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Liebe auf den ersten Satz? #6

Federwelt
Anne Weiss
Autorin und Lektorin halten ein Buch hoch

Bestsellerautorin Elma van Vliet und ihre Lektorin Ilka Heinemann im Gespräch mit Anne Weiss – über die Macht einer guten Idee, die Entwicklung weiterer Produkte und ihre Arbeit über Ländergrenzen hinweg

Wie bedeutsam ist das Lektorat für den Erfolg eines Buches? Was müssen Autorinnen und Autoren über die Arbeit mit dem Lektorat wissen?
Für die Federwelt habe ich Bestsellerautoren wie Zoë Beck, Sebastian Fitzek, Markus Heitz und Sabine Städing befragt – zusammen mit denen, die sonst nie im Rampenlicht stehen: ihren Lektorinnen und Lektoren. In Heft 139 erzählte Schriftstellerin und Verlegerin Zoë Beck mit ihrer Außenredakteurin Catherine Beck, wie aus einem Tweet eine langjährige Zusammenarbeit wurde und wie wichtig Ehrlichkeit für das Gelingen einer Arbeitsbeziehung ist.

Sätze, die Sie als Autor oder Autorin niemals sagen sollten, wenn Sie Wert auf gute Zusammenarbeit legen

  • Falls Ihnen Passagen meines Buches aus anderen Werken bekannt vorkommen, das nennt sich Sampling und ist eine neue Kulturtechnik.
  • Ich habe den Fehler extra eingebaut, wollte nur mal gucken, ob du ihn findest.
  • Du brauchst das Manuskript eigentlich nicht zu redigieren. Meine Frau hat es ganz genau gelesen.
  • Hast du spätestens Freitagnachmittag. Mein letzter Lektor hat die Textarbeit auch immer am Wochenende gemacht.

Was Sie als Lektorin oder Lektor während der gemeinsamen Arbeit am Manuskript nie sagen dürfen

  • Ich hab das lektorierte Manuskript schon mal in den Satz gegeben. Oder wolltest du das noch mal sehen?
  • Wenn du den Killer rausnimmst, die Hauptfiguren austauschst und die Handlungszeit ins Mittelalter verlegst, wird ein toller Roman draus.
  • Das Buch habe ich dir ja praktisch in die Feder diktiert.
  • Hast du spätestens Freitagnachmittag. Alle meine anderen Autoren lesen die Fahnen auch immer am Wochenende.

Diesmal habe ich mich mit einem Team unterhalten, das viel Neues wagt. Mit den Büchern ihrer Erzähl-mal-Reihe, die zum Teilen und Bewahren von Erinnerungen einladen, wurde die Niederländerin Elma van Vliet auf einen Schlag zur Bestsellerautorin. Von Anfang an dabei: Verlagslektorin Ilka Heinemann von Droemer Knaur. Elma und Ilka kennen sich seit fast 15 Jahren und dem Buch Mama, erzähl mal!. Aber wie funktioniert die ungewöhnliche Arbeit über Landesgrenzen und zwei Sprachhintergründe hinweg? Erstmals erzählen die beiden gemeinsam, wie neue Ideen zu van Vliets erfolgreicher Buchreihe entstehen und wie auch andere Produkte sich daraus entwickeln.

Wann habt ihr euch zum ersten Mal getroffen und mochtet ihr euch auf Anhieb?
EvV: Mein erstes Buch, Mam, vertel eens, erschien 2004 in den Niederlanden. Es war das erste Buch, das Fragen stellte, statt zu erzählen. Und es war wahrscheinlich das einzige Geschenkbuch der Welt, das man der Person zurückgeben sollte, von der man es bekommen hatte.
Bevor ich mein erstes Buch geschrieben hatte, arbeitete ich bei einem großen Telekommunikationsunternehmen, ich hatte also keinerlei Erfahrung mit der Buchbranche. Aber ich war fest davon überzeugt, dass jedes Kind auf der Welt es verdiente, ein Buch mit den Familiengeschichten seiner Mutter zu bekommen. Also bot ich es Marianne Schönbach an, der besten Literaturagentin der Niederlande. Sie war sofort begeistert und setzte sich mit Ilka Heinemann in Verbindung. Obwohl es so etwas auf dem deutschen Buchmarkt noch nicht gegeben hatte, verliebte sich Ilka auf den ersten Blick in die Idee und überzeugte die Programmleitung, es in Deutschland herauszubringen. Damit begann unsere gemeinsame Geschichte.
Am Anfang arbeiteten wir via E-Mail, was gut funktionierte. Etwa zwei Jahre später wollte ich endlich wissen, wer sich hinter den Namen des deutschen Teams verbarg, mit dem ich arbeitete. Also rief ich Ilka an und fragte sie, ob sie mit mir einen Kaffee trinken mag. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr den ganzen Weg nach München. Damals hatte ich keine Ahnung, dass das recht ungewöhnlich ist. Ich folgte einfach meinem Herzen. Es war toll, Ilka kennenzulernen, und nach dem Kaffee gingen wir direkt noch Abendessen. Danach war unsere Beziehung viel persönlicher. Sie ist ein sehr zugewandter, lustiger und inspirierender Mensch – und sie liebt Bücher. Wir hatten viel Spaß bei unserem ersten Treffen und von dem Moment an hielten wir Kontakt.
IH: Kurzerhand nach München zu kommen war das Beste, was Elma hätte tun können, denn wir verstanden uns auf Anhieb prächtig! Nicht nur haben wir die gleiche Art von Humor – es stellte sich auch heraus, dass eine ganz besondere kreative Energie entsteht, wenn wir uns sehen.

