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Gute Autorenfotos - Relevanz, Nutzen, Arten

Federwelt
Oliver Wenzlaff
Fotokamera in den Händen eines Fotografen

Wofür sie gebraucht werden, was es bei der Aufnahme zu beachten gilt und wie hoch ihr Nutzen ist – unser Autor Oliver Wenzlaff hat es für Sie herausgefunden.

Frankfurter Buchmesse. Eine Frau steht vor einem Foto, auf dem ein Autor für sein Buch wirbt. „Ich kannte den jungen Mann nicht, der einen da mit einem Blick ansieht, der fast schon privat ist. Da konntest du als Frau nicht anders, du musstest da hingucken. Ich bin glücklich verheiratet, ich darf das sagen.“
Die Frau ist Karin Schmidt-Friderichs, heute Vorsteherin vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Ihr Verlag heißt Hermann Schmidt und dort heißt es: „Das Produkt ist der Star. Wir nutzen nur ganz selten Autorenfotos. Wir verzichten sogar in der Vorschau darauf.“ Ein Ausnahmefall, denn ansonsten gilt: Autorenfotos tauchen überall auf, sie sind von großer Bedeutung. „Besonders für die Programmvorschau“, sagt Alina Jahrmarkt von Rowohlt. Sie organisiert die Fotoshootings dort. Weiter seien Fotos für die Buchhandlungen ein Muss, um neue Werke und Lesungen mit Plakaten oder Aufstellern zu bewerben. „Natürlich sind die Autorenfotos auch für die Presse sehr wichtig. Von den Redaktionen wird mittlerweile vorausgesetzt, dass wir Bildmaterial mitliefern.“ Außerdem werde das Autorenfoto oft für die Buchklappe verwendet. „Bei Sachbüchern kommt es sogar vor, dass wir es auf dem Cover abbilden.“

Foto für das Exposé
Auch bevor ein Verlag gefunden ist, sind Bilder im Einsatz. „Wir fragen für unsere Website immer Fotos an“, sagt Michaela Gröner, Mitinhaberin der Literaturagentur erzähl:perspektive. Etwa 80 Prozent der Bilder, die sie bekommt, sind Privataufnahmen. „Wir verwenden die Fotos auch für unsere Exposés. Es reicht, wenn der Verlag einen ersten groben optischen Eindruck von den Autoren bekommt.“ Die Stoffe seien natürlich wichtiger. Profifotos werden im frühen Stadium offensichtlich nicht erwartet.

Und abseits der Verlage?
Im Selfpublishing wird extrem auf die bildlastigen sozialen Netzwerke gesetzt. Das tun Verlage längst auch, doch ist die Öffentlichkeitsarbeit dort häufig breiter gefächert und schließt bildlose Kanäle wie das Radio mit ein. „Manche Autoren lassen auf ihren Social-Media-Kanälen auch darüber abstimmen, welches Foto auf die Buchklappe kommen soll“, sagt Claudia Toman. Sie ist selbst Autorin, aber auch freiberufliche Fotografin und Coverdesignerin.

Das Bild als Verkaufsargument
Die Idee, Aufmerksamkeit über Fotos zu generieren, ist nicht neu. „Lange vor Instagram und Facebook haben Autoren bereits gewusst: Wir sind zum Bildnis verdammt“, so Professor Matthias Bickenbach vom Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Köln. Er hat bereits von Baudelaire, der über 150 Jahre tot ist, folgenden Satz gefunden: „Das Portrait ist ein Verkaufsargument.“ Jener Baudelaire habe nach einem Gerichtsprozess gegen seine Blumen des Bösen die zweite Auflage mit einem Porträt erscheinen lassen wollen, um sein Image zu korrigieren – er galt als lüsterner Unmensch.

Wenig neue Regeln
Auch die Regeln des Fotografierens haben sich über die Jahre kaum verändert. „Baudelaire hat sich 1856 mit einem dunklen Anzug und einer Hand in der Tasche fotografieren lassen, lässig, als Dandy. Das wirkt immer noch modern“, so Bickenbach. Mehr noch: „Das Autorenfoto ist im Grunde genommen recht stereotyp.“ Man sehe einen Menschen, vielleicht ein Brustbild, aber eben vor allem das Gesicht als Pars pro Toto der ganzen Person.

