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Literarisches Schreiben - Teil 4

Federwelt
Jan Decker

Literarisches Schreiben – eine Serie von und mit Jan Decker

Teil 4: Wie finde ich Themen, welche sind für mich überhaupt noch frei, wie kann ich mich schreibend behaupten oder gar Neues schaffen?

 

Ein Kernstück des Literarischen Schreibens ist die Themenfindung. Ich habe sie bisher nicht erwähnt, möchte nun aber klarstellen: Als Autor, als Autorin können Sie noch so sehr an einer unverwechselbaren Autorenstimme arbeiten, an einem soliden Wissen über Plotmodelle, Genres et cetera, an der Fähigkeit, sich in allen Lebenslagen zum Schreiben hinzusetzen – erst Ihr Thema ist die Münze, die den Schreibautomaten in Gang setzt.

Dabei ist es nicht Sinn und Zweck des Literarischen Schreibens, dass ich automatengleich werde; dieses schlechte Image hat das Kreative Schreiben ja. (Zu Unrecht!) Sondern, dass ich einmalige, neuartige Texte schreiben werde, für die eingeworfene Münze also den maximalen Erlös erhalte. Hierin liegt meiner Meinung nach auch der Mehrwert des Literarischen Schreibens gegenüber dem Schreiben in festgelegten Genres. Neue und originelle Themen sind oftmals leichter zu finden, wenn ich sie losgelöst von Genres denke. Beispiel Sterbehilfe: Dieses Thema ist relevant, das muss ich als Autor oder Autorin einfach spüren, bevor ich weiß, in welchem Genre ich es gestalten werde. Dieses „einfach spüren“, darum soll es in diesem Text gehen.

Wo die Themen finden?

Zwischen dem Wohnhaus und der Garage meiner Großeltern gab es einen niedrigen, kalten Raum, die Waschküche genannt. Natürlich stand die Waschmaschine dort, es gab aber auch ein unkomfortables Waschbecken und eine abweisende, von Spinnen bewohnte Toilette. Ich glaube, für die Themenfindung gibt es keinen geeigneteren Ort als die Waschküche. Die Themenfindung muss in einem Raum stattfinden, der dem Schreiben vorgelagert ist, weniger behaglich ist, ein Fenster zur Welt besitzt, einen klaren Ausgang hat. Hier muss ich hart und schmutzig arbeiten können. Das gilt für jedes Genre, nicht nur für den Roman, der wegen seiner Stofffülle ja meistens eine Art Waschküche hat, und sei es die Pinnwand mit den Skizzen zu Plot und Figuren. Jeder muss übrigens seine persönliche Waschküche finden, die auch ein Waldspaziergang sein kann oder das Bad in der Wanne. Ein Ort, an dem die Gedanken sich ausprobieren können; er muss nicht so ungemütlich wie die Waschküche sein.

Themen erfordern, um gefunden zu werden, einen solchen Zwischenraum. Schreibe ich gleich einen Text zum Thema Sterbehilfe, habe ich die Stoffsammlung vergessen. Und damit das Arbeiten in der Waschküche, das Hin- und Herwenden des Themas: Was könnte noch dazugehören, wie soll mein Text dieses Thema gestalten? Ich darf mich am Schreibtisch verbeißen, in die Irre gehen, aber ohne die Waschküche bin ich wirklich aufgeschmissen, weil mich nichts auf den roten Themenpfad zurückführt. Und gelingt mir spontan der packende Text zum Thema Sterbehilfe, was nicht ausgeschlossen ist, stehe ich danach vor dem Nichts. In der Waschküche entdecke ich meine Themen, ich arbeite an ihnen, und ich sammele neue Themen für den Zeitpunkt nach meinem nächsten Text.

Die Waschküche als Stoffwandler

Oftmals, das finde ich besonders faszinierend, wandeln sich Stoffe in der Waschküche um. Sie bekommen ein ganz neues Gewand, oder einen ganz neuen Inhalt. Das Thema bleibt im Hintergrund präsent. Aber aus dem Hörspiel zum Thema Sterbehilfe, einem Dialog zwischen einem jungen Mann, der sterben möchte, und einem intelligenten Computer, der Sterbehilfe-Dienste im Auftrag einer Kommune anbietet – es soll ein Stück Social-Science-Fiction werden – ,wird nun das Kammerspiel einer Figur, die allein mit sich redet und um dieses Thema ringt: sterben wollen, weil man sterben muss. Wie es dazu kommt? Ich entwerfe den Plot meines Social-Science-Fiction-Hörspiels auf einem Blatt Papier – und merke, dass es eigentlich zwei Plots sind: Einer zum Thema Sterbehilfe und einer zum Thema Outsourcing (Auslagerung von kommunalen Dienstleistungen). Ein Plot zu viel. Weg damit! Es bleibt der junge Mann.

„Einfach spüren“ ist hier die passende Leitwährung. Das heißt: Meine Autorenstimme ist in der Waschküche auf stumm geschaltet, nur im Hintergrund da. Sie möchte Futter, sie wird es bekommen. Jetzt bei der Themenfindung bin ich der Dompteur, der dem Raubtier das Futter geduldig zurechtschneidet. Ruhig! Ein richtiges Islandtief weht hier hinein, zu mir und den Arbeitsvorrichtungen, die mir helfen, meine Themen zu finden: Notizzettel werden umgeschrieben, umgeordnet, zerknüllt und wieder ausgefaltet. Der Protagonist meiner Sterbehilfe-Hörspiels soll Jonas heißen; ich spüre: Das passt für das Kammerspiel nicht mehr. Ein neuer Name muss her. Ein neuer Schauplatz. Eine ganze Welt, die ich in der Waschküche erfinde und zurechtschneide – für den späteren Schreibprozess.

Arbeitsvorrichtungen in der Waschküche? Ich meine eine Reihe von banalen Dingen: Zuerst sammele ich Artikel zum Thema Sterbehilfe, arbeite meine Notizen zu einem Exposé aus, dann breite ich all das in der Waschküche aus und überfliege es oder studiere es eingehend, je nach Temperament des Themas. Beim Thema Sterbehilfe werde ich mich akribisch einlesen, bevor ich schreibe. Das Thema ist zu hintergründig und komplex, ich muss es wirklich gut kennen. Ich muss also dreifach „einfach spüren“: spüren, wo meine Themen sind (und diese notieren!). Spüren, wie ich sie anpacke (und die Waschküche für meine Bedürfnisse einrichten). Und spüren, wie und wann ich mit dem Schreiben loslegen kann.

Erst kommt das Spüren, dann kommt das Schreiben – könnte man sagen. Und da es weder ein „Spüren an sich“ noch ein „Thema an sich“ gibt, werbe ich für diesen Ort, an dem der Autor oder die Autorin frei vom Druck des weißen Blatts Papier spüren und probieren kann: die Waschküche.

Hier kann ich Themen finden und sie mit den Methoden des Literarischen Schreibens zu neuen, faszinierenden Texten machen. Frei sind alle Themen für mich, wenn ich sie nur originell gestalte; auch ein so viel beachtetes Thema wie die Sterbehilfe.

Wie ich Themen originell gestalte, darum geht es in den nächsten Teilen dieser Serie.

 

Autor: Jan Decker | www.decker-jan.de
In: Federwelt, Heft 116, Februar 2016