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Science-Fiction schreiben

Federwelt
Werner Karl
Bild zum Thema Science-Fiction schreiben

Bin ich ein Spinner oder Realist? Unser Autor, Werner Karl, ist unter anderem Chefredakteur von www.buchrezicenter.de, Mitredakteur bei www.sfbasar.de und schreibt dort seit vielen Jahren Artikel, Rezensionen und veröffentlicht Interviews. Für die Federwelt berichtet er über seine Leidenschaft, die ihn tatsächlich schon ein bisschen leiden ließ ...

Das Bild in der Öffentlichkeit
Als ich vor vielen Jahren zu Papier und Bleistift griff (einen PC hatte ich erst kurz danach) und zu schreiben begann, fragte mich meine Frau, an wen ich denn einen Brief schreiben würde. Meine Antwort „Ich schreibe einen Roman“ kommentierte sie wie aus der Pistole geschossen mit nur zwei Worten: „Du spinnst!“ Aufgrund dieses ernüchternden Kommentars reagierte ich wahrscheinlich wie alle, die plötzlich den Drang haben zu schreiben: Ich zog mich in mein Büro zurück und war fortan oft für viele Stunden verschwunden. Ganz ähnlich ging es mir mit Freunden und Verwandten, die irgendwann mitbekamen, was ich so neben meinem Lohn-und-Brot-Beruf trieb. „Was, du schreibst? Warum ausgerechnet Scifi? Schreib doch lieber einen Krimi!“ Als unverbesserlicher Optimist wertete ich solche Aussagen positiv. Immerhin wurde nun (leidlich) akzeptiert, dass ich schrieb. Dass ich dabei Krimis ablehnte, stieß aber immer noch auf Unverständnis.

Für die breite Öffentlichkeit war Science-Fiction über Jahrzehnte hinweg das Paradebeispiel für Trivialliteratur, ja, viele lehnten den Begriff Literatur für dieses Genre sogar ab. Die Tatsache, dass ausgerechnet ein Scifi-Autor (Frank Herbert, USA) das damals (und wahrscheinlich erst recht heute) atemberaubende Honorar von 2 Millionen Dollar (!) allein für den ersten Band seiner Wüstenplanet-Reihe (Dune) bekam, focht solche Leute nicht an (wenn sie es denn überhaupt erfuhren).

Und heute? Hat Scifi für viele immer noch ein „Gschmäckle“, trotz Kino-Mega-Erfolgen wie Alien, Star Wars, Star Trek, X-Men, Avatar, Avengers* und vielen mehr.

Die Realität ...
... sieht im Jahre 2015 so aus, dass mit den neueren Methoden der Astronomie (Achtung: wird gern mit Astrologie verwechselt! Was bei mir und anderen Scifi-Affinen zu hochroten Köpfen führt) fast täglich die Zahl der extrasolaren Planeten in die Höhe schießt. Hubble und der 2018 ins All startende Nachfolger „James Webb Space Telescope“ dringen immer tiefer mit ihren scharfen Augen ins All und entdecken Planet um Planet. Die heutige Zahl (Stand Mai 2015) fremder Planeten außerhalb unseres Sonnensystems beläuft sich auf bereits 1.900 Stück. Zitat aus Wikipedia: „Untersuchungen und Messungen des Institut D’Astrophysique de Paris ergaben, dass im Durchschnitt jeder Stern der Milchstraße 1–2 Planeten hat.“ – Und wir reden hier nur von „unserer“ Heimatgalaxie, der Milchstraße. Die immerhin – je nach Quelle – zwischen 200 und 300 Milliarden Sterne beherbergt. Rechnen Sie doch mal nach: 300 Milliarden Milchstraßensterne x 2 mögliche Planeten x 400 Milliarden anderer Galaxien ergibt wie viele Planeten? Selbst wenn nur jeder Millionste Planet intelligentes Leben beherbergt, sind das immer noch ... na? ... wie viele Zivilisationen?

Schreit das nicht förmlich danach, dass wir nicht allein im Universum sind? Wer will angesichts solcher Massen immer noch davon ausgehen, wir wären die einzige intelligente Lebensform im All? Biologen gehen längst davon aus, dass auf Millionen von Planeten Leben eher die Regel als die Ausnahme ist. Also: Wer ist hier der Realist und wer der Ignorant? Selbst Christen müssen sich fragen, wie klein ihr Glaube an Gottes Schöpfung ist, wenn sie darauf bestehen, wir allein wären Gottes Werk. Ist Gott wirklich so verschwenderisch, dass er Myriaden von Planeten erschafft ... ohne Leben darauf?

