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Mörder mit Mundschutz Oder: Darf ich Corona in meinem Roman erwähnen?

Federwelt
Petra Zeichner
Abstrakte Corona Zeichnung

Corona ist allgegenwärtig. Seit einigen Monaten gibt es Lockerungen der Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen. Trotzdem: Veranstaltungen mit unbegrenzt vielen Gästen sind weiterhin untersagt und beim Einkaufen muss man noch Maske tragen und Abstand wahren. Wäre doch naheliegend, dass sich dieser Zustand auch in Romanen, die im Hier und Jetzt spielen, niederschlägt. Vielleicht so?

„Felix stieg aus und ging auf den Unterstand mit den Einkaufswagen zu. Dann verdrehte er die Augen, kehrte um, öffnete die Autotür und anschließend das Handschuhfach. Plötzlich Stimmen. Er zuckte zusammen, schaute sich hektisch um, aber die Leute waren zu weit entfernt, als dass sie den Revolver hätten sehen können. Er schob ihn beiseite und nahm den Mund- und Nasenschutz aus dem Fach.“
Oder sollte man doch lieber ganz darauf verzichten? Das habe ich Akteurinnen und Akteuren der Buchbranche gefragt.

Wie die Verlage darüber denken
Auch manchen Verlagen verursacht die Pandemie Kopfzerbrechen. Da niemand weiß, wie sie sich weiterhin entwickelt, ist man sich bei Piper ob des weiteren Vorgehens unsicher. Zwar gebe es keine Verbote für die Autor*innen, über Corona und die Zeit des Lockdowns zu schreiben, sagt Andrea Müller, Programmleitung Unterhaltung.
„Aber wir fragen uns gemeinsam mit unseren Autoren schon, ob Ende 2021 – und wir sind planerisch bereits im Herbst 2021 beziehungsweise Frühjahr 2022 – und darüber hinaus Corona als Thema Leser nicht vielleicht eher abschreckt.“ Entweder könne die Bedrohung noch zu nah sein oder das Thema langweilen, weil es zu abgegriffen oder zu lange her sei. Doch dann bezieht Müller Stellung. „In Romanen, die klaren Gegenwartsbezug haben, wird sich die Erwähnung der Pandemie aber kaum vermeiden lassen – sie ist schließlich ein prägendes Ereignis unserer Zeit.“
„Tatsächlich erreicht uns diese Frage inzwischen auch vereinzelt aus dem Kreise unserer Autorinnen und Autoren, die just in diesem Moment mitten in der Arbeit an einem neuen Roman stecken oder diesen gerade abliefern“, berichtet Marco Schneiders, Verlagsleiter Programm bei Bastei Lübbe. Ein zeitgenössischer Roman solle zwar immer auch Teile der Lebenswirklichkeit abbilden. Trotzdem betont er: „Wir raten momentan dazu, Corona NICHT zu erwähnen oder gar zum Thema oder Nebenthema eines ganzen Romans zu machen.“ Der Grund: Leserinnen und Leser von Unterhaltungsromanen, wie sie bei Bastei Lübbe erschienen, erwarteten von der Lektüre gerade eine Rückzugsmöglichkeit aus der Wirklichkeit. „Und die schnöde, teils deprimierende Corona-Realität ist nicht dazu angetan, diesem Wunsch zu entsprechen.“ Als eine virenbedingte Ausnahmesituation gehöre die Pandemie in die Tagespresse und nicht in eine Geschichte, die man auch in fünf oder zehn Jahren noch gerne lesen wolle.
So eindeutig formuliert es Claudia Senghaas, Programmleiterin bei Gmeiner, nicht. Beides hat ihr zufolge seine Berechtigung: die Flucht vor Corona in die Welt des Romans, aber auch die Abbildung der Wirklichkeit darin. „Wird Corona mit angesprochen, könnten die Leserinnen und Leser auch Hilfe oder Kraft aus der einen oder anderen beschriebenen Situation ziehen“, meint sie. Denkbar sei zum Beispiel eine Szene in einem Krimi, in der der Ermittler einen Verdächtigen mit Mundschutz befragt oder mit dem entsprechenden Abstand. „Gerade bei Krimis ist man immer um Glaubwürdigkeit bemüht. Wir als Verlag machen es jedoch nicht zur Voraussetzung, dass Corona in irgendeiner Art und Weise in zeitgenössischer Belletristik auftaucht.“
Tatsächlich bekam Gmeiner schon etliche Corona-Krimis angeboten. Keiner davon hat bislang Eingang ins Verlagsprogramm gefunden, „weil ja nicht nur das Thema überzeugen muss, sondern auch Sprache, Stil und die Serienfiguren“, betont Senghaas. Dann offenbart sie: „Geplant ist aber momentan, dass wir eventuell noch in 2021 einen Thriller dazu veröffentlichen.“

Was die Autor*innen sagen
„Meinen nächsten Roman wird Heyne im März 2021 herausbringen. Es wird ein Thriller sein, der einige gesellschaftliche Probleme anreißt, Corona ist nicht darunter“, sagt Krimiautor Horst Eckert. Sollte die Pandemie nicht zumindest im Hintergrund eine Rolle spielen? „Ich habe mich dagegen entschieden, denn ich bin ein hoffnungsloser Optimist.“ Vielleicht gebe es bis zum Veröffentlichungstermin einen Impfstoff oder ein Medikament. Und wenn nicht? „Nichts gegen einen guten Pandemie-Thriller“, stellt Eckert klar. „Aber um zeitlos zu sein, sollte der Erreger darin besser namenlos und furchterregend bleiben.“
Oliver Pötzsch schreibt historische Romane. Und doch ist er auch in literarischer Hinsicht von der Pandemie unmittelbar betroffen. Denn sein aktueller Roman Die Henkerstochter und der Fluch der Pest, erschienen im Mai 2020, hat durch Corona einen Verkaufsschub erfahren. Dem Autor ist es aber wichtig …

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Autorin: Petra Zeichner | www.petra-zeichner.de | www.pz-komm.de
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 144, Oktober 2020
Blogbild: Carola Vogt

 

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