Die Angst
Ziemlich verbreitet scheint dabei die Angst vor dem eigenen Foto: „Autoren berichten immer wieder davon. Sie erstarren zu Posen, sie entdecken Züge an sich, die sie nie zuvor wahrgenommen haben“, so Bickenbach. Sie fühlten sich festgenagelt an den Augenblick, der ihrer Person nicht entspricht, hätten Sorge, dass man sie mit ihrem Bild verwechselt.
Auch Claudia Toman beobachtet eine gewisse Angst: „Die meisten Autoren sind nicht geübt darin, sich selbst schön zu finden. Selfpublisher sind tendenziell etwas lockerer. Je jünger sie sind und je mehr sie sich in den sozialen Netzwerken bewegen, desto eher sind sie die Kamera gewohnt.“ Kennen also die eigene Schokoladenseite. „Aber auch hier gibt es viele Autoren, die sich nicht fotogen finden.“ Einige hätten schlechte Erfahrungen mit Fotostudios gemacht, seien in Posen gezwungen worden.

Die Kontrolle behalten?
Die Schweizer Autorin Julia Weber berichtet über schlechte Erfahrungen außerhalb von Studios: „Dass es Bilder gibt, die bei öffentlichen Anlässen von mir gemacht werden und die ich dann erst in der Zeitschrift oder wo auch immer sehe“, sagt sie, „das kann unangenehm sein.“ Gerade weil sie die Pressebilder nicht kontrollieren könne. Lediglich dadurch, wie sie sich vor der Kamera verhalte, könne sie hier ein Stück weit die Kontrolle behalten.

Auch nur Menschen
„Autoren werden auch nicht lieber oder weniger gern fotografiert als andere Menschen“, sagt Heike Bogenberger. Sie ist Fotografin und hat sich auf Autorinnen und Autoren spezialisiert. „Ich arbeite am liebsten und beinahe ausschließlich analog. Meist reduziere ich mich auf 72 Bilder, das entspricht zwei Filmen, einer in Farbe und einer in Schwarzweiß.“ Momentan umfasst ihr Archiv etwa 160 Literaten, darunter auch ein paar unveröffentlichte.

Wann ist ein Autorenfoto gut?
Für Bogenberger ist ein Bild gelungen, sofern es sie berührt. „Wenn es etwas auslöst in mir, wenn es sich nicht im einmaligen Betrachten erschöpft, sondern nachhallt, im besten Sinne zeitlos ist. Ich mag es, wenn der Mensch auf dem Bild mir nahekommt, etwa durch einen intensiven, unverstellten Blick oder einen intimen Moment der Selbstvergessenheit, einen Blick nach innen.“ Beim Fotografieren richte sie sich nach dem, was ihr gefalle und was in der Begegnung mit der jeweils anderen Person möglich sei.
Ein gutes Foto zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass es zum Zielmedium passt. Gabriele Schmidle, Prokuristin bei Literaturtest, einer Agentur für Buch-PR: „Geht es um den Webauftritt? Um Pressefotos? Um ein Foto, das im Buchumschlag abgedruckt wird? Oder um eine Bildstrecke für die sozialen Medien? Vielleicht übernimmt der Autor für einen Tag den Instagram-Kanal seines Verlags und braucht dafür gutes Bildmaterial? In welchem Kontext wird der Autor für welches Medium fotografiert?“ Ein Selfie vom Urlaub am Strand scheide in den meisten Fällen aus. Selfies seien generell schwierig.

Zwei Arten von Fotos
Olaf Fritsche, Autor und Hobbyfotograf, sagt, dass man immer zwei Arten von Bildern haben sollte: „Eins, wo wirklich nur das Gesicht drauf ist. Das eignet sich für die Buchrückseite. Und eins, wo der Hintergrund zum jeweiligen Buch passt.“ Damit könnten Lesungen beworben werden. „Ich habe beispielsweise ein unterhaltendes Sachbuch über Meeres-Mythen geschrieben und mich vor einem Schiff fotografiert.“ Dabei sei das Schiff im Hintergrund bewusst unscharf gehalten, damit es nicht zu sehr ablenke.