Zurück zum Schreiben
Den ersten Scifi-Roman (meinen ersten Roman überhaupt) habe ich wie im Rausch geschrieben: achtzig Seiten innerhalb weniger Tage, den Rest – aufgrund meines Vollzeitberufs – binnen eines knappen Jahres. Mit allen Fehlern, die man wohl als Anfänger machen kann: zu wenig Recherche, zu viele Charaktere, zu oft den erhobenen Zeigefinger im Text. Immerhin aber mit anständiger Rechtschreibung und Grammatik. Auch den Plot an sich und die Dramatik finde ich immer noch gelungen. So gut, dass ich schon im letzten Viertel des Schreibprozesses wusste, dass es einen zweiten und dritten Band geben muss (Band eins ist fertig und Band zwei gut zur Hälfte geschrieben). Trotzdem legte ich beide Teile – bis heute – auf Eis. Irgendwann werde ich mir dieses Projekt wieder zur Brust nehmen und gnadenlos trimmen und fertigstellen.

Denn dann passierte mir, was wohl jedem Anfänger-Autor passiert: Ich hatte Blut geleckt und sprühte förmlich vor Ideen. Immer wieder wurde meine Arbeit an dem Projekt unterbrochen von neuen Geschichten, die mir im Kopf herumschwirrten und beharrlich darauf bestanden, niedergeschrieben zu werden. Ich verfasste innerhalb von wenigen Jahren über ein Dutzend Scifi-Stories ... und Fragmente, Szenen, Grundplots, ganze Kapitel zu etwa dreißig bis vierzig weiteren Romanen.

Doch je mehr ich schrieb, desto klarer wurde mir, warum Heyne (der einzige Verlag, dem ich meinen Erstling anzubieten wagte) abgelehnt hatte: die oben genannten Fehler und keine oder nur wenig Planung. Ich entdeckte die ...

Recherche und Planung ...
... als zwingende Werkzeuge, gerade auch für Scifi-Geschichten. „Was?“, sagen Sie vielleicht. „Warum soll so ein Roman Fakten enthalten? Ist doch eh alles nur erfunden.“ Schon, aber bestimmte Dinge müssen einfach stimmen, sonst verliert man an Glaubwürdigkeit. Auch Superman kann in Chicago nicht auf das Empire State Building hüpfen, denn dieses steht in New York. Spidermans Haut besteht nicht aus Schuppen, denn er ist ja von einer Spinne gebissen worden und nicht von einem Fisch. Und selbst Superman braucht mit seiner Super-Geschwindigkeit einige Zeit, um die Erde komplett zu umrunden.

Nun teilt sich die Gemeinde der Scifi-AutorInnen – ganz grob – in zwei Gruppen: Die einen (zu denen ich mich zähle) pflegen eine gewisse schriftstellerische Freiheit, was technische Erfindungen betrifft (Star Trek: Beamen), die anderen verwenden nur existierende Technologien oder solche, die in absehbarer Zeit real verfügbar sein werden. Beides hat für mich seine Daseinsberechtigung. Bei den Technikverliebten besteht aber immer die Gefahr, dass sie zu akribisch, zu wissenschaftlich und ermüdend rüberkommen und den – in meinen Augen – wichtigsten Bestandteil der Science-Fiction vernachlässigen: die Fantastik. Ich will überrascht werden! Ich will Dinge erfahren, lesen und schreiben, die es so noch nicht gab.

Warum ich Fantastik schreibe ... und keine Krimis
Wahrscheinlich werden jetzt alle Krimi-Fans aufheulen, aber was soll’s? Krimis sind mir einfach zu eingleisig. Sicher gibt es Tausende Methoden, wie und warum man einen anderen Menschen umbringen kann. Aber die Fantastik bietet mir förmlich ganze Welten, ja, ganze Universen, samt anderen Spezies, Gesellschaftsformen, Religionen, Kulturen, Technologien, Katastrophen, Erstkontakten, Politikformen, Strategien und dazu wahrlich magische Dinge, die nie ein Mensch zuvor ... Der jahrzehntelange Konsum von fantastischer Literatur hat mich außerdem zu einem offenen, toleranten, politisch interessierten Menschen gemacht, dem es egal ist, ob jemand blond oder brünett ist, weiße oder farbige Haut hat, Antennen auf dem Kopf oder grüne Schuppen. Hauptsache, der Mensch oder das Wesen ist freundlich, kooperativ, bereichernd, stimulierend.

Das, was mich nun wirklich interessiert, ist: Was würden Sie tun, wenn außerirdische Lebewesen heute bei uns landen würden? Unheimlicher die Frage: Was würden unsere Offiziellen, die Behörden, die Polizei, der Staat tun?

Macht sich denn – außer der Scifi-Gemeinde – überhaupt jemand Gedanken darüber? Da sind mir Menschen mit Fantasie lieber als diejenigen, die erst mal auf den Knopf drücken und danach – wenn überhaupt – zu denken beginnen. Zumindest „spielen“ wir Scifi-AutorInnen tausende Szenarien schon mal in unseren Geschichten durch und tragen – vielleicht – so dazu bei, dass man erst nachdenkt und NICHT schießt ... wenn sie denn mal landen.

