Sie sind hier

Suchformular

Reiseführer schreiben

Federwelt
Sandra Pixberg
Bild zum Thema Reiseführer schreiben

Unterwegs auf Recherchetour: Halb acht Uhr morgens, Tag fünf meines zweiten Usedom-Aufenthalts. Ich schäle mich und meinen Muskelkater vom schmalen Sofabett. In dem Mini-Einzelzimmer „Grashüpfer“ im Dörfchen Reetzow am Rande der Usedomer Schweiz kam ich gestern zu liegen (Usedomer Mundart). Während ich mich gewaschen und „gefrühstückt“ auf den Sattel meines Fahrrads schwinge, packt mich doch die Abenteuerlust. 40 Kilometer Rundtour links und rechts der Świna liegen vor mir. Allerdings zunächst 8,7 Kilometer über die Hügel des Ahlbecker Forstes ins gleichnamige Seebad, wo die Tour beginnt. Aus einem Moment des Größenwahns, der übereifrigen Sportlichkeit heraus oder auch aus der Sehnsucht nach Synergie zwischen Freizeit und Arbeit, entschied ich vor einigen Wochen nur das Fahrrad zur Reiseführer-Recherche mitzunehmen. Das Auto blieb zu Hause.

Links der Świna kenne ich schon (ist schön), das rechtsseitige Ufer liegt in Polen, das macht mich neugierig und ein bisschen aufgeregt. Die Sonne lacht, ein Glück! Denn: „Mögen die Fotos noch so künstlerisch sein, Aufnahmen im Regen nehmen wir leider nicht“, eröffnete uns der Verleger direkt beim ersten Treffen. Das Gespräch fand im Berliner Büro des Steffen Verlags vor eineinhalb Jahren statt. Meine Co-Autorin Karolin Küntzel und ich luden uns quasi im Hinausgehen eine Wetter-App aufs Handy. Seitdem ist viel Wasser die Świna hinuntergeflossen und wir sind mit Usedom bei der Nummer drei unserer Reihe Aktivreiseführer. Das Konzept hatte ich ursprünglich für Rügen, meinen Wohnort, geschrieben. „Rügen ohne Dach“ oder „Tourenhandbuch“ oder „Rügen draußen“ – das waren unsere Arbeitstitel. Keine oder kaum Innenräume von Kirchen, Museen und Restaurants wollten wir vorstellen. Aber alles, was sich draußen an Schönem zeigt wie die Backsteingotik der Gebäude, Freiluftmuseen und Restaurants mit Terrassen. Und die vielen anderen Dinge, die es draußen zu entdecken gibt: Fossilien, Tiere, Pflanzen sowie Draußen-Veranstaltungen wie Schwimm-Events, Drachenbootrennen und auch Ausflugsschiffstouren, Pferdehöfe, Wassersportschulen oder Longboard-Vermieter. Dazu sollten Beschreibungen kommen: für Touren zu Fuß, per Fahrrad, im Kajak oder von guten Streckenabschnitten zum Skaten, Inlinern oder Walken.

Karolin Küntzel verschickte das Exposé an ein gutes Dutzend Verlage, die regelmäßig neue Reiseführer ins Programm aufnehmen, aber keine reinen Reiseführer-Verlage sind (siehe Kasten).

Der Verleger des Steffen Verlags meldete sich wenig später telefonisch bei uns. Er habe Interesse, sagte er, großes Interesse sogar, ja, sie würden das Buch gerne machen. Ich war überwältigt.

Diesen Augenblick rufe ich mir ins Gedächtnis, während ich mit bleischweren Beinen in die Pedale meines historischen Fahrrads trete. Die Promenade zwischen Ahlbeck und Swinemünde ist voll wie eine Ameisenstraße und scheint sich endlos hinzuziehen. Die Sonne steht vorne, wo irgendwann doch die schöne Straße ul. Żeromskiego mit ihren behutsam renovierten Gründerzeit-Villen beginnt. Also – Świnoujście (Swinemünde) ist allemal eine Reise wert. Die polnische Stadt ist quirlig und von osteuropäischer Eleganz. Anders als in vielen deutschen Badeorten gibt es hier echten Alltag abseits des Tourismus – der Seehafen ist der bedeutendste Umschlaghafen Polens. Mit 41.000 Einwohnern ist es die einzige Stadt auf Usedom, die sich als solche bezeichnen kann.

Die Fähre nimmt mich umsonst auf die andere Flussseite mit und damit in eine andere Welt. Bewegungen von Touristenmassen hin oder her, aber ein paar Urlauber mehr wären hier nicht schlecht. Dann gäbe es vielleicht konsequenter internationale Zeichen für Rad- und Wanderwege, nicht nur graue Häuserblocks, oder nicht so viel Müll im Wald. Nach einigem Herumkurven finde ich aus dem Stadtteil Warzsów heraus.

