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Mysterium All Age – Wie schreibt man ein „Kinderbuch“ für Erwachsene?

Federwelt
Jasmin Pond
Hände verschiedener Personen greifen nach einer Rosenblüte

Was genau ist All-Age-Literatur? Welche Genre-Konventionen gilt es zu beachten? Jasmin Pond hat sich aufgemacht, diese Fragen zu klären: für sich und für die Federwelt.

Wie alles begann
2012 riet mir zum ersten Mal ein Lektor, ich solle mich genauer mit meiner Zielgruppe auseinandersetzen. Ich stand zu dem Zeitpunkt völlig unter Adrenalin, weil ich nur zwei Wochen zuvor mein Erstlingswerk eingereicht hatte. Wir telefonierten etwa eine halbe Stunde und die ganze Zeit über schwankte ich irgendwo zwischen Hoffnung, Enttäuschung und Rekapitulation der Ereignisse. Immerhin ging es hier um mein Baby. Das – zugegeben einzige – aber doch beste Buch, das ich je geschrieben hatte. Natürlich war meine Geschichte etwas Besonderes. Da war ich mir sicher. Zudem hatte ich mir Mühe gegeben, auch meinen ersten Auftritt bei einem Verlag besonders zu gestalten.

Manchmal hat man so eine Idee …
Ich hatte da diese Wahnvorstellung: von Bergen weißer DIN-C4-Umschläge auf sämtlichen Lektoren-Schreibtischen dieser Welt. All die unaufgefordert eingesandten Manuskripte. Und irgendwo dazwischen, völlig unauffällig, meine Geschichte ... Hilfe!
Mit einem guten Teaser und etwas Farbe wollte ich mich an den weißen Umschlagbergen vorbeischleichen. Meine beiden Hauptcharaktere arbeiten schließlich für eine Geheimorganisation, das ließ sich doch nutzen. Versteckt in einem Blumenstrauß könnte ich eine Vorwarnung zur Geheimhaltungsstufe überreichen und schließlich einen auffälligen Umschlag hinterherschicken – mit Topsecret-Beschriftung darauf und Textprobe sowie Exposé darin.
Gesagt getan. Drei Verlage ausgesucht, drei Blumensträuße besorgt.
Ich fürchtete, die Blumen könnten vielleicht als Bestechungsversuche aufgenommen werden. Aber zwei Tage später fragte der erste Lektor das vollständige Manuskript an und mein Körper schüttete spontan alles aus, was er so an eigenen Glücksdrogen produzieren konnte. Ich schwebte gut zehn Zentimeter über dem Boden.
Und dann kam der Anruf. Und während des Anrufs die Absage.

… aber das Problem liegt ganz wo anders
„Nicht strukturiert genug“, lautete eine seiner Rückmeldungen. „Vielleicht besser erst das Exposé schreiben, dann den Roman?“ Und dann sei da noch diese Sache mit der Zielgruppe …
Ich schlug unsanft mit dem Hintern auf dem Erdboden auf.
Zielgruppe? Natürlich, es ist wichtig, zu wissen, für wen man schreibt. Aber das wusste ich doch. Ich schrieb für mich und für all die anderen Bücherverrückten in meinem Freundeskreis und darüber hinaus. Die Sorte die sich nicht einigen konnte, ob man Harry Potter neben Percy Jackson ins heimatliche Buchregal stellt („Alter, der ist erst elf!“) oder lieber zwischen Die Flüsse von London und Harry Dresden („Trotzdem bleibt er ein Zauberer!“). Ich hatte einen All-Age-Fantasy-Roman geschrieben. Was bitte war denn daran unklar?
Also konzentrierte ich mich als Erstes auf die Sache mit der fehlenden Struktur. Das war ein handfester und auch sehr richtiger Punkt. Ich glaubte an meine Geschichte, also behielt ich die Welt und die Figuren bei, aber die Handlung entwarf ich neu.
Fünf Jahre später – man hat ja auch noch Dinge profanerer Natur zu tun wie Kinder kriegen und Häuser bauen – bot ich das neue Manuskript wieder einem Verlag an. Diesmal war von fehlender Struktur keine Rede mehr. Aber die Sache mit der Zielgruppe war schon wieder ein Thema. Sie sähen mein Manuskript eher bei einem Jugendbuchverlag, sagten die Fantasy-Verlage. Aus den Lektoraten im Kinder- und Jugendbuchbereich hörte ich Dinge wie: „Der Text ist zu kompliziert, die Handlung wiederum kindlich“ und „Die Sprache ist zu erwachsen, das Alter der Charaktere passt nicht“.
Verflixt noch eins, das konnte doch wohl nicht wahr sein!

