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Heute schon geschrieben? - Teil 3: Die richtige Erzählperspektive finden (1)

Federwelt
Diana Hillebrand

„Heute schon geschrieben?“ – Von der Idee zur Kurzgeschichte mit Diana Hillebrand und der Federwelt
Teil 3: Die richtige Erzählperspektive finden (1):

Der personale Erzähler und wie Sie ihn in „Szene(n)“ setzen

 

Mit unserem für die Federwelt adaptierten Heute-schon-geschrieben?-Mitmachkurs möchten wir Sie einladen, eine Kurzgeschichte zu entwickeln, die das Zeug hat, in einer Anthologie zu landen oder bei einem Wettbewerb zu überzeugen. Dafür liefern wir schrittweise die Theorie, Übungen und eine Schreibaufgabe zum Lösen und Einsenden. (Und natürlich sprechen wir alle heißen Problemeisen an! Dinge, die vielen AutorInnen zu Anfang Probleme bereiten.)

Erreicht uns zur jeweiligen Aufgabe ein Text, den wir klasse finden, drucken wir ihn (oder einen Auszug daraus) im nächsten Heft, zusammen mit einer kurzen Begründung von Diana Hillebrand, was genau diesen Text „veröffentlichenswert“ macht. Zum Mitlernen für alle! (Einsendeschluss diesmal ist der 20. August 2016.)

Für den Abdruck erhält die Autorin/der Autor eine signierte Gesamtedition von „Heute schon geschrieben?“. Wer sich am Ende der Reihe mit seiner Kurzgeschichte ins Kursfinale schreibt, gewinnt dazu: die kostenlose Teilnahme an einem Schreibkurs seiner Wahl bei Diana Hillebrand in der WortWerkstatt SCHREIBundWEISE in München, München, inklusive Verpflegung, exklusive Anreise und Unterkunft. (Der Gewinn ist nicht auszahlbar. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.)

Und nun geht’s los ...

Im Auge des Betrachters*

Sicher kennen Sie den Spruch: Das liegt im Auge des Betrachters. Gemeint ist damit, dass jeder Mensch seine ganz eigene Wahrnehmung der Welt hat. Dieser Satz lässt sich hervorragend auf das Schreiben übertragen. Denn auch die Figuren in ihren Rollen, mit ihrem Hintergrund haben ihre ganz eigene Betrachtungsweise. Darüber hinaus haben Sie als Autorin, als Autor es in Ihrer kreativen Hand, auf welche Weise und in welcher Intensität die LeserInnen die Handlung wahrnehmen. Sie entscheiden, ob es ein neutraler, distanzierter Blick ist oder ein Zoom, der den LeserInnen jedes Detail, jede emotionale Regung der Figur zeigt.

Und damit sind wir schon beim Thema des dritten (und vierten) Teils Ihres Schreibkurses: Es geht um die Perspektive, aus der heraus eine Geschichte erzählt wird. Es geht darum, ob der Leser einer personalen Erzählerin folgt und die Welt aus deren Perspektive betrachtet. Er kann aber auch einem Ich-Erzähler in all seinen Einschätzungen und Handlungen hautnah folgen und allein in dessen Gedanken eintauchen. Oder, doch das ist heute eher selten, die allwissende (auktoriale) Erzählperspektive einnehmen, bei der der Erzähler wie der liebe Gott über den Geschehnissen schwebt und in Zukunft und Vergangenheit blicken kann. Es geht also um zwei entscheidende Dinge: Wer, also welche Figur, erzählt die Geschichte, und wie erzählt diese Figur die Geschichte?

Im zweiten Teil dieses Kurses habe ich bereits dargestellt, wie wichtig die Figuren für eine Geschichte sind. Daran schließt sich fast automatisch die Frage nach der Erzählperspektive an. Denn es macht einen großen Unterschied, ob Sie ein Buch in der Ich-Perspektive, in der personalen Perspektive, der allwissenden (auktorialen) oder in der neutralen Perspektive schreiben. Natürlich kann niemand sagen, eine bestimmte Erzählperspektive ist immer richtig. Denn wie so oft: Es gibt hier nicht richtig oder falsch. Sie als Autorin, als Autor können ein Gefühl dafür entwickeln, welche Perspektive am besten zu Ihrer Geschichte passt. Die Erzählperspektive entscheidet unter anderem darüber, wie nah Sie Ihre LeserInnen herankommen lassen (wollen). Meist werden Sie sich instinktiv für eine Perspektive entscheiden. Vielleicht stellen Sie aber nach ein paar Seiten fest, dass irgendetwas nicht stimmt. Dann könnten Sie Ihre Erzählperspektive überdenken und gegebenenfalls wechseln. Ich probiere hin und wieder mehrere aus, bevor ich mich für eine entscheide.

