
Eigentlich wollte unsere Autorin Regine Kölpin „nur“ erfolgreich Jugendbücher schreiben. Als das trotz renommierter Agentur nicht so klappte wie geplant, beschloss sie flexibler zu sein und schaffte letztlich, wovon sonst abgeraten wird: in zwei großen Verlagen in verschiedenen Genres unter demselben Namen zu veröffentlichen … Hier ihr Erfahrungsbericht.
Als ich, Regine Kölpin, im Jahr 2000 begonnen habe zu schreiben, schwebte mir als fünffache Mutter vor, eine erfolgreiche Jugendbuchautorin zu werden. Oder wenigstens lustige Bücher über Großfamilien zu verfassen, sah ich mich doch als äußerst kompetent für dieses Thema. Ich fand sogar gleich eine sehr bekannte und große Agentur. Trotzdem blieb der erwünschte Erfolg aus. Schließlich trennte ich mich von der Agentur und beschloss, es allein zu wagen: Enthusiastisch nahm ich zunächst an Ausschreibungen teil, hatte mehrere Publikationen im Kurztextbereich und gewann kleinere Preise, was mich sehr beflügelte. Es gelang mir zudem, einen Regionalverlag für eine Krimireihe zu finden. Damit war der Grundstein für meine Autorinnenkarriere gelegt. Ich wollte allerdings die Idee, Jugendbuchautorin zu werden, nicht aufgeben und fand auch für diese Projekte einen kleinen Verlag, wobei ich dort allerdings schlechte Erfahrungen machen musste.
Regine Kölpin, Jahrgang 64, lebt seit ihrer Kindheit an der Nordsee. Inspiriert von der weiten Landschaft spielen auch die meisten ihrer Geschichten und Romane dort. Sie erhielt zahlreiche Nominierungen und Preise in unterschiedlichen Genres, 2020 gewann sie den Bronzenen Homer zusammen mit Gitta Edelmann für den historischen Kinderroman Johannes Gutenberg und die verschwundenen Lettern. Das war das erste Mal, dass ein Kinderbuch bei diesem Preis berücksichtigt wurde.
Regine Kölpin ist auch als Herausgeberin tätig, an verschiedenen Musik- und Bühnenproduktionen beteiligt und verfasst Artikel für die Women’s History. Das Magazin der Funke Medien Gruppe erzählt „Geschichten von beeindruckenden Frauen“ aus Gegenwart und Vergangenheit. Außerdem hat Regine jahrelang feste Schreibgruppen für Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene geleitet und war auch als Referentin an einer großen Fernakademie tätig. Bei Reisen mit dem Wohnmobil lässt sie sich gern für neue Projekte inspirieren.
Ziele neu definieren
Zum einen verkauften sich die Bücher schlecht, zum anderen mangelte es am Lektorat.
Mit dem KBV Verlag konnte ich dann aber eine gut betreute Kinderkrimireihe aufbauen und so in Schulen wunderbare Erfahrungen bei Lesungen sammeln. Mir wurde klar: Das macht mir unglaublichen Spaß.
Trotzdem hing ich fest, es ging nicht richtig voran. Sämtliche meiner Jugendbuch-Ideen wurden von großen Verlagen abgeschmettert. So beschloss ich, flexibler zu sein und meine Ziele neu zu definieren.
Mein eigener Leseschwerpunkt lag zu der Zeit in der Historie, ein Bereich, der mich schon als Schülerin sehr gefesselt hat. In mühevoller Recherche und wieder mit großem Engagement entwickelte ich die Reihe Die Lebenspflückerin. Sie spielt im 16. Jahrhundert und hat unter anderem die Glaubensgeschichte Ostfrieslands zum Thema. Es war eine Mammutaufgabe, aber ich habe schnell bemerkt, dass ich es mag, zu recherchieren, dass es mich reizt, in alten Zeiten zu wühlen. Ein neues Lieblingsgenre war entdeckt!
Im KBV Verlag fand ich wieder mal einen guten Partner für die inzwischen vierbändige Reihe.