Was ich mir unter All-Age vorgestellt hatte
Also gut, offenbar stimmte meine Vorstellung von dem Begriff All-Age-Fantasy nicht so richtig mit der Vorstellung der Verlage überein.
Was habe ich denn gedacht?
Meiner Meinung nach kann man die Bücher, die landläufig als All Age bezeichnet werden, grob in drei Bereiche einsortieren. Wir haben da die Beziehungskisten mit fantastischen Elementen wie Vampiren, Werwölfen, Zeitreisen, Begegnungen in Träumen et cetera. Dann gibt es die Dystopien, also düstere Zukunftsszenarien mit Hungerspielen, seltsamen Forschungsprojekten, isolierten Städten, Labyrinthen oder was einem sonst noch so einfällt – und die meist fantastischen Abenteuergeschichten mit Helden und Heldinnen um das Alter von zwölf, die Zauberlehrlinge, Götterkinder, junge Detektive oder etwas Ähnliches sind.
Die Beziehungskisten und Dystopien enthalten meist bereits sexuelle Elemente (vom ersten Kuss an aufwärts) und sprechen eine Zielgruppe ab 14 und nicht ab zwölf Jahren an.
In den letzten Jahren wurden, soweit ich das verfolgt habe, speziell für diese Bücher neue Verlage gegründet und die Bezeichnung Young Adult schälte sich für die Zielgruppe heraus.
Mein Held ist zwölf Jahre alt. An seiner Seite steht ein Erwachsener, der 52 ist, und irgendwo zwischen einem klassischen Sidekick und einem einfachen Berichterstatter rangiert. Ich erzähle die Geschichte aus der Sicht dieses Erwachsenen und mit seiner Stimme. Wie erwähnt habe ich das Buch für Leute wie mich geschrieben. Also prinzipiell für Erwachsene. Natürlich habe ich darauf geachtet, dass es für Kinder um zwölf Jahre herum ungefährlich ist, es zu lesen. Kein Sex, genaue Abwägung der Gewalt. Ich nahm an, dass ich damit ein klassisches All-Age-Manuskript geschrieben hätte.

Wie sehen die anderen das?
Offenbar wurde es Zeit, diese Annahme zu hinterfragen. Als Erstes marschierte ich also in die Buchhandlung. „Wo ist denn die All-Age-Abteilung?“, fragte ich.
Die Buchhändlerin antwortete: „Was stellen Sie sich denn so vor?“
Ich hielt mich vage: „Weiß nicht genau, irgendwas Neues.“ Sie führte mich zu einem Regal, über dem stand: „Jugendbuch ab 12“. Einen eigenen Bereich für All Age gab es nicht. 
Dass es in der Verlagswelt ähnlich aussieht, wusste ich durch meine Suche nach einem Verlag für mein Buchprojekt bereits. Hin und wieder gibt es einen Kinder- und Jugendbuchverlag, der in seinem Programm auch das Wort All Age verwendet. Sogar ein paar Fantasy-Verlage für Erwachsene, die einen Fokus darauf legen. Reine All-Age-Verlage sind nicht zu finden.
Zu Hause sah ich bei Wikipedia nach. Es gab keinen eigenen Eintrag zu dem Suchbegriff All-Age-Literatur.

Unter dem Schlagwort Jugendliteratur (https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendliteratur) steht: „Daneben werden in den deutschsprachigen Verlagsprospekten auch „All Age“-Titel propagiert, die von vorneherein auf ein altersübergreifendes Lesepublikum von Jugendlichen und Erwachsenen [...] abzielen.“

Mein persönlicher Tiefpunkt war zwei Tage später erreicht, als mich eine Freundin fragte: „Man kann das schreiben? Ich dachte, da machen einen erst nachträglich die Leser zu.“
Die Angstvorstellung von den weißen Umschlagbergen verpuffte augenblicklich und wurde durch eine Sorge ersetzt, für die sich noch nicht einmal ein adäquates Bild finden lässt.

Ist mein Buchprojekt von vorneherein zum Scheitern verurteilt?
Hätte ich ein reines Kinder- oder Jugendbuch schreiben müssen? Immerhin kann man die Ablehnungsgründe grob mit Altersungenauigkeit zusammenfassen. Sollte ich die ganze Geschichte verwerfen und mich etwas Neuem zuwenden? Vielleicht besser direkt Fantasy für Erwachsene schreiben?
Lange überlegte ich hin und her, aber ich brachte es nicht übers Herz. Ich liebe es, diese Art von Kinderbüchern für Erwachsene zu lesen und irgendwie müssen sie doch auch zu schreiben sein. Ich entschied mich dafür, mehr Informationen einzuholen. Die Frage ist: Was wird von einem All-Age-Buch wirklich erwartet? Was wollen die Leser und Lektorinnen genau?
Im Auftrag der Federwelt hake ich nach.