Der Berg ruft

Für SchreibanfängerInnen scheinen die Erzählperspektiven manchmal wie unbezwingbare Berge, die sich vor ihnen auftürmen. Mit großem Respekt stehen sie davor, schauen in Richtung Gipfelkreuz und stellen sich die Frage: „Muss ich wirklich da hoch?“ Andere kehren den Perspektiv-Bergen den Rücken zu, ganz so, als wären sie nicht vorhanden.

Für jede Geschichte kann man frei entscheiden, welche Perspektive(n) man wählt. Man kann die Perspektiven auch mischen. AutorInnen können diese Berge beherrschen, die Angst davor verlieren, ja sogar Spaß beim Aufstieg haben!

Der bewusste Umgang mit den Perspektiven hat unmittelbare Auswirkungen auf die Geschichte: Spannung entsteht, die LeserInnen werden mal in den Text hineingesogen, mal bewusst auf Distanz gehalten. Schnallen Sie Ihre Steigeisen an: Wir wollen den Gipfel erklimmen!

Nehmen Sie die Berge ins Visier. Ihnen auszuweichen wäre ein großer Umweg. Wie Sie mit den Erzählperspektiven umgehen können, was diese im Text bewirken, darum geht es in dieser und der nächsten Folge. Außerdem lade ich Sie tatsächlich auf eine Bergtour ein. Dazu später mehr. Widmen wir uns zunächst der personalen Erzählperspektive.

Die personale Erzählperspektive

Hier stehen eine oder mehrere Figuren im Vordergrund. Die LeserInnen erleben Gefühle, Gedanken und Erinnerungen der handelnde(n) Figur(en). Der Blickwinkel, aus dem die Geschichte erzählt wird, entspricht dem der handelnden Figur(en) selbst. Deren Wahrnehmung wird zur Wahrnehmung der LeserInnen. Diese sehen, spüren und erleben die Dinge genauso wie die Figur(en). Man hat beim Lesen das Gefühl, in Kopf und Körper hineinzuschlüpfen. Allerdings ist es bei der personalen Erzählperspektive auch möglich, zwischen mehreren Figuren zu wechseln. Die Bezeichnung für diesen Figurenwechsel lautet personale Multiperspektive. Hier ein Beispiel dafür:

Jens wischte den Kuhmist an seiner Jeans ab und schielte zu Jutta. Er hätte nie gedacht, dass er sich vor einer Frau so ungeschickt benehmen könnte. Wo war seine Coolness geblieben, für die er bekannt war? Das Picknick verlief bisher jedenfalls ganz anders, als er sich das vorgestellt hatte. (Sicht von Jens)

Jutta nippte an ihrem Kaffee und musste an sich halten, um nicht laut loszuprusten. Jens hatte gerade volle Kanne mit der Hand in den Kuhfladen gegriffen. Von Romantik bis jetzt keine Spur, und Jutta fragte sich, ob das mit dem Picknick eine gute Idee gewesen war. Trotzdem hatte es sich gelohnt. Immerhin war es das erste Mal, dass Jens vor ihr rot geworden war. (Sicht von Jutta)

Jens spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Am liebsten wäre er aufgestanden, hätte den ganzen Krempel samt Decke zusammengerafft und wäre abgehauen. Oder noch besser: hätte Jutta einfach hier sitzen lassen. Er suchte nur noch nach einem Grund, endlich gehen zu können. Die glotzenden Kühe auf der Weide gaben ihm den Rest. Dämliche Kühe, genauso dämlich wie Jutta. (Sicht von Jens)

In dieser kleinen Szene bin ich von Jens zu Jutta gewechselt. Die LeserInnen kennen dadurch (anders als die Figuren selbst!) die Gedanken und Gefühle beider Figuren (personale Multiperspektive).