Marketingideen
Um das Marketing zu unterstützen, entwickelte ich Lesungen an den Originalschauplätzen, für die ich mich kostümierte, und die Bände verkauften sich für einen kleinen Verlag grandios.
Vor vier Jahren haben mein Mann, er ist Musiker, unsere Tochter und ich aus dem ersten Band ein Musical entwickelt und es in Eigenregie auf die Bühne gebracht: mit einem über 30-köpfigen Ensemble mit Band, Darsteller*innen, Kostümen, Maskenbildern, Bühnenbau. An der Musicalproduktion war übrigens auch unsere gesamte Großfamilie beteiligt – mit allen fünf Kindern und Schwiegerkindern in unterschiedlichen Funktionen, was oft Thema in den Medien war und uns den scherzhaften Titel „Die K-Familie“ eingebracht hat. In dem Projekt steckten zwei Jahre harte Arbeit und ein großes finanzielles Risiko. Wir sind mit 30.000 Euro in Vorleistung gegangen, denn es waren nicht nur Gagen zu zahlen, sondern auch die Nebenkosten für ein solches Projekt: Lichtshow, Fahrtkosten, Catering, Saalmiete, Feuerwehr, Versicherungen, Technik … Durch die ausverkauften Vorstellungen und den gut kalkulierten Preis der Eintrittskarten von 25 Euro konnten wir aber alles stemmen, sodass sich unsere eigene Arbeit finanziell ausgezahlt hat.
Natürlich hat sich auch die Buchreihe dadurch noch einmal gut verkauft. Dafür konnte ich eine örtliche Buchhandlung gewinnen, die im Foyer des Theaters mit einem großen Büchertisch zugegen war.
Diese historische Reihe war der Wendepunkt meiner Karriere. Ich lernte auf der Frankfurter Buchmesse meine jetzige Agentin Anna Mechler von der Agentur Lesen&Hören kennen. Wir kamen ins Gespräch und ich erzählte ihr von meinen Zielen, mit den historischen Romanen weiterzumachen, aber auch im Jugendbereich zu arbeiten oder etwas über Großfamilien zu schreiben.
Regine Kölpin: »Endlich, ein großer Verlag!«
Anna Mechler konnte sich für meine Ideen begeistern und nahm mich unter Vertrag. Ich habe auf ihre Empfehlung hin das Konzept für Oma zeigt Flagge entworfen: als Großfamilienroman mit einer Oma als Hauptfigur und mit einer Prise Humor. Protagonistin ist eine Frau, die ihren 60. Geburtstag nicht feiern will und von ihren drei Enkeln dazu förmlich gezwungen wird. Der Arbeitstitel lautete Sockenlocken, der Begriff erschließt sich aus der Möglichkeit, wie sich Teenager mittels eingebundener Socken die Haare in Wellen legen. Natürlich ging ich davon aus, dass der Verlag den Titel begeistert übernehmen würde.
Das Konzept jedenfalls kam bei Droemer Knaur gut an. Ich weiß noch, wie ich bei der Zusage für den Verlagsvertrag, sie kam während der Leipziger Buchmesse, regelrecht ins Taumeln geriet.
Titelfindung
Ich habe diesen Roman mit großer Begeisterung geschrieben, war er doch eine wunderbare Abwechslung zu den vormals schwereren Themen. Doch dann ging es um die Titelfindung und schnell wurde klar, dass aus meinem Arbeitstitel Sockenlocken etwas ganz anderes entstehen würde, um auch für Folgebände ein Alleinstellungsmerkmal zu haben, das langfristig funktioniert. Eine Reihe verkauft sich einfach besser, weil die Leser*innen im besten Fall bald schon im Vorfeld auf den nächsten Band warten. Und da ich inzwischen auch Großmutter war und die Darstellung von älteren Menschen in der Literatur oft einseitig fand, habe ich zusammen mit dem Verlag die Idee zu einer ganzen Oma-Reihe entwickelt. Es sollte keine Serie mit der immer gleichen Oma werden, nein, ich wollte verschiedene Großmütter darstellen. Auch mal die Junggebliebenen. Derweil sind fünf Oma-Romane auf dem Markt und eine Oma ist erst 52, also mitten in den Wechseljahren. Ein Ende ist nicht abzusehen, denn ich scheine einen Nerv getroffen zu haben.