Die Sicht einer Kinder- und Jugendbuch-Programmleiterin
Als Erstes erkundige ich mich bei Linde Müller-Siepen. Sie ist Programmleiterin für die Verlage Boje und One aus dem Hause Bastei Lübbe. Ich frage, wie sie den Begriff All Age definiert.
„Wir verwenden bei uns vor allem den Begriff Young Adult“, erklärt Linde Müller-Siepen. „Tatsächlich aber würde ich All Age recht ähnlich verwenden. Vielleicht mit dem Unterschied, dass All Age aus meiner Sicht nicht so passgenau das Jugendbuch meint, sondern alterstechnisch auch weiter nach unten zielen kann. Wenn wir von unserem Young-Adult-Label sprechen, meinen wir Titel, die sich an eine Zielgruppe ab 14 Jahren richten.“
Nach dieser Definition ist mein 12-jähriger Held vermutlich viel zu jung. Gibt es da nicht so eine Aussage, dass der Held oder die Heldin im Kinder- und Jugendbuch immer älter sein sollte als die Leserschaft? Frau Müller-Siepen bestätigt das: „Kinder und Jugendliche möchten sich nach oben orientieren. Das ist ganz wichtig.“ Sie spricht von klaren Einteilungen. Vom Kinderbuch, das bis zu den 10+-Lesern reicht. Dann kämen das Jugendbuch ab 12 und schließlich die Young-Adult-Kategorie. „Wir verstehen Young Adult ganz klar als Jugendbuch-Begriff. Nach unserer Erfahrung greifen aber auch oft Erwachsene nach diesen Büchern.“
Ich vermute, dass dies eine ziemlich übliche Einteilung im Kinder- und Jugendbuchbereich ist. „Richtig“, sagt Linde Müller-Siepen. „Wenn es ums Auswählen von Texten geht, habe ich in allererster Linie Kontakt zu Agenturen und Verlagen oder zu Autoren, mit denen ich schon einmal gearbeitet habe. Und die kennen in der Regel diese Kategorisierung.“
Ich frage nach, welchen Erfolg mein Buchprojekt mit dem 12-jährigen Helden bei einer Bewertung in der Kinderbuch-Kategorie (10+-Leser) hätte. Würde ein Manuskript mit einem erwachsenen Erzähler aussortiert?
„Ja, es würde es zumindest schwerer haben“, erwidert Linde Müller-Siepen. „Weil es gewissen formalen Kriterien nicht unbedingt entspricht. Aber natürlich sind auch andere Punkte zu beachten: Wie ist der Plot gestrickt, wie kommt die Geschichte rüber?“ Sie fügt hinzu: „Gerade, wenn ich Kinderbücher prüfe, versuche ich die kindliche Perspektive mitzudenken. Bei den Grundbedingungen, die die Geschichte dann mit sich bringt, richte ich mich wirklich nur an den Kindern aus, die ich mir als Leser vorstelle. Anders ist es beim Jugendbuch, da verschwimmt diese Perspektive immer stärker.“
Ich hake noch einmal zu dem Punkt Geschichte und Plot nach.
Dazu Linde Müller-Siepen: „Es gibt ja auch Kinderbücher, die komplett aus der Sicht eines Erwachsenen erzählt werden. Der dann auch der Held ist. Es gibt also sehr wohl Kinderbücher, in denen gar keine Kinder auftauchen. Zu uns ins Programm würde das nicht so gut passen. Natürlich hängt die Einschätzung eines Titels immer auch stark davon ab, wie sehr die Kinder mit dem Stoff abgeholt werden in dem, was sie gerne lesen möchten. Sprich: Bietet eine Geschichte Abenteuer, Spaß, Spannung und Humor?“
Sind solche „altersungenauen Mischgeschichten“ wie ich sie geschrieben habe vielleicht eher etwas fürs Selfpublishing?
„Nein, das würde ich nicht sagen“, widerspricht mir Linde Müller-Siepen. „Es ist immer einen Versuch wert. Es ist ja der Versuch, über die bestimmte Erzählstimme oder über das Besondere, was jedes einzelne Projekt ausmacht, den Lektor zu finden, der das auch spannend findet für sein Programm. Da gibt es natürlich immer wieder Lektoren, die dann auch solche formalen Bedenken zur Seite schieben. Mit nicht ganz passgenauen Manuskripten ist das natürlich ein Stück schwerer. Aber auch diese Geschichten können begeistern.“ 
Ich frage, was sie mir denn raten würde.
„Vielleicht wäre ein guter Weg die Vorauswahl eines Verlages, der besser passen könnte. Verlage, die sehr passgenau darauf achten, ihr Genre oder eine bestimmte Zielgruppe abzuholen, sind da vielleicht weniger geeignet.“
Ich bedanke mich bei Linde Müller-Siepen und werde ziemlich nachdenklich. Die aufgezählten Alterskategorien klingen ganz logisch, aber meine eigene Kindheit kann ich damit nicht in Einklang bringen. Für mich ist Der Herr der Ringe zum Beispiel mit einem Bild von grünen Buchdeckeln und schwarzem Sand verbunden. Tolkiens Roman umfasst drei Bände und ist weder vom Umfang, noch vom Inhalt her ein Kinderbuch. Ich habe ihn auf Lanzarote gelesen, im Urlaub mit meinen Eltern. Spontan greife ich zum Telefon und lasse es mir von meiner Mutter bestätigen. Sie sagt, das sei im Sommer vor meinem zwölften Geburtstag gewesen. Was bedeutet das? War ich literarisch „früh entwickelt“? Heute möchte ich Kinderbücher für Erwachsene schreiben, was auch nicht ins Raster zu passen scheint. Ich fühle mich ganz eindeutig abnormal, kann aber nicht genau sagen, ob das gut oder schlecht ist.
Als nächsten Ansprechpartner suche ich nach jemandem von einem Fantasy-Verlag, der in seinem Verlagsprogramm auch von All Age spricht.

Mit der Neuveröffentlichung des Fantasy-Klassikers „Belgariad“ von David Eddings habe ich mir einen Traum erfüllt. Denn es handelt sich meiner Ansicht nach um die beste All-Age-Serie, die je geschrieben wurde. Eddings’ Romane bestechen durch ihren Humor und die großartigen Charaktere. Vor dreißig Jahren, als Fantasy noch ein Nischen-Genre war, eroberte er damit Platz eins der New-York-Times-Bestsellerliste. So gut ist das. Und wenn man bei der Lektüre dieses Klassikers manchmal denkt, das kenne ich doch, liegt das daran, dass sich zahllose nachfolgende Autoren von Eddings haben inspirieren lassen. Denn David Eddings ist quasi der Erfinder der Junge-rettet-die-Welt-Fantasy.