Genre-Wechsel/Genre-Mix: Selfpublishing als Chance
Scifi unterliegt wie jedes Genre Modeerscheinungen (Military-Scifi, Steampunk, Archäo-Scifi ...). Sie wallen auf und ebben todsicher auch wieder ab. Wer will als Autorin oder Autor solchen Trends hinterherschreiben? Bis man eine tolle Idee zu einem Roman hat, diesen schreibt und dann hoffentlich bei einem Verlag unterbringt, ist der Trend schon wieder ein alter Hut. Erleben wir das nicht gerade bei den Vampiren? Sie wurden überrollt von Zombie/Endzeit-Romanen. Halblings-/Elfen-/Drachen-Romane? Immer wieder gern, aber der Hype ist verklungen. Also was bleibt einem/einer AutorIn übrig? Den Roman zu schreiben, die Geschichte zu erzählen, die man erzählen will und kann.

Haben Sie das * bei Avengers bemerkt? Die Figur Thor ist eindeutig Fantasy. Trotzdem taucht sie in einem Scifi-Comic und -film auf. Wieso wird es im Kino akzeptiert und werden andere Mix-Angebote von AutorInnen durch die Verlage abgelehnt? Nur weil die Verlage dafür kein Etikett finden? Hier bietet das Selfpublishing die Chance, seine Werke trotzdem an den Mann/die Frau zu bringen. Hinweg über starre oder nicht vorhandene Programmplätze, überhaupt volle Verlagsprogramme und – möglicherweise – eine Veröffentlichung erst anno 2016 oder 17.

Wie es das Schicksal so will, besuchte ich vor einigen Jahren die Lesung einer Autorenfreundin. Sie schreibt Fantasy-Romane (vorwiegend in Schottland spielend) und hat damit Erfolg. Und bei der Heimfahrt hatte ich – als Hardcore-Scifi-Fan und -Autor – beinahe das Lenkrad verrissen, als mir plötzlich die Idee zu einem History-/Dark-Fantasy-Roman kam: Druiden, Römer, dunkle Mächte, blutige Schlachten ... und eine Liebesgeschichte zwischen Vertretern verfeindeter Völker. Dieses Mal arbeitete ich konsequent: Prämisse, Grundplot, Exposé, Kapitelplanung. Trotzdem wurde mir erst nach der Hälfte des Rohtextes klar, dass es wieder einen zweiten und dritten Band geben wird, geben muss! Und welcher Verlag, zur Hölle, nimmt heutzutage von einem Debütautor eine Trilogie an? Ergo gibt es die Spiegelkrieger als E-Books bei Amazon und als Taschenbücher bei Create Space (gehört zu Amazon).

Aktuell schreibe ich endlich wieder an einem Scifi-Roman, der Teil einer Reihe werden wird. In sich abgeschlossene Abenteuer, die scheinbar locker miteinander verknüpft sind. Momentan sollen es vier Romane werden. Aber wer weiß ...

Man (frau) kann halt sein Gehirn nicht abschalten. Gott sei Dank! – Upps, schon wieder eine Idee zu einem bitterbösen Scifi-Roman. ;-)

Wissenswertes für Scifi-AutorInnen
•    Wo finde ich die besten Infos zur Raumfahrt und zu allem was im All so kreucht und fleucht?
www.dlr.de (Deutsches Zentrum für Luft- und Rahmfahrt)

www.nasa.gov (Amerikanische Weltraumbehörde)
www.esa.int/ger/ESA_in_your_country/Germany (Europäische Raumfahrtagentur; deutsche Seite)
•    Bücher, von denen man viel lernen kann übers Genre:
Frank Herbert: „Der Wüstenplanet“, Heyne
Larry Niven: „Ringwelt“, Bastei Lübbe
George Orwell: „1984“, Heyne
Brian D‘Amato: „2012: Das Ende aller Zeiten“, Lübbe
David Weber: Honor-Harrington-Reihe, Military-Scifi (http://wiki.honor-harrington.de); Bastei Lübbe
•    Gibt es ein Forum speziell für Scifi-AutorInnen?
www.Scifinet.org
www.phantastik-couch.de
www.deutsche-science-fiction.de
www.sf-fan.de/
www.dsfp.de/ (Der Deutsche Science-Fiction-Preis)
www.phantastische-akademie.de/ (Verein zur Förderung der phantastischen Literatur in Deutschland; verleiht seit 2012 den SERAPH)
•    Welche Verlage veröffentlichen Scifi?
Leider nicht alle genannten Verlage regelmäßig: Heyne, Bastei Lübbe, Blanvalet, EGMONT LYX, Goldmann, Cross Cult, Festa, Atlantis, Wurdack
•    „Men in Black” – Ist das auch Scifi?
Ja, darf man/frau als Untergenre Funny-Scifi dazu zählen. Allerdings bin ich kein Freund davon. Den Riesenerfolg von Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ kann ich zum Beispiel gar nicht nachvollziehen. Für mich sind das alles Negativ-Beispiele, die zu dem Urteil führen: Science-Fiction ist Blödsinn.

Werner Karl im Internet: www.wernerkarl.org

In FEDERWELT: Heft 113, August/September 2015

 

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