Die Effekte?
Zwischenfazit: Autorenfotos sind überall und können offensichtlich ein Verkaufsargument sein. Aber wie viel tragen sie tatsächlich zum Erfolg eines Werks oder eines Autors, einer Autorin bei?
„Ich kenne zwei Schauspieler, die sind tatsächlich der Autorin Judith Hermann auf ihrer Lesereise zu Sommerhaus, später zu vielen Lesungsorten in Deutschland hinterhergereist“, sagt Susanne Schleyer. Sie ist auf Autorenfotografie – unter anderem aus der gehobenen Belletristik – spezialisiert. Die beiden seien von dem Werk der Autorin so begeistert gewesen, aber erst endgültig durch das Foto zu wahren Fans geworden. „Die Autorin als Popstar, bei der man sich auch zehn Lesungen an zehn verschiedenen Orten anhört ...“
Schleyer, die über 1.200 Schriftsteller*innen fotografiert hat, berichtet außerdem von Fällen, bei denen Fans Autorenfotos von ihr in Leinwandgröße bestellten und sich ins Büro hängten. „Eine schöne permanente Gratis-Werbung.“ Fotos könnten sogar ein Zünglein an der Waage sein: „Nehmen wir an, ich habe zwei Bücher zur Auswahl, die inhaltlich beide gut sind, und ich kenne die Autoren noch nicht. Wenn dann jeweils ein Foto auf dem Buchrücken oder sogar auf dem Cover ist, würde ich mich für das Buch entscheiden, auf dem der Autor, die Autorin sympathischer wirkt.“
Allerdings gebe es Grenzen. Eine große Zeitung habe zum Beispiel lieber von einer anderen Autorin Fotos haben wollen, „da ihnen die Erstangefragte nicht hübsch genug war. Da ging es nicht mehr um Inhalte.“ Schleyer hat den Tausch abgelehnt. „Das ist entwürdigend.“ Bei männlichen Autoren sei ihr das in 30 Jahren Berufstätigkeit noch nie untergekommen.

Nur fürs Aussehen gebucht?
Ich frage auf der Autorenseite nach. Julia Weber: „Ich hatte zum Glück bis jetzt nie das Gefühl, dass ich wegen meines Aussehens irgendwo eingeladen wurde oder eben auch nicht.“ Harald Martenstein, Autor und Kolumnist, sagt ebenfalls: „Ich glaube nicht, dass Autoren für irgendetwas gebucht werden, nur weil sie gut aussehen. Es kommt hauptsächlich auf die Texte an. Das heißt aber nicht, dass man keine Arbeit und keine Gedanken in die fotografische Inszenierung investiert.“
Martenstein schreibt zwei Kolumnen. Eine davon im Berliner Tagesspiegel, wodurch er die Macht der Bebilderung wahrscheinlich häufiger spürt als andere: „Da wird jedes Mal eine stilisierte Zeichnung meines Gesichts gezeigt. Ich habe dem damals zugestimmt, weil ich gehofft hatte, dann auf der Straße nicht erkannt zu werden. Aber die Zeichnung ist realistisch genug, dass meine Hoffnung enttäuscht wurde.“

Wie steht es um die Veranstalter?
Wirkt hier ebenfalls die Macht der Bebilderung? „Ja“, sagt Mica Bara. Sie ist Schauspielerin, studiert Kriminologie, Kriminalistik und Polizeiwissenschaft. Als Autorin veröffentlicht sie regelmäßig Kurztexte auf Sweek, einer Selfpublishing-Plattform. Ihr erster Sammelband ist 2019 bei Wreaders erschienen, einem unabhängigen Kleinverlag, der über BoD veröffentlicht. Sie meint, Veranstalter buchen lieber jemanden für eine Lesung, wenn sie schon vom Foto her denken, dass derjenige gut ist. „Auch wenn das natürlich falsch ist. Ich persönlich habe aber mit Fotos solche Erfahrungen nicht gemacht.“

Andere Erfahrungen?
„Ich habe einmal einen Wettbewerb gewonnen“, erzählt sie. „Meine Geschichte handelte von einem Coming-out einer homosexuellen jungen Frau. Der Text wurde mit einem Foto von mir abgedruckt, auf dem ich eher jugendlich und zerbrechlich wirke.“ Und einige Leser*innen hätten in dem Text, wahrscheinlich auch aufgrund des Fotos, eine autobiografische Geschichte gesehen. „Dabei hat der Wettbewerb das Motto vorgeben, nicht mein Leben, der Text ist fiktiv. Für mich war das jetzt keine extrem schlechte Erfahrung. Ich bin ein offener Mensch und liebe Diversität. Aber ich sehe eine Gefahr, dass man in Autorenfotos zu viel reininterpretiert.“