Die Sicht des Fantasy-Lektors und Genreteamleiters
Holger Kappel arbeitet als Lektor und Genreteamleiter Fantasy für die Verlage Blanvalet, Penhaligon und Limes, alle aus der Verlagsgruppe Random House.
In der Fantasy, sagt er, sind die jüngsten Hauptfiguren 14 oder 16. „Den Fantasy-Leser stören junge Helden relativ wenig, weil sie genauso aufgewachsen sind. Den Charakter des jungen Helden gibt es quasi nirgendwo anders, nur in Kinderbüchern und in der Fantasy.“
Und wie definiert Kappel den Begriff All Age? „Lesbar für jedes Alter, wobei ich jetzt ‚jedes Alter‘ mal bei ab zwölf beginnen würde. – Ein All-Age-Buch, das diese Bezeichnung verdient, ist aber, fürchte ich, außergewöhnlich erfolgreich. Sonst ist es einfach ein Kinderbuch, das auch Erwachsene lesen können.“
Da sind wir interessanterweise wieder bei Kinderbüchern. Ich frage, warum alle so auf die Einhaltung der Vorgaben für Kinder- und Jugendbücher drängen.
„Ich muss die Kinder mit ins Boot holen, um ein All-Age-Buch zu haben. Sonst habe ich ein Erwachsenen-Buch“, erklärt Holger Kappel.
Aber setzt das wirklich auch voraus, dass ein All-Age-Buch in erster Linie für Kinder geschrieben sein muss?
Kappels klare Antwort: „Im Grunde ja. – Interessant wird’s dann erst, wenn die Erwachsenen-Zielgruppe da mit reinkommen soll. Sprich: Was bringt einen Erwachsenen dazu, ein Kinderbuch zu lesen?“
Kann das denn nicht auch umgekehrt funktionieren?
Holger Kappel: „Ich glaube, dass ein junger Held für eine junge Zielgruppe verpflichtend ist. Grade in dem Alter, sagen wir mal ab zwölf, braucht man eine Bezugsperson, der man gern folgt, deren Ambitionen und Beweggründe man nachvollziehen kann. Und das ist dann halt tendenziell ein Gleichaltriger oder ein bisschen Älterer. Wenn ich den Anspruch habe, All Age ist für Leser ab zwölf, dann muss ich diese Zielgruppe abholen und die 12-Jährigen mit reinkriegen. Das ist einfach der junge Charakter, unter anderem.“
Unter anderem? Ein gutes Stichwort. Was braucht die junge Zielgruppe noch?
„Kinderbücher haben ein anderes Satzbild“, betont Holger Kappel. „Die Sätze sind leichter gebaut. Bei einem Buch für Erwachsene sind einfach mal tendenziell pro Satz zwei Kommas mehr drin. Das heißt, man muss diesen Satz ein bisschen langsamer lesen, um ihn zu verstehen.“
Und wie komplex dürfen die Inhalte sein?
Holger Kappel: „Ein Kinder- oder Jugendbuch hat im Allgemeinen auch schwarz-weiß gezeichnete Charaktere: Da ist der Held, da sind die Gegner. Die Bösewichte sind böse, da wird auch nicht drumrum geredet. Sie sind einfach so.“
Und die Erwachsenen? Wie holt man die mit ins Boot?
Holger Kappel verweist auf eine Technik, wie man sie gerne in Kinderserien im Fernsehen verwendet. „Man baut kleine Gags ein, die die Erwachsenen ansprechen. Sie kennen das vielleicht: Die Erwachsenen lachen und die Kinder gucken sich fragend an.“
Ich kenne diese Serien und finde sie auch gut gemacht. Aber die meisten All-Age-Bücher, die ich gelesen habe, nutzen diese Strategie nicht. Klar gibt es oft humorvolle Aspekte, aber die Geschichten tragen für mich nicht allein dadurch.
„Es darf nicht so platt sein, dass Erwachsene denken: Ich les hier grad ein Kinderbuch. Die Schwelle, wann das so ist, ist einfach nicht genau definierbar, weil das auch für jeden Erwachsenen etwas anderes ist.“
Glaubt Holger Kappel, dass ein All-Age-Roman ein Roman ist, der erst im Nachhinein, also durch die Käuferinnen und Käufer, zum All-Age-Produkt wird?
„Ja“, antwortet er. Und fügt hinzu: „Wenn man sagt, ich möchte All Age schreiben, am besten noch für Männer und Frauen, ist das eine eierlegende Wollmilchsau. Denn man sucht sich einfach die größtmögliche Zielgruppe aus und geht dann davon aus, dass das funktioniert. Es gibt aber einen Grund, warum Marketing, Werbung und so weiter Zielgruppen für sich definieren. Anders gesagt: Ein All-Age-Autor würde versuchen, die größtmögliche Zielgruppe anzusprechen, nämlich alle Leser. Das halte ich für schwer umsetzbar.“
Also ... so betrachtet schon. Autorinnen, Autoren und Lektorate scheinen da sehr unterschiedliche Ansätze zu haben, denke ich. Vor allem, wer am ersten Manuskript schreibt, überlegt oft gar nicht erst, wer erreicht werden soll. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man hat da halt eine Geschichte im Kopf, die einen nicht mehr loslässt. Und wenn man die weiterentwickelt, steht man plötzlich mit einem Manuskript da, dass sich leider keiner konkreten Zielgruppe zuordnen lässt. Holger Kappels Rat an mich: „Sie müssen an einen Verlag geraten – oder besser einen Lektor –, der das Erwachsenenpotenzial darin erkennt. Es ist ein bisschen ein Glücksspiel.“ Dann fügt er hinzu. „Prinzipiell sollte sich jeder Autor einen Agenten anschaffen.“
Nach dem Gespräch bin ich frustriert. Ich habe immer noch nicht das Gefühl, der Sache wirklich auf den Grund gekommen zu sein. Eben so, als würde man auf ein klares Ablaufdiagramm gucken, auf dem systematisch der Weg des Romans von der Autorin bis zum Buchregal des All-Age-Lesers dargestellt wird, aber mittendrin gäbe es einen Punkt, der lautet: Hier geschieht ein Wunder!
Tja, wenn alle immer wieder auf die Leserinnen und Leser verweisen, dann frage ich doch die, was dieses Wunder eigentlich ist und was sie an den sogenannten All-Age-Büchern lieben. Doch das brauche ich gar nicht. Es gibt da eine, die genau das schon mal gemacht hat: Maria Bertling. Und zwar im Rahmen ihrer Dissertation.