Das ist die Kraft der personalen Erzählperspektive. Der Leser wird unmittelbar ins Geschehen geworfen. Da gibt es keinen göttlichen, allwissenden Erzähler, der etwas erklärt oder wertet. Es wird der Leserin selbst überlassen, die Situation zu erfassen und einzuschätzen. In dieser Perspektive liegt viel Spannungspotenzial, weil der Leser nie mehr weiß als die Figuren selbst, aber möglicherweise die Gedanken mehrerer Figuren kennt. Damit hat er (oder sie) einen Informationsvorsprung gegenüber den handelnden Figuren. Den Blick in die Zukunft erlaubt diese Perspektive nicht. Denn weder Jutta noch Jens können hellsehen. Allenfalls können sie Vermutungen anstellen, was als Nächstes passiert.

Hier ein Beispiel: Jens atmete tief ein. Jutta sah aus, als würde sie gleich platzen. Wenn sie jetzt loslachte, dann würde er ihr so einen verdammten Kuhfladen ins Gesicht klatschen. (Sicht von Jens)

Jutta hielt die Luft an, die Hände krampfhaft um die Kaffeetasse

gelegt. Jens’ Augen flackerten wütend. Jede Wette, gleich würde er explodieren. (Sicht von Jutta)

Was die nächsten Minuten allerdings wirklich passieren wird, wissen Jens und Jutta natürlich nicht. Sie als Autorin, als Autor haben es in der Hand, wie die Geschichte weitergeht.

Und nun: Üben Sie, die personale Erzählperspektive sicher einzusetzen.

Schritt 1, Schreibübung: Szenen für personale Erzählsituationen*

Um Ihnen das Erproben der personalen Erzählperspektive ein wenig leichter zu machen, habe ich mehrere Ideen für Sie zusammengetragen. Nutzen Sie die nachfolgenden Anregungen, um einige Szenen, die Ihnen dazu in den Sinn kommen in der personalen Erzählhaltung zu schreiben. Schreiben Sie so lange, bis Sie sich richtig wohlfühlen in der personalen Erzählweise:

1. In einer Hotelbar trifft der verheiratete Martin auf die attraktive Russin Tanja. Fasziniert von ihr, lässt er – ohne darüber nachzudenken – seinen Ehering in seine Hemdtasche gleiten. Es folgt ein aufregender Abend.

2. Radiomoderator Sven erhält einen anonymen Anruf von einer Frau, die ihm erklärt, dass sie sich gleich das Leben nehmen will.

3. Die junge Autorin Alma begegnet dem bekannten Verleger Michael Kuga zufällig in einem Aufzug. Sie nutzt die Möglichkeit, ihm in zwei Minuten ihr Buchprojekt schmackhaft zu machen.

Schritt 2, Schreibübung zum Vertiefen: Zwei Figuren kommen selten allein*

Nun gehen wir noch einen Schritt weiter. Zu den Figuren in den Übungsbeispielen kommt eine weitere Figur hinzu und mischt sich ein. Bleiben Sie in Ihrer personalen Erzählhaltung. Fügen Sie eine Szene mit der dritten Figur hinzu. Nutzen Sie die personale Erzählweise, um in die Köpfe und Gedanken aller Beteiligten zu blicken:

Zu 1. Martins Ehefrau stürzt aufgebracht in die Hotelbar.

Zu 2. Auf der anderen Leitung des Radiosenders ruft die Tochter der anonymen Anruferin an.

Zu 3. In der zweiten Etage steigt eine weitere Frau in den Aufzug, die den Verleger Kuga sofort erkennt und ebenfalls ihr Buchmanuskript aus der Tasche zieht.

Zum Abschluss des Themas personale Erzählperspektive folgt nun der versprochene Aufstieg auf den Berg ...