Traumhaft windet sich eine kaum befahrene Straße durch Schwemmwiesen und Schilf. Beim zweiten Anlauf erwische ich die richtige Autofähre, sie überquert den Kanal Piastowski. Ich bin erschöpft, aber für eine Pause habe ich während der Überfahrt keine Zeit. Mein Sattel wird zum Schreibtisch und ich notiere akribisch den Verlauf des letzten Tourenabschnitts. Altes Rad, Bleistift, Reisen ohne Auto – alles nicht ganz auf der Höhe der Zeit, werden sich die Besitzer der Nachbarfahrräder denken. Ich stelle dann bei genauerem Hinsehen fest: Fahrräder sind das eigentlich gar nicht. Die drei rüstigen Rentner aus NRW sind mit ihren glänzenden, hoch-technischen Pedelecs unterwegs. Damit schaffe man 70, 80 Kilometer am Tag – bequem, erzählt mir einer und ich stutze. „Machen Sie denn nicht Urlaub?“, frage ich. „Doch“, nickt er, aber das entbinde ihn nicht davon, was zu schaffen. „Tagespensum“, sagt er, „und das ist in Usedoms Hügeln ohne Motor nicht zu machen.“ Was ich denn da schreibe, fragt er und deutet auf mein Schulheft. „Reiseführer“, antworte ich. „Braucht die heute noch irgendjemand?“ Gute Frage. Wie in dem Märchen vom Hasen und Igel stehen die drei dann mit frisch gebügelten Freizeithemden vor einer Tankstelle an der Ecke der breiten Alleenstraße ul. Grunwaldzka und winken mir zu, als ich vorbeifahre.

Der Idee unseres Reiseführers folgend, suchen meine Co-Autorin und ich die Routen danach aus, dass sie fernab von jedem Motor auf ruhigen Straßen, besser noch auf Fahrrad- und Wanderwegen entlangführen. Pedelecs im Umfeld können wir dabei aber nicht ausschließen.
Ein Naturstein markiert die deutsch-polnische Grenze auf der Fußgängerbrücke nach Kamminke. Über Magerwiesen mit leuchtenden Farbpunkten von Sandstrohblumen (gelb), Bergsandglöckchen (lila) und der auf Usedom typischen Kartäusernelken (rosa-pink) erreiche ich am frühen Abend schweißgebadet das Seebad Ahlbeck und stürze mich ins Meer. Später zurück in Reetzow ordne ich die Neuzugänge in mein Fotoarchiv ein und komme schließlich auf dem Bettsofa zu liegen. 70 Kilometer waren das locker heute, das Tagespensum der drei Herren von der Tankstelle habe ich erfüllt. Braucht irgendjemand etwa ein Pedelec dazu, denke ich überheblich, bevor ich einschlafe.

Reiseführer schreiben: die Fakten

Auf Verlagssuche
Viele regionale und mittelgroße Verlage veröffentlichen neben Büchern aus anderen Sparten regelmäßig Reiseführer. Oft hängt die Wahl der Veröffentlichungen eng mit dem Verlagsstandort zusammen: Einerseits sind Naherholungsgebiete zu Fuß, per Rad oder – je nach Beschaffenheit der Umgebung – Kletter- oder Wasserwegtouren für diese Verlage interessant, andererseits sind es die „angestammten“ Urlaubsgebiete der Stadt, in der der Verlag beheimatet ist. Wer ein eigenes Reiseführerkonzept geschrieben hat, sollte sich unbedingt an diese Regionalen oder Mittelgroßen wenden, denn sie sind offen für Neues. Allerdings auch wählerisch. Denn in Bezug auf das Layout ist ein Reiseführer eins der aufwendigsten Bücher, die ein Verlag machen kann, weshalb nur wirklich überzeugende Exposés eine Chance haben.

Eine witzige Idee beispielsweise war eine Kombination aus Touren und Gaststätten-Tipps der Reihe „Wandern und Einkehren“, die der Drei Brunnen Verlag vor Jahren für viele Regionen Deutschlands herausbrachte. In der letzten Zeit gibt es immer mehr Reiseführer von „Locals“, also Reiseführer-Autorinnen und -Autoren, die gleichzeitig im Urlaubsgebiet leben. Sie haben viele Insider-Tipps für Individualreisende, kennen auch die stilleren Winkel eines Urlaubsgebietes und schreiben mit Leidenschaft über ihre Region.