Was sagen die Leserinnen? Oder: die Rezeptionsmodalitäten der All-Age-Leser
2016 veröffentlichte Maria Bertling ihre Doktorarbeit im Springer-Verlag unter dem Titel: All-Age-Literatur. Die Entdeckung einer neuen Zielgruppe und ihrer Rezeptionsmodalitäten.
Sie widmete sich also der Frage: Wer liest All-Age-Literatur und warum? Dazu Maria Bertling: „Es hatte damals niemand eine Antwort auf das Phänomen All Age, aber alle haben immer versucht, es von den Texten aus zu erschließen. Da dachte ich, es wäre sinnvoll, das Ganze mal vom Leser aus zu untersuchen. Die Buchwissenschaft macht keine Textanalyse wie die Germanistik, da passte das gut in den Forschungsbereich.“
Wobei ihr Schwerpunkt auf den erwachsenen Leserinnen und Lesern lag, nicht bei den Kindern oder Jugendlichen. Sie untersuchte die Mediennutzung, die Mediensozialisation und die Rezeptionsmodalitäten. Letzteres meint die Art und Weise, wie ein Text beim Lesen verstanden und/oder aufgenommen wird. Hierfür setzte sie sechs unterschiedliche Formen voraus:

  • Präsenz – bezeichnet starke Involviertheit. Der Leser oder die Leserin lässt sich voll und ganz auf das Geschriebene ein, kann aber natürlich jederzeit die fiktive Welt verlassen.
  • Kommotion – ist eigentlich eine Gehirnerschütterung, meint hier aber eine Mischung aus Emotion und Kommunikation: Beim Lesen werden Gefühle geweckt, die sich von Alltagsgefühlen unterscheiden. Es wird kräftig gelacht oder so richtig geweint, obwohl das Gelesene fiktiv ist und nur wenig oder gar nicht mit der eigenen Lebenssituation übereinstimmt.
  • Ideensuche – steht für das Phänomen, dass das Buch in den Dienst der eigenen Lebensbewältigung gestellt wird.
  • Identifikation – ist eng mit der Ideensuche verwandt, basiert aber weniger auf den Inhalten, sondern auf einem Vergleich auf der persönlichen Ebene.
  • Medienspezifisches Gestaltungsmittel – beschreibt den Spaß an der Gestaltung der Inhalte. Hier stehen beim Lesegenuss Sprachstil, Metaphern, Aussagen zwischen den Zeilen oder Ähnliches im Fokus.
  • Spiel – die kreativste Form des Lesens. Beim Lesen überlegt man sich alternative Szenen oder ein anderes Ende. (Auch Aspekte des Rätselratens oder der Mördersuche können hier mit hineinfallen. Allerdings wurden diese im Umfang der Dissertation nicht differenzierter untersucht.)

Maria Bertling erstellte eine 28-seitige Online-Umfrage an der von März bis Juli 2011 über 1.500 Personen teilnahmen. Die Teilnehmer wurden nicht darüber informiert, dass es in der Umfrage schwerpunktmäßig um das Thema All Age ging.
Bertling fand heraus, dass All-Age-Literatur keine neuen Leserkreise erschließt: „Sie ersetzt nur andere Unterhaltungsliteratur.“ Zudem unterscheiden sich Belletristik- und All-Age-Leser kaum in ihrer Mediensozialisation, also in der Art, in der sie mit Medien wie Büchern oder dem Fernsehen groß geworden sind. Allerdings, so Maria Bertling, gebe es da einen deutlichen Unterschied in vier der sechs Rezeptionsmodalitäten: „Beide Lesergruppen lesen gerne und viel und sind auch so aufgewachsen, wobei die All-Age-Leser vor allem Wert auf die Modalitäten Präsenz und Kommotion legen.“ Wer Belletristik las, setzte dagegen den Schwerpunkt auf medienspezifische Gestaltungsmittel und Ideensuche.
Während die Belletristik Lesenden also ein wenig Abstand von den Texten nehmen und Inhalte und Machart in ihrer Gesamtheit genießen, möchten die All-Age-Leserinnen und -Leser so nah wie möglich ran an ihre Hauptfiguren und teilhaben an der Geschichte. Zudem fallen zwei weitere Modalitäten auf. Bei denen, die All Age lesen, steht an dritter Stelle, mit einer immer noch recht hohen Bewertung, die Modalität Spiel. Und erst danach, an vorletzter Stelle, findet sich die Identifikation wieder.
Mir schwirrt der Kopf. Ich habe das Gefühl, auf etwas Wichtiges gestoßen zu sein, und stelle fest, dass ich erleichtert bin. In Maria Bertlings Buch und Forschung finden sich endlich ein paar Fakten, die mit meinen Erfahrungen übereinstimmen. Zwar ermittelte Bertling, dass die All-Age-Kerngruppe zwischen zwölf und 30 Jahre alt ist und die Leserschaft hauptsächlich weiblich, aber ich kann berichten, dass die Ausläufer durchaus weiter reichen. Immerhin bin ich fast 40. Mir fallen auch ohne großes Nachdenken eine Handvoll weiterer All-Age-LeserInnen aus meinem näheren Freundeskreis ein, darunter zwei Männer. Die Erwartungshaltung beim Lesen kann ich jedenfalls zu einhundert Prozent bestätigen.