Wie bleibt ihr in Kontakt und welche Vorteile hat der Kommunikationsweg?
IH: Dem ersten Treffen folgten viele weitere. Oft treffen wir uns irgendwo in einem Ort auf halbem Weg zwischen unseren beiden Standorten und verbringen einen Tag arbeitend im Café, was wahnsinnig ergiebig ist. Doch im Alltag sind wir natürlich darauf angewiesen, uns per Mail, Telefon oder Skype zu verständigen. 

Liebe Elma, erzähl mal … von dem Moment, als dir die Idee zu deiner Buchreihe kam. Wie hat sich das entwickelt? Wusstest du von Anfang an, das soll eine Serie werden?
EvV:
Ich stamme aus einem kleinen niederländischen Dorf, aber ich hatte noch nie das Gefühl, da hinzugehören. Ich träumte davon, zu reisen und die Welt zu sehen. Und das habe ich auch gemacht. Ich habe einen Berufsweg eingeschlagen, der es mir erlaubte. Ich muss meiner Mutter dafür danken, weil sie mir beigebracht hat, wie wichtig es für Mädchen ist, unabhängig zu sein. Dadurch, dass sie mich ermutigte und inspirierte, machte ich die Schule zu Ende und lebte ein schwungvolles Leben, ging viel aus, traf mich mit Freunden und fand meinen Platz in der Welt. Aber je älter ich wurde, umso mehr drifteten meine Mutter und ich auseinander. Wir liebten uns und redeten miteinander, aber wir hatten keine wirkliche Verbindung.
Dann bekam ich einen Anruf, den ich nie vergessen werde und der mein Leben veränderte. Der Anruf führte mich in ein Krankenhaus, wo ich erfuhr, dass meine Mutter krank war und nicht mehr lange zu leben hatte. Ich geriet in Panik, und da wurde mir klar, dass ich wirklich wenig über sie wusste. Dass ich nur an sie als meine Mutter dachte und dass unsere Beziehung sehr einseitig war und nur auf mich ausgerichtet. Mir wurde klar, dass es so viele Fragen gab, die ich ihr nie gestellt hatte. Und mir wurde auch klar, dass ich ihr nicht genug gesagt hatte, wie viel sie mir bedeutet. Darum machte ich ein Buch, das ich Mam, vertel eens nannte. Am Anfang dachte ich gar nicht daran, dass es veröffentlicht werden könnte. Ich habe es nur für sie gemacht. Das war meine Art, ihr zu sagen, dass ich sie liebe und wie gern ich mehr von ihrem Leben wissen wollte.
Als ich ihr das Buch gab, hoffte ich, dass ich einfach Antworten auf meine Fragen bekommen würde. Aber was ich bekam, war so viel mehr. Während sie meine Fragen beantwortete, begannen wir miteinander zu reden. Sie erzählte mir Geschichten, die ich nie zuvor gehört hatte. Geschichten darüber, wer sie früher war und wer sie geworden war. Und ich nahm mir die Zeit, ihr wirklich zuzuhören. Und sie hörte mir zu. Wir verstanden uns besser und begannen, uns wie nie zuvor verbunden zu fühlen. Und was mal ein unbeschriebenes Buch gewesen war, verwandelte sich in das kostbarste Geschenk, das ich je bekommen habe: Die Geschichte meiner Mutter und mir. Meine Mutter ist vor zwei Jahren gestorben, und das Buch, das sie für mich schrieb, ist das kostbarste Buch, das ich besitze und ich liebe den Gedanken, dass ich es mal meinen Söhnen vermachen kann, damit sie es als Familienerbstück genauso in Ehren halten und …

Linktipp
Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL): vfll.de

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Autorin: Anne Weiss | www.meinlebenindreikisten.de | [email protected]
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 143, August 2020
Blogbild: Privat

 

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Dieser Artikel steht in der Federwelt, Heftnr. 143, August 2020: /magazin/federwelt/archiv/federwelt-42020
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