 

Der Aufstieg beginnt*

(personale Erzählperspektive)

Lea sah die raue Felswand und hatte schon beim bloßen Anblick weiche Knie. Der kalte Stein schreckte sie ab, während die Augen von Tom zu leuchten schienen. Er nahm sie bei der Hand: „Find ich echt super, Lea, dass du mitgekommen bist.“

Lea gelang nur mit Mühe ein Lächeln. Sie fragte sich, warum sie noch vor einer Stunde so begeistert zugestimmt hatte, als Tom ihr vorschlug, eine kleine Klettertour zu machen. Fröhlich hatte sie die Kletterausrüstung zusammen mit ihm in den Kofferraum geladen. Jetzt glitt ihr Blick erneut nach oben. „Glaubst du wirklich, dass ich da hochkomme?“

Tom trat zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern. „Klar kommst du da hoch, weil ich dir helfe.“

Lea sah in Toms Augen, sah das helle Braun, sah die Sonnenflecken, sah Wärme und wusste, warum sie hier war. Immer noch mit Butter in den Knochen stieg sie in die Schlaufen des Klettergurtes, den Tom ihr hinhielt. Er würde sie mit seinem ganzen Körpereinsatz sichern. Keine schlechte Vorstellung, dachte Lea. Mit Tom durch ein Seil verbunden, trat sie an den Fels. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Sofort war er an ihrer Seite.

„Such dir erst mal einen sicheren Halt.“ Er wies auf zwei kantige Felsvorsprünge, die aus dem Stein ragten.

Lea begann sich mit aller Kraft nach oben zu ziehen, doch sie fand mit den Füßen keinen Halt und landete in Toms Armen.

Er lachte und zog sie wieder auf die Beine. „Los, versuch’s noch mal! Ich will mit dir heute mindestens noch auf den Vorsprung da.“

Lea sah das Plateau und wünschte sich, sie könnte fliegen.

Doch Tom ließ nicht locker, und Lea versuchte weiter, sich an dem rauen Stein festzuhalten. Immer wieder rutschte sie ab, riss sich die Handflächen auf [...]. Ihre Oberarme begannen zu zittern. [...]

Stück für Stück eroberte sie den kalten Fels, rutschte ab und landete zur Belohnung in Toms Armen. Nach mehreren Versuchen waren Leas Finger aufgeschürft und blutig. [...]

„Ich glaube, ich kann nicht mehr.“

„Komm, Lea, ein Mal geht es noch. Du schaffst das.“

Lea hatte das Gefühl, als hätte sein Blick eine hypnotische Wirkung. Waren es diese goldenen Punkte in seinen Augen? Sie sehen aus wie Sonnenflecken, dachte Lea und freute sich auf den nächsten Sturz, den nächsten Sonnenblick. Lea hatte das Gefühl, als würde sie einem inneren Befehl folgen. Mechanisch folgte sie Toms Anweisungen, achtete nicht auf ihre blutenden Hände, das taube Gefühl. Ihre Beine zitterten. Über Toms Gesicht glitt ein blitzendes Lächeln.

„Nur noch ein Mal, Lea“, sagte er. Seine Stimme hatte den rauen Klang der Felsen angenommen.

Wieder sammelte Lea ihre Kräfte. Ein letztes Mal, dachte sie. Das Plateau schien sich immer weiter von ihr zu entfernen. Mit zitternden Beinen schob sie sich den Fels hinauf, ihre Fingerspitzen streckten sich. Das Plateau! Gleich [...]. Ihre Finger krallten sich in den Fels [...]. Gleich war sie oben, sie ... Plötzlich traf sie etwas hart am Kopf. Lea wurde schwindelig, sie verlor das Gleichgewicht und fiel, fiel rasend schnell. Sie hörte sich schreien, bevor sie [...] auf den Rücken krachte. Ihr Blick suchte Tom.

Doch Tom rührte sich nicht. Mit verschränkten Armen, wie in Stein gemeißelt, stand er da, und ein Schatten glitt über sein Gesicht. Es war, als hätte er eine Maske abgenommen. Dahinter verbarg sich ein böses Grinsen. Lea erschrak [...]. Aus den Sonnenflecken in Toms Augen waren glühende Pfeile geworden. Doch das Erkennen dauerte nur Sekunden, dann spürte sie einen ziehenden Schmerz [...]. Ich bin auf einen Stein gefallen, war das Letzte, was sie dachte, bevor es schwarz wurde.

(Sicht von Lea)

Tom zerrte Lea das Kletterseil samt Gurt vom Körper und packte es ohne Hast in den Kofferraum. Dann startete er den Wagen und fuhr davon. Diese Frau würde ihm so schnell nicht mehr in die Quere kommen ... (Sicht von Tom)

Zunächst erleben wir eine fast romantische Atmosphäre. Wir vertrauen Leas Einschätzung und ihrem Glücksgefühl. Irgendwann kippt die Stimmung: wenn spürbar wird, dass Tom übertreibt und Lea ihm fast willenlos folgt.