Spiel und Identifikation
Die Modalität Spiel lässt mich nicht los. Wenn ich so die All-Age-Bücher durchgehe, die in meinem Regal stehen, fällt mir etwas auf. Es stehen drei Krimis dabei – mit ermittelnden Kindern im Alter von elf bis 13 Jahren. Diese drei funktionieren eindeutig über den Aspekt des Rätselratens. Alle anderen Bücher sind Fantasy-Romane. Das passt. Aber diese Fantasy-Romane haben noch etwas gemeinsam. Alle arbeiten eher mit einem „Was wäre, wenn ...?“-Ansatz als mit einem „Stell dir vor ...“.
Was wäre, wenn ... man durch eine Backsteinmauer im Hinterhof eines Londoner Pubs in die Welt der Zauberer käme? Oder wenn es doch Vampire oder Werwölfe gäbe oder Zeitreisen? Diese Geschichten gehen mehr oder weniger von der Realität aus und erweitern sie um einige (oft nur wenige) Komponenten.
Wenn wir noch mal Tolkien mit seinem Herrn der Ringe als Gegenbeispiel heranziehen, reden wir von einer komplett neu erschaffenen Romanwelt. Stell dir vor ... es gäbe da diesen Ort mit Hobbits, Elfen, Zwergen und diesen Ringen. Bei einem solchen Ansatz lasse ich mich als Leserin eher an die Hand nehmen und staunend herumführen. Das „Was wäre wenn ...“ verführt mich dagegen schneller, gedanklich herumzuspielen. Zumindest nach meiner Erfahrung. Die Art, wie eine Romanwelt erschaffen wird, könnte also einen Unterschied machen.
Kommen wir nun zu dem Punkt Identifikation. Wieso steht der erst so weit unten in der Rangliste? Geht es denn nicht bei all den Überlegungen zum Alter von kindlichen Heldinnen oder Helden und bei der gewünschten Nähe zum Charakter genau darum? Um Identifikation? Und dann wird es mir klar. Eben nicht! Das genau ist der springende Punkt.

Was lädt wirklich zur Identifikation ein?
John Truby fällt mir ein und jetzt springe ich auf und laufe zum Regal mit den Fachbüchern hinüber. Da, The Anatomy of Story von John Truby. Auf Seite 76 werde ich fündig. Hier schreibt er über die Identifikation mit dem Helden durch Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Beruf. Sinngemäß von mir übersetzt, sagt er: „Würden Zielgruppen sich mit spezifischen Charakteristika identifizieren, würde sich niemand mit irgendwem identifizieren, weil jeder Charakter viel zu viele Eigenschaften hätte, die der jeweilige Leser gar nicht teilt.“ Er ist der Meinung, dass es hauptsächlich zwei Elemente sind, die Leserinnen und Leser dazu bringen, sich mit Charakteren zu identifizieren: mit dem Wunsch beziehungsweise dem Verlangen, das die Hauptfigur hat und mit dem moralischen Problem, dem sie sich gegenübersieht. Es sind also Verlangen und Bedürfnis, Want und Need, die es zur Identifikation braucht. Laut Truby treibt das Verlangen die Geschichte an, weil die Leser wollen, dass der Held erfolgreich ist. Hinter dem moralischen Problem stehe die wichtige Frage, wie man mit anderen richtig zusammenlebt. Truby warnt sogar, dass die Leser sich nicht zu sehr mit dem Charakter identifizieren sollten. Andernfalls seien sie nicht in der Lage, zurückzutreten und zu sehen, wie der Held sich verändert und wächst.
Auf Seite 77 nennt Ruby den für ihn wichtigsten Punkt: „Always show why your hero acts as he does.“
„Zeige immer, warum der Held tut, was er tut.“ Der Grund: Mache ich als Autorin klar, warum meine Figur sich entscheidet, so und nicht anders zu handeln, verstehen die Leser den Grund hinter der Aktion, ohne das notwendigerweise selbst gut zu finden. Wir sprechen hier von Empathie, nicht von Sympathie.
Natürlich könnte man jetzt fragen: Trifft das denn nicht auf alle gut geschriebenen Bücher zu? Richtig, das tut es! Für alle, die einen Leseansatz haben, wie Maria Bertling ihn über die Modalitäten feststellen konnte, ist das aber der entscheidende Punkt. All-Age-Literatur kommt dem einfach entgegen. Simpel ausgedrückt: Ein Thriller ist spannender, eine Liebesschnulze romantischer und eine All-Age-Geschichte näher am Helden geschrieben, an seinen oder ihren Motiven, Emotionen und der Charakterentwicklung als der Otto-Normal-Roman.
Es bleibt festzuhalten, dass erwachsene All-Age-Leserinnen und -Leser sich nicht mit den deutlich jüngeren Romanhelden identifizieren. Warum sollten sie auch. Sie lieben sie, weil sie durch die Art, wie die Bücher geschrieben sind, die Absichten und Beweggründe der Figuren nachvollziehen können.
Ambitionen und Beweggründe, genau davon sprach auch Holger Kappel in Bezug auf die junge Zielgruppe. Jetzt liegen mir keine Unterlagen über die Rezeptionsmodalitäten bei Kindern und Jugendlichen vor, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es in Sachen Identifikation hier einen Unterschied geben sollte. Im Gegenteil. Linde Müller-Siepen betonte, dass Kinder sich alterstechnisch „nach oben orientieren“ möchten. Also an einer Altersstufe, die sie selbst bisher weder erreicht noch erlebt haben. Sie interessieren sich dafür, was die Älteren tun, was sie antreibt und warum. Du meine Güte, wie viele „Warums“ ich schon von meiner Tochter gehört habe!

