu wiederholen. Und zweitens mache ich die letzte Übung deutlich leichter als die Übung davor. Das fällt niemandem auf (oder es will niemandem auffallen), und es hilft mir, den TeilnehmerInnen zu einem Erfolgserlebnis zu verhelfen. Für den Rest des Seminars habe ich dann noch ein Spiel übrig, eine Partnerübung oder was auch immer.

Zu einem eintägigen Seminar nehme ich stets Material für mindestens eineinhalb Tage mit. Vielleicht ist die Gruppe sehr schnell, dann ist es immer wichtig, noch was in Petto zu haben. Diese Extra-Übungen habe ich in Pappheftern mit jeweils 20 Arbeitsblättern (falls für die Übung Arbeitsblätter benötigt werden) in meinem Schrank liegen. Mache ich die Übung nicht, kann ich die fertige Mappe gleich als Backup zum nächsten Seminar mitnehmen.

In: FEDERWELT, Heft 114, Oktober/November 2015

Teil 2: https://www.autorenwelt.de/blog/so-gelingt-ihr-schreib-seminar-teil-2