Der Kreis weitet und schließt sich
Inzwischen schreibe ich bei Knaur auch eine humorvolle Küstenkrimireihe. Wichtig war es mir, als Ermittlerteam drei sehr eigenwillige Persönlichkeiten zu erfinden, die sich aneinander reiben können. Von daher mussten sie sehr unterschiedlich sein. Da die Reihe an der Nordsee spielt, spiegeln die drei natürlich auch norddeutsche Charaktere wider. Entstanden sind so drei Rentner: der Eigenbrötler Ino Tjarks, seine Haushälterin Gerda Janßen und die Bio-Bäckerin Theda Graalfs.
Unter Pseudonym kommt im Herbst bei Knaur ein weiteres wundervolles Projekt in einem weiteren, ernsten Genre hinzu.
Dank meiner Agentin Anna Mechler bin ich mit einer zeitgeschichtlichen Reihe nun auch noch bei Piper untergekommen. Für Coppenrath schreibe ich im Geschenkbuchbereich. Und seit 2019 arbeite ich für den Oetinger Verlag auch als Jugendbuchautorin.
Verliert man so nicht Fans? Regine Kölpin meint dazu:
Oft werde ich gefragt, wie das alles funktionieren kann. So viele Genres, so viele Bücher …
Dazu gehören Fleiß, Durchhaltevermögen und Ideen, die einen nicht loslassen, auch wenn sie nicht konform zu Genres sind, in denen man bereits unterwegs ist. Um das zu prüfen, helfen folgende Fragen: Mag ich die Figuren, kann ich mit ihnen leiden, lachen, weinen? Reizt mich das Thema so sehr, dass ich nicht anders kann, als zu forschen und mich damit zu beschäftigen? Brenne ich für alles, was mit dem Roman zusammenhängt, und kann meine Leser*innen entsprechend fesseln?
Lautet die Antwort ja, bin ich auf dem richtigen Weg. Ich persönlich brauche diese Vielseitigkeit, damit ich offen bleibe für Neues. Es wage, andere Themen anzufassen und jedes Mal in ein neues Abenteuer einzutauchen.
Meine Agentin sagt dazu: „Regine Kölpin hat so viele Ideen, da reicht ein Genre nicht, aber sie begeistert für ihre Geschichten, egal, wie sie verpackt sind. Und das ist die Hauptsache.“
Und meine Lektorin Sabine Ley von Droemer Knaur meint: „Auch wenn es sich bei Regine Kölpins Romanen um unterschiedliche Genres handelt, sind die ‚Omas für jede Lebenslage‘- und die Küstenkrimi-Reihe gar nicht so weit voneinander entfernt. Der heitere Ton, jede Menge Nordsee-Flair, Protagonisten einer ähnlichen Altersgruppe – all das haben sie gemeinsam. So greifen viele Kölpin-Fans sicher zu beiden Reihen, und wir gehen davon aus, dass sich beide Reihen gegenseitig befruchten.“
Fazit von Regine Kölpin
Ich kann nur ermutigen, sich beim Schreiben nicht zwangsläufig auf eine Richtung festzulegen. Hätte ich das getan, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Über Umwege, stetiges Lernen und den Willen, mich von den doch vielen Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen, bin ich am Ende genau dort angelangt, wo ich zu Beginn hinwollte. Ich schreibe erfolgreich für mehrere große Publikumsverlage – auch im Jugendbuchbereich.
Interessanterweise sind Kinder- und Jugendbücher aber nicht mehr mein Lieblingsgenre, sondern stehen gleichberechtigt neben allen anderen. In diesem Sinne: Traut euch!
Autorin: Regine Kölpin | www.regine-koelpin.de | [email protected]
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Blogbild: Fotostudio Marion Erdwiens/Jever
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