Das A und O: die Charakterentwicklung
Ich persönlich denke, dass die Nähe zum Charakter (eben nicht die Identifikation mit dessen Alter und sonstigen Charakteristika) auch im Kinder- und Jugendbuch den entscheidenden Punkt darstellt.
Genau genommen ist es nicht einmal verwunderlich, dass die Entwicklung des Romanhelden, der Romanheldin gerade für die All-Age-Zielgruppe, also durch alle Altersklassen hinweg, von Interesse ist.
Ich fühle mich leicht benommen, vielleicht sogar ein wenig leichtsinnig. Mein eigener Romanheld mit seinem so viel älteren Begleiter und Erzähler kommt mir in den Sinn. Ich frage mich, ob dann nicht gerade ein erwachsener Erzähler – beziehungsweise eine erwachsene Erzählerin – ein möglicher Schlüssel zu einem gelungenen All-Age-Roman sein müsste. Vorausgesetzt er oder sie berichtet offen genug über Absichten, Gefühle und Beweggründe. Die erwachsene Leserschaft würde das abholen, es entstünde nicht so schnell das Gefühl ein Kinderbuch zu lesen. Und die junge Zielgruppe könnte die erzählende Figur verstehen und daher ihr Alter verzeihen. Schließlich gehört es zur kindlichen Erlebniswelt, dass Erwachsene oft zu kompliziert denken, sich unnütze Sorgen machen und Kindern grundsätzlich zu wenig zutrauen. (Erfahrungsgemäß finden Kinder den Großteil von uns Erwachsenen trotzdem ganz sympathisch.) Wenn es dann noch die junge Hauptfigur gibt, die die ganzen fantastischen Abenteuer erlebt, die Jung und Alt gerne selbst erleben würden ... Das könnte eine unschlagbare Kombination sein.
Wäre vielleicht etwas frech, sich hinzustellen und so etwas zu behaupten, oder? Na ja, dass Autorinnen und Autoren sehr überzeugt sein können, von dem, was sie selbst geschrieben haben, das kennt man ja. Vielleicht genauso überzeugt wie die Verlage von ihren Verkaufskategorien.

Und wie schreibt man nun eine All-Age-Geschichte? Eine Zusammenfassung:
Ich denke, ich habe schließlich doch ein paar Anhaltspunkte erfahren, die man allen an die Hand geben kann, die gezielt einen All-Age-Roman schreiben oder überarbeiten möchten. Was also gilt es zu bedenken?

  • Das Alter des Helden: Es ergibt Sinn, sich genau zu überlegen, ab welchem Alter man die LeserInnen abholen möchte und das Alter der Hauptfigur dementsprechend zu wählen: also für die Zielgruppe ab zehn, zwölf, 14 oder 16 Jahren. Das hat nicht nur Auswirkungen auf Inhalt und Komplexität des Textes; es beeinflusst auch stark, nach welchen formalen Kriterien das Lektorat ihn später bewertet. Vorausgesetzt, man möchte ihn über einen Verlag veröffentlichen.
  • Die Komplexität: Erst mal zur Schreibweise: Schachtelsätze verlangsamen und erschweren den Lesefluss. Gerade das All-Age-Publikum möchte aber eintauchen in die Handlung. Daher ist grundsätzlich und für alle Altersgruppen anzuraten, die Sätze einfacher aufzubauen, so dass sie sich in einem Rutsch verstehen und lesen lassen. Und nun zum Inhalt: Vor oder beim Schreiben gilt es zu überlegen: Wie viele parallel verlaufende Handlungsstränge dürfen es für dieses Lesealter sein und wie viele Erzählperspektiven? Wie viel Gewalt, Verliebtheit oder gar Sex gehen in Ordnung? Und: Wie ambivalent kann ich meine Charaktere gestalten, ohne die Zielgruppe zu überfordern?
  • Präsenz und Kommotion: Das All-Age-Lesepublikum will nah ran an die Figuren. Für Autorinnen und Autoren ist daher wichtig, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wie lässt sich genau zeigen, warum die Figur tut, was sie tut? In welchem moralischen Dilemma steckt mein Held? Was fühlt er? Was denkt er, während er sich für eine von mehreren Handlungsmöglichkeiten entscheidet? Was macht sein Handeln glaubwürdig: allgemeine gesellschaftliche Werte, eine persönliche Leidenschaft oder Erlebnisse aus seiner Vergangenheit? Was ist das Ziel meiner Heldin? Wer oder was steht dem entgegen? Was braucht sie wirklich und welche Elemente brauche ich, um das deutlich werden zu lassen, und zwar so, dass die Heldin das auch selbst erkennt?
  • Über die Hauptfigur hinaus ist wichtig: Wie gestalte ich die Handlung so aktionsreich und überraschend, dass meine Leser förmlich hineingesaugt werden? Wie sieht das zum Beispiel mit dem Anteil der Dialoge aus und wie ausladend darf ich Beschreibungen gestalten, um die Aufmerksamkeit zu halten?
  • Abenteuer und Spielfaktor: All-Age-Romane gehören zur Unterhaltungsliteratur. Eine Überlegung wert ist daher, wie man „frische“ Abenteuer und Spannung in die Geschichte bekommt. Welche neuen Welten könnte man entwerfen und nach welchem Ansatz entwickelt man sie? Was wären erstaunliche Figuren oder ungewohnte fantastische Elemente, die Klein und Groß begeistern? Welche Rätsel wären spannend zu lösen? Was könnte ein Gefühl auslösen von „Ich bin mittendrin und denke mit, wie der Held aus dieser gefährlichen Nummer wieder rauskommt“?
  • Spaß und Humor: immer gut! Auch Anspielungen nur für die Erwachsenen. Vorausgesetzt, sie sind so kurz gehalten, dass Jüngere sie problemlos überlesen können, ohne aus der Geschichte gerissen zu werden. Dann amüsieren sich die, die es verstehen, und alle anderen stört es nicht.