Sind Schauspieler*innen expressiver?
Gute Fotos bleiben dennoch wichtig. Bara hat dabei als schreibende Schauspielerin einen Vorteil: „Was uns vielleicht leichter fällt, sind die Posen. „Schauspieler versuchen nämlich, alles zufällig wirken zu lassen. Wer als Autor die Chance hat, mal einen Schauspielkurs zu machen, sollte das gerne tun. Autoren können sich in Figuren hineinversetzen, sonst könnten sie nicht schreiben. Oft reicht ein kleiner Schubser durch so einen Kurs, und sie können sich auch vor der Fotokamera so präsentieren, wie sie es im Kopf haben.“

Schwer zu messen
Insgesamt gilt laut Bickenbach: „Der konkrete Effekt, den das Bild auf den Erfolg hat, ist schwer zu messen.“ Es sei eine Beigabe zum Buch und zur Person, die ihre Funktion erfüllen kann, einen guten Eindruck zu machen und eine Art von Nähe zu schaffen. Aber letztlich bleibe das Foto ein Werbemittel. Die Chefredakteurin der Federwelt gibt zu: „Wenn es bei einem Interview-Angebot heißt ‚Der oder die hat ganz tolle Fotos, die ihr kostenfrei abdrucken könnt‘ und ich habe eine ähnlich interessante Person ohne Foto zur Auswahl bei knappem Heftplatz, entscheide ich mich für die mit dem Knallerfoto, das ich dann eventuell auch fürs Cover vorschlage.“
Manchmal bleibt die Wirkung gering, manchmal aber ist sie enorm und reicht sogar über den Literaturbetrieb hinaus: „Einer unserer Autoren hat einen Job als Model für Brillen bekommen“, so Karin Schmidt-Friderichs. Sie vermutet, dass seine Fotos der Auslöser waren. „Er hat diesen selbstbewussten, beinahe schon harten Blick, wo man denkt: So würde sich nicht jeder hinsetzen und in die Kamera gucken.“

„Kopf-Icons gehören, zumal online, dazu“
Marc Reichwein im Gespräch mit Oliver Wenzlaff

Marc Reichwein ist Redakteur im Feuilleton der Welt und Welt am Sonntag. Über mögliche Effekte von Autorenfotos hat er journalistische und literaturwissenschaftliche Texte verfasst.

Herr Reichwein, warum plädieren Sie dafür, das Thema Autorenfoto ernster zu nehmen?
Weil wir in einer Mediengesellschaft nach dem Iconic Turn leben. Alles, was kommuniziert wird, wird auch visuell kommuniziert. So wie das literarische Feld Buchumschläge erfinden musste, als der freie Buchmarkt entstand und Bücher sich auch über ihre Hülle verkaufen mussten, so hat das 20. Jahrhundert das Autorenfoto erfunden. Im 21. Jahrhundert regiert Facebook, wo die Gesichtsprostitution schon im Name steht. Auch im Journalismus vertraut niemand mehr auf die bloße Strahlkraft eines Artikelschreiber-Namens, Kopf-Icons gehören, zumal online, dazu.

Kennen Sie Fälle, wo ein Autorenfoto eine Karriere nachweislich beflügelt hat?
Die Germanistik hat eigene Abhandlungen zum Porträt von Judith Hermann geschrieben, das ihren Erzählungsband Sommerhaus, später begleitet und Anteil an der Success Story hat. Literaturwissenschaftlich wurde die Bedeutung dieser werkexternen und werkbegleitenden Verpackung von Literatur dann unter dem Begriff der Paratexte gefasst.
 
Zerstört ein schlechtes Autorenfoto die Chancen auf redaktionelle Berichterstattung?
Nein. Kein gelungenes Buch oder wichtiges Literaturthema wird an einem Foto scheitern. Aber ein tolles Porträt erhöht gerade dann die Chancen auf prominentere Platzierung – und Aufmerksamkeit beim Leser –, wenn das Thema ohnehin eher Kür als Pflicht ist. Online-Medien funktionieren visueller denn je.

Was passiert, wenn Sie bei der Welt unbrauchbares Fotomaterial bekommen?
Wenn die Verlage keine gescheiten Autorenfotos zur Hand haben, suchen wir selbst über Bildagenturen. Findet sich nichts, hilft ...

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Autorin: Oliver Wenzlaff | www.instragram.com/thewenzlaff
Weiterlesen in: Federwelt, Heft 142, Juni 2020
Blogbild: Angelo Pantazis auf Unsplash

 

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