Die Klassiker und Co
Auch bei reinen Reiseführer-Verlagen stehen die „Locals“ derzeit hoch im Kurs. Aber in aller Regel übernehmen diese Verlage keine neuen Konzepte. Hier müssen bestehende, fein ausgearbeitete Konzeptpapiere bedient werden. Die Autorin oder der Autor befüllt diese Themen mit Wörtern – wie einen Container. Für „Land und Leute“ stehen zum Beispiel neun Seiten zur Verfügung, davon für Kultur 3.400 Zeichen plus Kasten, für Veranstaltungen 4.300 Zeichen, für geologische Aspekte 4.900 Zeichen. Zusätzlich gibt es eine Seite „Stylesheets“, also verlagseigene Normen für die Schreibweise von Daten, Orten und Abkürzungen. Dennoch kann es für Kenner des Gebietes ein Riesenspaß sein, diese Container mit Regionalia zu befüllen, denn sie können sich ausschließlich auf die Inhalte konzentrieren.

Auf die scharfe Trennung zwischen Wander- und Fahrradtourenführer wurde in den letzten Jahren in vielen naturnahen Reiseführern verzichtet.

Der Ich-bin-dann-mal ...-Weg
Selbstredend sieht die Praxis nicht ganz so schwarz-weiß aus. Hat sich die Autorin oder der Autor schlau gemacht, welche Schwerpunkte (Natur, Kultur) der Verlag setzt, für welche Reisenden (Familien, Senioren, Rucksacktouristen) er veröffentlicht und welche Fortbewegungsart (Auto, Rad, Kajak) in der Reihe vorausgesetzt wird, kann sie oder er es mit einem eigenen Konzept auch bei Nur-Reiseführer-Verlagen versuchen. Veröffentlichungen über Pilgerwege beispielsweise gab es bis kurz vor Hape Kerkeling so gut wie gar keine, inzwischen häufen sich die angebotenen Romane und Reiseführer aus allen Weltregionen und aus allen möglichen Motivationen heraus.

Verlage (Auswahl), die ausschließlich oder hauptsächlich Reiseführer im Programm haben:

Klassische Kompaktreiseführer:
•    Baedeker (Mairdumont, der „Opa“ der Reiseführer)
•    Marco Polo (Mairdumont)
•    Merian (TRAVEL HOUSE MEDIA)
•    ADAC (für Autofahrer) (TRAVEL HOUSE MEDIA)
•    Polyglott (TRAVEL HOUSE MEDIA)
•    DuMont (DuMont Reiseverlag, immer noch eher für Bildungsreisende)
•    Reise Know-How (Reise Know-How Verlag) und Lonely Planet (Mairdumont, die klassischen Backpacker-Reiseführer)

Schwerpunkt Natur und/oder Touren:
•    MICHELIN (TRAVEL HOUSE MEDIA)
•    Peter Meyer Verlag
•    Publicpress
•    Conrad Stein Verlag
•    Bruckmann Verlag
•    Michael Müller Verlag (TRAVEL HOUSE MEDIA)
•    Bergverlag Rother (TRAVEL HOUSE MEDIA)
•    Trescher Verlag

Verlage (Auswahl), die regelmäßig Reiseführer im Programm haben:
•    Edition Temmen
•    Hinstorff Verlag
•    Steffen Verlag
•    Verlag Anton Pustet
•    Mitteldeutscher Verlag
•    Klartext Verlag
•    Ellert & Richter Verlag

Sandra Pixberg im Internet: http://textbuero-ruegen.de

In FEDERWELT: Heft 113, August/September 2015

 

SIE MÖCHTEN DAS GANZE HEFT LESEN?

Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 113, August 2015: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-42015
Sie möchten diese Ausgabe erwerben und unsere Arbeit damit unterstützen?
Als Print-Ausgabe oder als PDF? - Beides ist möglich:

PRINT
Sie haben gerne etwas zum Anfassen, und es macht Ihnen nichts aus, sich zwei, drei Tage zu gedulden?
Dann bestellen Sie das Heft hier: /magazine/magazine-bestellen
Bitte geben Sie bei »Federwelt-Heft-Nummer« »113« ein.

PDF
Download als PDF zum Preis von 4,99 Euro bei:

beam: https://www.beam-shop.de/sachbuch/literaturwissenschaft/182208/federwelt-113-04-2015
umbreit: http://umbreit.e-bookshelf.de/federwelt-113-04-2015-3824663.html
buecher.de: https://www.buecher.de/shop/sprachwissenschaft--philologien/federwelt-113-04-2015-ebook-pdf/lonnemann-angelika-matting-matthias-pixberg-sandra-k/products_products/detail/prod_id/43447499/

Oder in vielen anderen E-Book-Shops.
Suchen Sie einfach mit der ISBN: 9783932522635