Wie kriege ich All Age an den Verlag?
Diese fünf Punkte sind sehr breit gefächert und oft ist das Urteil dazu subjektiv: Das sehen die Einen so und die Anderen so. Ich habe aber immer noch den Wunsch, meinen Roman über einen Verlag zu veröffentlichen. Folglich bleibt mir das Problem eine Lektorin, einen Lektor zu finden, die oder der meine Geschichte im Hinblick auf das eigene Verlagsprogramm für geeignet hält. Holger Kappel empfahl den Weg über eine Literaturagentur. Ich suche eine Weile im Internet, bis ich auf die litmedia.agency stoße. Eine Literaturagentur, der besonders das Thema All Age am Herzen liegt. Eine der Inhaberinnen, Jessica Itterheim, verrät mir: „Für uns ist jedes Buch All Age, das über das Kinderbuch hinausgeht. Jedes, das Interesse bei Leuten wecken kann, die älter sind. Wir sprechen da auch von unterschiedlichen Dingen, je nachdem von welchem Verlag wir reden.“
Hat die Agentur dieselben Erfahrungen bei der Vermittlung von All-Age-Manuskripten gemacht wie ich mit meinem eigenen Buchprojekt?
Ja! „Mal ganz ehrlich. Es ist einfach subjektiv“, verrät mir Jessica Itterheim. „In Verlagen muss es im Endeffekt der Person gefallen, die das liest. All-Age-Manuskripte sind teilweise schwieriger zu vermitteln, teilweise einfacher. Es kommt immer darauf an. Wir können zum Beispiel mit dem Autor zusammen schauen, ob man das Buch vielleicht in eine Richtung anpasst. Ist es doch eher ein Jugendbuch oder ist es von den Themen her eher im Erwachsenenbereich angesiedelt? – Als Agentur nehmen wir noch mal diesen externen Blickwinkel ein. Wir gucken: Wo und wie könnte man den All-Age-Titel platzieren? Und gehen dann mit dieser Marketingperspektive an den Verlag, sprechen aber natürlich davor mit dem Autor darüber, wo er sich das Buchprojekt vorstellen könnte. – Wir kommen ja auch selbst von der Autorenseite. Es ist uns wichtig, dass wir mit dem Autor besprechen, in welche Richtung wir das Projekt entwickeln, damit wir es verkaufen können. Das ist ja eigentlich auch die Intention, wenn man eine Agentur sucht.“
Ist für sie als Literaturagentin folglich unwichtig, ob Autorinnen und Autoren ihre Zielgruppe kennen?
„Wir haben ganz viele Autoren, die gar nicht wissen, welches Genre sie geschrieben haben. Wo man erst einmal rausfinden muss, was es ist. Oft titulieren sie es als Jugendbuch oder nur als Fantasy oder Ähnliches. Ganz selten ist, dass jemand wirklich sagt: Hier, ich hab ein All-Age-Buch geschrieben.
„Trotzdem muss ich doch eine Agentur genauso von meinem Projekt überzeugen, wie ich das bei einem Verlag machen müsste?“, hake ich nach.
„Wir sind da so:“, erklärt mir Jessica Itterheim, „Wenn wir merken, es ist was Persönliches, was Subjektives, das Buchprojekt ist objektiv gut geschrieben und logisch aufgebaut, dann geben wir es auch durchaus innerhalb der Agentur weiter. Weil wir dann sagen: Ich persönlich kann da nichts mit anfangen, guck du mal, wie du das siehst.
Für mich klingt das gut. Gibt es noch etwas, das Jessica Itterheim mir raten würde?
„Grundsätzlich finde ich es wichtig, Testleser aus All-Age-Gruppen zu haben. Das kann auch so helfen, egal, was man schreibt. Dass man eben auch Kinder und Jugendliche zusätzlich zu den Erwachsenen als Testleser hat. Die sehen ganz oft ganz andere Sachen. Oder es stört sie etwas, woran man als Erwachsener gar nicht gedacht hätte. Ansonsten sollte man sich nicht zu sehr verkrampfen, dass es jetzt aber für alle passen muss. Wenn es dann nachher vielleicht doch als Kinderbuch verkauft werden sollte, wäre das doch auch nicht schlecht.“
Ich stimme dem zu und reiche mein Manuskript gleich zur Begutachtung ein. Jetzt bleibt nur noch eines offen. Die Frage, wie das mit meinem „kleinen Artikel“ hier aussieht. Das Alter der Zielgruppe stellt in diesem Fall kein Problem dar. Die Nähe zur Figur und ihren Beweggründen ... Ich denke, das ist mir ganz gut gelungen. Bei der Modalität Spiel gibt es Abzüge. Das einzige fantastische Element ist hier wohl meine Vorstellung, dass aus meinem Buchprojekt mal ein Bestseller werden könnte. So mit literarischer Auszeichnung, Übersetzung in 85 Sprachen und meinem grinsenden Helden auf sämtlichen Nutella-Gläsern dieser Welt. Jedenfalls hat die Heldin dieses Berichtes ihr Problem erkannt, sich den unterschiedlichen Gegenübern gestellt und zum Schluss sowohl etwas dazugelernt, als auch einen neuen Lösungs-Ansatz gefunden. Deshalb halte ich es für gerechtfertigt, diesen Beitrag mit folgenden zwei Worten zu beenden: Happy End.

Autorin: Jasmin Pond | https://jasminpond.com | [email protected]
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 134, Februar 2019
Blogbild: Foto: Jake Thacker/Unsplash

 

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