Dadurch, dass wir zunächst nur Leas Gedanken und Gefühle kennen, sich aber Toms Verhalten offensichtlich ändert, baut sich kontinuierlich Spannung auf. Dann folgt der Sturz. Wir sehen Tom durch Leas Augen und begreifen mit ihr, dass er den Stein geworfen haben muss. Die Geschichte hat eine unerwartete Wendung genommen. Am Ende folgt ein Wechsel in die Perspektive von Tom, der mit dem Satz „Diese Frau würde ihm ...“ seinen wahren Charakter offenbart.

Schritt 3: Ihre Szene (Aufgabe zum Einsenden)

Sie haben mithilfe der Übungen ein Gefühl für die personale Erzählperspektive entwickelt? Sie wissen, wer die Hauptfigur in Ihrer Kurzgeschichte sein soll?* Dann überlegen Sie sich nun einen Kampf, den diese Figur ausfechten muss; egal, ob mit sich selbst, den Umständen oder einem anderen Gegenspieler. Öffnen Sie anschließend Ihr Normseiten-Dokument, speichern es unter dem Namen „Szene_personal“ und fragen Sie sich, welche Informationen die LeserInnen brauchen, damit ihnen Szene und Figur unter die Haut krabbeln, sie im besten Wortsinn „bewegen“.

Schreiben Sie los! Schreiben Sie eine Kampf-Szene in der personalen Erzählform, die mit Leerzeichen maximal 1.300 Zeichen umfasst. Und wenn Sie mögen, senden Sie uns das Ergebnis Ihrer Arbeit. An: [email protected], Betreff: „Heute schon geschrieben, Teil 3“.

 

* Falls Sie es noch nicht wissen, dürfen Sie gerne eine der Figurenkonstellationen aus den Beispielen verwenden.

 

Autorin: Diana Hillebrand | www.diana-hillebrand.de
In: Federwelt, Heft 119, August 2016
* Adaption aus Heute schon geschrieben?, Band 1

 

Eine lebendige Ein-Absatz-Charakterisierung schreiben, darum ging es bei der letzten Schreibaufgabe. Die signierte Gesamtedition von Heute schon geschrieben? hat Daniel Bleckmann gewonnen.

Teddeus Nachtkrumm war ein guter Polizist. Bis die Sache mit dem Taschendieb seine Karriere von heute auf morgen ins Wanken brachte und [...] beendete. Familie hat er keine mehr: Sein Sohn hat sich ins Ausland abgesetzt, die Schwiegertochter meidet ihn wie Schmutz das Lotosblatt, und sein einziger Enkel - nun, das ist kompliziert. Mittlerweile lebt der 68-Jährige von seinem Job als Nachtwächter im Naturkundemuseum. Zwischen den ausgestopften Tieren fühlt sich der untersetzte, glatzköpfige Mann nicht wohl, aber die Bezahlung reicht und nachts findet er die nötige Ruhe, um seinem Hobby nachzugehen: Ted sammelt Taschenuhren und repariert sie. Zwar wird ihm dies aufgrund seines nachlassenden Augenlichts immer mühsamer, doch er weiß, dass er eines Tages die Uhr finden wird, in der sein Enkelsohn gefangen ist.

Warum hat es dieser Text ins Heft geschafft?

Diana Hillebrand: „Ein ehemaliger Polizist, der als Nachtwächter in einem Naturkundemuseum arbeitet, bietet viel Potenzial für eine Geschichte. Begeistert bin ich vom letzten Satz, in dem herauskommt, dass sein Enkelsohn in einer Taschenuhr gefangen ist! Und über allem schwebt die Gefahr, dass er erblindet, wie ein Damoklesschwert. Wird er es rechtzeitig schaffen, seinen Enkel zu befreien? – Das ist großartig! Diese kurze Charakterisierung bestätigt sehr anschaulich, dass in den Figuren, in ihrem Leben und ihrer Vergangenheit, bereits das Kernpotenzial einer Geschichte angelegt ist.“